Meine Meinung zu Thomas Hitzlspergers Coming Out

Endlich ist es geschehen – ein schwuler (Ex-)Profifußballer outet sich und die gesamte deutsche Medienlandschaft bricht in Begeisterungsstürme aus. Selbsternannte Experten sprechen von einem 'großen Schritt' und scheinen die Ansicht zu vertreten, dass das Coming Out von Thomas Hitzlsperger der gesellschaftlichen Anerkennung schwuler Männer in Deutschland einen massiven Vorschub leistet. So ist in der Siegessäule ein geradezu euphorischer Artikel vom Du&Ich-Chefredakteur Andreas Hergeth zu lesen, in der der Autor andere versteckt lebende schwule Profifußballer auffordert, mit ihrer Sexualität doch auch an die Öffentlichkeit zu gehen, denn 'nur so könnten wir Weltmeister werden'. Seine flappsige Äußerung, ein 'offen schwuler Fußballer habe nichts zu verlieren' zeugt von haarsträubender Naivität und erinnert an Schwulen-aktivistische Parolen der 70er Jahre.

Um es gleich vorweg zu sagen: Ich begrüße Hitzlspergers Coming Out und wünsche ihm für die Zukunft alles Gute. Auch bin ich anders als Hergeth der Ansicht, dass sein Eingeständnis durchaus mutig ist. Der deutsche Profi-Fußball ist für schwule Männer nach wie vor ein hartes Pflaster. Homophobie – offiziell zwar verbrämt – ist in großen Teilen der Fankultur nach wie vor allgegenwärtig. Sponsoren fürchten einen Imageverlust und ziehen sich zurück. Nun ist zwar zu recht anzumerken, dass Hitzlsperger seine Karriere als Profi-Sportler bereits beendet, und deshalb nichts mehr zu verlieren habe. Dennoch ist sein Coming Out ein mutiger Schritt. Wer sieht es gerne, wenn die eigene Sexualität medial ausgeschlachtet wird? Wer setzt sich mit seinem 'Bekenntnis' gerne offenen Anfeindungen aus? Wer lässt sich schon gerne von Interessengruppen für deren Zwecke vereinnahmen? Selbst, wenn seine Karriere als Profi-Fußballer zu Ende ist, steht er trotzdem noch in der Öffentlichkeit. Und allein aus diesem Grund ist es ein mutiger Schritt. Vielleicht hat er nicht mehr seinen Job zu verlieren, seine Würde und gesellschaftliche Anerkennung leider schon - auch noch im Jahr 2014.

Anders als dem Artikel von Andreas Hergeth, kann ich mich hingegen der Kritik des Siegessäule-Chefredakteurs Jan Noll durchaus anschließen. Hitzlsperger tut genau das, was ich bei dem meisten frisch geouteten Schwulen beobachte: Er bagatellisiert seine seelischen Verletzungen, indem er z.B. beschreibt, wie er bei Schwulenwitzen mitgelacht habe. Dass er diese tatsächlich lustig gefunden habe, wage ich ehrlich gesagt zu bezweifeln. Erstens weil sie ganz einfach nicht lustig, sondern einfallslos oder schlicht blöd sind, zweitens weil es wehtut, wenn andere sich – egal ob aus Unwissenheit oder Bösartigkeit - über ausgrenzende Witze auf deine Kosten als Gruppe definieren, aus der du selbst ausgeschlossen bist. Warum tut er also so, als sei die Homophobie in seinem Umfeld für ihn kein Problem gewesen?

Ich vermute, dass er sich zum einen nicht eingestehen will, dass solche Witze tatsächlich auch auf Menschen wie ihn abzielen. Die Realität anzuerkennen, nicht dazuzugehören, ist schmerzlich. Eine Identifizierung mit dem 'Täter' hilft einem, diese Realität besser zu verkraften. Zum anderen nimmt es den 'Täter' in Schutz, indem man sich sagen kann, man selbst war schließlich auch nicht besser. Es macht den Eindruck, Hitzlsperger habe einfach ein schlechtes Gewissen dabei, seinen 'Kumpels' durch ein Eingeständnis seines Verletztseins ans Bein zu pinkeln. Derartige Verteidigungsmechanismen sind symptomatisch für Menschen, die sich (noch) nicht ausreichend aus jenen Strukturen gelöst haben, die ihnen seelische Gewalt zugefügt haben. Unabhängig davon, ob es ihm eines Tages gelingen wird, sich von diesen Strukturen zu lösen, hat er – wie Herr Noll treffend bemerkt – die Chance verspielt, auf das homophobe Klima im Profi-Fußball hinzuweisen. Mit Beschönigung ist hier leider niemandem geholfen – außer Hitzlspergers Fassade des 'harten Kerls'.

