Die Macht des Markierens

Nicht selten erlebe ich es im Alltag, dass meine Mitmenschen die Andersartigkeit von Personen oder Personengruppen in Kontexten besonders betonen, in denen diese Andersartigkeit eigentlich gar keine Rolle spielt. Oftmals wird so ein Kausalzusammenhang suggeriert, der tatsächlich gar nicht besteht. Vor einigen Jahren las ich in einer Zeitung die Überschrift, die in etwa lautete: 'Vegetarierin lässt Kind verhungern!' Obwohl die Tatsache, dass die Mutter sich vegetarisch ernährte, für die Tat keinerlei Relevanz besaß, entstand durch die Überschrift der Eindruck, der Grund für das Verhungernlassen bestünde im Vegetarismus der Mutter.

In einem anderen Fall wurde beim Thema Kindesmisshandlung die Homosexualität des Täters explizit hervorgehoben, was ebenfalls eine Kausalität suggerierte. Wer glaubt, diese Merkmale würden ebenfalls explizit hervorgehoben werden, wenn die oben genannte Mutter sich - wie der Großteil der deutschen Bevölkerung auch - von Fleisch ernähren würde, oder der Täter heterosexuell wäre? Niemand. Richtig. Und zwar, weil es hier schlicht und ergreifend nicht getan wird. In derartigen Berichten wird zwecks Auflagensteigerung stattdessen bewusst mit Ängsten und Vorurteilen einer Mehrheit gespielt, was teils massive Auswirkungen auf das Leben einzelner Menschen der besagten Personengruppen hat.

So sehr mich solche Polemik auch abstößt, legt sie dabei doch auch ein entscheidendes Machtinstrument frei. Die Rede ist vom 'Markieren'. Ich möchte in diesem Blogeintrag versuchen, Markierung als ein machtvolles Instrument des gesellschaftlichen Ausschlusses begreifbar zu machen, um ihre Wirkungsweise besser zu verstehen und das subversive Potential erschließen zu können.

Vorweg möchte ich mit einer kurzen Definition beginnen. Was verstehe ich also darunter? Markieren ist meiner Ansicht nach das explizite Herausstellen des Andersseins einer Personengruppe, zu der der/die Markierende oftmals nicht selbst gehört. Dies kann z.B. durch eine sprachliche oder schriftliche Handlung in Form einer einfachen Benennung geschehen. In der Regel markiert eine hegemoniale bzw. überlegene Gruppe hierbei stets eine marginale bzw. unterlegene Gruppe. Auch kann sie stellvertretend an (vermeintlichen) Mitgliedern der besagten Gruppe vorgenommen werden, die als Individuen per se jedoch nicht markierbar wären, da es hierbei immer der Referenz einer Personengruppe bedarf. Oft gehen damit stereotype Fremdzuschreibungen einher, die den Ausschluss aus der eigenen hegemonialen Gruppe rechtfertigen.

Ich bin mir bewusst, dass sich das alles ziemlich abgehoben anhört und sich womöglich die Frage stellt, weshalb ich mich als queerer Mensch überhaupt damit auseinandersetzen sollte. Dazu lässt sich folgendes sagen: Auch wenn wir uns aus vermeintlichem Selbstschutz weigern es zu sehen, werden wir als queere Menschen vom heteronormativen Mainstream noch immer markiert und dieses Markieren ist - trotz gegenteiliger Behauptung - keineswegs eine neutrale Feststellung einer gleichwertigen Andersartigkeit. Letztlich geht es - wie die Definition schon sagt - nämlich um nicht weniger als um die Rechtfertigung gesellschaftlicher Ausschlüsse. Wer das in unserem von rosa Nebelkerzen geschwängerten 'Toleranz-Klima' nicht sehen möchte, dem/der schlage ich folgendes Gedankenspiel vor: Rufe dir eine Situation in Erinnerung, in der eine hegemoniale Gruppe eine marginale Gruppe in ihrer 'Andersartigkeit' markiert hat. Und nun stelle dir die Frage, welche Vorannahme von einer Sache (z.B. 'Homo-Ehe') besteht, bei der es - zwecks Vermeidung von Missverständnissen - notwendig zu sein scheint, marginale Personengruppen als solche zu markieren.

