Was sind wir uns wert?

Ob in unserem Alltag oder im Beruf, als queere Menschen machen wir oft die Erfahrung, dass unsere Fähigkeiten nicht mit den Anforderungen unserer Umwelt übereinstimmen. Je nach Alter oder Geschlecht werden unterschiedliche Erwartungen an uns herangetragen. Was bei einem Jungen beispielsweise als erstrebenswert angesehen wird, kann bei einem Mädchen zu Irritation oder Ablehnung führen. Gleiches gilt umgekehrt natürlich auch für atypisches Verhalten bei Jungen. Fakt ist, dass wir als Menschen - ganz egal welchen Geschlechts - gezwungen sind, uns an einem System zu beteiligen, das unsere Eigenart, unsere Persönlichkeit, unsere Queerness und all die damit verbundenen Potentiale häufig nicht ausreichend wertschätzt.

Stattdessen werden wir an Kriterien gemessen, die festlegen, welche unserer Eigenschaften nun wertvoll und welche wertlos sind. Dieser Gedanke hat mich dazu veranlasst, darüber nachzudenken, wie sich eine andere Wertschätzungskultur entwickeln lässt, und wie unser Geldsystem damit in Verbindung steht.

Zuerst einmal lässt sich sagen, dass wir als Menschen danach streben, unsere Bedürfnisse mit dem geringst möglichen Aufwand zu erfüllen. Hierbei bedienen wir uns Mitteln und Wegen, die unser Umfeld zur Verfügung stellt. Für das Dach über dem Kopf brauchen wir - zumindest in Deutschland - nicht mehr mit der Axt zum Bäumefällen in den Wald gehen, sondern schließen einen Mietvertrag ab. Unser Essen finden wir im Supermarkt, Jagen und Sammeln ist nicht mehr nötig. Krankheiten bedeuten nicht automatisch Siechtum oder Tod. Das Leben in einer sozialen Gemeinschaft hat ganz klar seine Vorteile.

Dennoch lassen sich auch die negativen Aspekte nicht ausblenden: Der Luxus eines abgesicherteren Lebens hat seinen Preis. So sind wir beispielsweise dazu angehalten, unsere Fähigkeiten, unsere Arbeitskraft und unser Wissen gegen Entlohnung anderen Menschen zur Verfügung zu stellen. Diese Entlohnung erfolgt in der Regel in Form von Geldbeträgen. Eine gemeinsame Währung dient hierbei als scheinbar objektives Bewertungsmittel. Die Arbeit, die ich leiste, lässt sich also klar in Zahlen erfassen und bildet somit eine einfache Vergleichsgröße. Dies mag in vielen Bereichen des Lebens durchaus seine Berechtigung haben, doch frage ich mich, ob die Bedingungen, welche Arbeit als wertvoll und welche als weniger wertvoll klassifizieren, tatsächlich objektiv sind. Wer legt fest, dass eine Kassiererin im Supermarkt weniger wertvolle Arbeit leistet als eine Managerin? Weil sie weniger Verantwortung trägt? Weil sie angeblich keine geistig anspruchsvolle Arbeit leistet? Ist körperlich anstrengende Arbeit wirklich weniger wert, als eine geistig anspruchsvolle?

Natürlich werde ich auf diese Fragen hier keine Antwort geben können, doch es zeigt meiner Meinung recht anschaulich, dass auch ein Geldsystem in all seiner zahlenmäßigen Präzision entgegen landläufiger Annahme eben nicht objektiv ist. Auch ist zu bedenken, dass je nach persönlichem Bedarf der Wert einer zur Verfügung gestellten Eigenschaft stark divergieren kann. Für einige Menschen ist die Fähigkeit, Zuhören zu können, Aufmuntern zu können, ins Gewissen reden zu können, schwierige Sachverhalte einfach erklären zu können, von unschätzbaren Wert. Für andere hingegen spielt all dies nur eine untergeordnete Rolle. An und für sich ist solch ein Bewertungsunterschied weder eine Neuigkeit, noch etwas Verwerfliches. Problematisch wird es aber dann, wenn ein scheinbar objektives Bewertungskriterium wie die geldliche Entlohnung eine normative Komponente bekommt. Das geschieht z.B. wenn die genannten Fähigkeiten als wertlos klassifiziert werden, weil sich ihr Effekt nicht in Geld messen lässt.

Die Frage, wie sich unsere Eigenschaften und Fähigkeiten geldlich messen und damit nutzen lassen, durchdringt dabei mehr und mehr Bereiche unseres Lebens, und beschränkt sich längst nicht mehr nur auf den Beruf. Unser gesamter Zweck scheint ausschließlich darin zu bestehen, die - alles andere als gerechte - Geldverteilung in unserem Wirtschaftssystem zu reproduzieren. Dabei stehen uns wenig Mittel zur Verfügung, sich davon unabhängig zu machen. Selbst wenn wir ein bescheidenes Leben führen, müssen wir weiterhin Miete oder Krankenversicherungsbeiträge zahlen. Ein Ausbrechen daraus scheint nahezu unmöglich. Im Gegenteil, verstärkt sich unsere Abhängigkeit dadurch, dass uns suggeriert wird, bestimmte Dinge seien unverzichtbarer Teil des modernen Lebens.

