Queering Spaces

Im Alltag sehe ich mich oft mit Situationen konfrontiert, in denen mir ungefragt Ideale, Normen oder ein sogenannter 'Common Sense' aufgedrückt werden. Dies geschieht in der Regel so subtil, dass kaum jemand merkt, wie dominant und aggressiv sie tatsächlich sind. Situationen, in denen ich über die Massenmedien halbnackte Frauen als 'den Traum ALLER Männer' angepriesen bekomme, in denen ich von Unbekannten selbstverständlich nach meiner FreundIN gefragt werde oder in denen stillschweigend vorausgesetzt wird, dass ich als Mann mich zwangsläufig mit einem gesellschaftlichen Ideal von Männlichkeit identifiziere.

Es sind auch Momente, in denen heterosexuellen Menschen selbstverständlich eine Öffentlichkeit in Bezug auf ihr Begehren, ihre Liebe, ihre Beziehung eingeräumt wird, die mir als schwulem Mann weitestgehend verwehrt bleibt. Nehme ich mir in einem heteronormativen Umfeld dieselbe Selbstverständlichkeit beim Ausleben meiner Identität heraus, löse ich bestenfalls Irritationen oder 'nur' Unbehagen, schlimmstenfalls Aggressionen aus. Die Art der Zurschaustellung von Zuneigung heterosexueller Paare im öffentlichen Raum wird dabei einfach als Ausdruck von Liebe gelesen, tue ich als schwuler Mann dasselbe, liest man es meist als Grenzüberschreitung und Provokation. Die Gewissheit, dass meine Bewegungsfreiheit als offen schwuler Mann trotz aller rechtlichen Verbesserungen noch immer eingeschränkt ist, frustriert mich, macht mich zornig oder schlicht traurig. Und nein, ich stehe nicht einfach darüber und tue das Ganze mit einem 'gesellschaftliche Akzeptanz braucht halt noch eine Weile' ab. Ich lebe jetzt, nicht erst in 'einer Weile'. Meine Lebensqualität wird hier und jetzt durch Heterosexismus und Homophobie beeinträchtigt, und es hilft mir herzlich wenig, wenn ich weiß, dass dies möglicherweise in einigen Jahrzehnten nicht mehr der Fall sein wird.

Obwohl es an der Situation an sich nicht viel ändert, hilft mir folgende Erklärung doch, sie besser zu verstehen. Meine Argumentation mag einigen vielleicht absurd, unvollständig oder auch weltverschwörerisch vorkommen, doch sie spiegelt meine persönliche Erfahrung wieder. Ich will nicht behaupten, dass sie mit den Erfahrungen anderer Menschen übereinstimmen muss. Sicher gibt es eine Vielzahl anderer Erklärungsansätze, die deshalb nicht weniger richtig sein können. Kein Mensch ist ein der Lage, darüber zu entscheiden, wie zutreffend einer dieser Erklärungsansätze tatsächlich ist. Ich möchte meine Argumentation daher eher als Denkanstoß und nicht als eine Behauptung universeller Tatsachen verstanden wissen.

Ich möchte mit folgender Erklärung beginnen: Unsere Welt ist eingeteilt in Räume, die entweder physisch oder ideell sein können. So kann es sich bei ersteren beispielsweise um geographische Räume also Staaten handeln, um Institutionen wie Schulen, Betriebe etc. oder auch um schlichte häusliche Begrenzung wie Wohnungen. Ideelle Räume sind hingegen Ideologien, Weltanschauungen, Sichtweisen, der sogenannte 'Common Sense' etc. Beide Arten von Raum scheinen mir teilweise eng miteinander verbunden zu sein. Nicht selten dient der ideelle Raum als Rechtfertigungsgrundlage für die Schaffung oder Bewahrung physischer Räume. Dies geschieht z.B. dann, wenn angeblich westliche Ideale von Freiheit und Demokratie für Angriffskriege instrumentalisiert werden, oder wenn religiöse Fanatiker den Entfaltungsraum sexueller und geschlechtlicher Minderheiten durch dubiose online-Petitionen versuchen, einzuschränken.

Bei letzterem Beispiel lässt sich ein weiteres Merkmal der engen Verbindung beider Räume besonders gut aufzeigen: Die Schule ist ein Ort, an dem Kindern/Jugendlichen idealerweise ein Verständnis von gegenseitigem Respekt und Akzeptanz vermittelt werden soll. Jedoch wissen die meisten Menschen – insbesondere Lesben, Schwule, Bisexuelle, Trans*- und Intergeschlechtliche – dass die Schule auch ein Ort von Ausgrenzung sein kann. Die Ausgrenzung des 'anderen' erfüllt den Zweck, den Zusammenhalt in der eigenen Gruppe zu stärken. Direkte Ausgrenzung in Form von verbalen oder physischen Angriffen sichert den heteronormativen Raum hier ebenso wie indirekte Ausgrenzung durch fehlende Inklusion – also durch das fehlende Mitdenken anderer Lebensrealitäten. Die Schule ist also nach wie vor ein Raum, der Heteronormativität unmarkiert voraussetzt. Unmarkiert heißt, dass Heteronormativität nicht explizit benannt, sondern stillschweigend als Standard vorausgesetzt wird.

