Vereinnahmung Intersexueller durch queere Menschen

Jede gesellschaftliche Gruppe - sei sie auch noch so klein - schafft sich interne Hierarchien; die queere Gemeinschaft macht hier leider keine Ausnahme: Sei es nun die weitverbreitete Tuntenfeindlichkeit in der schwulen Szene, die Trans*feindlichkeit in Teilen der lesbischen Szene, die allgemeine Ablehnung bisexueller Menschen unter Homosexuellen oder die Transvestitenfeindlichkeit unter Transsexuellen. Allen ist gemein, dass sie durch Abgrenzung gegenüber anderen Bevölkerungsgruppen als scheinbar monolithische Gemeinschaft in Erscheinung treten.

Dies ist meiner Meinung nach ein trauriger Bestandteil des menschlichen Wesens, wenngleich Abgrenzung - nicht Ausgrenzung (!) - im Zuge der Selbstverortung im Rahmen minderheitsspezifischer Identitätspolitik durchaus einen wichtigen Zweck erfüllt. Sie schafft Gemeinsamkeit, einen ideellen und physischen Raum, der einem Schutz und Geborgenheit in der gleichgesinnten Masse verspricht. Doch es ist nicht allein die Abgrenzung, durch die sich Gruppenidentität konstruiert. Ebenso verbreitet ist die Vereinnahmung bestimmter Bevölkerungsgruppen, welche in der Regel nur ein Zeil verfolgt: Nämlich der Instrumentalisierung zwecks Durchsetzung der eigenen Interessen. Auch hier ist die queere Gemeinschaft keine Ausnahme. Der Umgang mit Intersexuellen ist ein Musterbeispiel für eine solche Vereinnahmung. Im folgenden Eintrag möchte ich versuchen zu erklären, weshalb die Vereinnahmung von Intersexuellen im Gender- bzw. Queer-Diskurs so problematisch ist.

Angesichts der Marginalisierungs- und Diskriminierungserfahrungen als Bestandteil eines kollektiven queeren Bewusstseins ist es wenig erstaunlich, dass es bei vielen zu einem Überschuss an Identifikation hinsichtlich der Lebenssituation intersexueller Menschen kommt. Intersexuelle dienen hier also eher als Projektionsfläche eigener Ängste und Probleme, als dass sie in ihrer Eigenständigkeit wahrgenommen werden. Für viele queere Menschen sind 'Zwitter' eine Art gottgleiche Wesen, die scheinbar die Geschlechtergrenzen in ihrer menschlichen Existenz überwunden haben. Gerne werden sie in Diskussionen zur Unterstreichung der These von der Hinfälligkeit des Zweigeschlechtersystems herangezogen. Leider stößt die Akzeptanz von Menschen mit nicht eindeutigem Geschlecht außerhalb der Instrumentalisierung im Gender- und Queer-Diskurs schnell an ihre Grenzen; die aus Unwissenheit oder Ignoranz resultierende Ablehnung findet sich im alltäglichen Leben auch unter sich progressiv gebenden LGBT-Personen.

Dass auch intersexuelle Menschen die öffentlichen Diskurse verfolgen, und es bestehende Traumata weckt, wenn sie zwischen zwei Fronten - zum einen jene, die ihre Existenz als Verirrung oder Störung der natürlichen Entwicklung ansieht, zum anderen jene, die ihre 'Andersartigkeit' durch eine ungefragte Glorifizierung auf den Podest stellt - zerrieben werden, wird sich hier oft nicht ausreichend bewusst gemacht. Queere Menschen benutzen Intersexuelle also oft zur Untermauerung eigener Thesen und somit letztlich zur Rechtfertigung der eigenen Existenz.

