Sehgewohnheiten & Lesefähigkeit - Wie queer bin ich wirklich?

Die Wahrnehmung unserer Welt basiert auf dem, was wir sehen. Vom Tag unserer Geburt bis zu unserem Tod sind wir einer regelrechten Bilderflut ausgesetzt, was sich mit dem Aufkommen der Massenmedien nochmal massiv verstärkt hat. Auf der Straße lächeln uns nette Menschen mit strahlend weißen Zähnen von den Plakaten entgegen, springen uns von den Covern diverser Zeitschriften regelrecht an und besuchen uns mit dem Griff zur Fernbedienung gerne auch direkt zu Hause. Sie sind vielleicht nicht immer schön, aber doch irgendwie schöner als wir selbst. Sie sind erfolgreich, jedenfalls meistens. Selbst wenn sie es nicht sind, wissen sie zumindest, wie sie es werden können.

Und das Wichtigste, sie entsprechen selbstverständlich alle dem gängigen Ideal heteronormativer Geschlechtlichkeit. Lesbisch? Nee, verkauft sich nur in Form von Hetenpornos. Schwul? Nur wenn sie brav die Finger voneinander lassen, wir wollen ja an die ganzen Kinder da draußen denken. Bi? Geht nie. Trans*? Ach, so komische Männer in Frauenkleidern, das muss doch wirklich nicht sein... Inter*? Was, wie?

Fakt ist, die Bilder, die uns von klein auf begegnen, negieren nach wie vor hartnäckig unsere Existenzen. Menschen, die es nicht gibt, können auch nicht als solche gelesen werden. In meinem letzten Blogeintrag habe ich meinem Umfeld unterstellt, marginalisierte Identitäten - sprich schwule bzw. tuntige Männer, androgyne Männer oder auch Trans*männer - lesen zu können. Wie lässt sich die spezifische Gewalt gegen diese Menschengruppen auch sonst erklären? Irgendwas an ihnen muss schließlich als abweichend wahrgenommen und erkannt werden.

Um Missverständnisse auszuschließen, möchte ich an dieser Stelle kurz den Begriff des 'Lesens' näher erläutern. Ich verstehe ihn gewissermaßen auf zwei Ebenen: Auf der ersten Ebene steht das simple Erkennen identitärer Normabweichungen. Dies mag im Falle von hegemonialer Männlichkeit bei Teilen der oben genannten Personengruppen durchaus der Fall sein, was jedoch auch zur Folge haben kann, dass beispielsweise andere Menschen mit ähnlich codierten Zeichen ebenso Opfer von queerfeindlicher Gewalt werden können. Auf der zweiten Ebene befindet sich das tatsächliche Verstehen der Identität der jeweiligen Personen. Unsichtbarkeit und/oder stereotype Darstellungen erschweren hier oftmals die Lesefähigkeit. Was die heteronormative Masse möglicherweise einfach für einen schwulen Mann im Rock hält, kann in Wirklichkeit ein Mensch mit einer völlig anderen Identität sein: Zum Beispiel ein genderqueerer Mensch, ein androgyner bisexueller Mann, ein heterosexueller Crossdresser, ein inter*geschlechtlicher Mensch oder sogar eine Trans*frau mit schlechtem Passing etc. Viele Abweichungen von hegemonialen Identitäten können demnach zwar erkannt-, doch nicht unbedingt verstanden werden.

Während ich mich im letzten Blogeintrag bislang der passiven Form des Gelesenwerdens zugewandt habe, möchte ich mich in diesem Eintrag der aktiven Form des Lesens widmen. Auch wir selbst sollten uns - gerade als queere Menschen - damit auseinandersetzen, wie es um unsere eigene Lesefähigkeit bestellt ist. Auch wir sind von heteronormativen Sehgewohnheiten geprägt und projizieren diese auf unsere Mitmenschen.

Wie ich bereits angedeutet habe, ist diese Lesefähigkeit an bestimmte gesellschaftliche Machtstrukturen gebunden. Identitäten, die nicht gezeigt werden, sind kein Teil unseres Bewusstseins und erscheinen uns daher als zu fremd, als dass sie tatsächlich lebbar sein könnten. Alternative Formen von Geschlecht oder Sexualität dringen durch ihre mediale Unsichtbarkeit nicht in den öffentlichen Raum, sondern werden so quasi in einem Zustand des Undenkbaren bzw. des Unlebbaren belassen. Um also die Lebbarkeit alternativer Geschlechter und Sexualitäten zu ermöglichen, sollten wir bei uns selbst beginnen und unsere eigene Lesefähigkeit trainieren. Dabei sollten wir uns zwei Dinge klar machen: Erstens, dass wir im Laufe unserer Sozialisation eine ausschließlich heteronormative Lesefähigkeit erlernt haben. Und zweitens, dass diese uns daran hindert, alternative Identitäten lesen zu können.

