Einführung zum Thema Intersexualität

Dieser Eintrag beschäftigt sich mit einem Thema, das in queeren Diskursen oft nur am Rande angesprochen wird - Intersexualität. Um auch dem Laien/der Laiin das Thema etwas verständlicher zu machen, möchte ich im ersten Teil mit einer kurzen Einführung zum Thema beginnen, bevor ich mich in einem darauffolgenden Eintrag dem Thema aus queerer Perspektive widme. Was also genau bedeutet Intersexualität und welche Probleme sind damit verbunden?

Vorweg, es handelt sich hierbei nicht um eine sexuelle Orientierung. Auch hat Intersexualität erst einmal nichts mit Transsexualität zu tun, auch wenn beides - egal ob in queeren oder nicht-queeren Medien - leider noch viel zu oft in einen Topf geworfen wird. Während Transsexualität pauschal gesagt ein Nicht-Identifizieren mit dem zugewiesenen Geburtsgeschlecht beschreibt, handelt es sich bei Intersexualität um eine Vielzahl unterschiedlicher hormoneller, genetischer und anatomischer Abweichungen, die teilweise keine klare Einordnung in 'weiblich' oder 'männlich' zulassen. Mögliche Formen sind hier u.a. Hypospadie, Androgenresistenz, Turner-Syndrom, Klinefelter-Syndrom oder auch adrenogenitales Syndrom. Wie unschwer an den Bezeichnungen erkennbar ist, werden diese Formen der Zwischengeschlechtlichkeit in erster Linie als medizinisches Problem gesehen, das es zu lösen gilt. Abweichungen vom klaren Zweigeschlechtersystem werden leider auch heute noch als Belastung für das Umfeld betrachtet. Was sollen die Freunde und Verwandten denken, wenn sie nach der Geburt eines Kindes nach dessen Geschlecht fragen? Wie sollen die Betroffenen jemals ein 'normales Leben' führen können? Die Eltern werden oftmals von Ärzten durch fiktive Horrorszenarien unter Druck gesetzt, einer 'geschlechtsangleichenden' Operation' zuzustimmen. Häufig finden diese dann noch im Säuglings- und Kindesalter statt, so dass die Operierten keinerlei Mitspracherecht über die medizinischen Eingriffe am eigenen Körper haben. Es gibt zahlreiche Fälle, in denen Menschen über Jahre hinweg - teilweise bis ins Teenageralter - schmerzhafte und traumatisierende operative Eingriffen über sich ergehen lassen mussten. Nicht ohne Grund sprechen Betroffene hierbei von Genitalverstümmlungen. Haben wir schon einmal kritisch hinterfragt, wie es den Kindern ging, die nackt und mit schwarzem Balken über den Augen auf den Schwarz-Weiß-Fotos unserer Biologie-Bücher zu sehen waren?

Angesichts der erfahrenen Fremdbestimmung ist es kein Wunder, dass Betroffene das Gefühl haben, nicht sich selbst, sondern der Medizin zu gehören. Da sie zudem von ihren Eltern hinsichtlich ihrer eigenen Zwischengeschlechtlichkeit - oft aus falsch verstandener Rücksichtnahme - bewusst in Unkenntnis gelassen werden, kommt es nicht selten zu familiären Beziehungsstörungen. Intersexuelle spüren meist intuitiv, dass es trotz oder gerade wegen der Tabuisierung irgendein 'schreckliches Geheimnis' bzgl. ihres Körpers gibt, das unter keinen Umständen ans Licht kommen darf. Wie wenn nicht defizitär, können sich Menschen mit einem illegalem Körper auch fühlen? Sieht so die 'gesunde Entwicklung', das 'normale Leben' aus, das den Eltern und Betroffenen von behandelnden Ärzten versprochen worden ist? Wenn Intersexuelle dann irgendwann im Erwachsenenalter von der eigenen Zwischengeschlechtlichkeit erfahren, ist die Verjährungsfrist meist schon vorbei, so dass keine Möglichkeit besteht, die Operateure von damals rechtlich zu belangen.

Nachdem die deutsche Regierung das Leid Intersexueller trotz lautem Protest von Seiten der Betroffenengruppen über Jahrzehnte ignorierte, hätte sie am 27. Juni diesen Jahres nun endlich die Gelegenheit gehabt, unfreiwillige kosmetische Operationen an Intersexuellen gesetzlich verbieten zu lassen, und eine dringend notwendige historische Aufarbeitung des Themas in Angriff zu nehmen. Zwar konnte sich der deutsche Bundestag nach vier Legislaturperioden dazu durchringen, zumindest für ein Verbot von weiblicher Genitalbeschneidung zu stimmen, doch wurde dieselbe Entscheidung in Bezug auf Intersexuelle auf Bestreben von CDU/CSU und FDP bis auf weiteres vertagt, mit der Begründung man wolle sich erst einmal in Ruhe beraten, um für Betroffene die beste Lösung zu finden. An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass zwischengeschlechtliche Personen seit nun bald zwanzig Jahren auf die Missstände hinweisen, ohne dass sich in der Frage wirklich etwas tut. Wenn der Bundestag nach Jahrzehnten noch keine Lösung gefunden hat, scheint es mit dem Willen zur thematischen Auseinandersetzung nicht sonderlich weit her zu sein. Auch stellt sich die Frage, wer in diesem Fall als Betroffene/r gilt - die zwangsoperierten Intersexuellen, deren Eltern oder gar die Ärzte. Während letztere sich durch den Bundestagsbeschluss in ihrem grenzüberschreitenden Verhalten bestärkt fühlen können, bedeutet es für zwischengeschlechtliche Menschen einen Schlag in die Magengrube und eine Verkennung des erlittenen Unrechts. Die ohnehin schon überproportional hohe Selbstmordrate unter Intersexuellen wird so sicherlich nicht niedriger - im Gegenteil.

Ich bin der festen Überzeugung, dass es sich bei Intersexualität entgegen landläufiger Meinungen seitens Medizin und Gesellschaft nicht um eine Sexualdifferenzierungsstörung handelt, sondern um eigene Formen von Geschlechtlichkeit, die selbstverständlich gleichermaßen ihre Existenzberechtigung besitzen, und die sich mal mehr mal weniger dem Männlichen oder dem Weiblichen zuneigen. Die einzige wirkliche 'Differenzierungsstörung' sehe ich im Einordnungs- und Pathologisierungswahn von Medizinern - sozusagen in der Störung, jeden Menschen nach männlich und weiblich differenzieren zu müssen. Die Natur ist vielfältig, es gibt nun einmal mehr als Mann und Frau - ganz egal, wie sehr sich Ärzte und Teile der Gesellschaft auch bemühen, diese unsichtbar zu machen. Ich solidarisiere mich mit Intersexuellen, die ein gesetzliches Verbot von nicht medizinisch notwendigen Operationen fordern, da diese eindeutig gegen das Recht auf körperliche Unversehrtheit, und damit gegen das Grundgesetz verstoßen. Es wird Zeit, dass derartige Eingriffe als das benannt werden, was sie sind: Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

 

Text von Charlie

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