Wenn Träume wahr werden - Eine Kurzgeschichte Teil 1

Ein richtiger Mann. Stark, roh und unverfälscht. So hatte er es sich immer erträumt. Keiner, der im Badezimmer am Morgen länger als zehn Minuten brauchte. Keiner, der beim Grand Prix-Schauen Piccolo aus Champagnerflöten trank, sondern einer, der in großen Zügen beim Fußball-Schauen auf dem heimischen Sofa sein Bier zischte, sich danach den Schaum aus dem Schnurrbart wischte, um sich danach - die Hand in der Hose - wieder grunzend dem Spiel zu widmen. So richtig männlich eben.

Leider hatten seine jahrelangen Erfahrungen in der schwulen Szene Berlins ihm schmerzlich bewusst werden lassen, dass er ein solches Mannsbild hier nicht finden würde. Alles was er fand, entpuppte sich bei näherem Kennenlernen letztlich doch nur als Männer-Verschnitt. Einmal hatte er einen in einer schöneberger Lederkneipe getroffen, der recht vielversprechend wirkte: Muskeln, Tattoos, Bart, Haare und nochmals Haare. Dass er Raucher war, machte ihm dabei nichts aus - im Gegenteil. Gerade der Duft von Tabak gemischt mit frischem Männerschweiß ergab jene Aura von unverfälschter, rauer Männlichkeit, die er so heiß begehrte.

Alles schien perfekt. Bis zu dem Tag, als er feststellen musste, dass sein Angebeteter eine merkwürdige Vorliebe für Marianne Rosenberg hegte. Doch damit nicht genug, versteckt hinter dicken Büchern mit Titeln wie 'Der große Almanach des Motorsports' oder 'Bohrmaschinen des 21. Jahrhunderts' entdeckte er eines Abends die Biografie von Barbra Streisand. Die schöne Illusion war damit unwiederbringlich zerstört. Sein Angebeteter war eben doch nur eine ganz gewöhnliche Schwuppe. Das ganze Gehabe um Männlichkeit war nichts anderes als ein Trick gewesen, ahnungslose Männer wie ihn hinters Licht zu führen. Enttäuscht packte er seine Lancȏme Anti-Anging Creme, die Kuschelrock CDs, das Aquaglide und die Men's Health zusammen und verließ ihn auf Nimmerwiedersehen.

Nach zahllosen weiteren Enttäuschungen kam er also zu dem Schluss, dass er das was er suchte, bei schwulen Männern nicht finden könne. Wie gelegen kam es ihm daher, als eine als Fee verkleidete rumänische Drag Queen ihm in einer Sommernacht ein mysteriöses Elixier verkaufte, welches das Begehren des stolzesten Heteros in ein gleichgeschlechtliches verwandeln konnte. Angeblich, so die Drag Queen, sei es bereits erfolgreich an russischen Präsidenten getestet worden. Da er zu einen stutzbetrunken war, und zum anderen insgeheim hoffte, an dem Versprechen möge doch etwas Wahres dran sein, kaufte er es ihr zum Freundschaftspreis von nur 99,99 € ab.

Dennoch stellte sich die Frage, wie er seinen zukünftigen Traumprinzen denn nun finden solle. Das Elixier allein nützte ihm hier herzlich wenig. Doch das Schicksal war ihm offenbar zugetan. Als er eines schönen Spätsommertages an einer Würstchenbude jenen Schnauzbart tragenden Handwerker wiedertraf, welcher ihn einige Tage zuvor beim Rohrbruch in der Küche mit seiner männlich kompetenten Art beeindruckt hatte, zögerte er nicht lange, und träufelte in einem passenden Moment das Zauber-Elixier in das halbvolle Bierglas seines Gegenübers. Die Wirkung ließ nicht lange auf sich warten. Nach spätestens einer Viertelstunde galt sein Interesse nicht mehr den vorbeiwackelnden Hintern schöner junger Frauen, sondern einzig und allein ihm. Und da sein Schwarm zudem nicht gebunden war, traf es sich, dass sie nach nur wenigen Wochen in eine gemeinsame Wohnung zogen und dem Leben in trauter Zweisamkeit frönten.

Ja, es waren glückliche Tage. Er selbst putze und kochte, wie er es einst von den verstaubten Ratgebern im Bücherregal seiner Eltern gelernt hatte. Und wenn Bruno, so der Name seines Partners, nach einem langen harten Arbeitstag nach Hause kam, brachte er ihm eilig die Hausschuhe und setzte ihm eines seiner Leibgerichte vor, das meist aus einem noch blutigen Steak mit Bratkartoffeln bestand. Bruno beendete sein Mahl dann immer mit einer Zigarette, einem kühlen Bier und einem zufriedenen Rülpser. Auch die 'ehelichen Pflichten' kamen nicht zu kurz, wenngleich das Vergnügen hier - und das muss an dieser Stelle doch zugegeben werden - recht einseitig und von geringer Dauer war. So vergingen Tage, Wochen, Monate.

 

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Text von Charlie

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