Lob der Eifersucht - Polyamorie und Bisexualität

Monogame Treue wird in queeren Lebenswelten als Norm häufiger in Frage gestellt als in der heterosexuellen Mehrheitsgesellschaft. Die Befreiung von beschränkenden sexuellen Normen bedeutete immer auch Offenheit dafür, mehr als einen Partner haben zu können. Unter dem Etikett „Polyamorie“ wird dies nun mehr und mehr auch in der Hetero-Welt zum Thema. Der Beginn einer neuen Liebe ist nicht mehr zwangsläufig das Ende der alten Liebe mittels „Schluss machen“, wie dies in der „seriellen Monogamie“ üblich war und ist. Polyamorie heißt, zwei oder mehr Liebesbeziehungen parallel zu haben, und alle Beteiligten wissen Bescheid. Heimliches Fremdgehen ist nicht mehr nötig.

Die Realität des Begehrens ist nur selten strikt monogam. Und deshalb ist es eine sehr humane Konsequenz, dass auch die Realität des sexuellen Erlebens nicht mehr der Vorschrift der Monogamie gehorchen muss. Eine zweite Liebesbeziehung beginnen zu können, ohne deshalb die erste Liebesbeziehung beenden zu müssen, einen zweiten Menschen lieben können, ohne deshalb den Lebenspartner zu verlieren.

Aber ist es nicht eine Rücksichtslosigkeit, den Lebenspartner auszugrenzen und zur Eifersucht zu verurteilen? Warum sollte mein Lebenspartner meinen Liebes-Egoismus akzeptieren und die erlittene Verletzung einfach so wegstecken? Eine Antwort der Polyamoren lautet, dass überhaupt keine Verletzung stattfindet. Sie berichten von derart tiefer und aufrichtiger Empathie, dass sie sich am Liebesglück des geliebten Menschen mitfreuen, sie nennen es „frubbelig“, Resonanzfreude oder Compersion. Nicht als frostig-unaufrichtiges Lippenbekenntnis, sondern als tatsächlich empfundenes Glücksgefühl.

Hier entstehen heute Gefühlswelten, die vielen noch sehr fremd erscheinen. Der Fortschritt (und auch der Rückschritt) von Zivilisation vollzieht sich auch in Wandlungen der Gefühle. Gefühle sind nie einfach „natürlich“ sondern immer auch Ergebnis und Ausdruck kultureller Prägung. Gebildete Menschen fühlen anders als Ungebildete, tolerante Menschen fühlen anders als Intolerante. Zum Beispiel ist die Verletzung der „Ehre“ für Menschen mit archaisch-überkommenen Wertvorstellungen immer noch eine tödliche Beleidigung. Andere können hier vieles mit Humor nehmen und sehen „Ehrpusseligkeit“ mit Ironie – und mit Selbstironie.

Doch auch die gute alte Eifersucht ist besser als ihr Ruf. Zunächst ist sie sehr plausibel. Wenn der „eigene“ Geliebte einen anderen liebt, ist das eine schneidende Verletzung. Der Rivale und nicht ich erlebt ein Glück, das gerechterweise mein Glück sein müsste. Eifersucht ist extrem unangenehm, aber keine Eifersucht wäre auch keine Lösung. Keine Eifersucht könnte bedeuten, dass die Beziehung nicht mehr besonders leidenschaftlich ist. Eifersucht ist immer auch ein Kompliment. Eifersucht ist kein Makel, sondern kann bei polyamor liebenden Menschen gar nicht ausbleiben. Problematisch ist es, in der Haltung der Eifersucht zu erstarren. Ein großer zivilisatorischer Fortschritt wäre es, Eifersucht aussprechen zu können. Eifersucht nicht als die geheim gehaltene Schmach und kleinliches Besitzdenken, sondern als große Emotion, als freimütiges Eingeständnis der Schwäche, als große Geste der Liebeswerbung.

