Moralische Umerziehung und ihre Folgen

Wir schreiben das Jahr 2014. Eine kleine Gruppe standhafter Christen hat sich im Süden Deutschlands zusammengerottet zusammengefunden, um tapfer gegen die Verqueerung der deutschen Jugend zu kämpfen. Mit Spruchbändern und Plakaten trotzen sie der Vernunft moralischen Umerziehung, die ihre anständigen heteronormativen Kinder mithilfe eines neuen Lehrplans zu Lesben, Schwulen, Bisexuellen oder Trans*menschen machen will. Stelle sich das eine_r vor: Tausende regenbogenfarbener Wesen, die sich der natürlichen Ordnung von Mann und Frau widersetzen und nach und nach die Weltherrschaft an sich reißen. Gott bewahre!

Wie bewundern wir sie daher für ihren Realitätsverlust Mut und ihre Entschlossenheit, diesem finsteren Treiben schon im Vorfeld ein Ende zu bereiten. Da sie natürlich genau wissen, dass Gott sexuelle und geschlechtliche Vielfalt nicht toleriert, und ihre hilflose Brut so praktisch mit einem Bein in den Feuern der ewigen Verdammnis steht, blasen sie - zum Protest.

Ich bin der Meinung, dieser heroische Kampf gegen das Böse verdient eine besondere Form der Wertschätzung. Deshalb habe ich eine kleine Bildergeschichte vorbereitet. Viel Spaß beim Lesen!

Gundula Gottlob, Jahrgang 1953, lebte in Baden-Württemberg. Sie war engagierte Kämpferin für Recht und Ordnung. Was aber am wichtigsten war: Sie war eine normale, anständige Hausfrau und Mutter - also ganz so, wie es Gott vorgesehen hat. Ihr war klar, dass alles andere nur vom Teufel höchstpersönlich kommen kann, und dass niemand mit einem anderen Lebensstil je glücklich sein kann. Um andere vor diesem Unglück zu bewahren, setzte sie sich - natürlich völlig selbstlos - dafür ein, die verlorenen Schäflein zurück auf den rechten Weg der Tugend und Moral zu bringen. So verwundert es nicht, dass sie sofort zur Stelle war, als sie erfuhr, dass der stramm heteronormative Nachwuchs bald per Lehrplan umgepolt werden solle. Innerhalb kürzester Zeit hatte sie sich mit anderen tapferen Christen vernetzt und stand in der vordersten Reihe im Kampf gegen Unmoral und Gottlosigkeit.

Im Bild sehen wir sie auf der linken Seite, direkt neben Pfarrer Prügelpeitsch, der mehrfach betonte, dass die Demonstration sich natürlich nicht gegen Homosexuelle per se richte, sondern nur gegen deren sündhafte Veranlagung. Voller Mitgefühl flötete er: "Liebe den Sünder, doch verachte die Sünde!"

Es sollten noch viele Kämpfe im Leben der Gundula Gottlob folgen. Nachdem sie sich beim Lehrplan geschlagen geben musste, und dieser zu ihrer größten Entrüstung tatsächlich umgesetzt wurde, widmete sie sich dem Kampf gegen die rechtliche Gleichstellung der ELP mit der heiligen Institution Ehe. Obwohl es einige Zeit gut aussah, kippte auch hier bald die Stimmung zu Gunsten der Sünder und es folgte - Oh Schreck! - die Öffnung der Ehe. In ihr wuchs der Gram und die Verbitterung. Wie konnte es möglich sein, dass nun tatsächlich alle Menschen per Gesetz gleich behandelt werden? Schließlich wusste sie und Martha - ihre Häkelgruppen-Mitstreiterin - doch ganz genau, dass Gott das niemals gutheißen würde!