Dieses 'Unmarkierte' ist dafür verantwortlich, dass Menschen, die nicht dem Standard entsprechen, meist gegen ihren Willen als 'anders' markiert werden. Wer nun argumentiert, dass 'Anderssein' ja nichts Schlimmes sei, verkennt meiner Meinung nach den Sinn und Zweck dieses Markierens. Es dient nämlich dazu, diese Menschen aus einem anders definierten Raum auszuschließen, in dem sie nun keine selbstverständliche Existenzberechtigung mehr besitzen. Es ist daher nicht nur eine wertneutrale Zuschreibung, sondern die subtile Schaffung von gewalttätigen gesellschaftlichen Ausschlüssen.

Um den Bogen wieder zurück zur anfängliche beschriebenen Situation zu spannen: Öffentliche Äußerungen, die halbnackte Frauen als den Traum ALLER Männer voraussetzen, Fragen nach der FreundIN oder die selbstverständliche Zurschaustellung heterosexueller Zuneigung ist Ausdruck einer aggressiv heteronormativen Raumeinnahme, die meine Lebensqualität nicht unmaßgeblich beeinträchtigt. Nicht anders geht es mir, wenn junge Menschen unreflektiert 'schwul' als Schimpfwort gebrauchen, wenn Fahrgäste über ein lesbisches Pärchen schimpfen, das nichts anderes tut, als tausende heterosexueller Paare auch. Wenn ich mich im öffentlichen Raum zensiere und darüber nachdenke, ob das selbstverständliche Erwähnen meines Partners von meinem Gegenüber vielleicht als grenzüberschreitend wahrgenommen wird. Die Ausblendung alternativer Lebensentwürfe in heteronormativen Räumen tut mir – egal ob bewusst oder unbewusst – Gewalt an; sie schafft Räume der Unsicherheit und Angst. Eine derartige Einschüchterungskultur ist letztlich ein ebenso effektives Instrument zur Bewahrung heteronormativer Räume, wie eine kriminalisierende Gesetzgebung.

Damit ich nicht falsch verstanden werde: Meine Kritik richtet sich nicht an heterosexuelle Menschen per se, auch wenn heteronormative Raumeinnahme oft mit Heterosexualität einhergeht. Dennoch begreife ich es in erster Linie als ein tief sitzendes strukturelles Problem, bei dessen Reproduktion auch ich selbst nicht unbeteiligt bin. Selbst, wenn ich Homosexualität weitestgehend mitdenke, sind meine Vorannahmen z.B. noch immer cis- und endosexistisch, was wiederum trans*- und intergeschlechtlichen Menschen Raum wegnimmt. Natürlich tue ich das nicht aus Böswilligkeit oder Ignoranz, sondern weil ich aufgrund fehlenden Wissens gar nicht einschätzen kann, was Cis- und Endosexismus eigentlich bedeutet. Ich gehe sehr stark davon aus, dass es vielen Heterosexuellen hier in Bezug auf Schwule und Lesben nicht anders geht.

Wie also lässt sich diese Diskrepanz in der Lebensrealität überbrücken? Um ehrlich zu sein, ich weiß es nicht. Aber es scheint mir sinnvoll, sich zuallererst zu artikulieren, zu lernen, die strukturelle Gewalt in Worte zu fassen, um sie irgendwann in den öffentlich Diskurs einzubringen. Vielleicht wird es wichtig sein, neue Begriffe zu finden, die das strukturelle Problem benennen können, und es einer verständnislosen Mehrheit einfach klarmachen können. Begriffe wie 'Heteronormativität' können meines Erachtens nur die Spitze des Eisberges abbilden, wenngleich sie auch weitreichender sind als Begriffe wie 'Homophobie' oder 'Schwulenfeindlichkeit'. Ferner halte ich es für wichtig, die heteronormativen Räume durch selbstverständlich queere Sichtbarkeit zu irritieren und zu erweitern. Das dies nicht ohne 'Revierkämpfe' geschehen wird, ist klar. Falls all das irgendwann in ferner Zukunft Selbstverständlichkeit geworden sein wird, werde ich wohl schon unter der Erde liegen, so dass es mir persönlich nichts mehr bringen mag. Aber immerhin kann ich mit Gewissheit sagen, dass ich mir - in meinem bescheidenen Rahmen - queere Räume zurückerobert habe. Diese Welt gehört schließlich auch uns und wir haben ein Recht darauf, uns frei und ohne Angst darin bewegen zu können. Hier und jetzt.

 

Text von Charlie

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Kommentare: 2
  • #1

    Laura Frontaliére (Mittwoch, 05 Februar 2014 23:58)

    Ein sehr schöner Artikel, der mir aus der Seele spricht.

  • #2

    Charlie (Donnerstag, 06 Februar 2014 02:45)

    Hallo Laura,
    vielen Dank für dein Feedback! Ich freue mich, wenn ich dich mit dem Artikel erreichen konnte.

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