Mein queeres Utopia

Früh spürte ich, dass ich nicht so war, wie die meisten anderen Jungs in meinem Alter. Ich langweilte mich beim Fußballspielen, prügelte mich nur, wenn jemand den Bogen überspannte und spielte bei 'Jungs fangen die Mädchen' ganz selbstverständlich auf Seiten der Mädchen, was sicherlich auch daher rührte, dass ich mich den Jungs gegenüber nicht sonderlich loyal verhielt und meine gefangenen Mitschülerinnen immer 'versehentlich' entkommen ließ.

Anders, als man vielleicht meinen könnte, litt ich jedoch nicht unter Ausgrenzung, sondern wurde sogar zum Klassensprecher gewählt. Klar gab es auch Mitschüler_innen, die mich versuchten damit aufzuziehen, dass ich mich nicht wie ein 'richtiger Junge' verhielt. Eigenartigerweise prallten solche Bemerkungen aber an mir ab, wie Wassertropfen an einem Regencape.

Mit dem Eintritt in die Oberschule änderte sich dieser doch recht unbeschwerte Zustand jedoch schlagartig. Die Pubertät klopfte eines Abends an die Tür und hatte einen Begleiter an der Hand, der mir meine Jugend so richtig schön kompliziert machte - meine Homosexualität. Relativ vorurteilsfrei erzogen, kam mir in all den Jahren gar nicht in den Sinn, ihr - und ganz besonders ihrem regenbogenfarbenen Begleiter - einfach die Tür vor der ungebetenen Nase zuzuschlagen. Mit der Zeit begann ich jedoch zu verstehen, dass ein offener Umgang mit meiner normabweichenden Sexualität an der Schule, die ich besuchte, wohl in einem Spießrutenlauf enden würde, und ich tat das, was wohl die meisten tun: Ich schwieg und versuchte die daraus resultierende Zerrissenheit zu kompensieren, indem ich mich in meine Fantasiewelt zurückzog und den Kontakt zu meinen Mitschüler_innen auf ein Minimum reduzierte.

Ich schrieb bis spät in die Nacht Geschichten, feilte an fiktiven Lebensläufen meiner Protagonisten, war wie besessen davon, ihre unterschiedlichen Hintergründe so realistisch wie nur möglich auszuarbeiten, begann mich im Zuge dessen mit den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Gruppen zu beschäftigen, ließ sie Glück erleben, scheitern und wieder aufstehen. Kurz, ich lebte in meiner kleinen Welt, die ebenso fiktiv wie bedeutsam für mich war. Einige dieser Charaktere sind mir über die Jahre so vertraut geworden, dass ich im Rückblick manchmal kaum glauben will, dass sie gar nicht real waren.

Vielleicht hört sich das alles schrecklich deprimierend an, doch das war es nicht. Ich war sogar ziemlich glücklich damit. Dennoch kam irgendwann unmerklich der Punkt, an dem mich die Diskrepanz zwischen der Welt, in der ich leben wollte, und der Welt, in der ich leben musste, innerlich auszuhöhlen begann. Erstere war bunt oder mit heutigen Worten zu sprechen 'queer', und trotz aller Dramen siegte letztlich immer das Gute. Letztere hingegen erschien mir grau, von völlig irrationalen Zwängen geprägt und nicht zuletzt hoffnungslos starr und gleichförmig. Ich hatte eine Vision, eine Utopie und musste doch einsehen, dass sie mit der Realität so wenig zu tun hatte, wie Vitamine mit Nimm2-Bonbons. Diese Form der Weltflucht, so glaubte ich damals, konnte nicht ewig so weitergehen, ich musste irgendwann erwachsen werden und mich der Realität stellen.

Nach Beendigung meiner Schulzeit, fiel mir dies sogar erstaunlich leicht. Ich outete mich bei meiner Familie und leiste meinen Zivildienst in einer schwulen Einrichtung. Da ich bis dato kaum andere schwule Männer kannte oder mir dessen zumindest nicht bewusst war, projizierte ich all meine Erwartungen von Zugehörigkeit und Akzeptanz in die Szene. So ist es wohl wenig verwunderlich, dass die große Ernüchterung nicht lange auf sich warten ließ. Von Solidarität und Akzeptanz konnte keine Rede sein. Stattdessen begegnete mir Misogynie, Transphobie und Rassismus. Und auch sonst hatte ich Schwierigkeiten, mich mit dem zu identifizieren, was mir die schwule Mainstream-Szene bot: Der Zigarettenqualm in den Bars war unerträglich, die Musik gefiel mir nicht und war um Längen zu laut, die Idee von schnellem anonymen Sex als 'Befreiung' oder 'Emanzipation' widerstrebte mir völlig, und die Bewertung anderer Menschen rein nach Äußerlichkeiten stieß mich ab. Die letzten Monate resignierte ich merklich und war froh, den Dienst wegen meiner beginnenden Ausbildung schließlich verkürzen zu können.