Doch stimmt das? Fast alle Industrien in einer übersättigten Gesellschaft wie der deutschen leben davon, dass permanent neue Bedürfnisse kreiert werden, um den Konsum und somit den Umsatz zu steigern. So verlockend das ständige Konsumieren auch sein mag, so sehr verstärkt es aber auch die Abhängigkeit vom Geldsystem. Wer aufgrund seiner gestiegenen Ansprüche einen teuren Lebensstil führt, ist wirtschaftlich gesehen extrem erpressbar. Da werden dann auch oft Wochenendarbeit, unbezahlte Überstunden, ein unmenschliches Arbeitsklima oder permanente Abrufbarkeit aus Angst vor Arbeitsplatzverlust und einem möglichen sozialen Abstieg als Bedingungen akzeptiert. Nicht selten führen solche Arbeitsbedingungen zu Erkrankungen bis hin zu Burn out. Doch ist ein kostspieliger Lebensstil mit viel Konsum das tatsächlich wert?

Die Abhängigkeit bzw. Erpressbarkeit ist natürlich nicht nur ein Problem von besserverdienenden Personen. Gerade im Niedriglohnbereich müssen viele Menschen derartige Bedingungen notgedrungen akzeptieren, um über die Runden zu kommen. Was ich damit nur veranschaulichen möchte ist, dass jene Konsumgüter, von dem wir meinen, sie seien unverzichtbarer Teil des Lebens, in Wirklichkeit von Industrien künstlich gepusht werden. Ob es sich hierbei - je nach Fall - um etwas Unverzichtbares handelt, bleibt jedem/jeder selbst überlassen. Ich behaupte mal einfach, dass ein Großteil davon eigentlich so überflüssig wie ein Kropf ist. Die Kernfrage ist wohl, auf was ich im Leben verzichten kann und mein Leben trotzdem noch als erfüllt betrachte. Komme ich hier und da möglicherweise mit weniger Geld aus? Lassen sich die Komponenten, die ich als unentbehrlich betrachte, wirklich nur über ein konventionelles Geldsystem beschaffen? Gerade die letzte Frage mag seltsam klingen, doch stelle ich sie ganz bewusst. Denn wer sagt eigentlich, dass ein Geldsystem hier die einzige Option ist? Ist es nicht eher ein unhinterfragtes Dogma?

Wie oben beschrieben, ist es so gut wie unmöglich, komplett aus dem Geldsystem auszubrechen. Jedoch gibt es Bereiche, die es meiner Ansicht nach erlauben würden, neue Wege zu gehen. Hierzu ein kleines Gedankenspiel: Angenommen wir würden in einer Welt leben, die sich von dem Glauben an den Alleinherrschaftsanspruch des Geldsystems verabschiedet hat. Dann würden wir es vielleicht als völlig natürlich ansehen, unseren Lebensunterhalt - oder zumindest einen Teil davon - über Tauschsysteme zu bestreiten. Das Loslösen von starren Bewertungsmitteln über eine festgelegte Geldsumme könnte bewirken, dass sich mehr und mehr individuelle, nicht-standardisierte Formen der Wertschätzung durchsetzen. Im konventionellen Geldsystem ist beispielsweise die Eigenschaft, zuhören zu können, praktisch wertlos. Ist eine Person aber genau darauf angewiesen, ist diese Eigenschaft sehr wohl wertvoll. In einer Tauschgesellschaft könnte jede_r selbst bestimmen, wie viel Wert der jeweiligen Fähigkeit beigemessen wird. Im Grunde also nicht anders, als es in einigen angeblich 'primitiven' Kulturen auch heute noch der Fall ist.

Außerdem würden wir uns ein ganzes Stück unabhängiger machen, von zunehmend unmenschlicher werdenden Arbeitsbedingungen. Wenn sich ein Teil dessen, was wir für ein erfülltes Leben benötigen, über den Tausch materieller und immaterieller Güter bestreiten ließe, wären wir weniger auf höhere Löhne angewiesen, wodurch sich die Arbeitszeit reduzieren ließe. Sicherlich würde das ein bescheideneres Leben bedeuten. Doch was habe ich letztlich davon, gut zu verdienen, wenn ich kaum Zeit habe, das Geld auszugeben oder niemandem, mit dem ich es teilen kann?

