Everybody hurts

Über lange Jahre hinweg hat der lesbische und schwule Mainstream den Blick auf die eigene Ausgrenzung durch die heterosexuelle Mehrheitsgesellschaft gerichtet. Erst in jüngster Zeit begann ein Reflektieren über Ausgrenzungsmechanismen innerhalb der queeren Community. Dabei stellte sich - oh Wunder - heraus, dass der schwule und lesbische Mainstream eben nicht so sakrosankt und frei von Ausgrenzung ist, wie er es gerne hätte.

Ich möchte mich in diesem Blogeintrag daher damit auseinandersetzen, wo Ausgrenzung beginnt und was überhaupt als Ausgrenzung wahrgenommen wird. Anschließend widme ich mich - basierend auf meinen eigenen Erfahrungen - der Frage, wie meine bisherigen Selbst-Sensibilisierungsversuche zu bewerten sind. Außerdem werde ich versuchen aufzuzeigen, wo bislang die Grenzen für Sensibilisierung im Alltagsleben liegen. Vorweg sei noch darauf hingewiesen, dass ich aus meiner Sicht als schwuler cisgeschlechtlicher Mann schreibe und mir nicht anmaßen möchte, über Ausgrenzungserfahrungen anderer Menschen zu urteilen. Wer diese Sicht für zu undifferenziert hält, ist herzlich eingeladen, seine eigenen Erfahrungen in der Kommentarspalte einzubringen.

Was verstehe ich also unter Ausgrenzung? Müsste ich eine Definition nennen, so würde ich folgendes darunter verstehen: 'Den expliziten oder impliziten Ausschluss von Menschen von gesellschaftlicher Teilhabe aufgrund mindestens eines bestimmten Merkmals.' Hierbei wird bereits ersichtlich, dass es zwei Formen von Ausgrenzung zu geben scheint. Erstere beschreibt direkte Ausschlüsse durch (z.B. sprachliche) Handlungen, während sich letztere auf indirekte Ausschlüsse durch - meist unbewusste - Ausblendung anderer Lebensrealitäten bezieht.

Explizite Ausgrenzung findet beispielsweise statt, wenn Begriffe wie 'Transe', 'Kampflesbe', 'Hetensau' oder 'Schwuchtel' gegen die entsprechenden Personengruppen gerichtet werden, um ihnen den Zugang zu Räumen zu verweigern. Häufig werden ausgrenzende Begriffe auch einfach ohne großes Nachzudenken geäußert. Nach eigener Erfahrung wiegeln viele Menschen zunächst einmal ab, sobald man sie auf derartige Äußerungen anspricht. Doch selbst wenn ich mir sicher bin, dass die besagte Person es 'nicht so meint' und 'man das halt so sagt', ändert es nichts daran, dass andere das nicht wissen. Man mag damit niemanden absichtlich verletzen wollen, doch man hat keinen Einfluss darauf, wie solche Äußerungen bei seinem Gegenüber ankommen. Sprache kann verletzen und Worte können wie Messerstiche sein. Für Menschen, die mit den entsprechenden Begriffen reale Ausgrenzungserfahrungen verbinden, ist es nicht mit einem einfachen 'ist ja alles nicht böse gemeint' getan. Im Kontext anderer Lebenswirklichkeiten wirken derartige Äußerungen ungleich verletzender, auch wenn viele sich aus Bequemlichkeit nicht die Mühe machen wollen, dies nachzuvollziehen.

Doch nicht nur explizite Ausgrenzung verletzt. Dasselbe gilt nämlich auch für implizite Ausgrenzung, was in öffentlichen Debatten leider oft nicht ausreichend hervorgehoben wird. Ich habe den Eindruck, dass die Sensibilisierung hierfür um einiges weniger ausgeprägt ist, da diese Form der Ausgrenzung aufgrund gänzlich unterschiedlicher Lebenswirklichkeiten kaum nachvollzogen werden kann. Ich möchte es deshalb mit einem Beispiel aus dem Alltag veranschaulichen: In einem mehrheitlich schwulen Online-Portal wurde in den Kommentarspalten über Bisexualität diskutiert. Dabei wurde bisexuellen Menschen von einem Teil der Kommentator_innen abgesprochen, dass Bisexualität überhaupt existieren. Auf meine Einmischung reagierten die besagten Personen mit der Ausrede, man grenze hier niemanden aus, schließlich 'könne man ja nichts ausgrenzen, was gar nicht existiere'. Sicherlich rührt eine solche Aussage auch von einer großen Portion Bösartigkeit, doch ich vermute, dass oftmals auch hier einfach mangelndes Reflektionsvermögen und Gedankenlosigkeit dahinter stecken. Spricht eine Mehrheit einer Minderheit ihr Realsein ab, indem sie sie entweder in Diskussionen für nicht-existent erklärt oder sich weigert, ihre Lebenswirklichkeit mitzudenken, werden bestimmte Identitäten zu etwas nicht-lebbarem.