Doch das Schicksal meinte es nicht gut mit ihr. Zwei Jahre später musste sie schon die nächste Niederlage einstecken: Der Artikel 3 des deutschen Grundgesetzes wurde um die sexuelle Orientierung und die Geschlechtsidentität erweitert, so dass jedwede Art von Diskriminierung verboten wurde. Als auch die Ausnahmereglungen für Tendenzbetriebe wie die Kirche abgeschafft wurden, warf sie sich weinend in den Staub und konnte sich nur beruhigen, indem sie sich einredete, dies sei eine Probe des Herrn. Während sie bei der Novellierung des Transsexuellengesetzes noch Schaum vor dem Mund hatte, begann sie allmählich zu resignieren, als die gesamte Kategorie Geschlecht in den darauffolgenden Jahren nach und nach ins Wanken geriet und eines schönen Tages komplett abgeschafft wurde. Zu dieser Zeit verließ Gundula ihr Haus nicht mehr, da sie sich vor jenen regenbogenfarbenen Wesen fürchtete, die sich - genau wie sie es einst vorausgesagt hatte - auf wundersame Weise vermehrt und die Weltherrschaft an sich gerissen hatten. Im Alter von 81 Jahren verstarb sie schließlich verbittert und vereinsamt in ihren 55m².

Doch dies sollte noch nicht das Ende gewesen sein. Ganz wie sie es sich vorgestellt hatte, stand sie mit einem Mal vor einer langen Treppe mitten in den Wolken. Am Ende hinter den Nebelschleiern, befand sich eine schwere hölzerne Tür. Als erfahrene Christin wusste sie natürlich sofort, was es damit auf sich hatte: Es war die Himmelspforte, das Tor ins Paradies. Obwohl sie der Aufstieg mit ihren 81 Jahren ziemlich aus der Puste brachte, kämpfte sie sich Schritt für Schritt weiter nach oben.

Im Bild sehen wir unsere tapfere Heldin Gundula, wie sie die tausend Stufen zur Himmelspforte emporsteigt. Fast stolpert sie dabei über die Axt von Pfarrer Prügelpeitsch, der nur wenige Tage vor ihr verstorben war.

Endlich hatte sie die Himmelspforte erreicht und klopfte beherzt. Es dauerte einige Zeit, bis sie ein raschelndes Geräusch dahinter vernahm. Da sie bekanntlich alles wusste, wusste sie auch, was nun kommen würde: Petrus würde ihre Verdienste für die Christenheit anerkennen und sie mit einer einladenden Geste im Paradies willkommen heißen. Dann würde sie ein heißes Bad nehmen, einen Kamillentee trinken und sich das Musikantenstadl oder ein Harfenkonzert der Engel anhören. Doch was nun kam, übertraf ihre kühnsten Erwartungen: Nicht Petrus stand da, sondern jemand anderes! Jemand, der ihr das Blut in den Adern gefrieren ließ - eine schrille Engelsgestalt mit regenbogenfarbenen Flügeln, Highheels in Größe 47, einem unzüchtigen Abendkleid und - das Schlimmste - mit knallrosanen Haaren!

Nachdem der Engel sie aus seinen 1,90 m mitleidig gemustert hatte, sprach er mit tiefer Stimme: "Sorry, wir kaufen nichts!", und wollte die Pforte gerade wieder schließen, als Gundula ihren Fuß zwischen die Tür stellte und ihr Anliegen vorbrachte. Der Engel zog skeptisch die Augenbrauen hoch und bat sie um einen Moment Geduld. Wenig später erschien er wieder mit einer Schriftrolle. Nachdem sie ihren Namen genannt hatte und der Engel das Schriftstück gewissenhaft von oben bis unten durchgegangen war, schüttelte er den Kopf. Eine Gundula Gottlob war nicht zu finden.

Wir sehen den Engel 'Gloria Glamoria', der seit Petrus' Pensionierung die Neuankömmlinge an der Himmelspforte empfängt. Gundula Gottlob ist darüber ganz und gar nicht erfreut. Doch das ändert nichts. Für sie heißt es: 'Wir müssen leider draußen bleiben'

Dass ausgerechnet ihr, als aufrechter Christin, als Kämpferin für Moral und Anstand, nun der Eintritt ins Paradies verwehrt bleiben sollte, war eine Impertinenz sondergleichen! Und dann auch noch von dieser sittenlosen Gestalt, die sie mit ihrem schrillen Erscheinungsbild völlig aus dem Konzept brachte. "Ich möchte Petrus sprechen!", forderte sie schließlich mit scharfem Tonfall. "Herzchen, der ist längst im Ruhestand. Versuch's am besten mal da unten", sprach Gloria Glamoria entnervt und verschwand kurzerhand hinter der Tür, die wenig später mit einem lauten Knall ins Schloss fiel.

