Demo 'Enough is Enough! Open Your Mouth!' Teil 2

Als ich am Kudamm/Ecke Bleibtreustraße ankam, sah ich schon von weitem eine bunte Schar bestehend aus Menschen sämtlicher Nationalitäten, Geschlechter, Altersgruppen oder Subszenen. An den Schildern, Spruchbändern und Bannern prangten Aussagen wie: 'Stop Homophobia', 'Putin my ass' oder 'Liebe ist ein Menschenrecht'.

Ähnlich wie bei den meisten queeren Demos, machte die Menge auch diesmal einen gleichermaßen kampfeslustigen wie friedlichen Eindruck. Ganz so als warte sie nur darauf, den angestauten Frust über die Gesetzgebung und die beschämende Zurückhaltung seitens großer Teile der deutschen Regierung und der olympischen Sportverbände in die Welt hinaus zu schreien; das Motto 'Open your Mouth!' schien regelrecht in der frühherbstlichen Luft zu liegen. Starten sollte der Marsch ursprünglich bereits um 12 Uhr, doch als demonstrationserfahrener Mensch, wunderte ich mich nicht, dass sich der Zug erst gegen 13:15 Uhr in Bewegung setzte. Vorher hielt der Bezirksbürgermeister von Charlottenburg-Wilmersdorf Reinhard Naumann (SPD) eine kurze Ansprache, in der er dazu aufrief, heute ein 'Signal gegen Diskriminierung und die russische Scheindemokratie' auszusenden, und spielte damit wohl auf die Aussagen seines Ex-Parteikollegen Gerhard Schröder an, welcher Russland vor einigen Jahren noch als 'lupenreine Demokratie' bezeichnet hatte. In seiner Rede forderte er die Demonstranten auf, sich aktiv einzumischen und Menschenrechte einzufordern.

Positiv überrascht war ich, als er die erschienenen Mitglieder deutscher Parteien daran erinnerte, dass diese Demo nicht parteipolitisch sei, und sie daher keine Fahnen ihrer Parteien hochhalten, sondern lieber die Regenbogenfahne schwenken sollten. Ich erinnerte mich zähneknirschend an die erste Demonstration zu dem Thema im Februar des vergegangenen Jahres, als der Verein der 'Liberalen Schwulen und Lesben' (LISL) - welcher sich als Vorfeldorganisation der FDP sieht - den Kampf für Menschenrechte als Plattform einer kostenlosen Parteiwerbung missbrauchte. Schon damals ärgerte ich mich eine derartige Taktlosigkeit, und hätte mir ein ähnlich deutliches Signal seitens der Organisatoren gewünscht. Umso erfreuter war ich natürlich über die klare Ansage Naumanns.

Der Demonstrationszug, aus dessen Lautsprecherwagen Lily Allens 'Fuck You' tönte, zog den Kudamm entlang vorbei an der Gedächtniskirche und dem Nollendorfplatz. Viele Passanten blieben stehen, runzelten die Stirn; andere wiederum winkten solidarisch mit kleinen Regenbogenfahnen. Der Himmel war mit Wolken verhangen und von Zeit zu Zeit wölbte ein heftiges Lüftchen - einem Segel gleich - das große Banner mit der Aufschrift 'Von Rasputin zum Hass-Putin'. Am U-Bhf. Bülowstraße bogen wir schließlich in die Potsdamer Straße ein. Obwohl ich an und für sich ein Freund längerer Spaziergänge bin, und auch vor Touren von fünfzehn Kilometern und mehr nicht zurückschrecke, muss ich gestehen, dass die langsame Art der Fortbewegung sowie das ständige Warten und Stehenbleiben mich doch ziemlich schlauchten. Hinzu kam, dass ich mich als Nichtraucher aufgrund des penetranten Qualms von Joints und Zigaretten ständig gezwungen sah, meine Position im Zug zu wechseln. Glaubte ich, endlich einen geeigneten Platz gefunden zu haben, wurde ich schnell eines Besseren belehrt: Entweder meinten übereifrige Demonstranten, mich ungefragt einglittern zu dürfen, pfiffen in Trommelfellnähe lautstark auf ihren Trillerpfeifen oder ich bekam im Wind flatternde meterlange Regenbogenfahnen um die Ohren geschlagen. Aber was nimmt man nicht alles in Kauf im Kampf um Menschenrechte.