Eine ähnliche Ignoranz findet sich subtil z.B. auch bei Nachrichten über gewalttätige Übergriffe. Berichte über Angriffe auf schwule Männer werden zumindest hin und wieder vom Mainstream aufgegriffen. Ich will selbstverständlich keinesfalls das Leid der Opfer relativieren, doch ich frage mich, wo die Berichte über Angriffe oder sogar Morde an anderen queeren Menschen thematisiert werden - an Trans*- und Inter*menschen, lesbischen Frauen, queeren People of Color, nicht geschlechtskonformen Menschen etc. Zählt ihr Leben weniger, als das weißer cisgeschlechtlicher schwuler Männer? Bei impliziter Ausgrenzung geht es also oftmals weniger darum, was gesagt wird, als vielmehr darum, was nicht gesagt wird.

Es stellt sich die Frage, wie eine stärkere Sensibilisierung für die unterschiedlichen Formen der Ausgrenzung erreicht werden kann. Ich selbst habe lange Zeit in der Vorstellung gelebt, Diskussionen würden hier einen guten Beitrag leisten. Leider muss ich gestehen, dass ich zunehmend von dieser Idee Abstand genommen habe. Die Gründe hierfür sind vielfältig: Zum einen fanden die Diskussionen oft auf einem ziemlich abgehobenen, theoretischen Niveau statt. Das führte dann wiederum dazu, dass die Diskutierenden sich hinsichtlich ihrer Toleranz und ihres Reflektionsgrades gegenseitig zu überbieten versuchten und sofort die Scheuklappen fielen, sobald dabei unangemessene, politisch nicht korrekte Begriffe geäußert wurden. Zudem blieben besagte Diskussionen immer auf einem recht oberflächlichen Niveau, da sich niemand die Mühe machte, auch implizite Ausgrenzung anzusprechen. So wurde das Thema meist auf ein ziemlich einfaches 'Ausgrenzung ist verkehrt, hören wir also damit auf' reduziert. Leider werden flache Statements - selbst wenn sie noch so gut gemeint sind - der Komplexität des Problems kaum gerecht.

Warum? Weil Ausgrenzung - besonders in seiner impliziten Form - unsagbar schwierig zu fassen ist und ich bei der Interaktion mit meinem Umfeld regelrecht gezwungen bin, Ausgrenzung zu reproduzieren, um von meinen Mitmenschen halbwegs verstanden zu werden. Beispielsweise kann ich wenn ich von Männern spreche, Trans*männer und schwule Männer mitmeinen, doch in heteronormativen gesellschaftlichen Kontexten muss ich davon ausgehen, dass darunter allein heterosexuelle Cismänner verstanden werden. Ebenso kann ich bei der Frage nach dem Geschlecht eines Kindes die Möglichkeit einer Intergeschlechtlichkeit mitdenken, doch in heteronormativen Kontexten wird sie dennoch als eine 'Männlich-oder-weiblich-Frage' missverstanden. Hebe ich dieses Mitdenken jedes mal durch explizite Nennung des Merkmals hervor, trage ich mit einer derartigen Markierung dazu bei, dass sich die ursprüngliche Bedeutung der Begriffe nicht ändern kann. Tue ich es aber nicht, wird man mich meist nicht verstehen können. Es kommt also zu einem Dilemma. Egal was ich tue, ich bin in heteronormativen Kontexten permanent gezwungen, Ausgrenzung zu reproduzieren. Doch wie lässt sich etwas bekämpfen, das so tief in den Common Sense eingefressen ist?