Wen beneide ich als Eifersüchtiger: zunächst beneide ich den neuen Geliebten meines Partners dafür, meinen Partner lieben zu können. Aber ich beneide auch meinen Lebenspartner um seinen erotischen Erfolg, um sein neues Glück ohne mich, ich beneide ihn um seinen neuen Geliebten, bin also auch auf ihn eifersüchtig. Und es ist auch eine besondere Art von Stolz auf meinen Lebenspartner, der so liebenswert ist, dass er ein anderes Herz gewonnen hat. Mein Interesse an ihm erwacht von neuem. Meine Eifersucht ist ein Liebesbeweis, und sie ist umso ernster, je ernster die neue Liebe meines Lebenspartners ist. Der Stolz auf ihn ist eine prekäre Art von Stolz, umso prekärer, je unsicherer ich mir bin, welche Rolle ich denn in Zukunft noch für ihn spielen werde, ob ich denn für ihn immer noch die Nummer eins bin.

In einem langen von Liebe bestimmten Leben vollziehen sich Pendelbewegungen. Der zunächst leidenschaftlich Geliebte wird zum gewohnten und alltäglichen Lebenspartner. Dann geht er an einen neuen Geliebten verloren. Aus Eifersucht entsteht neue Leidenschaft, ihn wiederzugewinnen. Das Ganze geschieht in einem polyamoren Netz von Liebesbeziehungen. Jedes Leben kann so ein komplexer Liebesroman werden.

Voraussetzung für ein Leben in Polyamorie ist eine großzügig-erotische Haltung – im Unterschied zu einer kleinlichen auf Eigentum und Macht bedachten Haltung. Der erotische Mensch ist ein Kuppler, er wünscht sich, dass seine Freunde und Geliebten sich untereinander kennen lernen. Vielleicht betreibt er die positive Intrige: er sagt einem Freund (A), dass ein anderer Freund (B) in ihn (A) heimlich verliebt sei, und er sagt dem anderen Freund (B), dass A in ihn (B) heimlich verliebt sei. Er will die Liebe auf der Welt vermehren und will andere zusammenbringen – und nicht voneinander fernhalten, wie der auf Eigentum und Macht bedachte Geizige.

Besonders sinnfällig wird die erotische Haltung als Schaulust und Zeigelust. Der Voyeur will die fremde Lust sehen, die Lust von der er ausgeschlossen ist. Will er damit die Eifersucht auf die Spitze treiben, oder will er als Voyeur an der Liebe und der sexuellen Lust der anderen teilnehmen, dabei sein? Wie wird er es erleben, dass er an der exklusiven Intimität zweier Liebender nicht teilnehmen kann? Und wie erleben dies die, die ihr sexuelles Genießen einem Dritten zeigen wollen? Sie sind großzügig, aber sie wissen auch, dass sie etwas zeigen, wovon der Dritte ausgeschlossen ist. Vielleicht erleben sie dies mit Genugtuung, vielleicht macht die Eifersucht des Dritten ihre Lust noch intensiver. Vielleicht aber wollen sie den Dritten einladen und erleben die Ambivalenz, einerseits großzügig sein zu wollen, andererseits die Exklusivität ihrer Intimität nicht aufgeben zu wollen.

Der Eifersüchtige ist besessen von der Vorstellung, wie es für seinen Lebenspartner wohl ist, von dem Neuen geliebt zu werden. Über den Weg der Eifersucht wird er nicht umhin können, sich für den Dritten sexuell zu interessieren. Empathie wird zu einem schmerzlich aufs Höchste gesteigertes Einfühlungs-Begehren: wie ist es für meinen Lebenspartner, vom „Neuen“ geliebt zu werden? Was hat der Neue, das ich nicht habe? Die „klassische“ also die erstarrte Eifersucht mündet in den Hass auf den Rivalen; früher gab es dann Duelle: solange wir zwei sind, sind wir einer zu viel. Die polyamore Eifersucht ist eine fluide Eifersucht und mündet in ein erotisches Interesse am Rivalen.

