Wo beginnt Gewalt?

Gleich vorweg, dieser Blogeintrag wird möglicherweise etwas schwer verdaulich sein. Ich habe lange gezögert, ihn zu schreiben. Zum einen, weil ich mir nicht sicher war, ob ich selbst tatsächlich bereit bin, den Tatsachen ins Gesicht zu sehen. Manchmal scheint es mir besser, sie unter der wohlig warmen Decke aus Selbstbetrug ruhen zu lassen. Schließlich können Schönreden und Wegsehen durchaus sinnvolle Bewältigungsstragien sein. Ist die Wahrheit erst einmal Schicht um Schicht freigelegt, kann sie nicht mehr so einfach zurückgenommen werden. Meine Sicht auf diese Welt wird danach möglicherweise nicht mehr sein wie früher.

Zum anderen bin ich kein Freund von Texten, die einem unbequeme Wahrheiten wie einen kalten Lappen um die Ohren hauen und eine_n dann mit diesem Wissen allein zurücklassen. Schlechte Nachrichten müssen irgendwie verarbeitet werden, und ich finde die Frage, was - außer Ärger, Ohnmacht oder Hilflosigkeit - einem/r dieses Wissen bringt, absolut gerechtfertigt. Leider muss ich diesmal jedoch passen. Mir fällt partout nichts ein, was hier hilfreich oder auch nur im Entferntesten tröstlich wäre. Wer also keine Lust auf Schlechte-Laune-Texte hat, sollte an dieser Stelle lieber nicht weiterlesen.

Für alle anderen möchte ich mit einer Begriffsbestimmung beginnen. Was können wir unter 'Gewalt' verstehen? Ich gehe von folgender Definition aus: "Den durch Bestrafung und Belohnung durchgesetzten Zwang, etwas Ungewolltes zu tun bzw. etwas Gewolltes nicht zu tun. Gewalt kann entweder offen - etwa durch verbale oder physische Angriffe - erfolgen, oder subtil, z.B. durch explizite oder implizite Androhung eben dieser."

Ich habe dabei den Eindruck, dass die Grenze, wo Gewalt beginnt, sehr unterschiedlich ausgelegt wird. Die meisten Menschen sind sich wohl einig, dass physische Angriffe hier eindeutig dazu zählen. Bei verbalen Angriffen wie z.B. Beleidigungen mögen es schon etwas weniger sein. Im Bereich subtiler Gewalt sieht es dann jedoch nochmal schlechter aus. Ich habe selbst recht lange gebraucht, um zu begreifen/begreifen zu wollen, dass Gewalt weit früher anfängt, als bei direkten verbalen oder physischen Angriffen. Diese Einsicht hat meine Wahrnehmung geschärft und mich gegenüber normativ-pauschalisierenden bzw. bagatellisierenden Argumenten kritisch werden lassen. Ebenso hat es mich dazu gebracht, genau hinzusehen, wer in der Öffentlichkeit wertend über wen spricht. Die spannende Frage, der ich mich nun in diesem Zusammenhang widmen möchte ist, wo genau Gewalt in meinen Augen beginnt. Aufgrund meiner eigenen Erfahrungen als schwuler Mann/queerer Mensch möchte ich den Schwerpunkt dieses Blogeintrags daher auf heterosexistische bzw. queerfeindliche Gewalt legen.

Gewalt durch Exponieren

Betrachten wir die Heteronorm neutral, ist sie erst einmal nichts weiter als ein Ausdruck für gesellschaftliche Mehrheitsverhältnisse. De facto wird sie jedoch zur Rechtfertigung unterschiedlichster Formen von Gewalt gegen sexuelle und geschlechtliche Minderheiten herangezogen. Der (angebliche) 'Common Sense', auf den sich hierbei oft berufen wird, ist meist nicht zu Gunsten der besagten Minderheiten. Schon der Allgemeinvertretungsanspruch grenzt ihre Meinung hier klar von der der Minderheit ab und schafft somit klar hierarchisierte Fronten. Diese ist sich dabei Zeit ihres Lebens bewusst, dass die Mehrheit aufgrund ihrer zahlenmäßigen Überlegenheit über ungleich größere Ressourcen verfügt, ihre Meinung zu multiplizieren, verbreiten und letztlich durchzusetzen.