Hierzu eine kleine Anekdote aus meinem Leben: Vor einigen Jahren begegnete mir bei einer Gruppendiskussion ein Mensch, den ich aufgrund seiner Stimme und seiner Statur automatisch als weiblich einordnete, obwohl seine codierten Zeichen teilweise recht männlich waren. Er trug kurze Haare, kein Make-up, keinen auffälligen Schmuck und sportlich bequeme 'Männerkleidung'. Ich adressierte ihm im Gespräch scheinbar selbstverständlich ein weibliches Pronomen, was - wie sich später herausstellte - als falsch herausstellte. Tatsächlich handelte es sich um einen Trans*mann. Obwohl er mich nicht explizit darauf hinwies, wurde mir im Nachhinein bewusst, wie übergriffig mein Verhalten auf ihn gewirkt haben musste. Ich dachte darüber nach, wie oft mir das in meinem Leben wohl schon passierst sein mochte - ohne dass ich es bemerkte - und kam zum Schluss, dass ich wohl doch nicht so 'queer' war, wie ich es mir selbst gerne weismachen wollte. Paradoxerweise hatte ich zu diesem Zeitpunkt längst verstanden, dass dies keinesfalls ein natürlicher Vorgang ist, sondern das Ergebnis einer strikt heteronormativen Sozialisation. Ich hatte es zwar vom Verstand her erfasst aber noch nicht wirklich verinnerlicht.

Doch wie sollte ich es so weit verinnerlichen, dass ich meine alltägliche Lesefähigkeit dementsprechend verbessern konnte? Ich begriff bald, dass es die Bilder waren, die mich umgaben. Ich sah nichts anderes, also schloss ich es ohne nachzudenken von vornherein aus. Was lag also näher, als mir eine queere Lesefähigkeit über andere Bilder anzueignen? Wenn ich in meinem Alltag also einer Flut heteronormativer Bilder ausgesetzt war, musste ich ihr eine Flut queerer Bilder entgegensetzen. Ich wollte meine heteronormative Sehgewohnheit bewusst verlernen. Dafür verordnete ich mir - je nachdem, wie viel Zeit ich zur Verfügung hatte - eine tägliche Dosis alternativer Bilder. So stieß ich u.a. auf Vlogs diverser Youtuber_innen, deren Channels ich nun regelmäßig zu verfolgen begann: Drag Queens und Kings, Trans*frauen und -männer, androgyne Männer, Butches etc. Mein Vorhaben gab mir dabei stets ein gewisses Triumphgefühl, so als entzöge ich durch mein Handeln gesellschaftlichen Machtstrukturen die Grundlage. Ob zu recht oder unrecht, ich fühlte mich dadurch herrlich subversiv und queer.

Tatsächlich war dieses 'Queeren' meiner bisherigen Lesefähigkeit nicht erfolglos und brachte nach geraumer Zeit Resultate mit sich, die mich jedes Mal wieder erstaunten. Es kam vor, dass ich den kräftigen, tätowierten Menschen mit Holzfellerhemd und raspelkurzen Haaren, der vor mir des Weges lief, automatisch als Butch las, und dann an der nächsten Ampel irritiert feststellte, dass es sich doch tatsächlich um einen Mann handelte. Ein anderes Mal bemerkte ich in der U-Bahn einen dezent geschminkten androgynen 'Mann' mit Piercings und lilafarbenen Haaren, der sich - als ich seine Stimme hörte - eigenartigerweise als weiblich entpuppte. Ob ich mit dem korrigierten Lesen der Personen tatsächlich richtig lag, kann durchaus angezweifelt werden, doch bewiesen mir derartige Alltagserfahrungen, dass ich trotz der heteronormativen Dauerberieselung meine Lesefähigkeit - zumindest bis zu einem gewissen Grad - beeinflussen kann.

Sicherlich mag das Verlernen heteronormativer Sehgewohnheiten seine Grenzen haben, da wir alle im Alltag permanent den entsprechenden geschlechtlichen Inszenierungen ausgesetzt sind und diese unbewusst in unsere Sehgewohnheit integrieren. Dennoch bieten Techniken, wie das Queeren der Sehgewohnheit, eine gute Möglichkeit - auch ohne direkten Umfeldwechsel - alternative Formen von Geschlecht lesen zu lernen und sie dadurch ein Stück weit Wirklichkeit werden zu lassen.

 

Text von Charlie

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