Fällt dir etwas auf? Richtig, die Teilhabe an dieser Sache ist für sie doch nicht so selbstverständlich, wie die der hegemonialen Gruppe. Sonst wäre das Markieren ja auch völlig überflüssig. Ihre Teilhabe findet also bestenfalls TROTZ ihres Status' als marginale Gruppe statt. Ein Gnadenakt der Toleranz sozusagen, dem stets die Möglichkeit einer Verweigerung oder des Entzugs innewohnt. Die marginale Gruppe ist der dauerhaften Beurteilung durch die hegemoniale Gruppe ausgesetzt und die Praxis des Markierens dient hierbei quasi als Machtdemonstration. Anders gesagt, das Markieren ist - je nach Kontext - oft eine Art subtile Drohung. Die marginale Gruppe wird auf diese Weise wunderbar in Schach gehalten nach dem Motto 'Teilhabe nur dann, wenn ihr den Bogen nicht überspannt.' Die hegemoniale Gruppe stellt die für sie günstigen Regeln auf und entscheidet sozusagen nach Belieben, wie mit Mitgliedern marginalisierter Gruppen zu verfahren ist. Und ja, das ist Gewalt, wenn auch in sehr subtiler Form.

Durch das Markieren wird eine gewaltsame Norm gleichermaßen abgebildet wie hergestellt. Indem den nicht zur eigenen Gruppe zugehörigen Personen ein 'Anderssein' attestiert wird, wird der eigene Subjektstatus - wer ist das 'ich'/wer ist das 'wir'? - gestärkt und die anderen quasi zum Objekt der eigenen Beurteilung gemacht. Allein der Ausdruck 'Anderssein' legt hierbei bereits ein Machtgefälle frei. Wer ist anders als wer? Das Subjekt ist der Bezugspunkt, quasi das Maß aller Dinge, und an ihm wird das Objekt gemessen.

Für queere Menschen - und andere Minderheiten - bedeutet dies ein permanentes Absprechen ihres Subjektstatus'. Wir befinden uns in der paradoxen Situation, dass uns Massenmedien scheinbar in unserem Namen ansprechen, um dann im nächsten Schritt über uns zu sprechen, als seien wir nicht wir selbst. Man verlangt uns also quasi ständig eine 'Übersetzung' der Position des/der Markierenden ab, was viele von uns vermutlich als diffuse Selbstentfremdung wahrnehmen. Zwar hat die mediale Berichterstattung über sexuelle und geschlechtliche Minderheiten in den letzten Jahren durchaus zugenommen, doch von Selbstverständlichkeit kann dabei noch lange keine Rede sein. Statt als unmarkierter Teil selbstverständlich mit abgebildet zu werden, geschieht dies nahezu immer nur dann, wenn man uns als marginale Gruppe als 'anders' markieren, exotisieren oder problematisieren kann. Mein Eindruck dabei ist, je mehr über uns gesprochen wird, desto stärker verlieren wir unseren Subjektstatus.

Ich stelle mir daher die Frage, wie wir als queere Menschen - innerhalb und außerhalb unserer Szene(n) - unseren Subjektstatus zurückgewinnen können. Wie kann es uns als Minderheit gelingen, sich selbst der Position des Sprechenden zu bemächtigen? Ich vermute, die Antwort darauf ist gar nicht so schwer. Wenn wir - zumindest in Ansätzen - die Wirkungsweise des Markierens verstanden haben, sollten wir eigentlich auch ihr subversives Potential verstanden haben. Hierzu folgende Abbildung:

Ich habe vier Fälle beschrieben. Im ersten Fall ist der/die Markierende ein Teil der hegemonialen Gruppe und markiert sich selbst. Zum Beispiel könnte sich ein cisgeschlechtlicher Mensch explizit als 'Cis-Frau' oder 'Cis-Mann' bezeichnen. In einem Raum, in dem meist nur Trans*geschlechtlichkeit markiert wird, ist diese Markierung ein Zeichen dafür, sie als reale Möglichkeit mitzudenken. Ein solches Markieren der Mehrheit scheint mir also durchaus subversiv, da es die Vorannahme einer unmarkierten Norm unterläuft.

Im zweiten Fall ist der/die Markierende Teil der marginalen Gruppe und markiert sich selbst. Ein Beispiel wäre hier eine lesbische Frau, die sich in ihrer Firma explizit als 'Lesbe' bezeichnet. In Bezug auf die Norm wirkt es affirmativ, da sie nicht neu gedacht werden muss, sondern durch die explizite Nennung des Anderen in ihrem Ausschluss quasi bestätigt wird. Um Missverständnissen vorzubeugen, möchte ich an dieser Stelle darauf hinweisen, dass ich damit keinesfalls einen offenen Umgang mit dem eigenen Sosein in der Firma kritisiere; es geht mir einzig um die Normbestätigung durch explizite Hervorhebung einer vermeintlichen 'Andersartigkeit'. Auch bin ich mir bewusst, dass Selbst-Markierung individuelle Vorteile bringen kann, indem der/die Markierte für weitere Mitglieder der eigenen - teils unsichtbaren - Gruppe schneller sichtbar wird und z.B. ein gegenseitiges Kennenlernen ermöglicht. Ungeachtet dieser Vorteile, wirkt es in Bezug auf (hetero)normative Vorannahmen letztlich jedoch affirmativ.

