Stonewall Parade - Repolitisierung?

Ehrlich gesagt habe ich lange gezögert, in diesem Blog etwas über den CSD zu schreiben, weil hierzu seit Jahrzehnten dieselben Diskussionen unter neuem Gewand geführt werden. Trotzdem habe ich mich schließlich dazu durchgerungen, weil es eben doch noch Dinge gibt, die ich beizusteuern habe. Wer also die Schnauze voll hat von den endlosen Repolitisierungsdebatten und Kommerzvorwürfen rund um den CSD, sollte ab hier nicht mehr weiterlesen.

Im Januar verkündete der CSD e.V., dass der berliner CSD ab diesem Jahr Stonewall Parade heißen würde, um sich damit wieder auf seine politischen Wurzeln zurückzubesinnen. Das ganze geschah - wie die Debatten vergangener Jahre - mit dem üblichen medialen Tamtam: Polemik, Skandalisierung, Pseudoentrüstung. Eine Inszenierung wie sie RTL II nicht besser machen könnte. Ging es letztes Jahr noch um den Ausschluss der CDU, ging es diesmal um eine symbolische Umbenennung. Wenn mich meine queeren Geschichtskenntnisse nicht völlig täuschen, befand sich das Stonewall Inn, in welchem es 1969 zu Straßenschlachten mit der Polizei kam, doch gerade in der Christopher Street. Ob wir die Veranstaltung also Christopher Street Day - kurz CSD - oder Stonewall Parade nennen, macht meiner Ansicht nach keinen all zu großen Unterschied. Bei Bezeichnungen wie 'Gaypride Parade' hätte ich ja noch Verständnis für eine Umbenennung, aber Sprechblasen wie 'CSD heißt jetzt Stonewall' klingen für mich eher wie 'Raider heißt jetzt Twix'.

Worauf ich aber eigentlich hinaus möchte, ist die angebliche Repolitisierung der Veranstaltung. Jedes Mal, wenn der Begriff in queeren Medien auftaucht, wissen wir, die nächste CSD-Saison steht an. Also im Grunde ein ähnliches Signal wie die Schokoladen-Weihnachtsmänner Ende August bei ALDI an der Kasse. Der Ruf nach Repolitisierung - so hörte ich schon von Schwulenbewegten der ersten Stunde - sei fast schon so alt wie die Demonstration selbst. Er gehört ganz einfach dazu, wie die obligatorische 'Früher-war mehr-Lametta-Rhetorik' rund um Weihnachten. Aber sei es drum. Ich möchte versuchen, das Thema trotzdem mal genauer unter die Lupe nehmen. Anfangen möchte ich mit folgenden Fragen: Wie genau soll die Repolitisierung aussehen? Und wer fordert sie eigentlich?

Natürlich lassen sich im Rahmen eines Blogs solche Fragen nur schemenhaft umreißen, doch bedeutet eine Repolitisierung meiner Meinung nach, dass die politischen Forderungen im Vordergrund stehen und nicht zugunsten von Party und Selbstinszenierung hinten anstehen müssen. Auch bedeutet es, dass Großunternehmen wie z.B. schwedische Möbelhäuser - und nehmen sie Konzepte wie Diversity Management auch noch so ernst - in erster Linie den politischen Forderungen der Demonstrierenden mehr Stimmkraft verleihen, statt Eigenwerbung zu betreiben. Gleiches gilt im Besonderen auch für Parteien, die auf dem CSD gerne mit einem pathetischem Bekenntnis zu 'Vielfalt und Gleichheit' auf Stimmfang gehen, nur um dann in der Praxis keinen Finger für queere Belange zu rühren oder sogar gegen unsere Interessen zu stimmen. Kurz gesagt: Repolitisierung bedeutet, dass die politische Message im Vordergrund steht, und nicht vom Profilierungsgehabe einzelner Akteure bzw. von offener oder subtiler (Wahl)werbung verwässert wird.

Wer sind nun eigentlich diejenigen, die jahrein jahraus eine Repolitisierung fordern? Komischerweise habe ich den Eindruck, dass es entweder Menschen sind, die erst meckern, dann aber doch zum großen CSD gehen oder Menschen, die sich genauso über die Verbissenheit einer politischen Demo ereifern - und daher ebenso nicht hingehen würden. Gerade Berlin hat mit dem T*CSD eine gute politische Alternative zum kommerziellen CSD. Wem es nicht in erster Linie (aber natürlich auch) um Party geht, wer keine Demo mit Kommerz und Parteiwerbung wünscht, der/die braucht einfach nicht zum großen CSD gehen und sich folglich auch nicht darüber echauffieren. Wenn wirklich so viele den kommerziellen CSD so blöd finden, wieso hat dann der T*CSD nicht mehr Besucher? Ich fürchte die Antwort liegt auf der Hand. Und zwar ganz einfach, weil es den meisten hier eben doch nicht um Politik geht. Doch wie soll eine Repolitisierung aussehen, wenn sie von der Basis - nämlich ihren Besuchern - bestenfalls als zweitrangig betrachtet wird? Ich denke, was wir nicht vergessen dürfen ist, dass eine Veranstaltung eben immer nur so politisch sein kann wie ihre Besucher. Der CSD e.V. kann sich - selbst wenn es keine reine Marketingstrategie ist - noch so viel Mühe geben, den CSD zu (re)politisieren. Wenn der Großteil der Besucher einzig aus dem Grund kommt, zu feiern, sich selbst in Szene zu setzen, nackte Ärsche zu sehen oder ganz allgemein um Spaß zu haben, wird daraus nie etwas werden.

