Sich trauen zu träumen

Ich war schon immer recht starrsinnig. Wenn man mir als Kind sagte, etwas gehe nicht, kam meistens erstmal Widerspruch. Ein einfaches 'Nein' war völlig inakzeptabel, da musste schon noch eine gute Begründung kommen. Es war für meine Eltern oft sicher nicht einfach mit mir. Von Dingen, die ich mir in den Kopf gesetzt hatte und die mir Spaß machten, ließ ich mich partout nicht abbringen. Im Gegenteil, oft weckte gerade erst der Versuch, mich davon abzubringen, meinem Widerspruchsgeist. Ob es für Jungen untypisches Spielzeug wie Puppen oder etwas anderes war, ich begriff nicht, weshalb ich etwas anderes toll finden sollte, als meine Schwestern.

Irgendwann sahen meine Eltern ein, dass es zwecklos war, mir etwas auszureden. Natürlich bin ich heute – so meine ich zumindest – ein ganzes Stück kompromissbereiter geworden, ein Que(e)rkopf bin ich wohl trotzdem geblieben. Noch heute kann ich vieles, was allgemein als selbstverständlich angesehen wird, nicht einfach so hinnehmen, nur 'weil man das eben schon immer so gemacht hat'. So eine Begründung ist für mich nach wie vor nicht hinnehmbar. Und zwar deshalb, weil es eigentlich keine richtige Begründung ist. Denn im Wort Begründung steckt das Wort 'Grund', und etwas zu tun, 'weil man das eben schon immer so gemacht hat', ist einfach kein Grund, sondern eine Beleidigung für meine grauen Zellen.

Ich habe schon früh gelernt, die Welt mit anderen Augen zu sehen. Eine Welt, in der vieles optional ist, was für andere einfach gegeben ist. Vieles in dieser Welt muss nicht so sein, wie es gebetsmühlenartig von Menschen heruntergeleiert wird, die sich 'Realisten' nennen, in Wirklichkeit aber einfach nur fantasielose Pessimisten sind. Wer die Fähigkeit besitzt, anders zu denken, neue Wege zu erkunden, dem gehört die Welt. Das ich nicht falsch verstanden werde, ich kenne die Grenzen dessen, was ich leisten kann, und ich spreche hier nicht davon, tatsächlich die ganze Welt zu verändern. Das ist auch mir eine Spur zu groß und muss wohl noch ein Weilchen warten. Dennoch bin ich der festen Überzeugung, dass jede_r dazu beitragen kann, die Welt ein Stück erträglicher zu machen. Und davon profitieren nicht nur andere, sondern in erster Linie auch man selbst.

Ein Beispiel: Vor etwa zwei Jahren sprach ich mit einem Bekannten über die schwule Szene in Berlin und wir kamen zu der ernüchternden Erkenntnis, dass es jenseits der herkömmlichen Szene kaum Möglichkeiten des Kennenlernens gab. Und ich spreche hier weder von partnerschaftlichen noch von sexuellen Kontakten. In diesen Bereichen gibt und gab es meines Erachtens nach sowohl im realen Leben als auch im virtuellen Raum bereits eine Überfülle an Möglichkeiten. Wovon ich spreche ist, das Kennenlernen anderer Männer ohne dass es zwangsläufig auf partnerschaftliche oder sexuelle Zwecke abzielt. Zeit miteinander zu verbringen, ganz einfach weil man den selbstverständlichen Umgang unter Gleichgesinnten genießt und/oder weil man sich einfach als Mensch mag. Wir wunderten uns, dass es in einer Großstadt wie Berlin so wenig Möglichkeiten gibt, sich jenseits herkömmlicher Szenestrukturen kennenzulernen und Zeit miteinander zu verbringen.