Ich interessiere mich also für den neuen Geliebten meines Freundes. Aber was bedeutet dies für polyamore Hetero-Paare? Je neugieriger ich mich für die neue Liebe meiner Frau oder meiner Freundin interessiere (aus männlicher Perspektive), und je offener die beiden Glücklichen für meine Neugier sind, desto intensiver werde ich mich für ihren neuen Freund interessieren, desto leidenschaftlicher werde ich wissen wollen und erleben wollen, wie er sich anfühlt. Ein willkommener Nebeneffekt einer großzügig polyamoren Beziehungswelt wäre, dass immer mehr Bisexualität entstehen würde. Frauen verstehen können bedeutet dann, Männer begehren und lieben können.

Der Trend zur Polyamorie wäre eine gute gesellschaftliche Entwicklung. Mehr Liebe ist besser als weniger Liebe. Entscheidend ist der Umgang mit Eifersucht. Die gesellschaftlichen Vorkehrungen zur Vermeidung von Eifersucht laufen üblicherweise darauf hinaus, dass es keinen Grund zur Eifersucht geben soll: Liebe verboten. Dieses Verbot außer Kraft zu setzen, bedeutet, die Eifersucht als eine unausweichliche Begleiterscheinung einer Welt der freien Liebe zu akzeptieren.

Die Fürsprache der Polyamorie ist häufig mit moralischem Rigorismus verbunden. Die Beteiligten sollen sich enorm anstrengen, es allen recht zu machen. Der kompromisslose Egoismus großer Liebesleidenschaft, die harte Exklusion des ausgeschlossenen Dritten, die sich gerade aus der allerzartesten Intimität ganz unbeabsichtigt, und trotzdem zwangsläufig ergibt, wird zum Tabu. Claudia Dreier spricht in diesem Zusammenhang in der bahamas Nr. 62 von einem „Ende der Sinnlichkeit“. Schlecht wäre eine Welt der Polyamorie, die auf ihr konfliktfreies und harmonisches Funktionieren bedacht ist und die Menschen zu harmlosen und leidenschaftslosen Wesen umerzieht. Die „frubbelige“ Resonanzfreude, die „Compersion“ darf nicht zur Pflicht werden. Denn es ist eben nicht harmonisch, wenn der Geliebte auch einen anderen liebt. Es gibt Grund zur Eifersucht. Es geht darum, die Realität von Eifersucht anzuerkennen und zu zivilisieren.

 

Text von Robert

 

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 7
  • #1

    Charlie (Mittwoch, 25 Februar 2015 16:38)

    @Robert
    Danke für diesen spannenden Gastblogpost!

    Wenn ich dich richtig verstehe, meinst du mit Polyamorie zwei oder mehr parallel laufende Liebesbeziehungen, von denen alle Beteiligten wissen. Ist eine V-Beziehung also per definitionem eine polyamore Beziehung? Vermutlich liege ich falsch, aber ich dachte immer, Polyamorie bedeutet, dass alle Beteiligten miteinander eine Liebesbeziehung führen (Dreiecks-Beziehung etc.).
    Nach meinem Verständnis setzt dies nämlich bereits voraus, dass alle drei (oder mehr) Beteiligten Interesse aneinander haben. Kategorisiert man dieses Interesse nun nach sexueller Orientierung, würde es im Falle eines gemischtgeschlechtlichen Paares von beiden Beteiligten zumindest eine bisexuelle Orientierung verlangen, oder?

    Du schreibst:"Ein willkommener Nebeneffekt einer großzügig polyamoren Beziehungswelt wäre, dass immer mehr Bisexualität entstehen würde. "

    Ich würde eher andersrum argumentieren. Und zwar, dass die Bisexualität für ein gemischtgeschlechtliches Paar eine polyamore Beziehung überhaupt möglich macht. Im Falle eines gleichgeschlechtlichen Paares lässt sich die Orientierung ja weiterhin als lesbisch oder schwul kategorisieren. Die Tatsache, dass alle Beteiligten in einer polyamoren Beziehung Compersion statt Verletzung empfinden können, scheint mir irgendwie ziemlich stark daran gekoppelt zu sein, das erotische Interesse an der dritten Person nachempfinden zu können. Daher kann ich mir kaum vorstellen, dass ein strikt cis-heterosexuelles Paar wirklich dazu in der Lage ist. Ich lass mich aber gerne eines Besseren belehren ;-)

