Wenn Träume wahr werden - Eine Kurzgeschichte Teil 2

Mit der Zeit hielt der Alltag Einzug ins Leben der beiden Männer und die anfängliche Leidenschaft wandelte sich in bleierne Monotonie. Der Bauchumfang seines Traumprinzen wuchs zusehends, die ohnehin schon raren Dialoge beim abendlichen Beisammensein wurden noch seltener. Die Abstände, in denen sein Rosenkavalier einen Wechsel der Unterwäsche für nötig hielt, nahmen zu, wie die Abstände, in denen sie die 'ehelichen Pflichten' vollzogen. Wenn er nach getaner Arbeit nach Hause kam, zog er es vor, hastig und schweigend sein Abendessen einzunehmen, nur um es sich alsbald vor dem heimischen Fernseher mit einem Kasten Bier gemütlich zu machen und ein Bundesliga-Spiel anzusehen. Nicht ein Wort des Dankes dem fleißigen Koch, der sich mit dem Essen solch eine Mühe gegeben hatte. Die frischen Pfingstrosen auf dem Tisch wurden lieblos mit den Worten, er habe nichts übrig für solchen Weiberkram, beiseite geschoben.

Auch verhielt er sich immer häufiger ungehalten ihm gegenüber, so dass er es kaum noch wagte, ihn anzusprechen. Die einzigen Momente, in denen er ihm Fragen gestattete, waren jene, in denen er zum wiederholten Male dröge Monologe über die Vorzüge der Dieselpumpe hielt, oder ihn - leider wenig erfolgreich - in die Regeln des Fußballspiels einwies. Wenn er nicht so spurte, wie Bruno es sich vorstellte, hing der Haussegen schief, und war erst wieder bereinigt, wenn er sich ausdrücklich beim Patriarchen für sein Betragen entschuldigte und dieser ihm daraufhin großmütig vergab.

Während er zu Beginn ihrer Beziehung der Tatsache, dass sein Traumprinz im Sommer durchlöcherte weiße Tennissocken und Birkenstocksandalen trug, und am Morgen im Badezimmer tatsächlich weniger als fünf Minuten benötigte, noch etwas abgewinnen konnte, begann sich sein Begehren allmählich zu wandeln. All das unverfälscht Männliche, das er einst so an ihm geschätzt hatte, verlor seinen Reiz. Er begann seine Freunde zu beneiden, die gemeinsam mit ihren Partnern den Grand Prix sahen, bei Kerzenlicht Champagner schlürfend Marianne Rosenberg hörten und sich gemeinsam über die Einbauküche ihrer Nachbarn das Maul zerrissen. Eine ungeheure Sehnsucht packte ihn und es war ihm, als könne er keinen einzigen Tag mehr in diesem Leben verbringen, das sich nicht mehr wie sein eigenes anfühlte. Plötzlich hatte er es satt, seine Anti-Aging Creme aus Angst vor blöden Sprüchen vor den Augen seines Partners verstecken zu müssen. Alles was er sich nun wünschte war, wieder so herrlich schwul leben zu können, wie er es vor Bruno getan hatte.

Als dieser eines Abends mal wieder angetrunken einem Fußballspiel folgte, verließ er still und heimlich die Wohnung um jene rumänische Drag Queen aufzusuchen, die ihm damals das Zauber-Elixier verkauft hatte. Zu seinem großen Glück fand er sie Cocktail trinkend in einer Bar und klagte ihr sein Leid. Als sie sich alles geduldig mit einem vielsagenden Lächeln angehört hatte, nahm sie behutsam seine Hand, legte ihm ein kleines Fläschchen hinein, faltete seine Hand zusammen und umschloss sie mit der ihren: "Gib ihm dies und er wird wieder sein wie zuvor." Er nahm das Fläschchen und betrachtete die grünlich schimmernde Flüssigkeit im Inneren. Als er sich wieder der Drag Queen zuwenden wollte, war sie wie von Geisterhand verschwunden.

