Neujahrsvorsätze

Ich hasse Vorsätze. Wenn ich etwas aus den vergangenen Jahren gelernt habe, dann dass Vorsätze nur dazu da sind, um gebrochen zu werden. Vor ein paar Jahren habe ich mir einmal vorgenommen, mich gesünder zu ernähren. Zehn Tage später erblickte ich im Einkaufwagen immer noch kein Obst oder Gemüse. Und die Frage, wie das doch gleich mit dem Verzicht auf Zucker war, ließ sich nach wie vor am besten bei einer Tafel Schokolade klären. Ein andermal nahm ich mir vor, mehr Sport zu treiben. Der erste Januar kam und der bloße Blick auf die matschig-graue Schneelandschaft vor meiner Haustür ließ die Joggingschuhe für ein weiteres Jahr ganz hinten im Schuhschrank verschwinden.

Inzwischen habe ich dazugelernt. Ich kenne mich einfach zu gut, als dass ich mir selbst derartige Vorsätze noch abkaufen würde. Eher hält der Papst die diesjährige CSD-Eröffnungsrede - in Drag. Jedes Jahr nehme ich mir daher vor, keine neuen Vorsätze mehr fassen. Schließlich bin ich wieder ein Jahr älter und somit klüger geworden. Soweit die Theorie. Doch wie steht es mit der Praxis? Hier herrscht - das muss ich leider gestehen - Kapitulation auf der ganzen Linie. Selbst den festen Vorsatz, keinen Vorsatz mehr zu fassen, konnte ich nicht einhalten. Wäre es möglich, wäre ich wohl der erste Mensch, dem es gelänge, Vorsätze zu brechen, die er noch nicht einmal gefasst hat. Es ist, als setzte der Anblick des Silvesterfeuerwerks einen mysteriösen Automatismus in Gang. Oder sind es doch die giftigen Dämpfe beim Bleigießen?

Was es auch immer sein mag, das mich jedes Jahr aufs Neue irgendwelche Vorsätze fassen lässt, es ist gleichermaßen frustrierend wie berechenbar. Und wie all die vergangenen Jahre, hat es mich auch diesmal wieder erwischt. Mein diesjähriger Vorsatz klingt vermutlich noch eigenartiger als die Vorangegangenen. Ich möchte in diesem Blogeintrag versuchen, meine Gedanken etwas zu ordnen und sie auf diese Weise aus dem diffusen Bereich des Unausgesprochenen herausholen. So verrückt es sich in Anbetracht meiner Vorgeschichte vielleicht auch anhören mag, verspreche ich mir dadurch doch eine etwas größere Aussicht auf Einhaltung.

Worum soll es mir bei dem Experiment also gehen? Hierzu ein kleiner Exkurs: Lange bevor ich anfing, Blogeinträge zu schreiben, war ich auf den Begriff 'queer' gestoßen und hatte versucht, mein Verhältnis zu ihm definieren. Erst begegnete ich ihm mit einer großen Portion Skepsis, da er - gerade als ich mich mit dem Label 'schwul' als Selbstbezeichnung angefreundet hatte - eine erneute Verunsicherung bedeutete. Je mehr ich mich jedoch damit befasste, desto besser glaubte ich ihn zu verstehen und begann mich mit ihm zu identifizieren. Es folgten Zeiten, in denen ich mich vom Begehren her als schwul, von meiner heteronormativitätskritischen Sicht auf die Welt jedoch als queer definierte. Dies mag dem Umstand geschuldet sein, dass ich es damals noch für einen Widerspruch hielt, meine Sexualität bzw. mein Begehren mit landläufigen Bezeichnungen wie 'schwul' ausreichend beschreiben zu können und mich trotzdem 'queer' zu nennen. Schließlich hatte ich gelernt, dass queer nur jene Menschen einschließt, die sich mit den gängigen Bezeichnungen wie 'LGBTTIQ' nicht angemessen beschrieben fühlen bzw. sich als etwas dazwischen sehen.