Diese Meinung kann sich beispielsweise auf ein Vorenthalten oder Entziehen von Grundrechten, die Forderung nach Unsichtbarkeit im öffentlichen Raum oder gar das In-Abrede-Stellen ihrer bloßen Existenz beziehen. Dass ich das öffentliche Ausstellen und Bewerten von Minderheiten ebenso wie 'ergebnisoffenes Diskutieren' über deren Grundrechte als Teil allgegenwärtiger Gewalt begreife, habe ich hier bereits versucht deutlich zu machen. Ich möchte sie zusammenfassend als Gewalt durch Exponieren bezeichnen.

Gewalt durch Unsichtbarmachung

Ein weiteres Beispiel für heterosexistische bzw. queerfeindliche Gewalt finden wir in der Unsichtbarmachung. Sie scheint mir die Kehrseite der exponierenden Gewalt zu sein; sprich ihre Macht speist sich aus eben dieser (und umgekehrt). Wären queere Menschen nicht immer noch weitgehend unsichtbar im öffentlichen Raum, ließen sie sich auch nicht so gewaltsam ins Rampenlicht zerren. Sei es, um sie als 'krank/pervers' zu pathologisieren, als Verbrecher_innen zu kriminalisieren, als 'Störfaktoren' zu problematisieren oder sie als Musterschüler_innen des Neoliberalismus zu instrumentalisieren. Bezeichnend dabei ist, dass sowohl die Unsichtbarmachung als auch das Exponieren nicht von den betroffenen Minderheiten selbst ausgeht.

Wie ich in vorangegangenen Einträgen schon argumentiert habe, halte ich die Unsichtbarkeit von queeren Menschen nicht (nur) für selbstverschuldet. Vielmehr sehe ich sie als Ausdruck allgegenwärtiger dumpfer Gewalt. Diese zeigt sich weniger darin, was wir sehen, als darin, was wir eben nicht sehen. Die Trans*person, die die öffentlichen Verkehrsmittel meidet, weil sie davon ausgehen muss, Gewalterfahrungen zu machen, macht damit bereits eine Gewalterfahrung. Gleiches gilt auch für das schwule/lesbische Paar, das - aus demselben Grund - auf Zärtlichkeiten im öffentlichen Raum verzichtet. Zwar ist sie für Außenstehende nicht als solche zu erkennen, doch sich selbst aus Angst vor Übergriffen ein freies und selbstverständliches Bewegen im öffentlichen Raum zu versagen, ist bereits Teil der Gewalt. Und Meinungen, die den Betroffenen versuchen abzusprechen, dass diese Angst - ob berechtigt oder nicht - bereits Teil der Gewalt ist, sehe ich ebenfalls als eine Form unsichtbarmachender Gewalt.

Folglich scheinen sich nur sehr wenige betroffene Menschen in den jeweiligen Situationen überhaupt bewusst zu sein, dass sie gerade Gewalterfahrungen machen. Das heißt meines Erachtens aber keineswegs, dass sie subtile Gewaltandrohungen und Machtdemonstrationen nicht trotzdem intuitiv wahrnehmen und ihr Handeln dementsprechend ausrichten. Wieso bleiben sie auch sonst unsichtbar im öffentlichen Raum? Kann es sein, dass sie nur versuchen, sich einzureden, es sei keine Gewalt gewesen, weil sie sich u.a. an die alltägliche Gewalt gewöhnt haben oder glauben, sich dagegen immunisiert zu haben? Tatsächlich aber haben sie sich wohl nur gegen ein tieferes Bewusstsein für Gewalt immunisiert.

