Awareness Test 'Heteronormativität'

Heteronormativität ist oft Gegenstand akademischer Diskurse. Jenseits der Gender- und Queer Studies stößt man jedoch noch immer auf große Unwissenheit. Oft fragen einen Menschen, was Heteronormativität denn eigentlich sein soll. So sehr ich mich auch bemühe, gelingt es mir dann meist nicht, den Begriff ohne das diskursspezifische Fachvokabular à la 'binäres System', 'dichotomes Geschlechtermodell' oder 'Geschlechtsperformanz' verständlich zu machen. Da ich mich im Eintrag zum Thema Homophobie vor einigen Monaten bereits ausführlich mit der Definition des Begriffs auseinandergesetzt habe, möchte ich mich hier aber nicht weiter damit befassen. Stattdessen möchte ich versuchen, Heteronormativität einmal als Selbsterfahrungstest begreifbar zu machen. Wo macht sich Heteronormativität in meinem Alltag konkret bemerkbar?

Dabei sollte natürlich berücksichtigt werden, dass nicht das einzelne Merkmal an sich Rückschlüsse darüber zulässt, wie heteronormativ mein Umfeld nun ist, sondern vor allem ihre Summe. Aus diesem Grund habe ich fünfzig Charakteristika aufgelistet, die mir spontan eingefallen sind. Wer die Muße hat, kann sich ein Spiel daraus machen, und seinen eignen Alltag auf die von mir beschriebenen Charakteristika prüfen. Alles was du tun musst ist, in einem von dir festgelegten Zeitraum bewusst durch den Alltag zu gehen, deine Erfahrungen zu reflektieren und hinter jedem zutreffenden Satz ein Häkchen zu machen. Viele der beschriebenen Merkmale erfordern genaues Hinsehen und eine gewisse Distanz zum gewohnten Blick. Dies zu erlernen, braucht etwas Zeit. Es empfiehlt sich daher, für den Anfang einen möglichst langen Zeitraum zu wählen, wie z.B. einen Monat. Wenn der Awareness Test abgeschlossen ist, hast du deinen Blick für Heteronormativität geschärft und einen Eindruck davon, wie heteronormativ dein Umfeld tatsächlich ist. Viel Spaß!

In einer heteronormativen Gesellschaft...

1. ...sollen Frauen sich schminken und Männer dürfen es nicht.

 

2. ...sind Geschlechter jenseits des heteronormativen Mann/Frau-Systems undenkbar und lösen Unbehagen oder sogar Aggressionen aus.

 

3. ...wachsen queere Menschen mit dem Bewusstsein auf, dass etwas mit ihnen 'verkehrt' ist.

 

4. ...lernen Kinder im Biologieunterricht etwas über heterosexuellen Geschlechtsverkehr, während homosexueller Geschlechtsverkehr bestenfalls am Rande thematisiert wird.

 

5. ...lernen Kinder im Biologieunterricht, dass es nur zwei natürliche Geschlechter gibt und zwischengeschlechtliche Menschen an 'Fehlbildungen' oder 'chromosomalen und anatomischen Abnormitäten' leiden.

 

6. ...wird das biologische Geschlecht mit dem sozialen Geschlecht gleichgesetzt.

 

7. ...werden Menschen, die für ein differenzierteres Geschlechtersystem sensibilisieren, als Spinner und 'Gender-Terroristen' bezeichnet.

 

8. ...wird Heterosexualität naturalisiert und unmarkiert als Norm vorausgesetzt, während Homosexualität markiert und geothert wird.

 

9. ...fragen Menschen Frauen selbstverständlich nach ihrem Freund oder Mann und Männer nach ihrer Freundin oder Frau. Heterosexualität wird ungefragt vorausgesetzt und eine andere Möglichkeit gar nicht in Erwägung gezogen.

 

10. ...werden heteronormative Rituale wie z.B. Hochzeiten als einer der Höhepunkte des Lebens dargestellt.

 

11. ...werden heteronormative Institutionen wie die Ehe als erstrebenswertes Lebensmodell propagiert.

 

12. ...werden Attribute, die mit Unmännlichkeit ('schwul') oder Unweiblichkeit ('lesbisch') assoziiert werden, als Schimpfwörter gebraucht.