Nun war unsere Heldin also tatsächlich ausgesperrt worden, ausgesperrt aus dem Himmelreich, das ihr zu Lebzeiten von Lügnern und Betrügern versprochen worden war. Voller Rage stieg sie die Treppenstufen hinab, stolperte dabei beinahe über Pfarrer Prügelpeitschs Axt, lief weiter, kehrte um, hob die Axt auf und marschierte schnurstracks zum Eingang der Hölle. Je näher sie kam, desto wärmer wurde es. Gelbe Schwefeldämpfe erschwerten die Sicht. Irgendwann entdeckte sie einen totenkopfförmigen Klingelknopf, über dem ein Schild mit der Aufschrift 'Maledictus Diabolus XVI' hing. Entschlossen drückte sie den Klingelknopf. Nichts geschah. Sie klingelte abermals. Wieder geschah nichts. Gerade als sie schon fast umkehren wollte, öffnete sich mit einem Mal die Tür und der Leibhaftige stand vor ihr.

Mit diabolischem Lächeln musterte er sie mit der Axt in ihrer Hand und fragte nach ihrem Anliegen. Gundula - noch immer erbost über das Verhalten des Engels - erzählte ihm von der Abweisung an der Himmelspforte. Der Teufel nickte verständnisvoll und fragte nach ihrem Namen. Anschließend verschwand auch er für einen Moment im Inneren, um nach der Gästeliste zu suchen. Als er wiederkam, ging er - wie schon der Engel zuvor - die Gästeliste von oben nach unten durch. Irgendwann fand er tatsächlich ihren Namen und bat sie daraufhin ins Innere seiner Behausung.

Etwas verunsichert nahm Gundula Platz, während der Teufel sie über ihre Missetaten ausfragte. Wie sie es gewohnt war, gab sie bereitwillig und ehrlich Auskunft über ihre Kämpfe gegen Unmoral und Gottlosigkeit. Der Teufel hörte aufmerksam zu, begann aber spätestens nach fünf Minuten unruhig auf seinem Stuhl hin und her zu rutschen, und war am Ende so leichenblass wie er es nur sein konnte. Nachdem Gundula alles berichtet hatte, nahm der Teufel sie freundlich am Arm, führte sie wieder nach draußen vor die Tür und fing an, unbeholfen vor sich hin zu drucksen. Dann zog er sich ins Innere seines höllischen Hauses zurück und schloss eilig die Tür hinter sich. Gundula verstand die Welt nicht mehr. Als sie nun abermals klingelte und Einlass forderte, sprach der Teufel ungehalten: "Hau ab! Ich kann keine Konkurrenz gebrauchen", und schlug ihr die Tür vor der Nase zu.

Seitdem sitzt sie nun tagein tagaus mit ihrer Axt vor dem Eingang zur Hölle, so dass der Teufel sich nur noch ganz selten heraus traut. Und zwar immer dann, wenn sie schläft. So kam es, dass unsere Heldin am Ende tatsächlich doch noch eine gute Tat vollbrachte...

 

 

Text und Bild von Charlie

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Peter Friedrich (Mittwoch, 07 Mai 2014 01:23)

    Drolliger Text, gute Aufklärung!
    Tja, die Gott - und Wahrheitsbesitzer haben das Problem, daß sie immer schon für den anderen Menschen WISSEN, was für ihn gut zu sein hat. Leider WISSEN sie nicht, daß sie genau damit oft anderen Leuten das Leben zur Hölle machen...
    Ein Versuch wäre es doch wert, einmal sein Gegenüber zu FRAGEN, wie es ihm eigentlich geht.

  • #2

    Charlie (Mittwoch, 07 Mai 2014 01:35)

    Danke für den Lob!
    Ich denke, diese 'Wahrheitsbesitzer' wissen durchaus, dass sie anderen Leuten damit das Leben zur Hölle machen, nur ist es ihnen einfach scheißegal. Darum werden sie wohl auch nicht fragen, wie es dem Gegenüber damit geht. Schlechte Menschen halt...
    Wichtig ist meiner Meinung nach, dass wir uns als Community nicht spalten lassen und uns gegenseitig im Kampf gegen Hass, Ignoranz und Dummheit unterstützen.

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