Gedanken zum Coming Out Day

Passend zum 'Coming Out Day' am 11.10. möchte ich mich hier kritisch mit dem Thema Coming Out auseinandersetzen.

Die Strategie des Coming Out ist für eine weitgehend unsichtbare Minderheit wie die queere ein wichtiges Werkzeug im Kampf gegen Unsichtbarkeit und Vorurteile. Es kann als identitätsstiftendes Element während des Selbstfindungsprozesses eine entscheidende Rolle spielen, kann als eine Art Initiationsritus die Tür in eine Gemeinschaft Gleichgesinnter aufstoßen und eine gegenseitige Vernetzung - nicht zuletzt partnerschaftlicher Art - ermöglichen.

Das Coming Out wurde besonders im Zuge der neuen deutschen Schwulenbewegung ab den 1970er Jahren ein Instrument, sich vom bleiernen Joch der Tabuisierung und der damit verbundenen Stigmatisierung zu befreien und selbstbewusst und offen die eigene Sexualität zu leben. Das Coming Out bezeichnet also - anders als ein 'Outing' - einen mehr oder weniger selbst gewählten Schritt, wo hingegen letzterer Begriff ein unfreiwilliges Offenlegen durch Außenstehende beschreibt. Zwar werden heute in der Medienberichterstattung häufig beide Ausdrücke synonym verwendet, doch scheint es mir weiterhin angebracht, nach Möglichkeit eine klare Trennung vorzunehmen, da es sich um zwei unterschiedliche Sachverhalte handelt.

Ebenso wie mir im Umgang mit diesen aus dem Englischen stammenden Ausdrücken ein kritisches Reflektieren sinnvoll erscheint, tut es das auch beim deutschen Verb 'bekennen', das seltsamerweise immer noch viel zu oft im Zusammenhang mit dem Coming Out verwendet wird. Hinter dem Wort 'Bekenntnis' versteckt sich meines Erachtens auch das Wort 'Schuld' - jemand bekennt sich also zu einem Fehlverhalten. Ein Verbrecher kann sich zu einer kriminellen Tat bekennen, doch was hat das mit dem offenen Umgang mit gleichgeschlechtlichem Begehren zu tun? Spätestens seit Abschaffung des §175 ist Homosexualität in Deutschland per se nicht mehr mit Gesetzesbruch gleichzusetzen. Bei Verwendung des Wortes 'Bekenntnis' wirkt jedoch die Konnotation eines Schuldeingeständnisses noch nach - ungeachtet neuer gesellschaftlicher und rechtlicher Realitäten. Zudem ist weder Homo- noch Bisexualität, ebenso wenig wie Trans*- oder Intergeschlechtlichkeit eine bewusst gewählte Ideologie wie z.B. eine Religion, zu der man sich 'bekennen' kann. Stattdessen ist es schlicht und ergreifend ein selbstverständlicher, offener Umgang mit der eigenen Natur, nur dass dies als bewusstes 'Bekennen' interpretiert wird. Ich persönlich würde niemals auf die Idee kommen, mich als 'bekennenden Schwulen' - oder noch schlimmer als 'bekennenden Homosexuellen' - zu bezeichnen, sondern bestenfalls als 'offen schwul lebend'.

