Buchkritik 'Stone Butch Blues'

Es gibt viele Bücher, die mich im Laufe meines Lebens geprägt haben. Solche, die mich gelehrt haben, fremden Dingen mit Neugierde zu begegnen, statt mit Angst. Oder solche, die mir beigebracht haben, wie wichtig es ist, zu sich selbst zu stehen und für seine Ziele zu kämpfen. Diese Bücher sind nicht einfach nur bedruckte Seiten für mich. Sie sind das Tor in eine Welt, die mir einerseits vertraut ist und mich doch jedes Mal aufs Neue mitfiebern lässt. Sie erlauben mir, mich an Orte zurückzuziehen, die auch nach Jahrzehnten noch dieselben sind. Zeitlose Orte, resistent gegen Veränderungen.

Komischerweise fiel mir erst Jahre später auf, welch bleibenden Eindruck sie hinterlassen haben. So ertappte ich mich einmal dabei, wie ich mir beim Schreiben meiner Seminararbeit ins Gedächtnis rief, mich nicht darauf zu fokussieren, am Ende fünfundzwanzig Seiten herausbekommen zu müssen, sondern einfach Wort für Wort, Abschnitt für Abschnitt zu schreiben. Beppo, der Straßenkehrer in Michael Endes Momo hatte es mit dem Fegen der Straße genauso gemacht.

Hin und wieder gibt es aber auch Bücher, bei denen ich schon beim Lesen spüre, dass ich in meinem künftigen Leben noch oft an sie denken werde, und dass ich sie nicht das letzte Mal gelesen haben werde. In solchen Augenblicken sitze ich meist eingemummelt in meine Decke auf dem Sofa und lasse mir die Buchstaben, Worte und Sätze wie Lachsfilet auf der Zunge zergehen. Leider sind solche Momente selten. Dennoch hatte ich vor Kurzem das Glück, ein derartiges Zauberbuch in die Hände zu bekommen. Die Rede ist von Stone Butch Blues von Leslie Feinberg. Eigentlich wollte ich diesen Blogeintrag schon vor ein paar Tagen schreiben, doch ich fühlte mich noch viel zu aufgewühlt, als dass ich einen zusammenhängenden Text hätte schreiben können. Inzwischen ist ein wenig Zeit vergangen und ich hatte die Gelegenheit, meine Gedanken und Gefühle etwas zu ordnen. Zuerst hatte ich mir überlegt, eine Inhaltsangabe zu machen, doch hierzu findet man im Internet bereits so viel, dass ich diese Idee wieder verworfen habe. Stattdessen möchte ich lieber schreiben, was mich an dem Buch berührte und beeindruckte aber auch, was mir das Lesen stellenweise schwer machte.

Ganz kurz vorweg: Das Buch ist 1996 erschienen im Krug & Schadenberg Verlag und wurde aus dem Englischen von Claudia Brusdeylins übersetzt. Die amerikanische Originalausgabe erschien im Jahr 1993 bei Firebrand Books. Inhaltlich geht es um Jess Goldberg, deren Leben vom Kampf, sie selbst zu sein, gekennzeichnet ist. Dabei begegnet sie zum einen Unverständnis, Hass und Gewalt, zum anderen jedoch auch Freundschaft, Liebe und außergewöhnlichem Mut.

Der Roman umfasst 463 Seiten, liest sich dank der gelungenen Übersetzung jedoch so flüssig, dass man ihn gar nicht mehr aus der Hand legen kann. Ich, der sonst schon mal einige Wochen für ein Buch dieses Umfangs benötigt, habe es in gerade mal vier Tagen ausgelesen - mein persönlicher Schnelllese-Rekord. Die Handlung ist zwar chronologisch aufgebaut, doch finden sich größere Zeitsprünge, die meist nur subtil angedeutet werden. Ausmachen kann der_die findige Leser_in sie beispielsweise anhand der beiläufigen Erwähnung historischer Ereignisse, Politiker oder anhand der Musik, die in den Kneipen und Bars gespielt wird. Dies tut der Erzählung jedoch keinen Abbruch, da mehr als die genaue zeitliche Einordnung, die persönliche Entwicklung der Protagonistin im Vordergrund der Geschichte steht.

