Was haben Lesben eigentlich mit Schwulen zu tun?

In meiner „lesbischen Karriere“ habe ich viele verschiedene Gruppen von Menschen kennen lernen dürfen: Lesben, die einfach nur lesbisch sind, welche, die sehr auf ihre Sprache achten, aktiv kämpfen, diskutieren, sich mit Geschlechtern und Rollen auseinander setzen. Ich habe unendlich viel gelernt über Bilder in der Gesellschaft, (Rollen)Erwartungen, dem Sinn von _innen, ich konnte Andere treffen, die irgendwie anders sind, was ihr Geschlecht betrifft. Ich war genervt von den Extremen. Ich fand meinen Weg, all das auch sein zu können.

 

Nun habe ich mit Schwulen viel zu tun und lerne eine neue Welt kennen.

 

Immer wieder stoße ich darauf, dass schwule Männer sich dieser Geschlechts-Rollen-Patriarchat-Feministischen-Sprachsensibilitäts-Sachen nicht so bewusst zu sein scheinen.

Was heisst schwul sein? Gibt es Schwule und Tunten und dann reicht es mit der Auseinandersetzung mit dem Geschlecht?

Ich kann und will das nicht glauben!

Liebe schwule Männer, habt ihr wirklich noch weniger vom Feminismus mitbekommen als unsere Heterowelt, weil euch keine Frauen drauf gestoßen haben? Habt ihr euren Kampf gekämpft in den 80ern und seid jetzt satt und zufrieden? Das glaub ich nicht.

Reflektiert ihr? Da bin ich sicher.

Ich möchte mit offenen Augen durch die Welt gehen und auch eure Geschichten, Erfahrungen, eure Gefühle und eure eigenen Worte kennen lernen.

Können lesbische Frauen was von schwulen Männern lernen? Was unterscheidet Schwule von Heteros? Wie fühlt ihr euch in dem Geschlecht Mann in der Gesellschaft? Fallen Transmenschen automatisch in die Lesbenszenen, weil diese sich ihrer angenommen haben?

Heißt queer denn nicht auch schwul? Wo ist das Schwule in sämtlichen queeren Veranstaltungen oder das Lesbische? Irgendwie sind wir doch alle da drin und sitzen in einem Boot... wie geht das zusammen? Wollen wir das zusammen?

Wieso grenzen wir uns ab? Haben wir als Lesben etwa Stereotypen/Erwartungen/Vorurteile gegenüber Schwulen und/oder umgekehrt?

Was bringt es uns überhaupt, uns zusammen zu setzen?

Gehört die sexuelle Orientierung überhaupt in einen Sack mit der Geschlechtsidentität? Für mich ist sie untrennbar, weil beides zu mir gehört und ich die Geschlechterfragen bei vielen Lesben und auch Schwulen wiederfinde und darüber sprechen kann.

Oder ist das alles eine Frage der Generationen? Leute in meinem jugendlichen Alter (31) sind irgendwie offener, es sind alle Geschlechter vertreten. Allerdings finde ich die meist nur in Bars und habe dort keinen Grund sie anzusprechen oder mit ihnen zu diskutieren, zu sprechen, ihre Geschichte zu erfahren.

Haben noch mehr Menschen Interesse und Lust Geschichten zu hören, sich auszutauschen? Wer sind sie und wo treffen sie sich?

 

Text von Franziska

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Kommentare: 1
  • #1

    Charlie (Freitag, 15 November 2013 11:11)

    "Was heisst schwul sein? Gibt es Schwule und Tunten und dann reicht es mit der Auseinandersetzung mit dem Geschlecht?"

    Ich als schwuler bzw. queerer Mann habe mir schon tausend mal dieselben Fragen gestellt. Spreche ich das Thema unter schwulen Bekannten an, stoße ich entweder auf Verwunderung, Ignoranz oder sogar Aggression. Mein Eindruck ist der, dass schwule Männer sich heute einbilden, durch Anpassung an mehrheitsgesellschaftliche Ideale - zu denen auch das bewusste Verschließen vor bestimmten geschlechterspezifischen Fragen gehört - ein Stück vom Privilegienkuchen abzubekommen. Es gibt Menschen, die eine Verbürgerlichung der Schwulen ab Mitte der 1980er Jahre beobachten, die im Zuge der AIDS-Krise einsetzte, bzw. sich verstärkte. Ob das stimmt weiß ich nicht, aber auch ich sehe, dass archaische Männlichkeitsbilder wieder Einzug gehalten haben und sich heute von allem distanziert wird, das diesem Männlichkeitsbild nicht entspricht. Möglicherweise kann hier von einem 'Rollback' gesprochen werden. Wie ich finde, bietet der schwule Mainstream schon lange keine neuen Impulse mehr und schon gar keinen Raum für Selbstreflexion. Allein die Tatsache, dass ich mich auch deshalb als 'queer' verstehe, weil Fragen der eigenen (männlichen) Geschlechterrolle im schwulen Mainstream meiner Beobachtung nach mit einem regelrechten Bann belegt sind, spricht Bände. Wäre ein Hinterfragen innerhalb schwuler Räume möglich und/oder sogar Teil der schwulen Infrastruktur - wie es bei der lesbischen bzw. queer-feministischen der Fall ist - würde mir ein solcher Raum wohl ausreichen. Da dies bislang (noch?) nicht so ist, sehe ich die einzige Möglichkeit darin, explizit queere Räume zu suchen bzw. sie zu schaffen. Ich denke jedenfalls, das Thema ist wichtig und freue mich daher sehr über deinen Blog-Eintrag. Vielleicht stößt es eine längst überfällige Diskussion an...

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