  • #2

    Robert (Donnerstag, 26 Februar 2015 15:02)

    @Charlie

    Ich verstehe Polyamorie als Lebensweise, in der es moralisch in Ordnung ist und häufig vorkommt, mehr als einen Sexualpartner zu haben; und dies als dauerhafte Liebesbeziehung, nicht nur als kurze Affaire. Früher man häufig von Polygamie geredet und in etwa das gleiche gemeint, ohne dabei zu reflektieren, dass das Wort Polygamie nur "Vielweiberei" heißt, also im Grunde auf einen Pascha und seinen Harem verweist. Eine V-Beziehung wäre also immer schon ein Fall von Polyamorie, ganz unabhängig davon, wie die beiden Geliebten der Zentralperson zueinander stehen.

    Was mich fasziniert, ist die Möglichkeit, Eifersucht zu thematisieren und auszusprechen und damit der Erstarrung in der Eifersucht zu entrinnen. Die Rivalin nicht hassen müssen, sondern sie (oder ihn) kennenlernen wollen und - vielleicht sogar begehren können. Ich kann mir eine gesellschaftliche Entwicklung dahingehend vorstellen, dass auch "strikt cis-heterosexuelle Paare" es immer mehr lernen, die Eifersucht auf diese freundliche Weise zu zivilisieren - lass uns in 20 Jahren die Soziologen befragen, die dies dann vielleicht rückblickend erforschen werden.

  • #3

    Rainer (Samstag, 21 März 2015 21:13)

    Hallo Robert,

    hab erstmal Dank für den interessanten Post und auch dafür, dass Du auf ihn in der Mailingliste zu unserem Berliner Polytreffen hingewiesen hast. Du meintest dort, dass Du Dich über Kommentare freuen würdest; deshalb antworte ich Dir sowohl hier im Blog als auch auf unserer Liste.

    Meine Antwort ist eine aus dem Blickwinkel eines heterosexuellen, seit vielen Jahren jedoch aus eigener Entscheidung mit zwei Bisexuellen - meinem "Mitmann" und unserer Frau - polyamor in einer gemeinsamen Wohnung zusammenlebenden Mannes. Auch bin ich, als - damals noch meine, heute unsere - Frau ihre Bisexualität mit meiner damaligen Geliebten entdeckte, zusammen mit ihr ins "Zentrum für bisexuelle Lebensweisen" gegangen, einfach um im Laufe der folgenden zwei Jahre mehr darüber zu erfahren, wie sich das Thema Bisexualität auf sie und unsere Liebesbeziehung auswirken würde. Mir ist also weder das Thema Bisexualität noch das Thema Polyamorie ganz fremd - obwohl ich mich mit letzterem sicher eingehender beschäftigt habe.

    Aus meiner Erfahrung kann ich vieles von dem, was Du beschreibst, durchaus nachvollziehen, anderes dagen eher nicht. Was und warum, dazu mag ich Dir im Folgendem schreiben.

    Schon Deine Annahme, dass in queeren Lebenswelten Monogamie als Norm häufiger in Frage gestellt würde als in heterosexuellen, kann ich nicht durchgängig so bestätigen. Wobei meine Beobachtungen sich möglicherweise weniger auf queere als auf bisexuelle Lebenswelten beziehen, was sicher nicht zwangsläufig dasselbe sein muss.