Später lernte ich dann, dass queer auch als Sammelbegriff für sämtliche sexuelle und geschlechtliche Minderheiten gebraucht werden kann. Der vermeintliche Widerspruch war damit gelöst und ich durfte mich selbst rechtmäßig als queer bezeichnen, ohne schwul aufgeben zu müssen. Und das Schönste, ich musste gar nichts dafür tun! Ich war es einfach per definitionem. Plötzlich war beides nicht mehr nur kein Widerspruch, sondern begünstigte sich sogar.

Dennoch brachte diese Erkenntnis etwas mit sich, das ich nicht berücksichtigt hatte: Was spielte meine heteronormativitätskritische Sicht auf die Welt nun noch für eine Rolle, wenn jeder queere Mensch allein durch seine Identität für zugehörig erklärt wurde? Zwar durfte ich mich nun als Teil einer queeren Community sehen, doch wo waren die Gemeinsamkeiten mit der Trans*frau, die mir vehement erklären wollte, nur 'komplett geschlechtsangeglichene Frauen' seien echte Frauen und alles andere nur 'geistesgestörte Männer'? Wo waren die Gemeinsamkeiten mit der lesbischen Frau, die zwar ständig den Sexismus gegenüber Frauen anprangerte, Männer, die ihrem Bild von Männlichkeit nicht entsprachen, jedoch als 'Weicheier' oder 'Luschen' bezeichnete? Und wieso gehörten heterosexuelle Menschen nicht in diese queere Community, obwohl sie manchmal eine wesentlich größere Sensibilität hinsichtlich Heteronormativität/Heterosexismus aufwiesen?

Je mehr ich mich damit auseinandersetzte, desto mehr veränderte sich auch mein Verständnis von queer. Zwar bin ich mir heute durchaus den anderen Definitionen bewusst und verwende sie je nach Kontext selbst noch hin und wieder, doch verstehe ich queer heute in erster Linie als eine bewusste heteronormativitätskritische Lebensweise, die nicht zwangsläufig mit der eigenen Identität übereinstimmen muss. Begreift man queer auf diese Weise, ist die Frage der Zugehörigkeit keine des passiven Seins, sondern eine des aktiven Tuns.

Und genau an diesem Punkt möchte ich den Bogen wieder zurückspannen zu dem oben erwähnten Vorsatz für dieses Jahr. Denn wenngleich ich mich in den vergangenen Jahren durchaus für eine Lebensweise sensibilisiert habe, die Heteronormativität und Hetero-sexismus kritisch gegenübersteht, so gelingt es mir im Alltag oftmals nicht, diese konsequent zu leben. Es stellt sich die Frage, weshalb das so ist. Ich muss zugeben, dass ich die Gründe dafür selbst nicht kenne.

Vielleicht ist es die Sorge, nicht mehr verstanden zu werden. Schließlich benötigen wir für die Kommunikation mit anderen Menschen eine gemeinsame begriffliche Grundlage. Nur was soll ich tun, wenn ich einerseits verstanden werden möchte, andererseits aber gerade in eben dieser begrifflichen Grundlage bereits die Wurzel des Übels sehe? Wir müssen Dinge benennen können, um sie denk- bzw. lebbar werden zu lassen, selbst wenn die Gefahr einer Stigmatisierung damit zunimmt. Oder aber ist es die Angst, vom heteronormativen Mainstream (egal welcher sexuellen Orientierung) für 'überempfindlich' oder schlicht 'bekloppt' erklärt zu werden? Wie aggressiv auch heute noch auf eine Erweiterung hinsichtlich geschlechtergerechter bzw. trans*sensibler Sprache reagiert wird, zeigt nicht zuletzt der Fall von Lann Hornscheidt in Berlin. Und nein, auf Morddrohungen oder auch nur Beschimpfungen kann ich ehrlich gesagt gerne verzichten.