Nach etwa drei Stunden des Marschierens erreichten wir schließlich das Brandenburger Tor. Hier drehten wir noch eine Extra-Runde vorbei am deutschen Bundestag durch die enge Häuserschlucht der Dorotheenstraße, in welcher ein ohrenbetäubendes Trillerpfeifenkonzert einsetzte, das wohl der Tatenlosigkeit der meisten deutschen Bundestagsabgeordneten galt. Dann bewegte sich der Zug durch die Wilhelmstraße auf die Russische Botschaft unter den Linden zu, dem Ziel der Demonstration. Aus Sorge vor Übergriffen, waren dort ca. vier Meter vor dem Gebäude von der Polizei bewachte Sicherheitsabsperrungen errichtet worden. Als beim Erreichen des Zielortes passenderweise leichter Nieselregen einsetzte, rief einer der Organisatoren Alfonso Pantisano die Demonstranten auf, weiter auszuharren, da 'nach dem Regen der Regenbogen herrsche'. Rückblickend hoffe ich, dass die Tatsache, dass es statt eines Regenbogens gegen Ende des Tag nur noch stärkeren Regen gegeben hat, kein schlechtes Vorzeichen ist. Vor dem Gebäude angekommen, schwenkten die Demonstranten ihre Regenbogenfahnen und riefen in lauten Sprechchören 'Stop Homophobia'.

Bald darauf begann die Abschlusskundgebung, bei der David Berger zuerst die gerade einmal sieben Organisatoren vorstellte, die die Demo in Eigenregie auf die Beine gestellt hatten. Hinterher trat die von der Größe der Demonstration sichtlich gerührte berliner Drag Queen Barbie Breakout auf die Bühne, deren schockierendes Video die Organisatoren erst zum Handeln inspiriert hatte. Ebenfalls zu Wort kam der amerikanische Journalist James Kirchick, welcher Ende August eingeladen worden war, im russischen Fernsehsender RT (ehemals Russia Today) live über den Fall Manning zu sprechen, und die Situation stattdessen nutzte, um die Zuschauer über die homosexuellenfeindliche Gesetzgebung Russland aufzuklären. Zwar bat Organisator Pantisano den in Berlin-Prenzlauer Berg lebenden Journalisten, seine Rede doch bitte auf deutsch zu halten, doch Kirchick schien wenig davon angetan und zog es vor, in seiner Muttersprache zu sprechen, was angesichts der schlechten Akustik dem Verstehen leider nicht gerade zuträglich war. Ihm folgte die ehemailge Sprecherin des russischen Aufklärungsprojekts 'Coming Out' Olga Letkova, die die zunehmende Gewalt gegen queere Menschen in Russland kritisierte und in diesem Zusammenhang die Kooperation zwischen Nationalisten, Orthodoxen und der Polizei nannte. Ihr schloss sich die deutsche Film- und Theaterschauspielerin Judy Winter an, die darauf hinwies, dass wir bei all der berechtigten Entrüstung über die russische Gesetzgebung nicht aus den Augen verlieren dürfen, dass es auch in Deutschland noch allerhand Diskriminierung gebe.

Im Anschluss trat der deutsche Politiker Markus Löning (FDP), der seit 2010 der Beauftragte für Menschenrechtspolitik und Humanitäre Hilfe ist, auf die Bühne und sprach sich - welch Wunder - gegen Unterdrückung und für Meinungsfreiheit aus. Obwohl positiv angemerkt werden muss, dass er als einziger der Bundesregierung bereit war, überhaupt auf der Demo zu sprechen, strotze seine Rede leider nur so vor Plattitüden und Beschönigungsversuchen, was die Demonstranten dazu veranlasste, auf seine Worte mit den Rufen 'Mach was!' und 'Lügen!' zu reagieren. Es ist wohl davon auszugehen, dass die Kritik eher der als untätig empfundenen Bundesregierung galt, als Löning direkt. Was mich stark irritierte war, dass Löning von den Reaktionen geradezu überrascht erschien. Ganz so, als könne er sich den Protest gar nicht erklären. Danach wandte sich der CSD-Organisator von St. Petersburg Yuri Gawrikow an die Demonstranten, und zog Parallellen der Verfolgung schwuler Männer durch den Paragraphen 175 in Deutschland und der aktuellen Gesetzgebung in Russland. Er betonte, dass er auch in Russland an einen politischen und gesellschaftlichen 'Wandel hin zur Vernunft' glaube, dies sich jedoch nur realisieren ließe, wenn alle Menschen gemeinsam daran arbeiteten. Zu guter Letzt trat der deutsche Sänger Ben Ivory auf die Bühne und besiegelte die Abschlusskundgebung mit seinem neuen Song 'The Righteous Ones'. Vorher stellte er noch einmal klar, dass kein Gesetz und keine Religion Liebe verbieten kann.