    Was ich dort oft beobachten konnte, waren schmerzhafte Dramen bei dem vergeblichen Versuch, ein monogames Treueideal mit dem Wunsch nach sexuellen Liebesbeziehungen zu Menschen beiderlei Geschlechts in Einklang zu bringen. Mich berührte das sehr, denn das Leid und die Verzweiflung waren echt, und ich sah das Dilemma. Aus meiner polyamoren Sicht erschien mir dies Leid allerdings völlig unnötig - ich dachte, Polyamorie könnte doch gerade für Bisexuelle d i e Lösung sein. Doch als ich diesen Gedanken einmal in der Runde äußerte, war die Reaktion überwiegend Befremden (mit allerdings einigen Ausnahmen). Das ging so weit, dass ich sogar gefragt wurde, wieso denn ich als Heterosexueller überhaupt polyamor leben würde - das hätte ich doch gar nicht nötig! Irgendwie fand ich den Einwand sogar logisch - nur dass er auf der falschen Voraussetzung beruhte, dass hinter meinen polyamoren Bestrebungen eine Form des Mangels stecken würde. Eher war und ist sie nämlich ein Ergebnis gefühlten emotionalen Überflusses, einer Freude am Leben und Lieben an sich.

    Dies war Teil 1; die weiteren Teile folgen gleich

  • #4

    Rainer (Samstag, 21 März 2015 21:14)

    Wie dem auch sei; was ich sah, waren alle möglichen Formen zwischen polyamoren und strikt monogamen Liebesbeziehungen. Es gab eine Art serieller Monogamie mit einem Partner, der über die Jahre immer wieder auftauchte, unterbrochen durch Affären mit Partnern des anderen Geschlechts. Es gab die Regelung, andere Partner haben zu dürfen, doch nur solche, die nicht des gleichen Geschlechts wie der Hauptpartner waren - dies sowohl in hetero- als auch in homosexuellen Hauptbeziehungen.

    Eifersucht spielte eine sehr belastende Rolle in solchen Konstellationen - besonders, wenn diese Regelungen zeitweilig durchbrochen wurden, weil die Liebe grad mal andere Wege ging.

    Polyamor zu leben bedeutet für mich, "nichtexklusive" Liebesbeziehungen zu führen. Nichtexklusivität heisst dabei, dass es keine Bereiche in meinem / unserem Liebesleben gibt, die per Definition nur einem oder nur bestimmten Partner/n vorbehalten wären. Ich habe mich langsam und mit viel Unsicherheiten gemeinsam mit meinen jeweiligen Partnerinnen an diese Freiheit herangetastet, aber ein "Vetorecht" oder eine wie auch immer festgeschriebene "Beziehungshierarchie" - beides gibt es ja unter Polyamoren durchaus - kamen mir immer fremd vor. Was nicht bedeutet, dass meine Partnerinnen (drei sind es seit einigen Jahren) oder meine Liebesbeziehungen gleich wären. Sie sind lediglich gleichwertig, was nicht dasselbe ist.

    Heute habe ich das Glück, in einem polyamoren Netz aus Liebesbeziehungen zu leben, in dem keiner der Beteiligten Exklusivität einfordert. Beziehungen dagegen, in denen Exklusivität(en) von mir verlangt wurden, gingen regelmäßig allein schon daran in die Brüche, wenn nicht wenigstens über die Jahre eine Entwicklung hin zu mehr Freiheiten spürbar war. Diese Entwicklung (hin zu mehr Freiheit) betrifft auch mich selbst, was meine Liebesbeziehungen heute unkomplizierter macht, als es noch vor vielleicht zehn oder zwanzig Jahren der Fall war.

    Ein entscheidender Punkt dabei ist, dass ich heute tatsächlich weniger eifersüchtig bin als früher. Wobei Eifersucht in meinen Augen noch nie ein Liebesbeweis gegenüber meinen Partnerinnen war, sondern vielmehr ein Ausdruck tiefen Misstrauens meinerseits, ob sie mich wohl ebenso sehr liebten und begehrten wie ich sie. Letztlich ist es mir damit so gegangen, wie es eben gehen kann, wenn man seinen Ängsten nicht ausweicht, sondern sich ihnen stellt (durch sie hindurchgeht, wie es so schön heisst). Ich hatte das Glück, auf Partnerinnen (vor allem eine) zu treffen, denen diese Ängste auch nicht fremd waren, und gemeinsam gaben wir uns Regeln, die unsere Ängste auf ein aushaltbares Maß reduzierten. Und immer, wenn wir mit einem vordem angsterregenden Umstand gut klarkamen, warfen wir solche Regeln über Bord, eine nach der anderen. Denn hinter all dem stand stets der Wunsch, frei lieben zu können und zu dürfen.