Im dritten Fall ist der/die Markierende kein Teil der hegemonialen Gruppe, die er/sie markiert. Und genau hierin liegt meines Erachtens das oben beschriebene subversive Potenzial des Markierens. Während im vierten Fall der/die Markierende selbst kein Teil einer marginalen Gruppe ist, die er/sie markiert, und somit die Norm gewaltsam herstellt, dreht der/die Markierende im dritten Fall den Spieß quasi um, und hebt die vermeintliche Norm als eine explizit zu benennende Eigenschaft hervor. Auf diese Weise stellt er/sie die Selbstverständlichkeit der Norm in Frage und demaskiert ihren vorgeblich neutralen Standpunkt. Wir sehen also, dass das subversive Potential stets im (Selbst-)Markieren der hegemonialen Gruppe besteht, wo hingegen das (Selbst-)Markieren der marginalen Gruppe einen affirmativen Effekt auf die Norm mit sich bringt.

Ich möchte diesen ohnehin schon viel zu langen Blogeintrag mit der Anregung zu einem kleinen Alltagsexperiment schließen. Es kann dabei hilfreich sein, sich Momente der Selbstentfremdung vor Augen zu führen, sich selbst und sein Umfeld für subtile gesellschaftliche Ausschlüsse zu sensibilisieren und nicht zuletzt den eigenen Subjektstatus zurückzugewinnen.

1. Beobachte über einige Zeit, in welchen Situationen dein Umfeld die oben besagte Übersetzungsleistung von dir als Mitglied einer marginalen Gruppe verlangt.


2. Sieh genau hin, auf welche Weise z.B. in Forendiskussionen, Kommentarspalten, Alltagsgesprächen etc. du selbst als Mitglied einer marginalen Personengruppe markiert wirst und wie dabei die Norm mithilfe eines vermeintlichen Common Sense hergestellt wird.


3. Merke dir diese Situationen und drehe sie bei der nächstbesten Gelegenheit durch die Markierung der hegemonialen Gruppe um bzw. setzte diese Markierung als Common Sense bei den Gesprächspartner_innen voraus.


4. Beobachte die Reaktionen deines Gegenübers. Ich bin mir sicher, du wirst teils recht erstaunliche Erfahrungen machen...


Text und Abbildung von Charlie

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Kommentare: 2
  • #1

    Stefank (Dienstag, 23 Dezember 2014 11:43)

    Ich glaube, das Markieren haben wir alle erlebt und praktizieren es in unserem Alltag. Wenn man auf Partys erklären muss, ob man einen "gaydar" hätte, wenn Heteropärchen demonstrativ in queeren Räumen knutschen usw.

    Wobei der Begriff hegemonial für mich auf den ersten Blick schwammig war, im Sinne von Goffman`s Stigma (Was gilt in welchen Räumen als hegemonial?). Am Schluss des Blogs wird es aber nochmals klar herausgearbeitet.

    Vielen Dank für die Anregungen!

  • #2

    Charlie (Dienstag, 23 Dezember 2014 18:28)

    @Stefank
    Vielen Dank für deinen Kommentar! Ja, ich gebe dir recht. Wir werden im Alltag markiert, markieren aber auch selbst. Deine Beispiele verdeutlichen - wenn ich dich richtig verstanden habe - einen weiteren interessanten Aspekt: Scheinbar können nicht nur Personen bzw. Personengruppen markiert werden, sondern auch Räume, denen dann eine bestimmte Erwartung innewohnt. Vielleicht ist das Markieren von Räumen sogar die Voraussetzung für das Markieren von Menschen. Ich würde das Knutschen eines (vermeintlich) heterosexuellen Paares auf einer explizit schwulen oder lesbischen Party noch nicht unbedingt als Selbstmarkieren bezeichnen, weil es kein Ausdruck eines bewussten Umgangs mit der eigenen Identität bedeuten muss. Aber die Tatsache, dass der Raum - also die Party - als 'schwul/lesbisch' markiert ist, ist die Voraussetzung dafür, dass ein Großteil der Gäste ein verschiedengeschlechtliches Paar wohl als ein solches markiert.

    Deinem Einwand bzgl. hegemonial/marginal schließe ich mich durchaus an. Die Frage, ob eine Gruppe als hegemonial oder marginal markiert wird, hängt sicherlich von den oben beschrieben Erwartungen in bestimmten Räumen ab. Was in einem Raum als 'markierungswert' gilt, kann in einem anderen Raum als völlig unbedeutend gelten (und umgekehrt).
    Danke für die Ergänzung!

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