Wem nützt die Gewalt gegen queere Männer?

Wie oft habe ich mich schon dabei erwischt, wie ich den Habitus meiner männlichen - und meist heterosexuellen - Geschlechtsgenossen analysiert und dabei systematisch in seine Einzelteile zerlegt habe, um es von allen Seiten gründlich zu beleuchten? Irgendwie gab es mir ein Gefühl von Überlegenheit, so als sei ich ihnen einen Schritt voraus und kenne sie besser, als sie sich selbst. Das klingt wahrscheinlich recht überheblich, doch es half mir, mich in dieser mir fremd erscheinenden Welt zurecht zu finden und mir so ein kleines Stück meiner verlorenen Sicherheit zurückzugeben.

Genauso oft, wenn nicht noch öfter, wie ich mich als schwuler Mann von der unwissenden Mehrheitsgesellschaft ausgestellt und seelisch vermessen fühlte, sezierte ich genüsslich das eigenartige Verhalten meiner heterosexuellen Umwelt, klopfte es auf seine Absurdität und Widersprüchlichkeit ab und kam meist zu dem Schluss, dass sich ihr eigener Anspruch auf 'Natürlichkeit' nicht aufrechterhalten ließ. Wunde zugenäht, Faden, Schere, Tupfer, fertig.

Nicht selten werde ich mir auch erst bewusst, über bestimmte Dinge nachzudenken, wenn mich wie aus dem Nichts eine Erklärung dafür anspringt. Denke ich bewusst noch einmal darüber nach, erscheint mir vieles im Nachhinein unschlüssig. Neulich hatte ich wieder so einen 'Geistesblitz', doch diesmal kommt er mir erstaunlich schlüssig vor. Im folgenden Blogeintrag möchte ich versuchen, meine Gedanken zu ordnen. Ich beziehe mich in meiner Betrachtung natürlich nur auf meine eigene Lebenswirklichkeit als schwuler Mann, und möchte hiermit weder Anspruch auf Allgemeingültigkeit noch auf Exklusivität stellen.

Oft heißt es, dass Geschlechtlichkeit - in meinem Fall Männlichkeit - von der geschlechtsperformenden Person selbst hergestellt wird. Mit Geschlechtsperformanz meine ich, dass sie männlich codierte Zeichen an ihr Umfeld aussendet. Diese Zeichen sind z.B. die Kleidung, die Art zu sprechen bzw. die gewählten Themen, die Art sich zu bewegen oder aber die öffentliche Selbstinszenierung als der 'männliche Teil' eines heterosexuellen Paares. Ebenso ist es aber auch die Inszenierung - und damit Formung - eines männlichen Körpers. Männer nehmen Raum ein, indem sie durch Muskelaufbau quasi ihre Körperoberfläche vergrößern. Ihre Körperbehaarung wird beispielsweise in Form von Bärten, ihr Stimmvolumen häufig durch lautes Sprechen in Szene gesetzt. Ich stimme der Ansicht zu, dass Männlichkeit bis zu einem gewissem Grad von der geschlechtsperformenden Person selbst hergestellt wird, aber irgendwie gerät dabei etwas Entscheidendes aus dem Blickfeld, nämlich dass dies immer auf der Lesefähigkeit des Umfelds beruht.

Soll heißen, dass Männlichkeit nicht aus sich selbst heraus männlich ist, sondern andere Menschen sie als solche zu lesen bzw. zu klassifizieren gelernt haben. Dies bedeutet wiederum, dass ein Mann, der als solcher gelesen werden will, nicht nur auf die Lesefähigkeit seines Umfelds angewiesen ist, sondern auch darauf, ob es bereit ist, einen Menschen in seiner Geschlechtsperformanz als Mann zu akzeptieren. Die Herstellung von Männlichkeit ist demnach immer auch eine wechselseitige Angelegenheit.

Dabei fällt auch auf, dass es innerhalb der Geschlechtergrenzen ein gewisses Spektrum an Ausdrucksmöglichkeiten gibt und diese eng mit anderen Attributen wie Alter, (Sub)kultur oder sozialer Schicht verbunden sind. Ergo werden einem Achtzigjährigen teils völlig andere Ausdrucksmöglichkeiten zugestanden als beispielsweise einem Fünfzehnjährigen. Während Letzterer Shorts, neongelbe Sportschuhe, T-Shirts mit 'frechen' Slogans, längere Haare und ein Basecap tragen kann, wirkt dies bei Ersterem auf viele Menschen 'komisch', 'dem Alter unangemessen' oder gar 'peinlich'. Ausdrucksmöglichkeiten sind also immer an unterschiedliche Identitäten gekoppelt, die sich natürlich nicht in einem gesellschaftlich luftleeren Raum befinden, sondern mehr oder weniger rigiden Hierarchien unterworfen sind. Es scheint hier hegemoniale Identitäten und marginalisierte Identitäten zu geben, wobei die Übergänge fließend sind und stark von der jeweiligen (Sub)kultur, sozialen Schicht oder dem Alter abhängen.

Hegemoniale Identitäten erscheinen uns sicher, marginalisierte Identitäten hingegen unsicher; beide entscheiden jedoch gleichermaßen über über unseren gesellschaftlichen Status. Dieser Status ist nicht bloß Gegenstand hochtrabender akademischer Diskurse, sondern hat massive Auswirkungen auf sämtliche Bereiche unseres alltäglichen Lebens. Er entscheidet im Zweifelsfall darüber, wer in den Genuss rechtlicher Privilegien kommt, wer sich im öffentlichen Raum frei und ohne Angst bewegen kann, wer das Recht zu leben besitzt und wessen Tod als betrauernswert gilt. Obwohl diese Aspekte einen grundlegenden Bestandteil der Alltagserfahrung nicht-privilegierter Menschen ausmachen, werden sie durch Lippenbekenntnisse, Aktionismus, (pseudo-fortschrittliche) Sondergesetze und/oder die berühmten öffentlichen 'Toleranz'-Debatten für die breite Masse unsichtbar gemacht. Stimmen, die auf Veränderung drängen, werden infolgedessen einfach lächerlich gemacht und kurzerhand für 'hysterisch' erklärt. Auf diese Weise bleibt der Status Quo weitgehend unangetastet.

