Ausgebloggt? Von wegen!

Auf dem von mir sehr geschätzten Blog 'Samstag ist ein guter Tag', fand ich vor kurzem einen interessanten Artikel zur Frage, wieso immer mehr deutsche schwule Blogs lahmliegen. In diesem Zusammenhang wurde unter anderem 'Nollendorfblog' und 'Think outside your box' erwähnt. Es wurde hervorgehoben, dass das Schreiben teils viel Energie und Zeit verschlingt. Das Einzige, das man im besten Fall zurückbekommt, sind hohe Klickzahlen, die einem wiederum das Gefühl geben, nicht in die endlose Weite des world wide web hineinzuschreiben. 

Bloggen riecht nach Arbeit – unbezahlter Arbeit. Kein Wunder also, dass sich kaum noch schwuler Blogger-Nachwuchs findet. Diese Aussagen möchte ich als Grundlage für die Frage nehmen, weshalb ich blogge. Wieso habe ich überhaupt damit angefangen? Was erhoffe ich mir davon? Und wie denke ich über das Sterben (schwuler) Blogs?

Der Grund, weshalb ich mit dem Bloggen begonnen habe, ist ziemlich banal: Es macht mir ganz einfach Spaß. Natürlich frisst das Schreiben viel Energie und Zeit, doch es entspannt mich mehr, als es mich anstrengt. Zudem denke ich, dass ich zu einigen Diskussionen durchaus etwas beizutragen habe, erst recht wenn es sich um schwule/queere Themen handelt. Es gibt Tage, da lese oder höre ich etwas, und es lässt partout mich nicht mehr los. Manchmal ärgere ich mich auch über ignorante, böswillige oder auch einfach nur unreflektierte Kommentare, so dass ich mit meinem angestauten Frust einfach irgendwo hin muss. Besonders oft geschieht dies dann, wenn meine heterosexuellen Mitmenschen wieder einmal meinen, etwas über schwule Männer/queere Menschen äußern zu müssen ohne auch nur einen blassen Schimmer vom Thema zu haben. Oder dann, wenn schwule Männer unreflektiert heterosexistische Phrasen nachplappern.

Bevor ich mich in solchen Situationen von einem 'Queergeist' zu einem 'Poltergeist' verwandle, kanalisiere ich lieber den Zorn und versuche, mit meinen Texten etwas Konstruktives daraus zu machen. Das Schreiben nimmt mir das Gefühl, ohnmächtig vor einer Wand aus Ignoranz, Hass und Dummheit zu stehen. Es holt mich aus der Sprachlosigkeit heraus, die solche Äußerungen in mir hervorrufen.

Ich versuche, tagtäglich meinen Horizont etwas zu erweitern und bin dankbar für die Fülle an Denkanstößen im Internet. Das Lesen diverser Blogs hat mich zu einem – wie ich meine – offeneren, reflektierteren Menschen gemacht, meine Sicht auf die Welt entscheidend mitgeprägt. Um es noch pathetischer auszudrücken, es hat mich ein Stück weit zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin. Vieles von dem, was ich heute über die Lebenssituation schwuler, lesbischer, bisexueller, trans* und intersexueller Menschen weiß, habe ich aus entsprechenden Blogs. Das Lesen hat mir dabei enorm geholfen, mich in meine Mitmenschen hineinzuversetzen, meine eigene Position als cisgeschlechtlicher (schwuler) Mann kritisch zu hinterfagen und nicht zuletzt Vorurteile und Berührungsängste abzubauen.

Die letzte Frage, der ich hier nachgehen möchte ist, wie ich über das Sterben schwuler Blogs denke. Natürlich bedauere ich es, wenn Blogs, die ich regelmäßig gelesen habe, eines Tages ihre Arbeit einstellen; wenn die Zeitabstände zwischen den Einträgen werden immer größer werden, bis schließlich gar nichts Neues mehr kommt. Kleine Schätze des world wide web, die auf dem Meeresgrund versinken und in Vergessenheit geraten. Es ist fraglich, ob sie irgendwann gehoben werden.

Andererseits unterliegt wohl jedes Blog gewissen Zyklen – völlig egal, an welche Leserschaft es sich richtet. Es entsteht, wächst, stagniert und stirbt. Ein solcher Kreislauf ließe sich vermutlich nur aufhalten, wenn sich mehrere Blogger_innen finden, die das Blog gemeinsam am Leben erhalten, und von Zeit zu Zeit wechseln. Ist dies nicht der Fall, kommt unweigerlich irgendwann der Punkt, an dem schlicht und ergreifend 'alles gesagt ist'. Ein Blog braucht langfristig betrachtet neue Impulse, lebt von verschiedenen Sichtweisen, die dem/der Leser_in ermöglichen, den eigenen Horizont zu erweitern. Ein breites Spektrum an unterschiedlichen Perspektiven, die teilweise auch konträre Ansichten vertreten und eine kritische Auseinandersetzung zulassen. Was also wäre hier eine Lösung?

Die Antwort liegt meines Erachtens auf der Hand: Nämlich eine Art Gemeinschafts-Blog, das 'Gelegenheitsbloggern' die Möglichkeit gibt sich auszudrücken, ohne unter dem Druck zu stehen, zwecks Aufmerksamkeitsgenerierung permanent neue Einträge produzieren zu müssen. Alle, die etwas zu einem Thema beizutragen haben, sollten die Gelegenheit bekommen, dies zu tun. Auf diese Weise spart man sich viel Zeit und Mühe, die für gewöhnlich in das Einrichten eines eigenen Blogs fließen. Auch kann man es sich leisten, nur dann einen Eintrag zu verfassen, wenn einem ein Thema wirklich am Herzen liegt – ohne Fürchten zu müssen, dass die twitter-geschädigte Leserschaft bei einer längeren Pause das Interesse verliert. Hinzu kommt, dass jede_r von der Aufmerksamkeit profitiert, die andere Schreiber_innen bereits generiert haben, so dass die Zahl der potenziellen Leser_innen stark zunehmen würde.

Mein Eindruck ist, dass es viele Menschen gibt, die zwar prinzipiell Interesse an einem solchen Gemeinschaftsprojekt haben, jedoch fürchten, dass das, was sie zu sagen haben, niemanden interessieren könnte. Andere wiederum meinen aus irgendeinem Grund, den hohen Ansprüchen nicht gewachsen zu sein. Ich kann dazu nur sagen, dass diese Sorgen in der Regel völlig aus der Luft gegriffen sind. Wenn eine_n ein Thema wirklich beschäftigt – egal wie banal es auch scheinen mag – dann ist es wichtig. Und in einem solchen Fall lohnt sich meist auch das Bloggen.

Sollte sich jemand beim Lesen dieses Eintrags also angesprochen fühlen, hier in diesem Blog einen Artikel verfassen zu wollen – und sei es auch nur in Form eines einmaligen Eintrags – so würde ich mich sehr freuen, wenn er/sie mir seinen/ihren Artikel zukommen lässt unter mail[at]queergeist.com. Die Bedingungen, die wir an Gastautoren und -autorinnen dieses Blogs stellen, finden sich hier. Vielleicht gelingt es diesem Blog ja, mithilfe wechselnder Schreiber_innen langfristig ein breites Spektrum an unterschiedlichen Sichtweisen abzubilden, neue Leser_innen zu gewinnen und so dem web-Tod für die nächsten Jahre zu entgehen...

 

Text von Charlie

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