Brief an mein jugendliches Ich

Nun weißt du es also. Du fühlst weder Scham noch Triumph, nicht einmal Verwirrung. Es kommt dir so selbstverständlich vor, dass du nicht einmal mit dem Gedanken spielst, dass es auch anders sein könnte. Im Grunde fühlst du dich nicht anders als zuvor. Und doch hast du ohne es zu ahnen das Tor zu deiner Zukunft aufgestoßen. Später wird dir die Tragweite dieses Wissens bewusst werden und du wirst dich darüber wundern, mit welcher Gleichgültigkeit du ihm zu Anfang begegnet bist.

Du wirst die Tragweite deines Wissens zu spüren bekommen, wenn die Angst wie eine große dunkle Welle über dir zusammenschlägt. Ins innere Exil getrieben, wirst du hier für einige Zeit dein zu Hause finden. Die Menschen um dich herum werden von Dingen sprechen, die dir auf eine subtile Weise fremd und bedrohlich erscheinen. Während sie von ihrem Leben sprechen, siehst du nur wie sie ihre Münder bewegen, hinter einer dicken Scheibe aus Glas. Du wirst lernen, ihre Lippenbewegung zu deuten und dennoch werden dir die Inhalte immer fremd bleiben. Sie werden davon ausgehen, dass du ihre Sprache sprichst, da sie nicht sehen, wer du wirklich bist. Je mehr sie dich wie einen ihresgleichen behandeln, desto weiter treiben sie dich ins innere Exil. Es wird vieles geben, das du nicht in Worte fassen kannst, und es wird Jahre dauern, bis du begreifst, weshalb es so ist. Erst dann wirst du in der Lage sein, es zu benennen und dich aus deinem inneren Exil zu befreien.

Es werden schwere Zeiten auf dich zukommen und man wird versuchen, dich zu brechen. Bewahre dir deine Sturheit, denn sie wird für viele Jahre deine einzige Verbündete sein. Trage dein Wissen wie einen geheimen Schatz tief im Inneren. Alles was du von nun an über das Leben, das Überleben in dieser Welt lernst, wird von diesem Wissen abhängen. Es wird die Weichen stellen für das, was danach kommt. Oft mag dir dieses Wissen wie eine schwere Last erscheinen, die du kaum noch tragen kannst. Doch lass dir von mir - deinem älteren Ich - gesagt sein, dass es ein kostbares Gut ist, das es vor äußeren Angriffen zu schützen gilt.

Gerne würde ich dir heute sagen, alles sei halb so schlimm gewesen. In ein paar Jahren sind die harten Zeiten deiner Jugend vergessen und alles wird besser. Aber das wäre gelogen, wir beide wissen es. Du bist leider nicht gerade in die beste Zeit hineingeboren, und dein Misstrauen in deine Mitmenschen ist nur all zu gerechtfertigt. Diejenigen, die Jahre später versuchen werden, dich vom Gegenteil zu überzeugen, wissen es entweder nicht besser oder lügen einfach. Vertraue deinem Gefühl, es wird dich wie ein Kompass sicher durch das Labyrinth aus Nebelkerzen und Scheintoleranz führen.

Bei all dem berechtigten Misstrauen wird etwas geschehen, das mir unabwendbar scheint: Du wirst Menschen von dir stoßen, von denen du annimmst, sie lehnen dich ab. Du wirst sie bei der erstbesten Gelegenheit aussortieren wie Sondermüll und dich lange vor ihnen verschließen, indem du dich über sie erhebst, sie abwertest und insgeheim verachtest. Irgendwann wirst du einsehen, dass der Preis dafür zu hoch war. Auch werden nicht alle Menschen bei deinen ersten Schritten aus dem inneren Exil so reagieren, wie du es dir gewünscht hast. Menschen, die dir nahe stehen, werden dich verletzen, ohne es überhaupt zu bemerken. Sie werden Dinge sagen, die du nicht vergisst. Zeiten der Angst, der Enttäuschung aber auch Erleichterung. Es kommt der Tag, an dem du ihnen vergibst. Der Tag, an dem du akzeptierst, dass sie dich zwar lieben, doch niemals wirklich verstehen werden.

Bei all dem wirst du eines trüben Novembertages viele Jahre später mit einem gewissen Stolz auf dich zurückblicken. Du wirst einen kleinen zähen Kämpfer erblicken, der vermutlich viel stärker war, als er damals glaubte. Mach dir keine Vorwürfe, dass du es nicht immer geschafft hast, deinen eigenen Ansprüchen von Mut und Stärke gerecht zu werden. Du hast das geschafft, was du schaffen konntest. Jeder Mensch hat sein eigenes Tempo. Du hast viel über dich gelernt, mehr vielleicht als ein Großteil deiner Altersgenossen. Du musstest früh lernen, dich selbst in deinem Sosein anzunehmen und dich gegen Widerstände durchzusetzen. Du weißt, was Isolation und Einsamkeit bedeutet.

Wäre ich ohne diesen Wissens- und Erfahrungsschatz tatsächlich in der Lage, die Menschen, die mir nahe stehen, im selben Maße wertzuschätzen? Wäre ich der Mensch, der ich heute bin?

 

Text von Charlie

Kommentar schreiben

Kommentare: 4
  • #1

    fink (Montag, 01 Dezember 2014 14:09)

    Seit ich hier mitlese, freue ich mich wirklich über jeden neuen Beitrag. Du hast das Talent sowohl für berührende Schilderungen als auch für hellsichtige Analysen.

    Die Frage, ob wir in Zeiten von "ist doch heute alles kein Thema mehr" angemessen mit den schmerzhaften Erfahrungen umgehen, die die meisten von uns mit dem Coming-Out nach wie vor verbinden, beschäftigt mich schon seit einiger Zeit.

