Was bedeutet 'queer'?

Seit einigen Jahren geistert nun schon ein Begriff durch die überwiegend schwul-lesbische Welt, dessen Bedeutung in diesem ersten Blog-Eintrag näher beleuchtet werden soll: Die Rede ist vom Fremdwort 'queer', das sich etwa seit der ersten Hälfte des neuen Jahrtausends auch im deutschsprachigen Raum immer stärker durchzusetzen begann.

Ursprünglich bedeutete es soviel wie 'schräg' oder 'seltsam' und diente als abwertende Fremdbezeichnung der heteronormativen Mehrheitsgesellschaft für homo- und bisexuelle Menschen, wurde jedoch durch selbstbewusste Aneignung von Betroffenen positiv umgedeutet. Da der Begriff im englischsprachigen Raum - besonders in Großbritannien - noch heute als Schimpfwort Verwendung findet, lässt er dort wohl so manchen auf politische Korrektheit bedachten Menschen zusammenzucken. In Deutschland hingegen ist 'queer' aufgrund fehlender damit verbundener Stigmatisierungserfahrungen weitestgehend frei von einer negativen Konnotation. Der fehlende sprachgeschichtliche Hintergrund führt jedoch zu einiger Verwirrung. Kaum eine/r kann mit Bestimmtheit sagen, was der Begriff wirklich ausdrückt. So benutzen ihn hierzulande einerseits Menschen, die sich nicht eindeutig in den Kategorien lesbisch, schwul, bisexuell, trans* etc. wiederfinden. Sie sehen sich oftmals als jenseits jeder Norm und genießen die Freiheit, die ihnen 'queer' in der Selbstdefinition erlaubt.

Andererseits wird 'queer' zunehmend auch von überwiegend schwul-lesbischen Kreisen als Sammelbegriff für sexuelle und geschlechtliche Minderheiten verwendet, also für all jene, die entweder nicht heterosexuell, endosexuell oder cisgeschlechtlich sind. Die Strategie mag auch dem Umstand geschuldet sein, dass sich die Buchstabenblase namens LGBT (Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender) innerhalb weniger Jahre zu LGBTIAQ (Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender, Intersex, Asexual, Questioning) aufgebläht hat. Es kann wohl davon ausgegangen werden, dass in den nächsten Jahren noch weitere Minderheiten hinzukommen. Mit welchem dieser Buchstaben fühlen sich beispielsweise Ex-Gender, Pansexuelle, Girlfags und Guydykes repräsentiert? Natürlich könnte man argumentieren, im 'Q' für Questioning/Unbestimmt seien alle weiteren Gruppen bereits mit inbegriffen, doch wieso haben sie dann anders als die etablierten Personengruppen kein Anrecht auf einen eigenen Platz im Buchstabensalat?

Um all diesen Menschen zu signalisieren, dass sie - wenn sie sich selbst so definieren - als Teil einer Community ernst genommen, respektiert und wertgeschätzt werden, wurde der Begriff 'queer' kurzerhand auf alle sexuellen/geschlechtlichen Minderheiten übertragen, womit - zumindest theoretisch - Hierarchien abgebaut werden sollten. Durch diesen Prozess begannen jedoch auch altbewährte Identitäten unsichtbarer zu werden, was Verunsicherung und Aggression innerhalb etablierter Kreise hervorrief. Gerade Personengruppen, die seit Jahrzehnten für Sichtbarkeit kämpfen mussten bzw. es noch immer müssen, reagieren auf ein queeres Identitätskonstrukt oft mit Ablehnung. In ihren Augen führt die Bezeichnung 'queer' dazu, dass ihre - meist sehr gruppenspezifischen - Interessen im öffentlichen Diskurs nicht mehr klar artikuliert, und somit letztlich nicht mehr durchgesetzt werden können.

Hierzu ist folgendes zu sagen: Selbstverständlich ist eine 'queere Community' ausgesprochen heterogen und die Bedürfnisse und Interessen einzelner Gruppen gehen teilweise stark auseinander. Deshalb ist es nach wie vor wichtig, dass diese Gruppen weiterhin auch als lesbisch, schwul, trans* etc. in Erscheinung treten. Dies macht dort Sinn, wo es konkret um die Durchsetzung spezifischer rechtlicher oder gesellschaftlicher Ziele geht. Andererseits gibt es auch Bereiche, in denen eine Abgrenzung wenig sinnvoll ist, da es sich um Bereiche handelt, die den Interessen der meisten Gruppen entgegen kommen. Ein Beispiel wäre die Lockerung des rigiden Zwei-Geschlechter-Systems, in dem auch heute noch Grenzüberschreitungen und Abweichungen bei der sexuellen Orientierung, der Geschlechtsidentität oder der körperlich-phänotypischen Ausprägung teils subtil, teils offen bekämpft werden. Es geht also nicht darum, etablierte Identitäten abzuschaffen, sondern sich zusätzlich als Bestandteil einer übergeordneten Identität zu begreifen. Anders gesagt - bin ich kein Mensch, weil ich zugleich weiblich, männlich oder zwischengeschlechtlich bin? Meiner Ansicht nach schließt sich meine Identität als lesbische Frau/schwuler Mann und queerer Mensch in keiner Weise aus, sondern lässt sich gut miteinander verbinden.