Eins sollten wir uns klarmachen: Gesellschaftliche Hierarchien sind real und prägen unsere Alltagserfahrung. Hegemoniale Identitäten besitzen dabei Privilegien, die nur deshalb existieren, weil es marginalisierte Identitäten gibt, denen diese Privilegien bewusst vorenthalten werden. Cisgeschlechtliche Menschen haben beispielsweise gegenüber trans*geschlechtlichen Menschen das Privileg, sich größtenteils mit dem bei ihrer Geburt zugewiesenen Geschlecht identifizieren- und sich bzw. ihren Körper dementsprechend ausdrücken zu können, ohne Sanktionen befürchten zu müssen. Heterosexuelle Menschen haben gegenüber Homosexuellen/Bisexuellen u.a. das Privileg, ihr Begehren und ihre Liebe praktisch überall ausdrücken/ausleben zu dürfen, ohne auf Irritation oder Ablehnung zu stoßen.

Es lässt sich daran auch erkennen, dass es sogar ein Privileg ist, sich dafür entscheiden zu können, codierte Zeichen an sein Umfeld zu senden. Die Gewalt, die z.B. inter*geschlechtliche Personen bereits im Säuglingsalter erfahren, lässt sich nicht auf eine bewusste Entscheidung zurückführen. Damit ich nicht falsch verstanden werde, ich halte selbstverständlich weder Trans*geschlechtlichkeit noch Homo- bzw. Bisexualität für eine Entscheidung. Je nach Grad gesellschaftlicher Sanktionen, können diese Menschen allerdings entscheiden, wann sie welche codierten Zeichen aussenden, d.h. in ihrer Identität sichtbar werden. Darüber, ob das nun ein Segen oder Fluch ist, ließe sich sicherlich lange debattieren.

Worauf ich jedoch hinauswill, ist folgendes: Indem ich mich als Mann in meiner Geschlechtsperformanz an codierten Zeichen orientiere, die Ausdruck hegemonialer Männlichkeit sind, mag ich zwar in den Genuss von Privilegien (z.B. Bewegungsfreiheit im öffentlichen Raum, ohne Gewalt ausgesetzt zu sein) kommen, doch trage ich gleichzeitig dazu bei, dass diese Identität weiterhin hegemonial bleibt. Sie reproduziert sich also über den Mechanismus von Belohnung und Bestrafung - sowohl gegenüber einem selbst, als auch gegenüber anderen. So offensichtlich das vielleicht sein mag, so sehr hat mich diese Erkenntnis auf neudeutsch geflasht.

Denn wenn mit der Einhaltung keine Privilegien bzw. mit der Nicht-Einhaltung keine Sanktionen mehr verbunden wären, würde es sich für keinen Mann mehr lohnen, codierte Zeichen auszusenden, die hegemoniale Männlichkeit ausdrücken. Es lohnt sich für Männer also, unter ihren (vermeintlichen) Geschlechtsgenossen die Einhaltung zu überwachen bzw. die Nicht-Einhaltung streng zu sanktionieren. Dies wiederum ist meiner Meinung nach einer Gründe, weshalb Männer, die codierte Zeichen aussenden, die als Ausdruck marginalisierter Männlichkeit gelesen werden (z.B. schwule bzw. tuntige Männer, androgyne Männer, Trans*männer etc.), Sanktionen in Form von Gewalt erfahren. Würden sie keine Sanktionen erfahren oder sogar Privilegien erhalten, wäre hegemoniale Männlichkeit gewissermaßen nutzlos, da sie jenen Männern, die sich um ihre Einhaltung bemühen, keine Vorteile mehr böte. Ich glaube zwar nicht, dass diese Männer es bewusst tun, denke aber schon, dass sie es irgendwo im Unterbewusstsein verinnerlicht haben und es dann im alltäglichen Handeln quasi intuitiv reproduzieren.

Derartige Sanktionen erscheinen mir also als eine Art Disziplinierungsversuch, um Privilegien hegemonialer Männlichkeit unangetastet zu lassen. Auf diese Weise lassen sie sich ausgezeichnet zur Schau stellen, was den Einhaltenden wiederum zur Selbstbestätigung, den Nicht-Einhaltenden zur Abschreckung dienen soll. Eine bewusst sichtbare Nicht-Einhaltung ist somit immer ein Akt des Widerstandes und eine Art Frontalangriff auf hegemoniale Männlichkeit. Ich wünsche mir, dass es gegenwärtig und künftig noch viele queere Männer gibt, die sich hegemonialer Männlichkeit in irgendeiner Weise widersetzen und sie so in ihrer Wirkungsmacht untergraben.

 

Text von Charlie

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Harry (Freitag, 14 November 2014 16:55)

    Interessanter Text, hab ich so noch nicht betrachtet. Es gibt aber sicher noch mehr Gründe für Gewalt gegen Schwule, wie zb religiöse Erziehung, mangelnde Bildung oder so.

  • #2

    Charlie (Freitag, 14 November 2014 20:52)

    @Harry
    Ja, da gebe ich dir recht. Die Gewalt gegen queere Männer ist vermutlich nicht monokausal zu erklären. Bestimmt tragen auch Faktoren wie Bildung, Religion oder einfach Spaß an Unterdrückung dazu bei. Danke für diese Ergänzung.

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