Freundschaft & Unverbindlichkeit?

In den letzten Jahren hat sich das Spektrum elektronischer Kommunikationsmittel massiv erweitert. Neben der wachsenden Vielfalt zeichnet sich hierbei auch ein deutlicher Trend hin zu mehr Mobilität ab. Informationen und Daten aus vielen verschiedenen Teilen der Erde sind nun auf Knopfdruck abrufbar. Diese Entwicklung hat zweifellos ihre Vorteile, indem sie beispielsweise den Zugang zu Informationen egalitärer werden lässt. Nahezu jede_r kann sich heute mit ein paar Klicks einen Überblick über Themen verschaffen, von denen sie/er bislang nichts oder nur wenig wusste.

Trotz aller positiven Aspekte, treten jedoch auch die Schattenseiten immer mehr zu Tage: Durch die permanente Abrufbarkeit verlieren die Informationen stetig an Wert; etwas das zu jeder Zeit zugänglich ist, wird nach und nach zu einer Selbstverständlichkeit. Anstatt uns z.B. darüber zu freuen, ganze Alben unserer Lieblingsband bei Portalen wie Youtube rauf und runter hören zu können ohne dafür zu zahlen, ärgern wir uns darüber, falls sie aus Urheberrechtsgründen gesperrt werden. Es mag nach typischer Opa-erzählt-vom-Krieg-Rhetorik klingen, doch es gab Zeiten, in denen Menschen froh waren, die Alben für Geld in einem Tonträgergeschäft überhaupt kaufen zu können. Klar hat sich die Zeit nun einmal geändert, was an und für sich auch nichts Schlechtes ist. Was ich damit nur ausdrücken möchte ist, dass die Wertschätzung wegen der selbstverständlich gewordenen Abrufbarkeit stark nachgelassen zu haben scheint.

Diese Annahme möchte ich als Grundlage für die Frage nehmen, wie sich menschliche Beziehungen angesichts der schnelllebiger werdenden Kommunikationskultur verändert haben. Welchen Einfluss hat die Möglichkeit permanenter Abrufbarkeit von Kontakten auf die gegenseitige Wertschätzung? Natürlich ist es im Rahmen eines Blogs nicht möglich, auf diese Aspekte in all ihrer Tiefe und Komplexität einzugehen, doch ich würde mir wünschen, dass sie zumindest als Denkanstoß dienen.

Oftmals sind menschliche Kontakte an einen bestimmten zeitlichen oder örtlichen Rahmen geknüpft, d.h. sie bestehen einfach, weil man sich in einer Phase seines Lebens - sei es nun in der Schule, der Uni, der Berufsausbildung oder der Arbeit - zufällig über den Weg läuft und gemeinsame Erfahrungen macht. Nicht selten enden sie mit einem Wechsel des zeitlichen und örtlichen Rahmens. Man entwickle sich eben einfach auseinander, heißt es dann. Wie jedoch sieht es bei Kontakten aus, die sich vom zeitlichen und örtlichen Raum gelöst haben, die also nicht notgedrungen an eine bestimmte Phase des Lebens gebunden sein müssen und sich beispielsweise über gemeinsame Interessen definieren? Hier scheint sich zunehmend eine Kultur der Unverbindlichkeit herauszubilden. So können in einer Großstadt wie Berlin schnell und unkompliziert neue Kontakte geschlossen werden, doch erweisen sie sich nur selten als dauerhaft. Ob die Beziehungen nun von einem zeitlichen und örtlichen Rahmen getragen werden oder nicht, scheint für die Dauerhaftigkeit demnach kaum eine Rolle zu spielen, das Resultat bleibt annähernd dasselbe. Wer nicht lernt, die geschlossenen Kontakte eigenständig zu pflegen, sei es weil der besagte Rahmen stets das stabilisierende Element war oder weil die Überfülle an Kennlernmöglichkeiten die Pflege bestehender Kontakte überflüssig erscheinen lässt, wird eines Tages vielleicht allein dastehen.