 

13. ...machen Menschen Witze auf Kosten queerer Menschen, verletzen diese damit und entziehen sich anschließend jeder Kritik, indem sie meinen, "alles sei ja nicht so gemeint."

 

14. ...werden Frauen auf ihr Aussehen reduziert, Männer auf ihr Können.

 

15. ...werden Trans*menschen nicht in ihrem wahren Geschlecht anerkannt, und es werden falsche Pronomen benutzt. Manchmal meint man, sich tolerant zu geben, indem man von "sie oder ihm" spricht.

 

16. ...wachsen queere Menschen mit dem Bewusstsein auf, dass es viele Länder auf dieser Welt gibt, in denen ihnen Repressalien, Verfolgung und Schlimmeres droht.

 

17. ...leugnen Menschen, dass Heteronormativität bzw. Hetero-, Cis- und Endosexismus ein reales gesellschaftliches Problem ist, das im schlimmsten Fall Menschenleben kostet.

 

18. ... schenkt man Jungs Autos oder Actionfiguren und Mädchen Barbiepuppen.

 

19. ... müssen Jungs blaue Kleidung mit Motiven von Dinosauriern, Autos, Fußball oder Monstern tragen und Mädchen rosa oder lila Kleidung mit Motiven von Disney-Prinzessinen, Hello Kitty, Blumen, Schmetterlingen etc.

 

20. ...lösen Kinder, die äußern, dass sie sich 'gegengeschlechtliches' Spielzeug oder andere Kleidung wünschen, Verwunderung aus und/oder werden mit ihren Wünschen nicht ernst genommen.

 

21. ...lassen sich die Menschen, die man im öffentlichen Raum sieht, alle entweder in männlich oder weiblich einordnen.

 

22. ...sind die Paare, die man im öffentlichen Raum sieht, fast ausschließlich heterosexuell.

 

23. ...begegnen dir überall Bilder, auf denen die Frau zum Mann aufschaut oder sich an ihm festhält und/oder der Mann den Arm um sie legt.

 

24. ...begegnen dir überall Hand in Hand laufende heterosexuelle Paare, bei denen der Mann stets die Hand vorne hält und die Frau so quasi 'führt'.

 

25. ...sprechen heterosexuelle Menschen im öffentlichen Raum selbstverständlich von ihren heterosexuellen Erfahrungen ohne diese explizit als solche zu benennen.

 

26. ...werden sichtbar queere Identitäten als Störung, Grenzüberschreitung und/oder Provokation verstanden, während heteronormative Identitäten überall, zu jeder Zeit gefahrlos sichtbar werden können.

 

27. ...starren Menschen im öffentlichen Raum die in ihrer Identität sichtbaren Trans*menschen, Schwulen, Lesben etc. aufdringlich an oder blicken demonstrativ an ihnen vorbei.

 

28. ...werden als Männer gelesene Personen in Bekleidungsgeschäft automatisch in die sog. 'Herrenabteilung' geschickt, bevor diese überhaupt äußern können, was sie suchen. Bei als Frauen gelesenen Personen ist es umgekehrt genauso.

 

29. ...laufen Menschen, die nicht eindeutig als 'männlich' oder 'weiblich' eingeordnet werden, Gefahr, Anfeindungen ausgesetzt zu sein und meiden daher öffentliche Räume.

 

30. ...erhalten Frauen in den Medien objektualisierende/sexualisierende Attribute wie 'heiß', 'attraktiv', 'sexy' etc.

 

31. ...sind die abgebildeten Männer stets größer als die Frauen.

 

32. ...tragen Frauen in den Medien meist lange Haare, enge Kleidung, welche den Körper betont, und zeigen viel nackte Haut.

 

33. ...tragen Männer meist kurze Haare, weite Kleidung und zeigen im Vergleich zu Frauen wenig Haut.

 

34. ...werden Frauen auf die Attraktivität für den heterosexuell-männlichen Blick reduziert.

 

35. ...wird das Liebesleben heterosexueller Paare in Zeitschriften, im Fernsehen, in Songs etc. lang und breit thematisiert. Das Liebesleben homosexueller Paare wird entweder nicht thematisiert oder nur kurz als Kuriosität gestreift, wobei hierbei - anders als bei Heterosexuellen - die Label 'schwul' oder 'lesbisch' auftauchen.

