Nachwort zum Berliner CSD 2014

Im vergangenen Sommer war viel von einer Spaltung oder Zersplitterung der Community die Rede. Besonders deutlich wurde dies in den nicht enden wollenden Diskussionen um den Berliner CSD 2014. Anders als in den letzten Jahren ging es hierbei weniger um den Klassiker Anpassung vs. Provokation. Stattdessen schien nun ein seit Jahren schwelender Konflikt an die Oberfläche zu treten. Die Frage, die alles überlagerte war, wem der CSD denn eigentlich gehört. Gehört er überhaupt jemandem? Einige Stimmen waren der Ansicht, er gehöre dem CSD e.V., andere argumentierten, er gehöre einzig und allein der Community, und wieder andere lehnten generell jede Form von Besitzanspruch ab.

Bei all dem zerbrochenen Glas, möchte ich in diesem Blogeintrag jedoch nicht weiter auf eine inhaltliche Diskussion eingehen, sondern lieber die Art und Weise reflektieren, wie viele der Diskussionen geführt wurden und werden. Fragen, die ich hier klären möchte sind, welche Rolle Kompromissbereitschaft in diesem Zusammenhang zukommt, warum sie abzunehmen scheint, und was uns die Diskussionsbeteiligung letztlich über unsere Community verrät.

Idealerweise führen Diskussionen dazu, dass die Beteiligten sich miteinander über ihre Sichtweisen austauschen und dadurch bestenfalls ihren Horizont erweitern. Voraussetzung ist jedoch, dass sie die Bereitschaft mitbringen, sich wirklich auf die Argumentation ihrer Gesprächspartner einzulassen und ggf. von ihrem Standpunkt abzurücken. Wie wir alle wissen, sieht die Realität meist ganz anders aus. Die Standpunkte stehen fest, die Diskussionen sind eher Schein-Debatten, um nach außen hin den Eindruck von Offenheit zu erwecken, und an einem Gedankenaustausch besteht kein wirkliches Interesse. Man bekommt das Gefühl, es gehe hier eher um Vorwurfs- und Rechtfertigungsschlachten, die Verteidigung von ideellen Räumen. Dass auf diese Weise kein Verständnis erreicht werden kann, liegt auf der Hand. Wäre die Ausgangssituation nicht schon dermaßen festgefahren, sähe die Diskussion möglicherweise anders aus. Doch scheint es in ihrer Natur zu liegen, dass sie erst dann zustande kommt, wenn sich die Fronten bereits verhärtet haben. Kompromisse werden so nahezu unmöglich.

Ein weiter Aspekt ist hier der für Großstädte charakteristische Trend hin zu größerer Individualisierung, der aufgrund der Tatsache, dass jede noch so kleine gesellschaftliche Gruppe sich ihre eigenen Räume und Nischen schafft, eine Auseinandersetzung mit Außenstehenden überflüssig erscheinen lässt. 'Leben und leben lassen', wie es oft so schön heißt, wird dann zu nichts anderem als Gleichgültigkeit, so sehr wir uns auch bemühen, dies schönzureden. Ein CSD, der Queers, Butches, Femmes, Bisexuelle, Lederschwule, Bären, Normalos, Drag Queens und Kings, Trans* und Inter*menschen u.a. an einem Ort zusammenkommen lässt, mag in Anbetracht der Individualisierungstendenzen fast schon anachronistisch wirken. Debatten um Events, die heute von all diesen Menschen beansprucht werden, sind daher auf große Kompromissbereitschaft angewiesen.

Wie am Fall des diesjährigen Hauptstadt-CSDs zu erkennen ist, ist diese aber wohl immer weniger gegeben. Ich frage mich, ob die vielbeschworene Spaltung oder Zersplitterung nicht einfach Ausdruck einer solchen Individualisierungstendenz ist. Vielleicht wird sie in Großstädten wie Berlin nur besonders sichtbar, weil wir heute die Möglichkeit des Sich-Zurückziehens in eigene Räume haben und daher glauben, die Auseinandersetzung mit den 'anderen' sei schlicht überflüssig. In Wahrheit hätte es die Spaltung bzw. Zersplitterung wahrscheinlich schon wesentlich eher gegeben, wenn die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen es erlaubt hätten. Menschen, die den Sinn von Kompromissen nicht sehen, werden auch kein Interesse daran haben, in Diskussionen andere Standpunkte und Meinungen verstehen zu lernen. Die Vorstellung, dass sich solche Individualisierungs-tendenzen allein durch Gespräche überwinden lassen, halte ich daher für gleichermaßen unwahrscheinlich wie naiv.

Dennoch darf nicht vergessen werden, dass eine Spaltung oder Zersplitterung immer auch ein großes Ganzes impliziert. Nämlich jenes, das gespalten oder zersplittert wird. Sprechen wir also von Community, bedeutet dies auch, dass wir sie als Vorannahme der besagten Individualisierung akzeptieren. Natürlich ist es kaum möglich, im Rahmen eines Blogeintrags die Frage zu klären, ob es überhaupt Sinn macht, von einer 'queeren Community' zu sprechen. Allerdings fällt bei der Diskussion auf, dass sich die unterschiedlichsten Gruppen und Einzelpersonen daran beteiligen. Dies setzt zumindest ein gewisses Maß an Identifikation mit dem Gesprächsgegenstand - hier dem Berliner CSD - voraus. Durch derartige Auseinandersetzungen eigenen sich die Debattierenden den Gegenstand der Diskussion gewissermaßen an oder hegen zumindest eine Art von Anspruch auf Beteiligung. Wäre er allen gleichgültig, würde er wohl kaum zu solchen, teils recht hitzigen, Diskussionen führen. Die rege Beteiligung ist demnach auch ein Indiz dafür, inwieweit wir uns (noch) als Community begreifen.

Solange es die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen erlauben, uns ausschließlich mit jenen Menschen abzugeben, mit denen wir ähnliche Wertvorstellungen teilen, wird es somit wohl kaum zu einer Kompromissbereitschaft kommen können. Die Selbstverständlichkeit, sich in Räumen zu bewegen, die unserem Wesen zu möglichst hundert Prozent entsprechen, lässt Kompromisse heute überflüssig erscheinen. Andererseits hegen wir aber auch Anspruch auf Miteinbeziehung bei queeren Events wie dem CSD. Dass ein Anspruch auf Raum - welcher mit den eigenen Wertvorstellungen bitte schön komplett übereinstimmen soll, sich gleichzeitig jedoch an eine ausgesprochen heterogene Gruppe richtet - automatisch Konflikte hervorbringt, müsste klar sein.

Anstatt uns in endlosen Diskussionen darüber zu verlieren, welcher der vielen CSDs denn nun der 'rechtmäßige' ist, und weshalb all die anderen denn nun schlechter sind, halte ich es für sinnvoller uns zu fragen, was Community für uns überhaupt bedeutet und wann sie uns erstrebenswert scheint. Macht die kompromisslose Suche nach einem Raum von Gleichgesinnten beim CSD wirklich Sinn? Kann ich mir - zumindest zeitweilig - einen Raum mit Menschen teilen, die mir sonst vielleicht eher fremd sind? Was heißt es für mich, Kompromisse einzugehen?

 

Text von Charlie

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