Stirnrunzelnd kehrte er nach Hause zurück und fand Bruno schnarchend und sabbernd auf der Couch. Das Spiel war längst vorüber, doch der Bildschirm flimmerte noch trostlos vor sich hin. Seufzend schaltete er ihn aus und legte sich schlafen. In den Händen hielt er fest umschlossen das Gegen-Elixier. Als nun der Morgen graute, bereitete er wie jeden Morgen das Frühstück zu und gab sich dabei besondere Mühe, denn wenn alles gut ginge, würde es das letzte Mal sein. In den morgendlichen Kaffee gab er die grünliche Flüssigkeit, weckte den schnarchenden Kavalier und fand sich wenig später mit ihm am Frühstückstisch wieder.

Nach zwei, drei Schlücken Kaffee, begann sich Bruno irritiert am Kopf zu kratzen, legte die Stirn in Falten, nahm kurze Zeit darauf wortlos seinen Werkzeugkoffer von der Anrichte im Flur und verließ die Wohnung mit den knappen Worten: "Tschau, Kumpel." Er ahnte, dass Bruno nicht wiederkehren würde und stieß einen Seufzer der Erleichterung aus. Es war, als fiele ihm ein riesiger Granitbrocken vom Herzen und er fühlte sich frei und beschwingt. Zur Feier des Tages lud er all seine Freunde mit ihren Partnern zu einem schwulen Filmabend ein und legte wenig später eine alte Zarah Leander-Platte auf, die er seit Jahren nicht mehr gehört hatte. Nie wieder, schwor er sich. Nie wieder einen Hetero...

 

Text von Charlie

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Kommentare: 2
  • #1

    J. (Mittwoch, 29 Oktober 2014 22:50)

    Eine wunderbare Geschichte über die Frage, ob das, was man sich wünscht, auch immer das ist, was man braucht. Oma's Sinnspruch "Versuch macht kluch" (in sächsischer Mundart) führt zur Erkenntnis, dass man hinterher immer schlauer ist.
    By the way: Muss es mir peinlich sein sein, dass ich als schwuler Mann niemals Marianne Rosenberg höre (auch nicht mit Champagner, wenngleich es mit Alkohol einfacher wäre) und auch nicht das Oeuvre Barbra Streisands kenne? Okay...ich brauch' morgens im Bad mehr als 5 Minuten. Damit komm' ich durch, oder? ;-)

  • #2

    Charlie (Mittwoch, 29 Oktober 2014 23:34)

    Erstmal vielen Dank für dein Lob, schön ein Feedback zu bekommen!
    Zur Frage, ob es dir peinlich sein muss: Bis zum vorletzten Jahr galt ja noch der 1973 vom Bundes-Schwulen-Ministerium eingeführte § 39 Absatz 4, der die 'Unkenntnis von zu Schwulenikonen gewordenen Sängerinnen' unter Strafe stellte. Glücklicherweise wurde ja bereits um die Jahrtausendwende die Zuchthausstrafe in eine vergleichsweise milde Geldstrafe umgewandelt. Damals bildeten sie ja noch Spione aus, die die heimische CD-Sammlung auf verdächtiges Hetero-Material hin inspizierten und alle Schwulen, die z.B. den Grand Prix nicht sahen, auf die 'graue Liste' setzen. Ganz gefährlich wurde es - so die Älteren unter uns - wenn du es gewagt hast, mit einer Bierflasche in der Hand Fußball zu schauen. Da hättest du dich auf keinen Fall bei erwischen lassen dürfen! Ich als Grand Prix-Muffel und jemand, der zugegebenermaßen weder mit Marianne Rosenbergs noch Barbra Streisands Musik besonders viel anfangen kann, bin froh, dass sich die Zeiten heute geändert haben ;-)
    Beste Grüße

    PS: Wenn du im Bad mehr als 5 Minuten brauchst, hast du den schwulen Eignungstest bestanden, denke ich.

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