 

36. ...werden in den Nachrichten Attribute wie 'schwul', 'lesbisch', 'trans*' etc. genannt, obwohl sie für die eigentliche Nachricht völlig irrelevant sind.

 

37. ...werden schwule Männer noch immer subtil mit Kindesmissbrauch in Verbindung gebracht.

 

38. ...werden Trans*menschen hinsichtlich ihres wahren Geschlechts als 'Betrüger' dargestellt.

 

39. ... kommen selbstverständlich homosexuelle Figuren im Fernsehen entweder nicht vor und dienen - wenn doch - bestenfalls als lustiger Sidekick oder tragische Figur, die mit Krankheit, Tod, Verbrechen oder Anfeindung in Verbindung steht.

 

40. ...werden Youtube-Videos, die einen harmlosen gleichgeschlechtlichen Kuss zeigen, gesperrt.

 

41. ...werden Filme, die mit dem Thema Homosexualität oder Trans*geschlechtlichkeit genauso selbstverständlich umgehen wie mit Heterosexualität und Cisgeschlechtlichkeit, vom FSK erst ab 16 Jahren freigegeben.

 

42. ...laufen Filme oder Serien, die gleichgeschlechtliche Beziehungen genauso wenig entsexualisieren wie verschiedengeschlechtliche, meist im Nachtprogramm.

 

43. ...löst das Coming Out einer in der Öffentlichkeit stehenden Person einen Presse-Hype aus.

 

44. ...werden Morde an Trans*menschen, Schwulen, Lesben etc. dadurch relativiert und verharmlost, indem man den Opfern die (Mit)Schuld gibt, weil sie ihr 'Anderssein' allzu offensiv ausgelebt haben.

 

45. ...meinen queere Menschen, die selbst von Ausgrenzung und Diskriminierung betroffen sind/waren, Teil der 'gesellschaftlichen Mitte' zu werden, indem sie ihre Verletzungen und Gewalterfahrungen vor anderen bagatellisieren.

 

46. ...grenzen sich queere Menschen von anderen queeren Menschen ab, um vom heteronormativen Umfeld akzeptiert zu werden.

 

47. ...werfen queere Menschen einander vor, den heteronormativen Mainstream mit ihrem Sosein bewusst zu provozieren und so ein schlechtes Licht auf alle Lesben, Schwule, Trans*menschen etc. zu werfen.

 

48. ...werfen Schwule und Lesben Trans*menschen vor, ihre Transition nur deshalb zu machen, weil diese nicht zu ihrer Homosexualität stehen wollen. Die Existenz gleichgeschlechtlicher Paare mit einem/r Trans*partner_in wird hartnäckig ignoriert.

 

49. ...werfen Schwule und Lesben Bisexuellen vor, nicht zu ihrer Homosexualität stehen zu wollen und sich nur hinter der vorgetäuschten Möglichkeit heterosexueller Beziehungen zu verstecken.

 

50. ...bewerten queere Menschen ihresgleichen nach strengeren Maßstäben als die heteronormative Masse.

 

 

 

Text von Charlie

 

 

 

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Caro (Montag, 06 Oktober 2014 17:26)

    Cooler Test! Habe den Link Freunden geschickt und werde ihn gleich selbst mal machen. Ein Monat ist mir aber etwas zu lang ;-)

  • #2

    Charlie (Mittwoch, 08 Oktober 2014 12:04)

    @Caro
    Freut mich, dass dir der Test gefällt. Und danke für das Teilen mit deinen Freunden. Ich könnte vermutlich hinter jedem Satz ein Häkchen machen. Nur nicht, wenn ich ein oder zwei Wochen heteronormativitätsbewusst durch den Alltag gehe. Einige Punkte sind so spezifisch, dass man als 'Normalo' im Alltag wohl kaum damit in Berührung kommt. Erst wenn ich mich wirklich intensiv damit beschäftige und/oder betroffene Menschen in meinem Freundes- und Bekanntenkreis habe, bin ich in der Lage, das ganze Ausmaß der Heteronormativität im Alltag zu begreifen. Daher denke ich fast, dass sogar ein Monat etwas zu kurz ist...

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