Eurovision Song Contest - Es geht um die Wurst...

Ich war nie ein großer Fan des Eurovision Song Contest - kurz ESC. Der ganze Hype rund um diese Veranstaltung ließ mich schon immer ziemlich kalt. Die Negativschlagzeilen vergangener Jahre im Hinblick auf die Menschenrechtssituation queerer Menschen in Ländern wie Russland (2009) oder Aserbaidschan (2012) trugen nicht gerade dazu bei, dass mein Interesse daran zunahm. Im Gegenteil, damals ärgerte ich mich fast schon, den ESC nicht boykottieren zu können, da ich ihn zugegebenermaßen sowieso nicht geschaut hätte - sei es nun wegen mangelndem Interesse oder der Tatsache, dass ich keinen Fernseher besitze.

Der Grund wieso ich mich - als absoluter Laie - überhaupt zu diesem Thema äußere, ist der Auftritt der österreichischen Teilnehmerin Conchita Wurst alias Tom Neuwirth bzw. die öffentlichen Reaktionen darauf. Ich hätte nie gedacht, dass eine 'Frau mit Bart' (Conchita bezeichnet sich selbst als 'Kunstfigur' und möchte nicht mit einer transsexuellen Frau verwechselt werden) heute noch ein derartiges Echo hervorruft. Queere Teilnehmer_innen oder zumindest Acts scheint es in den letzten Jahren schließlich einige gegeben zu haben: Die transsexuelle Sängerin Dana International für Israel (1998), die Drag Queens von Sestre für Slowenien (2002), das (pseudo)lesbische Duo 'Tatu' für Russland (2003), die Drag Queen Verka Serduchka für die Ukraine (2007) oder die Drag Queen DQ für Dänemark (2007). Wieso sorgt also gerade Conchitas Auftritt für dermaßen Wirbel?

Meiner Vermutung nach ist es - neben der geschickten Instrumentalisierung von negativen Schlagzeilen für PR-Zwecke - der bewusste Bruch mit Geschlechterstereotypen. Herkömmliche Drag Queens performen in der Regel eine Form von sexualisierter 'Hyperweiblichkeit', die die Sehgewohnheiten des Publikums nicht ernsthaft in Frage stellt - lange Haare, viel Make up, üppiges Dekolleté, figurbetonte Kleidung etc. Conchita Wurst hingegen bricht massiv mit diesen Sehgewohnheiten. Als großer aber dennoch zierlicher Mann hätte Neuwirth vermutlich eine ausgesprochen gelungene Illusion von 'Weiblichkeit' schaffen können, doch er entschied sich bewusst dagegen. Ich habe den Eindruck, dass es gerade diese nahezu perfekte Illusion ist, die zu solch starken Abwehrreaktionen führt. Ein kahlgeschorener Bodybuilder von 1,90m mit markanten Gesichtszügen und Vollbart hätte in 'weiblicher' Kleidung vermutlich für weniger Diskussionen gesorgt, weil er kaum als weiblich durchgegangen wäre. Wahrscheinlich hätte man ihn als lustigen Sidekick zur Kenntnis genommen, über ihn gelacht und sich bald darauf den ernstzunehmenden Teilnehmern zugewendet.

Conchita wirkt als 'Frau' aber durchaus überzeugend, so dass der dunkle Vollbart wie ein großes Fragezeichen hinter heteronormativen Körperinszenierungen prangt. Ihr Bart zeigt, dass die Grenze zwischen 'männlich' und 'weiblich' eben doch nicht immer so deutlich ist, wie es sich viele Menschen gerne einreden. Damit rüttelt sie an den Grundfesten unseres Geschlechterverständnisses. Wenn ein Mann in der Lage ist, eine derart perfekte Imitation von Weiblichkeit zu schaffen, wirken die scheinbar natürlichen Unterschiede zwischen Mann und Frau plötzlich gar nicht mehr so natürlich. Nun kann man argumentieren, dass dies einer Drag Queen ohne Bart doch viel besser gelingen sollte. Der Unterschied ist aber, dass hier gerade der Bart dem Betrachter/der Betrachterin die Männlichkeit hinter der eigentlich perfekt inszenierten Weiblichkeit explizit vor Augen führt. Dies wiederum führt oft zu enormer Verunsicherung, innerlicher Abwehr und Aggression.

Ein weiterer Aspekt, der für das Medienecho von Conchita Wurst verantwortlich sein könnte ist, dass sie sich nicht scheut, die Diskriminierung und Intoleranz gegenüber nicht-heteronormativen Menschen direkt anzusprechen und damit ein mediales Tabu im Rahmen der Unterhaltungswelt bricht. Wie wir nicht zuletzt bei den olympischen Winterspielen in Sotchi beobachten konnten, sind Organisatoren, Veranstalter und Sponsoren nicht sonderlich erfreut über eine Sichtbarmachung von Gewalt gegen Minderheiten. Derartige Skandale beschädigen beispielsweise das Image des Gastgeberlandes und zwingen verantwortliche Akteure, Stellung zu beziehen. Die Feierstimmung ist dann verdorben. Gerade im Hinblick auf die sich verschärfende Menschenrechtslage von queeren Menschen in Ländern wie Russland ist Conchitas Statement daher Sprengstoff. Sie bezieht kompromisslos Position für Respekt und Akzeptanz von 'Andersartigkeit' ohne sich von anderen vereinnahmen zu lassen. Auch tritt sie hierbei nicht als unterwürfige Bittstellerin auf, sondern gleichermaßen selbstbewusst wie selbstverständlich. So verwundert es nicht, dass Länder wie Russland und Weißrussland bereits Petitionen starteten, die ihren Auftritt beim ESC verhindern wollen. Ihre Explizitheit und Kompromisslosigkeit scheint noch viele zu überfordern - auch innerhalb Deutschlands und Österreichs.

Ich bin jedenfalls erstaunt darüber, was eine 'Frau mit Bart' im einundzwanzigsten Jahrhundert noch in der Lage ist, für gesellschaftliche Diskussionen zu entfachen. Gleichwohl zeigt es, dass Menschen wie Conchita Wurst auf dem richtigen Weg sind. Solange ihr Auftritt noch derart polarisiert, kann es gar nicht genug von ihrer Sorte geben. Es ist an der Zeit, dass auch die Teile der Gesellschaft endlich nicht mehr darum herum kommen, sich mit geschlechtlicher Vielfalt auseinanderzusetzen, die dies bislang tunlichst vermieden haben. Nur die alltägliche Konfrontation mit vermeintlichen 'Randerscheinungen' kann nach und nach zu so etwas wie Offenheit, Akzeptanz und Verständnis beitragen. Wenn es dafür Menschen wie Conchita Wurst braucht, bin ich auch bereit darüber hinwegzusehen, dass sie - bis auf den Bart - eine durchaus fragwürdige Darstellung sexualisierter heteronormativer Weiblichkeit reproduziert und ihr Statement für Akzeptanz und Respekt überwiegend zu PR-Zwecken nutzt. Alles in allem macht Frau Wurst aber einen recht sympathischen und charismatischen Eindruck auf mich und auch ihr ESC-Song 'Rise like a Phoenix' kann sich sehen bzw. hören lassen. Ich werde mir den Eurovision Song Contest wohl auch in diesem Jahr nicht ansehen, doch drücke ich Conchita zumindest ganz fest die Wurst Daumen...

 

Text von Charlie

 

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