Trotzdem möchte ich in diesem Jahr den Vorsatz fassen, nicht nur in meinem kleinen begrenzten Familien- und Freundeskreis offen heteronormativitätskritisch zu leben, sondern auch außerhalb. Ich möchte hier jedoch ausdrücklich betonen, dass ich von mir selbst keine hundertprozentige Einhaltung erwarte. Es geht mir nicht um Disziplin oder Konsequenz, sondern einzig und allein darum, bestimmte Erfahrungen zu machen und diese in regelmäßigen Abständen zu reflektieren. Das ganze ist für mich also mehr ein kleines Experiment. Dabei soll es auch keine Rolle spielen, ob sich mein Vorsatz möglichst häufig umsetzen lässt, sondern vielmehr die Gründe für ein eventuelles Scheitern besser zu verstehen. Am Ende habe ich vielleicht sogar etwas mehr über mich und die Welt gelernt und kann zum Jahresende erstmals behaupten, einen Vorsatz nicht gebrochen zu haben. Ob mir das jemand abnimmt...


Text von Charlie

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Kommentare: 2
  • #1

    Lars (Mittwoch, 14 Januar 2015 13:58)

    Danke für den zum Nachdenken und zum Gedankensortieren anregenden Beitrag.

    Definitionen sind ja immer so eine Sache, denn sie schaffen automatisch eine neue Normierung. Das ist aber menschlich - wir wollen halt irgendwo dazu gehören, uns verorten.

    Aus diesem Grund halte ich aber eine Selbstdefinition wie Heteronormativitätskritisch (puhh was für ein Wort) für angestrengt, denn es ist eine Definiton, die auf Abgrenzung beruht, also auf etwas negativem. Mit positiven Definitionen lebt es sich leichter, finde ich.

    Ich bin schwul, mag aber das Wort queer, weil es weiter gefasst ist. Ich verstehe es aber etwas anders. Es beschreibt auch für mich die Abweichung von einer Norm, aber ohne Wertung. Wer "queer" ist, lebt und fühlt auf eine Weise, die für eine Mehrheit ungewöhnlich, merk-würdig, auffällig ist, bzw. sein kann - so meine Definition. Jemand ist nicht queer, um andere zu kritisieren, sondern weil es ihm / ihr entspricht. Und er fällt nicht auf, weil auffallen etwas schlechtes ist, sondern, weil es normal ist, dass jede Regel, jede Normalität durch Abweichungen begrenzt, ja, sogar definiert wird.

    Wenn ich Lust habe , mich als Mann zu schminken, dann tue ich das nicht, um mich von Männer abzugrenzen, die dazu keine Lust haben, sondern weil ich den Menschen, die geschminkte Männer interessant finden, besonders gefallen möchte - oder auch nur mir selbst. Für die heteronormativ geprägten Menschen darf das ruhig queer-merkwürdig erscheinen. Das Wort queer erkennt also selbstbewusst und realisitsch an, dass es gewöhnliches und ungewöhnliches, unauffälliges und herausragendes, Regeln und Ausnahmen geben darf. Es beinhaltet auch die Einschätzung, dass man sich an ungewöhnliches gewöhnen kann - bis wieder jemand anderes auftaucht, der ungewöhnlich ist.

    Natürlich kann ich mich queer geben, um gängige Wahrnehmungsmuster zu hinterfragen und - das ist für mich der springende Punkt - aggressive und totalitäre Heteronormativität zu kritisieren und zu hinterfragen. Das ist legitim. Politische Künstler arbeiten oft so. Dann wird das Ungewöhnliche/merkwürdige eher als Mittel zum Zweck eingesetzt. Der Lietraturkritiker Dennis Scheck hat mal eine Sendung in Frauenkleidern moderiert, weil es zu dem Thema eines Buches passte, obwohl er sich sonst in meinen queeren Augen so langweilig heteronormativ kleidet, wie die meisten Heteromänner. Gleichzeitig hat er aufgezeigt, dass die Literatur ein Bereich ist, wo auch scheinbar sehr angepasste heteronormativ geprägte Menschen ein großes Maß an queerness erleben und genußvoll nachvollziehen und dass das ganz normal ist. Ich fand das sehr entspannt, cool und witzig.

