Queer - Diskurse und Fremdbilder

Ich möchte mich in diesem Eintrag der Frage widmen, auf welche Weise queere Menschen in den Medien diskursiviert werden, und welche Auswirkungen dies auf die Diskursivierung der eigenen Identität innerhalb queerer Räume hat. Da das Thema zugegebenermaßen ziemlich abstrakt klingt, werde ich versuchen, es mit Beispielen zu veranschaulichen.

Die Art und Weise, wie queere Menschen in den Medien diskursiviert werden, hängt von der jeweiligen Personengruppe ab. Dabei ist innerhalb einer heterosexuell dominierten Medienlandschaft logischerweise auch der Blickwinkel selbst heteronomativ, d.h. es wird selbstverständlich von einem endo- und cisgeschlechtlich heterosexuellen Publikum ausgegangen. Eine Mehrheit macht sich so ihre Gedanken über eine Minderheit. Unterm Strich lässt sich eine solche Diskursivierung mit den Schlagworten 'Stereotypisierung', 'Problematisierung', 'Exotisierung' und nicht selten immer noch 'Pathologisierung' zusammenfassen. Ob die Bilder im Rahmen dieser Diskursivierung tatsächlich realen Gegebenheiten entsprechen, spielt kaum eine Rolle, solange sie sich nur vermarkten lassen.

Dies ist weder eine Neuigkeit noch per se verwerflich. Problematisch wird es, wenn daraus handfeste Vorurteile entstehen, die bestimmten Personengruppen das Leben erschweren. Es sollte nicht vergessen werden, dass die Bilder, die tagaus tagein auf unser Bewusstsein einströmen, unser Verständnis von Realität nicht nur abbilden, sondern es gleichermaßen formen. Sie besitzen somit die Macht, Personengruppen sichtbar oder unsichtbar und dadurch im Endeffekt real oder eben irreal werden zu lassen. Dies macht sich besonders dann bemerkbar, wenn die diskursivierten Personengruppen im alltäglichen Leben - sei es in der Schule, der Universität, im Beruf, im Freundes- oder Familienkreis - nicht als solche erkennbar sind. Unter der Decke der Unsichtbarkeit wächst schnell Unwissenheit und damit einhergehend auch handfeste Vorurteile.

Ein gutes Beispiel wäre hier meines Erachtens die Diskursivierung von AIDS und HIV in den 1980er Jahren. Innerhalb der damaligen Diskurse wurde nicht allein Promiskuität problematisiert - wenn nicht sogar dämonisiert - sondern vor allem auch schwuler Sex, was das Bild schwuler Männer nicht nur in Deutschland maßgeblich geprägt hat. Bis heute ist die Assoziationskette 'schwul = promisk = AIDS = Tod' zu einem regelrechten 'homophoben Klassiker' geworden, dem sich viele Medien bei passender Gelegenheit auch heute noch gern bedienen, wenngleich auch subtiler als vor dreißig Jahren. Praktische Auswirkungen sind u.a. das bis heute geltende Blutspendeverbot für 'Männer die Sex mit Männern haben' - ungeachtet des konkreten Risikoverhaltens.

Angesichts solcher, das eigene Leben unmittelbar tangieren Effekte ist es nicht verwunderlich, dass wir auch innerhalb queerer Räume den Diskursen der heteronormativen Mehrheit einen großen Platz einräumen. Es scheint, als würden wir uns irgendwie verpflichtet fühlen, diese Zerrbilder - zumindest für unseresgleichen - gerade zu rücken. In queeren Internetportalen erlebe ich häufig, wie geradezu reflexartig auf vorurteilslastige Meinungen und öffentliche Äußerungen inhaltlich eingegangen wird. Doch macht dies wirklich immer Sinn?

Wir sollten uns hier nichts vormachen: Oftmals dienen queere Menschen - egal ob nun in konservativen oder progressiven Diskursen innerhalb der heteronormativen Mehrheitsgesellschaft - lediglich zur Unterfütterung des eigenen Weltbildes. Auch hierbei spielt es keine Rolle, ob die hübsch zurechtgelegten Bilder wirklich der Realität entsprechen, solange sie den gewünschten polarisierenden Effekt haben. Wenn es uns nicht gäbe, müsste man uns wohl erfinden...

Nicht, dass ich falsch verstanden werde: Ich kann durchaus nachvollziehen, dass es Sinn macht, auf die ein oder andere Äußerung inhaltlich einzugehen. Was mich hierbei aber irritiert, ist vor allem das Ausmaß der Rechtfertigungs- und Erklärungsversuche innerhalb queerer Räume. Ich halte es u.a. auch deshalb für problematisch, weil es uns letzten Endes davon abhält, uns in unserer queeren Identität als selbstverständlich begreifen zu können. Es stellt sich die Frage, ob eine permanente inhaltliche Auseinandersetzung mit den heteronormativ geprägten Fremdbildern nicht vielleicht eher dazu führt, dass wir diese schließlich internalisieren und infolgedessen ungewollt reprododuzieren. Wir bleiben so ohne es zu merken in einer Fremdperspektive gefangen, die uns als Minderheit objektualisiert, und uns ständig in die Defensive zwängt. Zudem fürchte ich, dass die ewige (Selbst)konfrontation mit diesen Fremdbildern uns davon abbringt, eigene Diskurse zu entwickeln.

So abgedroschen es auch klingen mag, aber ich bin der Ansicht, wir sollten uns allmählich von der heteronormativen Matrix mit ihren Bildern und Diskursen emanzipieren und lernen, uns endlich als eigenständiges Subjekt zu begreifen. Es ist an der Zeit, sich von mehrheitsgesellschaftlichen Maßstäben zu lösen, sich nicht mehr als deren Abziehbild zu verstehen, sondern als eine Personengruppe mit einer eigenständigen Kultur, eigenen Bedürfnissen, Diskursen und einer ganz eigenen Sicht auf die Welt.

 

Text von Charlie

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