    Was mir gefällt, ist Dein Hinweis, nicht Eifersucht an sich sei das Problem, sondern die Erstarrung in einer eifersüchtigen Haltung. Ebenso wie Dein Hinweis, dass es ein Fortschritt sei, Eifersucht gegenüber dem Partner auszusprechen, ohne daran irgendwelche Forderungen zu knüpfen. Denn allein dies, wenn es ehrlich und von Herzen geschieht, löst ja schon die Erstarrung.

    Wenn wir über unsere Eifersucht sprachen, erschien uns das aber keineswegs als "große Emotion", sondern eher als ein Zeichen momentaner Überforderung durch unser selbstgewähltes Maß an angestrebter Freiheit. Auch wenn wir dabei stets wussten, dass dahinter ein Überfluss an Gefühlen steckte und keineswegs ein Mangel - wäre dies anders gewesen, wären wir nicht auf diesem Weg weitergegangen.

    Was mir auch gut gefällt, ist Dein Hinweis auf die Gefahr, Eifersuchtsfreiheit würde zur neuen Norm Polyamorer. Das beobachte ich auch hin und wieder und wende mich stets dagegen, denn wenn sie zur Norm wird, entstehen daraus Forderungen an die Partner, die das Gegenteil von Freiheit sind. Dann bleibt, wie Du schreibst, in der Tat die Sinnlichkeit auf der Strecke, ebenso wie die Liebe.

    Zur Norm kann Eifersuchtsfreiheit nur werden, wenn Polyamorie idealisiert wird. Ich sehe sie aber keineswegs als Ideal, sondern schlicht als pragmatisches Ergebnis des Wunsches, Geborgenheit in Liebesbeziehungen mit dem Wunsch nach persönlicher Freiheit in ihnen in Einklang zu bringen. Es gibt darum für mich auch keinen Grund, auf monogame Liebesbeziehungen herabzublicken - wenn es den beiden Beteiligten gut damit geht, wo ist das Problem?

    Gleich noch Teil 3

  • #5

    Rainer (Samstag, 21 März 2015 21:17)

    Es wird gern angenommen, Polyamore würden gesellschaftlich diskriminiert. Meine eigene Erfahrung ist nicht so. Was ich erlebe, ist eher eine Verunsicherung monogam (und nach romantischem Ideal auch monoamor) Lebender, wenn sie sich mit polyamoren Realitäten konfrontiert sehen. Wenn ich an meine eigene Verunsicherung denke, als ich vor vielen Jahren selbst meiner polyamoren Wünsche gewahr wurde, kann ich das nur allzu gut nachvollziehen. Was ich oft höre, ist sogar eine Art Selbstverteidung: "Ist ja interessant, aber ich bin wohl nicht so modern". Wobei "modern" in dem Fall sicherlich ein Synonym für "fortschrittlich" sein soll - ein in unserer Gesellschaft ja hoher Wert. Ich denke, da besteht beim Gegenüber dann das Missverständnis, wir Polyamoren würden unsere Lebensweise als ebenso ideal betrachten wie meinethalben "die Gesellschaft" eine monogame Ehe bis zum Tod. Es ist darum wohl auch alles andere als konstruktiv, in solchen Fällen das Gegenüber von den Vorzügen der Polyamorie überzeugen zu wollen: dies ruft nach meiner Beobachtung nur noch mehr und stärkere Abwehr hervor gegen diese Art der Missionierung.