Mein Fazit zur Demo fällt überwiegend positiv aus. Ebenso wie viele der Redner, bin auch ich der Ansicht, dass die heutige Demonstration wohl kaum ein Umdenken in der russischen Regierung bewirken wird, doch setzt sie zumindest ein Zeichen für eine aktive Zivilbevölkerung, die ihrer Regierung genau auf die Finger schaut und durch ihr Handeln internationalen Druck ausübt. Die Angaben bzgl. der Teilnehmerzahlen schwanken zwischen 4000 und 6000. Meiner eigenen Einschätzung nach, belief sich die Zahl der Demonstranten auf weit über 5000 Personen. Letztendlich ist es jedoch gar nicht das Entscheidende, ob es nun 1000 Personen mehr oder weniger waren. Wichtig ist, dass wir gemeinsam ein sichtbares, lautes Signal gegen Homophobie ausgesendet haben, das von Politik, Sportverbänden und Medien nicht mehr ignoriert werden kann. Neben den vielen Privatpersonen fanden sich auch Personen des öffentlichen Lebens wie beispielsweise Filmemacher Rosa von Praunheim, 'Lindenstraße'-Schauspieler Georg Uecker, Comedian Thomas Herrmann, Schauspieler Frank Christian Marx, lokale Szenegrößen wie Zoe Delay, Chou Chou de Briquette oder Chantal, sowie Politiker wie Renate Künast (Grüne), Klaus Lederer (Linke), Stefan Evers (CDU) und der oben genannte Reinhard Naumann (SPD).

 

Text von Charlie

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Kommentare: 2
  • #1

    Robert Niedermeier (Donnerstag, 05 September 2013 12:25)

    Der politischen Aussage, dass man LGBTs nicht schlagen darf, folgt selbst der Papst oder ein Salafist wie Pierre Vogel. Dieser politikfreie Enough_is_Enough-Hype ist inhaltsleer und wird wie ein warmer Furz verpuffen. Währenddessen ergeht sich der prominente "Gay-Aktivist" Nikolai Alexeyev in antisemitischer Sudelsprache und schwadroniert ultranationalistische Parolen: https://twitter.com/n_alexeyev
    Es ist ein Armutszeugnis, das für so einen Hater die Regenbogenfahnen geschwungen werden. Aber das ist das Problem, wenn Leute, die keine Ahnung von den gesellschaftlichen Zusammenhängen zwischen Rassismus und Sexismus haben, lediglich flache, lauwarme Klientel-Interessen erbetteln. Homofeindlichkeit entsteht nicht im luftleeren Raum. Man kann nicht gegen Homofeindlichkeit agieren, ohne gleichzeitig soziale Probleme, Nationalismus, Rassismus, Antisemitismus und Sexismus zu bekämpfen. https://twitter.com/n_alexeyev

  • #2

    Charlie (Freitag, 06 September 2013 12:49)

    @ Robert Niedermeier
    Die Demostration 'Enough is Enough' steht nicht nur für die Aussage, dass man LGBTs 'nicht schlagen' darf, sondern dass ein selbstverständliches Ausleben des eigenen So-Seins Menschen möglicherweise in Lebensgefahr bringt. Die Aussage der Demo ist meiner Ansicht nach also alles andere als 'politikfrei'. Was hättest Du dir denn als Alternative vorgestellt? Welche Inhalte schlägst Du vor?
    Auch demonstrieren LGBTs nicht allein für Nikolai Alexeyev, welcher durchaus zu Recht in der Kritik steht. Doch sollen LGBTs im Ausland deshalb zur Menschenrechtsverletzung in Russland schweigen, weil jemand wie Alexeyev ebenfalls davon profitiert?
    Ich gebe dir recht, dass Homophobie meist mit Sexismus, Rassismus etc. Hand in Hand gehen, und die Forderung nach einem Einhalten der Menschenrechte für LGBT einerseits und eine nationalistische Haltung andererseits, sich diametral gegenüberstehen. Doch wenn man all diese Forderungen gleichzeitig in einer Demo vertritt ('gegen Homophobie', 'gegen Rassismus', 'gegen Sexismus' etc.), sind die konkreten Kritikpunkte der Demostranten für Außenstehende nicht mehr klar erkennbar. So lebenswert es ist, gegen all das vorzugehen, so sehr verwässert es die Kernaussage einer Demo. Es sollte Zeit und Raum geben, für all diese Aspekte zu demonstrieren aber eine inhaltsleere Phrasen-Suppe à la 'gegen alle -ismen' hilft leider wirklich niemandem. Daher finde ich das klar umrissene Motto und die Umsetzung von 'Enough is Enough' durchaus gelungen.

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