Ich bin überzeugt davon, dass wir noch eine ganze Menge voneinander lernen können, wenn wir es wagen, den Blick über den Tellerrand unserer eigenen Gruppe zu werfen, und uns für die Vielfalt an Identitäten und Lebensentwürfen zu öffnen. Die Natur kennt mehr als männlich, weiblich, hetero- und cissexuell; sie ist herrlich bunt und chaotisch - queer. Es gibt so vieles, das noch entdeckt werden will. Ich jedenfalls bin viel zu neugierig, als dass ich mir die Reise durch diese queeren Welten entgehen lasse. Wer möchte mich dabei begleiten?

 

Text von Charlie


Nachtrag: Kann ein heterosexueller Mensch auch queer sein?

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Kommentare: 3
  • #1

    Tobias (Sonntag, 22 März 2015 20:44)

    Ein gut verständlicher und interessanter Text. Auch für Menschen, die bislang wenig von dem Thema wissen. Danke dafür!

    LG,
    Tobi

  • #2

    Robert (Freitag, 18 November 2016 12:35)

    Hallo! ICh habe mir gerade deinen Beitrag durchgelesen, ich bin schon sehr lange auf der suche nach meiner gsinnig, jetzt wollte ich dich fragen, bedeutet das, dass Menschen mit der Einstellung "queer" keinen Sex haben, bzw mir allen Sex haben? GRuß, Robert

  • #3

    Charlie (Freitag, 18 November 2016 13:23)

    @Robert
    Danke für deine Frage! Ich würde sagen, dass es viele Definitionen von 'queer' gibt und sie alle ihre Daseinsberechtigung haben. In meinen Augen heißt 'queer' weder, dass queere Menschen zwangsläufig keinen Sex haben, noch dass sie - zumindest theoretisch - mit allen Sex haben (können/wollen). Eher verstehe ich darunter das Bewusstsein, gängige Vorstellungen von Geschlecht und Sexualität zu hinterfragen und zu durchbrechen. Andererseits finde ich 'queer' aber auch einfach als Sammelbegriff für sämtliche nicht heteronormative Lebensweisen - also im Sinne von lesbisch, schwul, bi, trans(gender/sexuell), inter etc. - strategisch sinnvoll.

    Dafür, warum einige Menschen keinen Sex haben (können/wollen), gibt es sicherlich eine Vielzahl von Gründen. Manche davon identifizieren sich z.B. als 'asexuell', weil sie keine sexuelle Anziehung gegenüber anderen verspüren. Andere hingegen identifizieren sich eher als 'greysexuell', weil ihre sexuelle Anziehung anderen gegenüber nur sehr gering ist bzw. nur recht selten in bestimmten Situationen auftritt. Wenn sexuelle Anziehung fast nur im Falle einer starken emotionalen Verbindung gegenüber einem anderen Menschen vorhanden ist, wird auch von 'demisexuell' bzw. 'grey-asexuell' gesprochen.

    Wenn eine Person sich (theoretisch) hingegen von Menschen sämtlicher Geschlechter - also nicht nur Frau und Mann, sondern auch andere - sexuell und/oder emotional angezogen fühlen kann, passt vielleicht der Begriff pansexuell ganz gut. Menschen mit all diesen Selbstdefinitionen können sich zusätzlich auch noch als 'queer' verstehen, müssen dies meines Erachtens aber nicht zwangsläufig tun.

    Wichtig ist für mich dabei, dass die eigene Selbstdefinition eines Menschen immer vor der Fremddefinition steht. Ich darf also im Grunde keinen fremden Menschen ungefragt als 'queer' labeln, wenn ich nicht weiß, ob dieser Mensch sich selbst auch so bezeichnet. Das klingt jetzt vielleicht erst mal alles ziemlich verwirrend, doch je mehr man* sich umhört und informiert, desto stärker lichtet sich der queere Begriffs-Dschungel.

    Dir alles Gute weiterhin,
    Charlie

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