Wie es typisch für mich ist, konnte ich mich mit diesem Zustand nicht abfinden. Die Tage vergingen und ich bemerkte gar nicht, wie eine Idee in mir reifte. Irgendwann wusste ich, was ich tun wollte: Eine schwule Freizeitgruppe, die allen Männern offenstand, die sich als schwul definierten. Ein Ort, an dem das Aussehen, das Alter, die Herkunft, der finanzielle und weltanschauliche Hintergrund keine Rolle spielen sollten. Sozusagen die Realisierung meiner persönlichen kleinen Utopie. Trotz – oder vielleicht gerade wegen - Unkenrufen, die mir die Idee mit den unterschiedlichsten 'Begründungen' auszureden versuchten, stürze ich mich in die Vorbereitungen. Ich wollte es mir und den Zweiflern beweisen. Einen Monat später stand die Gruppe und die ersten Interessenten meldeten sich. Heute, zwei Jahre später, sind wir eine recht stabile Runde von ca. dreizehn Mann, treffen uns mittwochs alle zwei Wochen und nicht selten auch mal dazwischen. Viele der Teilnehmer sind längst zu guten Freunden geworden und wir feiern Geburtstage und Feiertage zusammen. Und die Zweifler von damals fragen inzwischen, ob sie nicht auch mal dazustoßen können...

Was ich damit eigentlich einfach sagen möchte ist, sich nicht durch Pessimisten von einer Idee abbringen zu lassen. Natürlich heißt das nicht, jede konstruktive Kritik an der eigenen Idee von sich zu weisen, denn oft hilft es einem, noch ein wenig am Projekt zu feilen. Aber Sprüche wie 'Das kann nie etwas werden' können getrost überhört werden. Ich glaube – nicht zuletzt aufgrund eigener Erfahrungen – dass Utopien durchaus Gestalt annehmen können, wenn es mutige Menschen gibt, die sich trauen sie umzusetzen. Das Wichtigste scheint mir dabei, sich seine Fantasie zu bewahren, sich trauen zu träumen. Ich werde mir diese Fähigkeit von keinem Menschen auf dieser Erde nehmen lassen, dazu macht es mir einfach viel zu viel Spaß...

 

Text von Charlie

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Franziska (Montag, 09 Dezember 2013 10:09)

    Lieber Charlie, du sprichst mir aus dem Herzen und ich kann mich so damit identifizieren. Mein Papa hat mir mal gesagt, dass ich schon als Kind sehr schnell damit klar kam, wenn ich etwas anders gemacht habe oder anders als Andere war. Das ist eine beruhigende Nachricht und die gibt mir Kraft, die Dinge zu verändern, die reif dafür sind und die veränderbar sind. Ich mag Queerköpfe sehr gern und das Potential der darin liegenden Ideen. Träume und Utopien braucht die Welt und Menschen, die eine Veränderung in die Hand nehmen.

  • #2

    Charlie (Montag, 09 Dezember 2013 21:45)

    @Vielen Dank für deinen Kommentar.
    Ich denke auch, dass Menschen, die irgendwie anders bzw. queer sind, einen ganz eigenen Blick auf die Welt besitzen und es mit etwas Mut auch schaffen, sich – zumindest ein Stück weit - von einengenden Erwartungen zu befreien, weil sie anders als die meisten ihrer Altersgenossen schneller lernen mussten, ihre spezifischen Bedürfnisse ernstzunehmen und ggf. gegen Widerstand durchzusetzen. Das macht sie dann vielleicht auch etwas unabhängiger von bestehenden Strukturen und eröffnet andere Wege. Ich denke, man kann gar nicht oft genug betonen, dass queere Menschen ein enormes Potenzial besitzen, die Welt zu verändern. Wir dürfen nur nicht unsere Träume und Utopien vergessen bzw. uns einreden lassen, all das sei Spinnerei. Wer hätte vor zweihundert Jahren nicht von Spinnerei gesprochen, wenn er/sie davon gehört hätte, dass es eines Tages möglich sein würde, innerhalb von 16 Stunden mit dem Flugzeug ans andere Ende der Welt zu fliegen? Und doch ist es möglich geworden, weil es Menschen mit Träumen und Utopien gegeben hat.

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