Leider scheint es mir hier kaum eine wirklich geeignete Lösung zu geben. Aber ich denke, dass der reale Austausch mit Personen, die von Ausgrenzung betroffen sind, noch immer das wirksamste Sensibilisierungsmittel darstellt. Denn während die endlosen Diskussionen nicht selten zu regelrechten Vorwurfs- und Verteidigungsschlachten mutieren, und sich dadurch die Fronten eher verfestigen als auflösen, bietet der von Mensch-zu-Mensch-Kontakt einen lebensnahen Einblick. Wer als Person, die sich als able-bodied identifiziert, die Erfahrung macht, einen Menschen im Rollstuhl über längere Zeit hinweg durch den Alltag begleiten zu können, wird einen Vorstellung davon bekommen, was Barrierefreiheit tatsächlich bedeutet. Man wird begreifen, was nicht vorhandene oder defekte Fahrstühle an U-Bahnhöfen bedeuten, wird die hohen Bordsteinkanten der Straße mit anderen Augen sehen. Keine noch so gute Diskussion ist in der Lage, dies anschaulich zu vermitteln. Natürlich wird nicht jede_r das Glück haben, sich durch eine direkte Begegnung mit betroffenen Personen im realen Leben sensibilisieren zu können, doch zumindest gibt es dank Internet einen riesigen Erfahrungsschatz in Form von Blogs, Foren oder Videoportalen.

Letztlich ist niemandem ein Vorwurf zu machen, wenn er/sie aufgrund mangelnden Wissens ausgrenzt. Wider besseren Wissens hingegen schon. Was ich für wichtig halte, ist daher die Offenheit, sich überhaupt mit Ausgrenzung auseinanderzusetzen und nicht sofort mit Abwehr zu reagieren. So ändert sich vielleicht nach und nach sogar der Common Sense und man ist nicht mehr gezwungen, sich zwecks Verständigung an Ausgrenzung zu beteiligen. Klar kann ich so nicht die Welt verändern, doch ich kann immerhin dazu beitragen, einen winzigen - und doch so wichtigen - Schritt in die richtige Richtung zu tun.

 

Text von Charlie

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Kommentare: 2
  • #1

    Franziska (Mittwoch, 28 Mai 2014 10:23)

    Ich danke für diesen Text. Er zeigt mir sehr schön das Spannungsfeld und die Möglichkeiten und Begrenzungen von Sprache auf. Ich selbst möchte mit Menschen in Kontakt kommen und eine gemeinschaftsbildende Sprache verwenden, gleichzeitig fällt es mir schwer, die sich entwickelnde "Fachsprache" zu lernen und ständig anzuwenden, weil ich schon wieder drauf achten muss, dass Andere mich anders verstehen, als ich es meine.
    Für mich hat Ausgrenzung noch eine andere Dimension: eine innere Haltung. Die ist für mich am Wichtigsten und die Sprache ist nur ein(!) Werkzeug, um mit Menschen in Kontakt zu treten, meine message zu vermitteln. Die Sprache hat in unserer westlichen Welt die höchste Bedeutung, wenn es um Kommunikation geht. Das macht es mir immer wieder schwer zu sprechen, egal in welchem Kontext. Gleichzeitig kann ich dadurch erklären, welche Bilder ich von einem Wort habe. Segen und Fluch gleichzeitig.
    Ich bin sehr froh, mich in Frieden und ohne Verurteilung dazu austauschen zu können.

  • #2

    Charlie (Mittwoch, 28 Mai 2014 12:12)

    @Franziska
    Vielleicht geht es gar nicht so sehr darum, eine völlig korrekte 'Fachsprache' zu lernen, sondern darum, sich erstmal darüber im Klaren zu sein, dass wir implizite Ausgrenzung über die vorhandenen sprachlichen Strukturen (re)produzieren. Ich denke auch, dass die Radikalität hinsichtlich gerechter Sprache in Teilen der queeren Community oft dazu führt, dass Außenstehende darüber ausgeschlossen werden, weil sie entweder fürchten, etwas Falsches zu sagen oder sie schlicht nicht verstehen. Ich denke, wir müssen akzeptieren, dass unsere Sprache auch einfach Grenzen hat, wenn es um Gerechtigkeit geht. Letztlich drückt sie - wie du ja auch schreibst - das aus, was wir im Kopf haben. Wenn die Konnotation bzw. Assoziation von Worten implizit ausgrenzend wirkt, lässt sich das Problem wohl weniger über die Sprache selbst ändern, als vielmehr über das Erfahren anderer Lebensrealitäten. Im besten Fall ändert sich dann irgendwann die innere Haltung der Menschen und die ehemals ausgegrenzten Personen(gruppen) werden einfach mitgedacht. Daher ist für mich eng damit verbunden, wie die Lebensrealitäten von Minderheiten für die Mehrheitsgesellschaft erfahrbar wird.

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