Die Sprache ist schlicht, was angesichts der Emotionen, die sich hinter den Worten verbergen, vielleicht verwundern mag. Dennoch ist es genau diese Schlichtheit, die Schnörkellosigkeit, die den_die Leser_in Jess' tiefe Verletztheit, ebenso wie ihre Hoffnung und ihren starken (Über)Lebenswillen quasi zwischen den Zeilen herauslesen lässt. Nicht nur ein_e Butch wird sich hiermit identifizieren können. Auch erlaubt eine solche Sprache es dem_der Leser_in, ohne lange Umschweife in die Handlung hineingezogen zu werden. Man ist sofort mitten im Geschehen und gespannt, wie es weitergeht.

Bei all dem Lob, muss ich jedoch auch auf einen Aspekt eingehen, der mir das Lesen streckenweise erschwert hat. So beschreibt Feinberg mit gleichermaßen schlichten wie drastischen Worten, zahlreiche Fälle von meist sexualisierter Gewalt. Oft sind diese Szenen so realistisch und explizit beschrieben, dass es an der Grenze des Erträglichen ist. Die Szene, als Jess in ihrer Schule Opfer einer Gruppenvergewaltigung wird und kurz danach vom Football-Trainer auch noch als 'Hure' beschimpft wird, erstreckt sich beispielsweise 'nur' über zwei Seiten, doch angesichts der plastischen Beschreibung, fühlt es sich eher an wie zehn. Menschen, die durch derartige Beschreibungen stark getriggert werden, sollten daher lieber die Hände von dem Buch lassen.

Für all jene, die sich davon trotzdem nicht abschrecken lassen, bietet der Roman jedoch ein reichhaltiges Spektrum an Gefühlen und gilt nicht zu Unrecht als ein Kultbuch der 1990er Jahre. Ich jedenfalls habe in letzter Zeit bei keinem anderen Buch soviel gelacht, gehofft, mitgefiebert und Tränen vergossen, wie bei diesem. Wer sich für mitreißende Geschichten gepaart mit queerem Zeitgeschehen begeistern kann, sollte Stone Butch Blues unbedingt gelesen haben.

 

Text von Charlie

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Kommentare: 3
  • #1

    Caro (Donnerstag, 28 August 2014 21:12)

    Ich kann mich nur anschließen, das Buch ist absolut lesenswert! Hatte es mir vor ein paar Jahren mal von einer Freundin ausgeliehen, die es mir ans Herz gelegt hat und war auf Anhieb begeistert. Seitdem habe ich es sicher schon dreimal gelesen und es berührt jedes Mal wieder. Für alle, die es noch nicht kennen: ein absolutes Muss im Bücherregal!

  • #2

    Sophie (Mittwoch, 03 Februar 2016 20:48)

    Mir gefällt dein Text sehr gut wie du das Buch und die Geschichte beschreibst. Für mich selbst ist das Buch sowie Autorin und Protagonistin ein teil meines Lebens geworden. Als Lieblingsbuch tausend mal durchgeblättert und quergelesen habe ich sogar in meiner schulischen Karriere damit gearbeitet. Es beschreibt emotional sehr schön wie man sich fühlt wenn man in Jess' Lage wäre. Das Buch schafft Mut und stellt auch entscheidende Fragen zur Gender Debatte. EIN MUSS IM BÜCHERREGAL. Auch daher das es gar nicht soviel von den historischen Hintergründen abweicht. Eine tolle Art, Geschichte den Menschen näher zu bringen!

  • #3

    Charlie (Mittwoch, 03 Februar 2016 21:21)

    @Sophie
    Schön dass dir der Text gefällt. Bald ist es schon wieder zwei Jahre her, dass ich Stone Butch Blues gelesen habe, und ich ertappe mich in letzter Zeit immer wieder dabei, wie ich es erneut lesen möchte. Dabei sage ich mir, dass es noch viel zu früh ist, weil alles noch so präsent ist. Aber irgendwie hat es einen Zauber, dem ich mich nur schwer entziehen kann. Schon beim Lesen des ersten Abschnitts wußte ich, dass ich dieses Buch lieben werde. Und genauso war es...

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