Wir besitzen heute eine Kommunikations- und Vernetzungskultur, die eine derartige Tauschgesellschaft durchaus ermöglichen würde. Und zwar so simpel, wie niemals zuvor in unserer Geschichte. Alles, was fehlt - so behaupte ich mal ganz provokant - ist der Glaube, dass sie auch wirklich funktionieren kann. Gäbe es viele Menschen, die sich an einem solchen Tauschnetzwerk beteiligen würden, würde die Abhängigkeit vom Geldsystem aufgrund eines breiten Angebots immer weiter abnehmen.

Wieso glauben wir nach all den Finanzkrisen der letzten Jahre noch immer an den Alleinherrschaftsanspruch des Geldes? Wieso klammern wir uns an Zahlen fest, wo sie nichts zu suchen haben? Wieso beteiligen wir uns am Reproduzieren eines ungerechten Wirtschaftssystems, anstatt dieses so gut es geht zu boykottieren? Wann beginnen wir endlich, neue Formen des Vernetzens, des Handelns und des Wertschätzens zu entwickeln?

 

Nachtrag vom 06.03.: Hier finden sich einige gute Tipps!

 

Text von Charlie

 

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Kommentare: 4
  • #1

    Franziska (Donnerstag, 20 Februar 2014 15:21)

    Buchempfehlung zum Thema degrowth

    Rob Hopkins: Einfach. Jetzt. Machen!

    Wie wir unsere Zukunft selbst in die Hand nehmen
    Wir befinden uns im Jahre 2014 n. Chr. Der ganze Erdball steht Peak Oil und dem Klimawandel ohnmächtig gegenüber. Der ganze Erdball? Nein! Mehr als 1000 engagierte Kommunen und Initiativen haben begonnen, vor Ort Widerstand zu leisten. Die Bewegung, die sie eint, heisst Transition, ihre Ziele: Krisenfestigkeit und der Übergang in eine postfossile, relokalisierte Wirtschaft. Ob es nun darum geht, Solaranlagen zu errichten, gemeinsam zu gärtnern oder sich bei der Erstellung einer Homepage zu unterstützen, ob in Seattle eine »Tool Library« ins Leben gerufen wird oder eine »Pflückoasen« im hessischen Witzenhausen – überall auf der Welt werden Menschen aktiv und nehmen ihre Zukunft wieder selbst in die Hand. Anhand zahlreicher Beispiele des Gelingens schildert das Buch, wie man Probleme vor Ort identifiziert, Lösungen entwickelt und Mitmenschen mobilisiert, frei nach dem Motto: »Mit lokalem Tun die Welt verändern.«
    Mehr Infos: http://www.oekom.de/buecher/vorschau/buch/einfach-jetzt-machen.html

  • #2

    Charlie (Donnerstag, 20 Februar 2014 19:38)

    @Franziska
    Danke dir für den interessanten Buchtipp! Da merke ich wieder mal, was ich alles noch nicht mitbekommen habe. Hast du das Buch selbst gelesen? Gab es praktische Tipps, wie sich lokales Tun bzw. eine 'relokalisierte Wirtschaft' im Alltag konkret umsetzen lässt? Wenn ja, waren die Tipps für dich hilfreich, konntest du davon etwas mitnehmen und im Alltag anwenden?

  • #3

    Laura Frontaliere (Samstag, 22 Februar 2014 20:17)

    Sehr interessante Gedanken. Geld verdient man dort, wo Geld ist. Also vornehmlich bei Banken, Versicherungen etc. Dort wo kein Geld ist, sozialbereich, Pflege, Krankenpflege etc. wird kein Geld verdient. Obschon gerade da eine wertschätzende Entlohnung wichtig wäre. All das regt zum Umdenken an... Vielleicht wäre Konzepte wie das bedinungslose Grundeinkommen ein Schritt in die richtige Richtung...
    Grüße an Euch beide!
    Laura

  • #4

    Charlie (Sonntag, 23 Februar 2014 19:39)

    @ Laura
    Herzlichen Dank für dein Interesse, und die besten Grüße zurück!
    Ein bedingungsloses Grundeinkommen würde meiner Meinung nach den Bewertungsunterschied zumindest etwas ausgleichen, obwohl die Abhängigkeit vom Geldsystem natürlich weiter bestehen bleibt. So gesehen wäre es vielleicht wirklich ein Schritt in die richtige Richtung. Dennoch ändert es am Grundproblem leider wenig.
    Was mich dabei besonders ärgert und frustriert ist, dass wir die Bewertung bzw. die damit verbundene Wertschätzung fast vollständig jenen überlassen, die vom Geldsystem profitieren. Dass wir so keine neue - vom konventionellen Geldsystem unabhängige - Wertschätzung entwickeln können, ist nicht verwunderlich. Ich jedenfalls glaube nicht mehr an den Alleinherrschaftsanspruch des Geldes und werde versuchen, mich - nach Möglichkeit - künftig unabhängiger davon zu machen. Wie das im Einzelnen funktionieren soll, weiß ich auch noch nicht, aber vielleicht finde ich es irgendwann ja noch mal heraus...

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