Ich kann nicht mit Sicherheit sagen, ob dies in vergangenen Jahrzehnten wirklich anders war. Aber ich habe den Eindruck, dass Menschen sich immer weniger Zeit nehmen, einander wirklich kennenzulernen. Aufgrund der ständigen Abrufbarkeit von neuen Kontakten investieren wir weniger Energie und Zeit. Wieso auch, wo die Gelegenheiten neue Kontakte zu schließen, doch praktisch grenzenlos sind. Wenn man sich aus den Augen verliert, sucht man sich halt neue Freunde. Nur was bedeutet uns Freundschaft eigentlich? Ich habe das Gefühl, dass der Ausdruck inzwischen recht inflationär benutzt wird. Ein Freund oder eine Freundin ist für mich aber nicht bloß ein 'Kumpel' mit dem ich feiern gehe, sondern ein Mensch, bei dem ich wirklich ich selbst sein kann. Ein Mensch, bei dem ich mich öffnen kann, jemand der mich nicht nur (aber auch) in den sonnigen Momenten des Lebens begleitet. Freunde tragen dazu bei, dass wir uns an einem Ort wirklich zu Hause fühlen.

Ich glaube daher kaum, dass eine Kommunikationskultur schneller, unverbindlicher Kontakte mir dabei helfen kann, einen solchen Raum zu schaffen. Es ist wohl die absolute Ausnahme, dass man bereits nach kurzer Zeit eine Vertrauensbasis erreicht, die ein näheres Kennenlernen ermöglicht. Eine stabile Freundschaft braucht nun einmal Zeit zum Wachsen und lässt sich nicht über Nacht herbeizaubern wie Instantkaffee.

Ich denke, wir müssen unsere Einstellung dahingehend ändern, dass das Aufrechterhalten von Kontakten, das Knüpfen von stabilen Freundschaften nun einmal Zeit und Energie kostet, und dass es keinen Garant dafür gibt, dass sich die 'Investition' tatsächlich rechnet. Wir müssen auch begreifen, dass es keinem Menschen auf dieser Erde möglich ist, seine 500 Facebook-Bekanntschaften zu wirklich guten Freunden werden zu lassen. Nicht die Quantität sollte hier zählen, sondern die Qualität. Denn sein wir ehrlich, was bedeutet uns ein Großteil dieser Bekanntschaften? Sind sie nicht oftmals eher Mittel zum Zweck, uns darüber zu profilieren, ohne dass diese uns als Menschen etwas bedeuten? Freunde sollten jedoch keine Briefmarken sein, die man beliebig sammelt oder tauscht. Wenn es uns hierbei nicht gelingt, unsere Profilierungssucht, unseren Egoismus und unser Aufrechnen nach dem Kosten-Nutzen-Prinzip rauszuhalten, werden die neu geschlossenen Kontakte niemals zu echten Freunden. Wollen wir wirklich in einer Welt der 'Kumpels' und Bekanntschaften leben? Also ich bestimmt nicht...

 

Text von Charlie

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Kommentare: 4
  • #1

    Thomas Schmitt (Samstag, 10 Mai 2014 14:53)

    Hallo Charlie, ich fühle mich von Deinem Blog sehr angesprochen. Danke!
    Liebe Grüße Thomas

  • #2

    Charlie (Sonntag, 11 Mai 2014 22:15)

    @Thomas
    Ich danke Dir für das Lob! Wir versuchen, mit dem Blog zum Nachdenken anzuregen. Wenn wir Dich damit erreichen konnten, hat sich das Schreiben schon gelohnt.
    Liebe Grüße zurück von Charlie

  • #3

    Jude (Mittwoch, 14 Mai 2014 17:43)

    Lieber Charlie,
    ja , da kann ich Dir nur beipflichten. Danke!
    Ich mag Deinen Blog und Eure Site. Gibt es mal wieder ein Treffen? Das letzte habe ich verpaßt.
    LG Jude

  • #4

    Charlie (Mittwoch, 14 Mai 2014 18:27)

    @Jude
    Dir auch besten Dank für das Lob! Was das Treffen angeht, so machen wir den ersten Dienstag im Monat regelmäßig unseren 'offenen Dienstag' (siehe unter Termine). Wenn Du da mal hinzukommen möchtest, würden wir uns freuen! Die nächste Diskussionsveranstaltung wird wohl erst im Juli/August stattfinden, wir arbeiten noch am Thema. Auch wir planen ein Sommerpicknick im Juni, falls das Wetter mitspielt. Wenn Ort, Tag und Uhrzeit feststehen, werden wir alles hier auf der website/Facebook bekannt geben.
    Liebe Grüße,
    Charlie

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