Wenn ich heute so auf die vergangenen Jahre zurückblicke, frage ich mich manchmal, wie es denn eigentlich dazu kam, dass ausgerechnet ich nun hier in diesem Blog schreibe. Ich könnte es soviel leichter haben, die bestehenden Strukturen in der schwulen Szene einfach als einzige Alternative zum heteronormativen Alltag hinnehmen, aufhören zu hinterfragen. Ich könnte mich aus all der Arbeit zurückziehen und die Suche nach meinem Utopia begraben. Ich könnte aufhören zu träumen, zu kämpfen für etwas Besseres. Ich könnte den skeptischen Stimmen einfach glauben. Denen, die ihre Zweifel äußern, weil 'die Dinge nun einmal so sind, wie sie sind und man da halt nichts machen kann'. Ich könnte... Könnte ich? Die Wahrheit ist 'nein'. Denn so sehr ich mich der Realität auch stelle, so sehr ich von meinen Erfahrungen im Alltag demotiviert werde, so gibt mir meine Utopie doch Halt, hilft mir zurück auf die Beine. Eigentlich ganz genau wie damals auf der Oberschule. Erwachsenwerden sollte nicht bedeuten, all seine Träume zu vergessen und sich im Gleichschritt in eine desillusionierte Masse einzureihen. Vielmehr heißt es für mich, seine Träume bestmöglich zu leben bzw. in die Tat umzusetzen.

Was also wünsche ich mir? Was ist mein Utopia?

Ich wünsche mir einen Ort des Empowerments, an dem sich gegenseitige Wertschätzung nicht an körperlichen Äußerlichkeiten ausmacht, an dem wir angstfrei wir selbst sein können, ohne uns gegenseitig zu verurteilen. Einen Ort des Kennenlernens, wo wir jederzeit willkommen sind und als Neue_r nicht nur von hinten angeschaut werden, weil sich alle anderen bereits untereinander kennen. Einen Ort, wo auch Menschen, die noch nicht lange in der Stadt sind, ein Wohnzimmer, vielleicht sogar eine 'Art zu Hause' finden.

Mein Utopia ist ein Raum, an dem wir unseren Horizont erweitern und Lebenswelten von Menschen kennenlernen können, von denen wir kaum etwas wissen, weil sich unsere Wege sonst niemals gekreuzt hätten. Ein Raum zum selbst aktiv werden, in Form von Selbsthilfegruppen, queeren Kochgruppen, Meditationsgruppen, Bastel-, Mal- und Schreibgruppen, Lesekreisen, Tauschbörsen, spannenden Vorträgen von interessanten Menschen, Spiele- und Filmabenden, Kneipen- bzw. Kieztouren, queeren Sprachtandems, Ausflügen und gemeinsamen Reisen etc. Ich wünsche mir, dass daraus fruchtbare Initiativen hervorgehen, die sich auch in unseren Alltag übertragen lassen wie z.B. die Bildung von lokalen Einkaufsgemeinschaften, Einkaufshilfen für ältere Menschen, Hausaufgabenbetreuung für Kinder und Jugendliche oder eine Vernetzung mit anderen Vereinen zwecks Ausbau der queeren Infrastruktur in Deutschland, Europa und weltweit.

Wenn es all das irgendwann einmal in einem queeren Utopia geben sollte, werden künftige Generationen ihre Jugend aber auch das Erwachsensein hoffentlich als weniger konfliktreich erleben können, und den Rückhalt bekommen, der in den gegenwärtigen Gesellschaftsstrukturen nach wie vor nicht ausreichend Berücksichtigung erfährt. So wird es dann eventuell mehr junge Menschen geben, die sich in ihrem So-sein schon früh annehmen können und selbstbewusst für ihre Interessen eintreten. Aber auch uns - den vorangegangenen Generationen - kann ein solcher Ort helfen, unser Leben entsprechend unseren eigenen Bedürfnissen zu organisieren und uns letztlich unabhängiger von vorhandenen Strukturen zu machen. Eine aktive, solidarische Community muss keine Utopie bleiben, wenn wir alle an einem Strang ziehen.

 

Text von Charlie

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