    Es ist ein peinlicher Bruch mit meinem Selbstbild als ach so selbstbewusstem Schwulen, wenn ich über die (teils berechtigten, teils unberechtigten) Ängste spreche, die mein Leben in dieser schwierigen Phase prägten. Und ich erlebe es nur selten, dass einmal jemand seine eigenen Erfahrungen offen mit anderen teilt. Als ich das Thema einmal in einer kleineren Runde ansprach, bemerkte ich aber, dass viele der Anderen das Bedürfnis hatten, darüber zu reden und die verschiedenen Erfahrungen zu teilen.

    Verdrängen wir diese Erfahrungen vielleicht zu häufig? Brauchen wir vielleicht mehr Austausch, mehr gegenseitige Unterstützung dabei, diesen Teil unserer Biographien, den so viele von uns in großer Einsamkeit absolvierten (und oft immer noch absolvieren), zu teilen, um sie zu verarbeiten, sie als einen Prozess unseres Lebens zu akzeptieren, dem wir vielleicht auch - wie du ja andeutest - gewisse Stärken und lehrreiche Erfahrungen verdanken?

    Und wie finden wir in unserer Verantwortung für andere, die diesen Schritt noch vor sich haben, die richtige Balance zwischen einem aufmunternden "es wird besser!" und einem leider immer noch realistischen "aber erst einmal kann vieles schlechter werden"?

    Ich habe noch keine fertigen Antworten. Deshalb freue ich mich umso mehr, zu sehen, dass auch Andere anfangen, ähnliche Fragen zu stellen.

  • #2

    Charlie (Montag, 01 Dezember 2014 18:04)

    @fink
    Vielen Dank für deinen bereichernden Kommentar. Was du an Reaktionen beschreibst, kommt mir ziemlich bekannt vor. Viele schwule Männer tun sich anfänglich schwer, über ihre schmerzlichen Jugenderfahrungen zu sprechen, sind dann aber doch oft dankbar, wenn man ihnen die Gelegenheit gibt. Mir geht es damit genauso.
    Ich wundere mich manchmal auch darüber, wie wenig wir uns mit dieser Zeit auseinanderzusetzen scheinen. Es gibt inzwischen zwar einige Coming Out-Gruppen, doch warum gibt es z.B. noch (?) keine Gruppen, die sich rückblickend mit den Erfahrungen vor und während des Coming Outs auseinandersetzen? Wie können wir diesen Teil unserer Biographie in unser neues Selbstbild integrieren? Ich würde fast behaupten, dass diese Zeit mich in meinem Selbstverständnis, meiner Sicht auf die Welt geprägt hat, wie keine andere. Geht es anderen nicht auch so? Gibt es möglicherweise Zusammenhänge mit unserer Fähigkeit, anderen zu vertrauen, uns öffnen und fallen lassen zu können, uns selbst und andere zu lieben?
    Ich würde deine oben genannte Frage daher klar bejahen: Ja, wir brauchen mehr Austausch, mehr Raum für gegenseitige Unterstützung. Zum einen vermute ich, basiert ein großer Teil unseres zwischenmenschlichen Verhaltens (z.B. Beziehungsverhalten) auf diesen Erfahrungen, und beeinflusst uns vermutlich noch heute mehr, als uns lieb ist. Diese Erfahrungen offen zu legen und ihre Auswirkungen zu verstehen, scheint mir enorm wichtig. Zum anderen machen wir alle unterschiedliche Erfahrungen und entwickeln infolgedessen unterschiedliche Überlebens- bzw. Bewältigungsstrategien. Wäre es nicht wichtig, sich einmal direkt damit zu beschäftigen? Wer weiß, was wir dann noch alles voneinander lernen könnten...
    Die Verantwortung für andere scheint mir ebenfalls sehr wichtig, ganz unabhängig davon, wie alt diejenige Person beim Coming Out ist. Die 'It gets better - Kampagne' war meiner Ansicht nach schon mal ein guter Schritt. Dennoch finde ich, dass sie etwas zu kurz greift. Auch stört mich, dass sie die schmerzlichen Erfahrungen oft mit einem 'Es wird besser' vom Tisch fegt, anstatt sie gemeinsam aufzuarbeiten und sie damit integrierbar ins eigene Selbstbild zu machen.
    Sorry für die lange Antwort. Ich hoffe, dass ich es nochmal irgendwann lerne, mich kürzer zu fassen ;-)

  • #3

    Harry (Dienstag, 02 Dezember 2014 13:53)

    Hey Charlie,

    dein Text hat mich jetzt echt zum heulen gebracht und ich bin eigentlich kein sentimentaler Typ... Irgendwie befreiend und erschütternd, dieses Gefühl.
    Ich kann mich so gut darin wiederfinden, mir ging es in meiner Jugend genauso, auch wenn mein Coming-Out schon etwas länger zurückliegt ;-)

    Danke für diesen Text, er hat mich echt berührt!

  • #4

    Charlie (Dienstag, 02 Dezember 2014 16:31)

    @Harry
    vielen Dank für deinen Kommentar. Ich freue mich, wenn ich dich mit dem Text erreichen konnte. Alles Gute für dich!

QueerGEIST e.V.

Projekt für ein queeres Gemeinschaftszentrum in Berlin

 

Folge uns auf facebook

News, Diskussionen, Links, Tipps, Veranstaltungen, Austausch

 

RSS-Feed

Blog News

Immer über Neuigkeiten informiert

 

Projektförderung 'Queer Refugees Welcome' durch die Robert Bosch Stiftung

 

Förderung durch Homosexuelle Selbsthilfe e.V.

 

 

 

 

 

 

Bündnispartner der Initiative #EHEFÜRALLE