Unterwegs

Ich sitze auf dem Rücksitz. Meine Eltern diskutieren lautstark über den kürzesten Weg, meine beiden Schwestern versuchen sich vergeblich einzumischen. Inmitten des Stimmengewirrs das gleichmäßige Brummen des Motors. Ein Klangteppich, so unendlich vertraut, dass er mich stets aufs Neue einzulullen vermag in sanfte Lethargie. Unsere Hündin liegt hinten im Kofferraum, nur um hin und wieder aufzustehen und in strengem Ton aufgefordert zu werden, sich wieder hinzulegen. Manchmal glaube ich, sie tut es einfach, um sich uns erneut ins Gedächtnis zu rufen. So als habe sie Angst, sich in Luft aufzulösen, wenn wir sie nicht mehr wahrnehmen.

Ich blicke aus dem Fenster und betrachte die vorbeirauschende Februar-Landschaft. Manchmal schließe ich die Augen, um sie dann wieder zu öffnen und mich darüber zu wundern, wie unwirklich grau es um mich herum ist. Es ist nicht so, dass mich der Anblick dieser grauen Wand beunruhigen würde oder mich frustriert. Vielmehr fesselt er mich, zieht mich in seinen Bann, bis das Stimmengewirr um mich herum nur noch aus weiter Ferne zu mir dringt. Für einen Augenblick gibt es nur noch mich und die graue Wand. Nichts worüber ich nachdenken muss, nichts was meine Aufmerksamkeit erfordert. Ich bin nicht mehr hier. Der Junge auf dem Rücksitz - nur noch eine Hülle.

In Gedanken taste ich sie ab. Der Nebel ist so dicht, dass man glauben könnte, es sei völlig unmöglich, durch sie hindurch zu greifen. Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr beginne ich daran zu zweifeln, ob es hinter dieser Wand überhaupt irgendetwas gibt. Bäume, Felder oder Häuser? Ist ein Leben dahinter möglich? Gibt es dort noch andere Menschen? Menschen wie mich?

Ich stehe unschlüssig vor ihr, wie schon so oft in meinen Träumen, und blicke an ihr empor. Sie scheint kein Ende zu nehmen, wird eins mit dem wolkenverhangenen Himmel. Ich schlucke. Mir wird klar, kein Mensch auf dieser Erde wird in der Lage sein, einfach so über sie hinüber zu steigen. Was soll ich tun?

Ich spiele mit dem Gedanken, an ihr entlang zu laufen. Vielleicht gibt es ja irgendwo einen Spalt, durch den ich hindurch schlüpfen kann? Gerade als ich losgehen möchte, durchzuckt mich eine dunkle Vorahnung. Was ist, wenn ich nicht mehr zurück zum Ausgangspunkt finde? Alles hier sieht schließlich gleich aus. Ich stelle mir vor, wie ich verloren inmitten der grauen Wüste stehe und weder vor noch zurück weiß; weder die Richtung kenne, aus der ich gekommen bin, noch den Weg, den ich zu gehen habe. Gefangen in einem Zustand völliger Ziellosigkeit.

Das trostlose Krächzen einer einsamen Krähe hinter mir reißt mich aus meinen Gedanken. Ich finde mich wieder vor der grauen Wand. Noch immer keinen Schritt weiter. Eisiger Wind bläst mir ins Gesicht. Wut auf mich selbst, Wut auf meine verdammte Ängstlichkeit. Wieso kann ich nicht genauso mutig sein, wie all die Menschen vor mir? All die Menschen, die diesen Schritt gegangen sind, ohne zu wissen, was sie dahinter erwartet. Je mehr ich darüber nachdenke, desto zorniger werde ich. Für einen winzigen Augenblick packt mich der Mut der Verzweiflung und es fehlt nicht mehr viel, und ich wage es. Doch sobald ich mir dessen bewusst werde, verlässt mich der Mut auch schon wieder, zeigt mit dem Finger auf mich und lacht mir höhnisch ins Gesicht: "Vergiss es, du wirst es nie schaffen!"

In diesem Moment höre ich es. Von irgendwoher ertönt das dumpfe Krächzen einer zweiten Krähe. Ein seltsam überschwängliches Krächzen. Ich brauche einige Zeit, bis ich realisiere, woher es kommt. Dann wird mir klar, dass es von drüben kommt, hinter der Wand. Unwillkürlich blicke ich mich um und sehe, wie die erste Krähe erst unentschlossen von einem Fuß auf den anderen tritt, dann jedoch ihre weiten schwarzen Schwingen ausbreitet und mit einem heiseren Krächzen im Inneren der Nebelwand verschwindet bis ihre Schreie schließlich verhallen. Irgendwas an diesem Bild schnürt mir das Herz zusammen und hat dennoch etwas seltsam Befreiendes. Ich bemerke, wie etwas Feuchtes meine Wangen benetzt und schließe die Augen. Dann höre ich ein leises Tröpfeln - es regnet.

Ich öffne die Augen. An der Fensterscheibe sammeln sich Wassertropfen, die in kleinen Bächen herunterrinnen. Die Unstimmigkeiten meiner Eltern sind längst beigelegt. Ich frage mich, wie viel Zeit wohl vergangen sein mag? Meine große Schwester legt ihren Kopf auf die Schulter meiner kleinen Schwester und schlummert friedlich. Nur das gleichmäßige Brummen des Motors durchbricht die Stille.

 

Text von Charlie

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Kommentare: 4
  • #1

    Caro (Sonntag, 28 Dezember 2014 16:33)

    Ein wunderschöner Text voller Melancholie. Passt gut in diese dunkle Jahreszeit.

  • #2

    Charlie (Sonntag, 28 Dezember 2014 20:30)

    @Caro
    Vielen Dank für deinen Kommentar. Schön, dass dir mein Text gefällt!

  • #3

    Lars (Freitag, 13 Februar 2015 13:31)

    Was für ein schöner Text --- poetisch, berührend, wahr.

  • #4

    Charlie (Freitag, 13 Februar 2015 19:54)

    @Lars
    Danke auch dir für die netten Worte. Es gibt manchmal kurze Momente im Leben, die so unbedeutend erscheinen und sich doch so tief in die Erinnerung eingraben.

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