Ein weiterer Aspekt, der mir bei dem Thema Coming Out unter den Nägeln brennt, ist ein kritisches Hinterfragen der offiziellen Narrative - gerade innerhalb der queeren Gemeinschaft. Hier wird meist das Bild eines Prozesses gezeichnet, in dem eine Person die Schattenseiten des Coming Out durchläuft, um dann gestärkt als selbstbewusster queerer Mensch aus den Kämpfen hervorzugehen. Ich denke hier beispielsweise an die - keinesfalls überflüssige - Video-Kampagne 'It gets better' bzw. 'Es wird besser', in welcher meist erwachsene Menschen gleich welcher Orientierung oder Geschlechtsidentität Jugendlichen im Coming Out Mut zu machen versuchten, indem sie ihnen eine bessere Zukunft als offen schwul, lesbisch, bi, trans* etc. lebend in Aussicht stellten. Natürlich verstehe ich die positive Absicht hinter der Message und weiß, wie notwendig Empowerment während der Selbstfindungsphase ist, doch entsteht hier meines Erachtens ein völlig einseitiges Bild. Zum einen ist das Coming Out meist ein lebenslanger Prozess, der erstens nicht bei allen Menschen schon im Jugendalter beginnt, sondern teils auch erst im (späten) Erwachsenenalter, und zweitens nicht zwangsläufig ein Happy End zur Folge hat. Mir sind Fälle von Eltern bekannt, die ihre nicht mehrheitskonformen Kinder wie Abfall aus dem Haus warfen, von Mitschülern und Berufskollegen, die ihre geouteten Mitmenschen durch Mobbing in den Suizid trieben, von Personen, die im öffentlichen Raum verbal oder körperlich angegriffen wurden, aber auch von Menschen, die in queeren Räumen aufgrund anderer unerwünschter Attribute nie so etwas wie Akzeptanz erfuhren. Ein Coming Out ist - so ehrlich sollten wir schon sein - meistens kein gradliniger Prozess, der uns automatisch zu glücklicheren Menschen macht. Vielleicht ist es eher wie ein Sprung über einen Abgrund. Für manche ist der Abgrund tiefer, für anderer hingegen weniger tief; für manche endet die Herausforderung mit dem sicheren Landen auf der anderen Seite, für andere tun sich dort noch weitere Abgründe auf.

Ich halte es für angebracht, dass wir uns kritisch damit auseinandersetzen, ob die Sichtweise des 'Coming Out um jeden Preis' wirklich alle Menschen glücklicher macht. Klar bringt es gesamtgesellschaftlich viel, wenn queere Menschen selbstbewusst und offen leben, doch um eben diesen Umgang zu entwickeln, braucht es Zeit. Ich kenne Menschen, die sich bis ins hohe Alter nicht als schwul bzw. queer zu erkennen geben möchten, während andere trotz aller Widerstände bereits als Jugendliche ihre Identität offen ausleben. Jeder Mensch hat je nach Lebenssituation sein eigenes Tempo. Eine Narrative, die Menschen - gleich welchen Alters - subtil unter Druck setzt, indem sie ihnen suggeriert, dass ein zügiges Coming Out der einzige Weg zum Glücklichsein ist, ganz so als seien sie es der queeren Gemeinschaft irgendwie schuldig, lässt jede Menschlichkeit vermissen. Auch in meinem Leben gab es Phasen, in denen ich die 'Feigheit' ungeouteter Menschen anprangerte; auch ich war Teil einer solchen unerbittlichen Community, die ein kompromissloses Coming Out einforderte. Entweder hundertprozentige Aufopferung zugunsten der Community oder die Verdammung als 'illoyaler Kollaborateur einer heteronormativen Gesellschaft'. Inzwischen glaube ich, dazu gelernt zu haben, und habe meine Erwartungen sowohl an mich selbst als auch an meine Mitmenschen ein wenig heruntergeschraubt. Heute stelle ich den gesellschaftlichen Fortschritt nicht mehr über persönliche Schicksale. Natürlich wünsche ich mir nach wie vor, dass wir alle durch unser Coming Out zu mehr Sichtbarkeit und Akzeptanz beitragen, doch niemandem ist damit geholfen, wenn wir unter den Folgen eines schwierigen Coming Out zusammenbrechen.

Ich wünsche mir einen weniger unerbittlichen Umgang mit dem Coming Out, da ich davon überzeugt bin, dass gesellschaftlicher Fortschritt nur von Menschen bewirkt werden kann, die sich ihrer Identität auch wirklich sicher sind. Geben wir also allen die Zeit, die sie brauchen, um eine stabile Persönlichkeit zu entwickeln. Hören wir damit auf, im Namen der Community von Personen, deren Hintergrund wir nicht kennen, ein Coming Out um jeden Preis zu fordern, als besäßen wir ein Anrecht darauf. Seien wir bestärkend und unterstützend ohne dabei bewusst die möglicherweise weniger positiven Folgen zu verschweigen. Ich denke bei Berücksichtigung all dessen würde es vielen Menschen leichter fallen, sich als Teil einer queeren Gemeinschaft zu fühlen und ihre normabweichende Identität akzeptieren zu lernen - und zwar in einem Tempo, das sie nicht unter Druck setzt. Wenn uns das gelingen würde, hätten wir schon viel gewonnen.

 

Text von Charlie

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