Eine andere Frage ist auch, ob die alljährlichen Forderungen oder eben eine Umbenennung des CSD tatsächlich irgendwen außerhalb der queeren Community erreichen. Ich würde wetten, dass nicht einmal 10% der Besucher, geschweige denn der 'Zaungäste' das Motto und damit die zentrale Forderung des CSD kennen. Seien wir ehrlich, für die meisten ist es einfach eine Art lustige Karnevalsveranstaltung. Man kann sich über die 'verrückten Kostüme' amüsieren oder aus sicherer Distanz dem bunten Treiben wie bei einem Zoobesuch folgen. Selbst die größten Heterosexisten gucken sich inzwischen den Umzug an. Glaubt tatsächlich jemand, dass Veranstaltungen wie der CSD noch ein gesamtgesellschaftliches Umdenken bewirken?

Das Jahr hat bekanntlich 52 Wochen. Eine dieser 52 Wochen ist die sogenannte 'Pride week'. Was sind die anderen 51 - 'Shame weeks'? Wenn wir von Repolitisierung sprechen, sollte diese nicht nur im Vorfeld des CSD auftauchen, sondern allgegenwärtig sein. Wenn wir von Repolitisierung sprechen, sollten wir beginnen uns zu fragen, was jede_r einzelne von uns tun kann, um queeres Leben nicht nur in einer vereinzelten Sommerwoche sichtbarer zu machen. Es mag bequem sein, sich einmal im Jahr auf einer Massenveranstaltung zu zeigen und diese für ihren mangelnden politischen Inhalt zu geißeln, während man sich im alltäglichen Leben nicht zu erkennen gibt. Jedes Mal, wenn ich die vielen Besucher im Fernsehen sehe, frage ich mich, wo sie eigentlich im Alltag geblieben sind. Wenn wir weiterhin verstecken spielen, aus Angst vor verbaler oder physischer Gewalt, wenn wir weiterhin heteronormativen Menschen den gesamten öffentlichen Raum zugestehen, ohne uns selbstverständlich darin bewegen zu können, wenn wir uns weiter in die eigene Tasche lügen, persönlich keinerlei Probleme aufgrund unserer Queerness zu haben, aber gleichzeitig ganz bewusst nicht sichtbar werden - sind all die Debatten um eine Repolitisierung nichts als heiße Luft.

Bedeutet Repolitisierung heute wirklich nur noch hohles Rumgehopse auf einem Wagen? Bedeutet es nur noch, per Mausklick für irgendwelche Petition zu stimmen? Bedeutet es nur noch, in endlosen Debatten um das Für und Wider einer eigentlich völlig irrelevanten Umbenennung zu streiten? Haben wir uns so daran gewöhnt, dass Protest heute ausschließlich in formerstarrten Posen und Motto-Sprechblasen geschieht? Ist das alles, was wir als Community auf die Beine stellen? Wo bleiben neue Ideen für Aktivismus. Einen Aktivismus, der Spaß macht, der irritiert und penetrant ist wie ein Tinnitus?

 

Text von Charlie

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Christina (Mittwoch, 05 März 2014 00:13)

    Mein Eindruck ist, dass es zunehmend neue Formen des Protestes gibt, die nicht bloß mit Kommerz, Party, CSD usw. zu tun haben. Demos wie 'Enough is Enough' oder 'Rainbow Flame' sind ein Zeichen dafür, dass die Community sich wieder mehr politisiert und auch abseits des CSD in Erscheinung tritt. Ein gutes Zeichen finde ich.
    Euch noch alles Gute!

  • #2

    Charlie (Mittwoch, 05 März 2014 11:27)

    Hallo Christina,
    vielen Dank für dein Feedback! Ja, ich denke auch, dass die besagten Demos ein Zeichen dafür sind, dass Menschen durchaus noch bereit sind, für politische Ziele auf die Straße zu gehen, ohne dass es um Party, Kommerz etc. geht. 'Enough is Enough' hatte - wie es in einigen Quellen heißt - zwischen 6000 und 7000 Teilnehmer, das sind schon ziemlich gewaltige Zahlen für eine rein politische Demo. Um so beeindruckender, wenn man sich vorstellt, dass sie von gerade mal sieben engagierten Menschen auf die Beine gestellt wurde. Ich würde mir noch viel mehr solcher Demos wünschen. Was ich mir jedoch am meisten wünschen würde ist, dass wir uns endlich erlauben, uns überall im öffentlichen Raum selbstverständlich angstfrei bewegen können. Ständige Sichtbarkeit im Alltag ist meines Erachtens noch immer das effektivste Mittel im Kampf gegen Marginalisierung und Diskriminierung.

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