    Ich wünsche Dir bei der Durchführung Deines Vorsatzes ebenso viel Lässigkeit und Lockerheit. Das hilft beim Durchhalten.




  • #2

    Charlie (Mittwoch, 14 Januar 2015 22:46)

    @Lars
    Herzlichen Dank für deinen interessanten und bereichernden Kommentar!
    Definitionen sind sicherlich Teil der Normierung, nur halte ich sie - wie du ja auch schreibst - für notwendig, um sich im Alltag einigermaßen zurechtzufinden. Es scheint mir sehr wichtig, Dinge benennen zu können, um ein Bewusstsein dafür zu entwickeln. Ob ich dieses Bewusstsein nun 'heteronormativitätskritisch' oder 'queer' nenne, ist mir dabei relativ egal, nur dass ersterer Begriff mir aufgrund seiner Umständlichkeit und Länge etwas missfällt.

    Bestimmt ist ein Verständnis von 'queer' als 'heteronormativitätskritisch etwas, das auf Abgrenzung beruht, doch ich fürchte, jedem Begriff wohnt diese Abgrenzung inne. Wenn ich mich nun 'schwul/lesbisch' nenne, tue ich dies auch in Abgrenzung zu 'hetero', 'bi' oder 'pan'. Wenn ich mich als Mann bezeichne, tue ich dies in Abgrenzung zu Frauen und (einigen) genderqueeren oder auch zwischengeschlechtlichen Menschen. Ich würde sogar behaupten, dass all unsere Begriffe/Worte letztlich darauf beruhen, dass dadurch das, was sie ausdrücken, von etwas anderem abgegrenzt wird. Abgrenzung ist meiner Meinung nach (oftmals) quasi der Zweck bei der Entstehung neuer Begriffe. Ich finde dies jedoch nicht zwangsläufig als etwas Negatives, sondern schlicht als etwas Nützliches/Notwendiges.

    Deiner Definition von 'queer' würde ich mich durchaus anschließen:

    Wer "queer" ist, LEBT UND FÜHLT auf eine Weise, die für eine Mehrheit ungewöhnlich, merk-würdig, auffällig ist, bzw. sein kann...

    Vermutlich wirkt mein Text an dieser Stelle irgendwie zu verkopft, doch ich meine 'heteronormativitätskritisch' eher im Sinne von 'heteronormativitätsbewusst', was in meinen Augen ein gewisses Maß an(Selbst)reflektion beinhaltet.

    "Jemand ist nicht queer, um andere zu kritisieren, sondern weil es ihm / ihr entspricht."

    Natürlich entspricht es ihm/ihr (sonst würde keine_r so leben oder fühlen), nur stößt man beim Ausleben des eigenen Soseins als queerer Mensch hier oftmals an gesellschaftliche Grenzen. Und diese Grenzen setzt - wie ich finde - u.a. Heteronormativität. Folglich bin ich mir Heteronormativität als queerer Mensch bewusster als andere Menschen und nehme mir aufgrund meiner Einschränkungen im Alltag ggf. auch heraus, diese zu kritisieren. So gesehen, gehört ein freies Ausleben meines Soseins als queerer Mensch untrennbar mit Heteronormativitätskritik zusammen.

    Trotzdem finde ich dein Verständnis von 'queer' ebenfalls nachvollziehbar und berechtigt. So eigenartig es nach meinem obigen Text vielleicht auch erscheinen mag, so schön finde ich es dennoch, dass 'queer' so viele Interpretationen bietet und jedem/jeder damit ermöglicht, sich auf irgendeine Art und Weise damit zu identifizieren.
    Dir weiterhin alles Gute!

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