Ich bin mir bewusst, dass es vermutlich noch eine Vielzahl weiterer Formen von Gewalt gibt, die in den öffentlichen Diskussionen oftmals vernachlässigt werden. Leider ist es im Rahmen eines Blogs kaum möglich, dem Problem in seiner ganzen Komplexität gerecht zu werden, doch hoffe ich, dass mein Text zumindest Anregungen geben konnte, die dabei helfen, den Gewaltbegriff etwas weiter zu fassen. Es scheint mir wichtig, sich dafür zu sensibilisieren, nicht zuletzt, um diese Formen der Gewalt in anderen Kontexten nicht selbst auszuüben. Zwar gehe ich nicht davon aus, dass ein größeres Bewusstsein dafür, wo Gewalt beginnt, automatisch zu einer Abnahme eben dieser führt, doch hilft es mir, die eigenen Erfahrungen wenigstens als real erlebte Gewalt begreifbar und benennbar zu machen. Und das ist immerhin etwas.


Text von Charlie


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Kommentare: 3
  • #1

    Lars (Sonntag, 25 Januar 2015 13:15)

    "Wären queere Menschen nicht immer noch weitgehend unsichtbar im öffentlichen Raum"

    Ist das nicht sehr verallgemeinernd? Wenn ich die Entwicklung der letzten 30 Jahre betrachte, hat sich da enorm viel verändert. Die Zeit des Totschweigens ist bereits vorbei, die Zet des Sichtbarwerdens queerer Lebensweisen beginnt.

    Ich denke, die unangenehme Warheit ist eher: Gesellschaftlicher Wandel braucht Zeit und Gewöhnung. Es reicht nicht, das wir als queere Menschen sichtbar sind, die Mehrheit muss auch begreifen lernen, dass wir eine Sprache sprechen, die sie nicht ganz versteht, die sie aber nicht bedroht. Auch das geht nicht mit Gewalt, sondern mit Geduld, Beharrlichkeit und Klugheit. Was nicht heißt, dass man nicht lernen sollte, sich gegen Druck zur Wehr zu setzen.

  • #2

    Charlie (Sonntag, 25 Januar 2015 22:10)

    @Lars
    Danke für deine Anregungen.

    Zum Thema Unsichtbarkeit im öffentlichen Raum, ist es vermutlich immer eine Frage, woran ich sie messe. Vergleiche ich sie mit der Zeit vor dreißig Jahren, hat sich sicherlich einiges verändert; vergleiche ich sie mit den 50er Jahren fällt der Unterschied vermutlich noch mehr auf. Wenn ich sie heute jedoch einfach in Vergleich mit Menschen stelle, die nicht queer (=LGBTIQ) sind, nehme ich nach wie vor einen eklatanten Unterschied wahr.

    Ich lebe in Berlin, doch wo im öffentlichen Raum sehe ich queere Menschen? Nicht auf der Straße, nicht in öffentlichen Verkehrsmitteln, so gut wie nicht auf Werbeplakaten, auf Covern von Zeitschriften, im Fernsehen oder im Mainstream-Kino. Klar gibt es hin und wieder Ausnahmen, aber eine Schwalbe macht halt noch keinen Sommer. Allein die Tatsache, dass einem/r diese Ausnahmen auffallen, zeigt wie selten sie immer noch sind. Es mag ziemlich pessimistisch klingen, aber ich habe nicht den Eindruck, dass die 'Zeit des Totschweigens' wirklich vorbei ist. Eher scheint es mir so, dass sich die Freiräume, in denen wir temporär sichtbar werden dürfen, ein klein wenig erweitert haben (was immerhin ein kleiner Fortschritt ist): Bars, Kneipen, Clubs, Saunen, 'Homo-Viertel' etc. Von selbstverständlicher Sichtbarkeit im öffentlichen Raum kann meiner Meinung nach leider noch lange keine Rede sein.

    Dass gesellschaftlicher Wandel Zeit und Geduld braucht, ist sicherlich richtig. Und ja, diese Vorstellung ist für mich auch eine unangenehme Wahrheit, denn ich gehe davon aus, dass ich in diesem Leben eine Zeit unbeschwerter Sichtbarkeit nicht mehr erleben werde. Das macht mich gleichermaßen traurig und wütend.

  • #3

    VB (Samstag, 25 April 2015 22:32)

    Ich hatte mich wohl ebenfalls etwas gegen dieses Verständnis von Gewalt immunisiert, jedoch stimme ich dem Artikel voll und ganz zu, auch wenn dieser natürlich (angekündigterweise) nur die negativen Seiten des heutigen Öffentlichkeits(selbst)verständnisses widmet.

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