Für die meisten Intersexuellen steht eine solche Vereinnahmung in direktem Zusammenhang mit massiver Fremdbestimmung (siehe den Eintrag Einführung zum Thema Intersexualität). Zuerst entscheiden Eltern und Ärzte - von denen nicht wenige selbst schwul oder lesbisch sind - über das Geschlecht, in dem das Kind gefälligst zu leben hat, so dass es niemals die Möglichkeit besitzt herauszufinden, wie sich ein Leben in einem intakten zwischengeschlechtlichen Körper überhaupt anfühlt. Schwule und Lesben mögen durchaus wissen, wie es ist, in einer Welt aufzuwachsen, die sie als defizitär wahrnimmt. Doch wissen sie in der Regel nicht, wie es sich damit lebt, wenn dieses vermeintliche Defizit mithilfe medizinischer Gewalt 'korrigiert' wurde. Ich möchte das erfahrene Leid von Schwulen und Lesben in keinster Weise kleinreden, doch es macht einen gewaltigen Unterschied, ob jemand das eigene Defizitärsein in Form traumatischer Zwangsoperationen regelrecht in den Körper hinein geschnitten bekommt oder nicht.

Eine erneute Fremdbestimmung erfährt ein intersexueller Mensch, wenn der eigene Körper - seiner Unversehrtheit beraubt - von LGBT-Aktivisten instrumentalisiert wird, ohne auf die tatsächlichen Bedürfnisse einzugehen. Mir kommt hier oft folgendes Bild in den Sinn: Eine Person hängt am Abgrund und droht abzustürzen, während zwei weitere Menschen - den Rücken zugewandt - darüber diskutieren, ob der in Not geratene das Recht besitzt, sich die Fingernägel rosa zu lackieren... Vielleicht möchte ein intersexueller Mensch trotz geschlechtlicher Uneindeutigkeit im männlichen oder weiblichen Geschlecht leben, und sich nicht als 'Zwitter' durch eine überwiegend verständnislose Welt schlagen? Vielleicht möchte er nicht als Kuriosität ins Scheinwerferlicht gezogen werden? Nicht, dass ich falsch verstanden werde, wenn es intersexuelle Personen gibt, die sich weder als Mann noch als Frau einordnen möchten, versuche ich sie in ihrer Geschlechtlichkeit zu unterstützen. Wenn sie sich als queer verorten, sind sie selbstverständlich jederzeit in der queeren Gemeinschaft willkommen. Doch ich halte es für verkehrt, daraus einen Zwang abzuleiten. Es macht den Eindruck, als ob andere queere Menschen Intersexuelle auch deshalb so stark exotisieren, um von ihrer eigenen Andersartigkeit abzulenken, ganz nach dem Motto: 'Wenn die Mehrheitsgesellschaft weiß, dass es Zwitter gibt, wirken wir vergleichsweise normal'.

Fakt ist, eine Vereinnahmung kommt einer Art Kolonialisierung gleich: Den Kolonialisierten wird die Mündigkeit abgesprochen, über sich und ihr Leben zu entscheiden. In 'Mündigkeit' steckt das Wort 'Mund', und eng damit verbunden ist die Stimme. Ein mündiger Mensch ist demnach ein Mensch, der eine Stimme besitzt, dessen Worte gehört werden. Und dies beginnt eben schon dabei, ihm zuzuhören und seine Bedürfnisse ernst zu nehmen, anstatt seine Stimme zu überhören, um ihn für die eigenen Interessen zu instrumentalisieren.

Statt also unbedacht Intersexuelle in Diskursen als Unterfütterung von Theorien zu missbrauchen, sollten sich progressive queere Menschen lieber ernsthaft mit der Lebenssituation und den Anliegen Betroffener beschäftigen. Im Zeitalter des Internets sollte dies kein allzu schweres Unterfangen darstellen; es existieren öffentliche Foren, Blogs und Videos, auf die alle Zugriff haben. Wer wirklich Interesse besitzt, kann sich mit ein bisschen Mühe und Geduld einen guten Einblick verschaffen, Vorurteile und Berührungsängste abbauen, sich für die Komplexität des Themas sensibilisieren und mit dem Wissen eines Tages vielleicht sogar dazu beitragen, dass diese Welt ein besserer Ort wird - nicht nur für Intersexuelle.

 

Text von Charlie

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