Der zweite Aspekt, dem ich mich hier widmen möchte, ist die unreflektierte Euphorie hinsichtlich der Bedeutung des Coming Outs. Es stellt sich die Frage, was ein öffentliches 'Bekenntnis' tatsächlich für die gesellschaftliche Anerkennung bewirkt. Meine Ansicht mag desillusionierend klingen, doch ich halte die Auswirkungen auf die Gesellschaft als Ganze ehrlich gesagt für maßlos überschätzt. Das heißt nicht, dass es keinen individuellen Nutzen für die sich offenbarende Person erfüllt. Nicht mehr lügen zu müssen, ist zweifellos eine große Befreiung und spart langfristig betrachtet enorm viel Kraft. Doch was ist ein Coming Out vereinzelter, in der Öffentlichkeit stehender Personen wirklich in der Lage zu leisten? Bei einem geschätzten Anteil nicht-heterosexueller Menschen von unter 10%, und der gleichzeitigen Flut heteronormativ geprägter Bilder, die jedes kurze Aufblinken nicht-heterosexueller Lebensentwürfe überrollt, halte ich die Wirkung für ausgesprochen gering. Schön, dass wir alle Jubeljahre in der Medienlandschaft auch mal hören, dass es – zumindest rein theoretisch – auch schwule, lesbische, bisexuelle etc. Menschen gibt, die nicht der Ansicht sind, ihr 'Sexualität gehe doch niemanden etwas an', während umgekehrt die Sexualität heterosexueller Prominenter tagtäglich massenmediales Dauerthema ist – ohne problematisiert zu werden.

Wir sollten uns nichts vormachen, nicht-heterosexuelle Lebensentwürfe werden von Mainstream-Medien in der Regel nur dann aufgegriffen, wenn sie sich skandalisieren und problematisieren lassen. Das steigert einerseits die Auflagen, Einschaltquoten etc. und festigt andererseits die Machtpositionen derer, die den öffentlichen Diskurs bestimmen. Eine heterosexuelle Mehrheit diskutiert mal wieder über marginalisierte Personengruppen, kann sie für ihren Mut loben, kann sie bedauern und sich dabei politisch korrekt selbst geißeln oder auch einfach nur gut fühlen, dass bei einem selbst so etwas Intimes wie die Sexualität nicht zur öffentlichen Debatte gestellt wird.

Interessant ist hierbei auch die Frage, wieso wir dem Coming Out eines (Ex-)Profifußballers überhaupt so dermaßen viel Gewicht zumessen. Wenn wir Männlichkeit mit Profifußball gleichsetzen, und Schwulsein mit Unmännlichkeit, kann es folglich keine schwulen Profifußballer geben. Durch sein Coming Out hat Hitzlsperger bewiesen, dass diese Annahme falsch ist. Schwule Männer können also tatsächlich Profi-Fußballer sein – wer hätte das gedacht! Wem jedoch nützt diese 'Erkenntnis'? Mein Eindruck ist der, dass die heterosexuelle (besonders männliche) Mehrheit das Coming Out Hitzlspergers dazu instrumentalisiert, mehr Akzeptanz für schwule Männer einzufordern. Das ist an und für sich völlig ok, doch das ganze hat einen faden Beigeschmack: Die sogenannte Akzeptanz ist nämlich daran gebunden, dass der Geoutete möglichst 'männlich' ist; eben ein Mann wie wir anderen (Heteros) auch. Dass er daneben auch noch schwul ist, kann geflissentlich übersehen werden, solange er sich an männlich-heteronormative Geschlechterbilder hält. Und was ist männlicher, als Profi-Fußball? Bei all dem Streben nach gesellschaftlicher Anerkennung, wundert es mich reichlich wenig, dass auch ein großer Teil schwuler Männer sich das Coming Out Hitzlspergers zu Nutzen macht, um für mehr Akzeptanz zu werben. Im Grunde unterscheiden sie sich hierin nicht von ihren heterosexuellen Geschlechtsgenossen.

Doch kann eine 'Akzeptanz', die nur mithilfe männlich-heteronormativer Vorbilder erreicht werden kann, wirklich Akzeptanz genannt werden? Wieso werden gerade solche Personen wie Hitzlsperger gehypt und nicht Männer, die alternative Formen von Geschlechtlichkeit leben? Hilft es tatsächlich, das Stigma schwuler Männer zu bekämpfen, indem man sich einfach von den stigmatisierenden Merkmalen abgrenzt? Wäre es bei aller Schwierigkeit langfristig gesehen nicht effektiver, für eine Neubewertung der stigmatisierenden Attribute zu kämpfen?

Seien wir realistisch, wenn einer heterosexuellen Mehrheit tatsächlich daran gelegen wäre, das Stigma schwuler Männer als 'schwach und unmännlich' gesellschaftlich anzugehen, würde man nicht auf der anderen Seite permanent hyper-maskuline Geschlechtsperformanz glorifizieren und all jene offen oder subtil diskreditieren, die dies nicht tun. Es ist leicht, hohle Phrasen à la 'Smash Homophobia' zu dreschen. Wenn dem kein grundlegendes Umdenken folgt, ist es leider nichts weiter als heiße Luft. Daran ändert leider auch das Coming Out eines (Ex-)Profi-Fußballers nichts.

 

Text von Charlie

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Kommentare: 1
  • #1

    Franziska (Freitag, 10 Januar 2014 10:44)

    Wahre harte Worte! Ich finde gut dass du den hype auf den Boden holst. Ich glaube auch, dass wir noch viel Geduld brauchen mit unseren heteronormativen Bräuchen und Glaubenssätzen. Sie sind alt, sehr alt und tief verwurzelt. Wovon du hier sprichst ist für die Mehrheit der Bevölkerung schlichtweg nicht nachvollziehbar. Vorallem ist das wohl im Fußball so. Daher sehe ich es als Anfang, als Grundlage. Natürlich beweisen auch wieder unsere Medien, vorallem die, für die wir zu zahlen gezwungen werden und die sich auch noch als unabhängig und neutral und gut bezeichnen, ihre Unfähigkeit aufgeklärten Journalismus betreiben zu können.
    Es gibt noch viel zu tun: viel einmischen und viel Geduld haben.

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