    Dass aus Eifersucht neue Leidenschaft entstehen soll, kann ich nicht nachvollziehen. Nach meiner Erfahrung entsteht aus Eifersucht eher Rückzug, Sich-einigeln und Distanz. Nicht so sehr aus einer Vorwurfshaltung heraus als vielmehr aus einer Art Selbstschutz, auch wenn dieser letztlich destruktiv wirkt, sofern die selbstgewählte Isolation nicht wieder durchbrochen wird, indem man z.B. über die eigenen Ängste, den eigenen Schmerz redet. Indem auch die Partner aufeinander achten, ob es dem anderen vielleicht grad nicht gut geht. Polyamorie wird ja oft missverstanden als bedingungsloser Egoismus - dabei erfordert nach meiner Erfahrung grad diese Lebensweise ein großes Maß an Empathie. Nur eben ohne sich selbst darin zu verlieren und dem Partner zuliebe Lebensfreude zu opfern.

    Mir kommt es ein wenig so vor, als meintest Du, es könne aus einem gewissen Druck und Mangel heraus Zuneigung entstehen. Wie ich es kenne, entsteht daraus jedoch allenfalls eifersüchtige Abhängigkeit. Liebe ist dagegen ein Kind der Freiheit, wie es so schön heißt, etwas, das ich aus eigenem Erleben nur bestätigen kann.

    Völlig befremdet mich Deine Annahme, mein Interesse an der Intimität meiner Partner könnte (oder sogar müsste) mich von einem heterosexuellen Mann in einen bisexuellen verwandeln. Ich kann Deinen Gedankengang da allenfalls abstrakt nachvollziehen, erlebe dies selbst jedoch ganz anders.

    Zunächst mal gibt es in der Sexualität sicherlich Momente, wo zwei Menschen ganz aufeinander bezogen sind und ein Dritter außen vor. Das hängt nach meiner Erfahrung schlicht davon ab, ob, wie Charlie schreibt, eine Triade aus drei auch sexuellen Liebesbeziehungen besteht, oder ob sie zumindest in sexueller Hinsicht eine V-Konstellation ist (polyamor kann beides sein).

    Ersteres habe ich erlebt, als meine Frau sich in meine Geliebte verliebte (und vice versa). Erst waren beide unsicher, ob sie nicht damit unsere beiden jeweiligen heterosexuellen Liebesbeziehung gefährden und fragten mich darum unabhängig voneinander, wie ich das denn fände. Ich fand, diese Liebe der beiden zueinander, das wäre einfach ihre Sache, damit hätte ich nichts zu tun. Als dann beide mich kurze Zeit später in ihre Liebesbeziehung aufnahmen, gab es tatsächlich keinerlei Grenzen, auch nicht in der sexuellen Intimität. Das ging aber m.E. nur, weil jede/r von uns dreien seine/ihre sexuelle Identität frei in dieser Triade leben konnte.

    Als dagegen der andere Mann unserer Frau - mein "Mitmann" - zu uns zog, war es so, dass er sich als Bisexueller eine auch sexuelle Liebesbeziehung zu mir vorstellen konnte, ich mir jedoch nicht zu ihm. Wir sprachen darüber, und ich sagte ihm, solle ich jemals bisexuell werden, wäre er sicher der Erste, der es erführe. Denn ich mag ihn sehr und verdanke ihm viel: als zu Beginn die Liebe zwischen unserer Frau und ihm hohe Wellen schlug und ich ziemliche Angst bekam, aus ihrer Liebe herauszufallen (die beiden führten damals eine Fernbeziehung, und sie wollte irgendwann mehr als die Hälfte ihrer Zeit bei ihm sein), war er es, der mich unterstützte, indem er ihr nahelegte, darauf zu achten, nicht über meine Grenzen hinwegzugehen. Diese liebevolle Haltung hat sich auch später bestätigt, als er in unsere Stadt zog, weswegen ich irgendwann wollte, dass wir drei zusammenleben.

    und gleich noch Teil 4

  • #6

    Rainer (Samstag, 21 März 2015 21:17)

    Es gibt in dieser Konstellation durchaus auch mal Sex zu dritt, nur eben in der Form, dass unsere Frau mehr oder weniger zwischen uns liegt und mal der eine, mal der andere von uns mit ihr intim wird, manchmal auch direkt nacheinander. Dabei berührt es mich schon sehr, die beiden beim Sex zu beobachten, grade das, was ich dabei von meinem Mitmann mitbekommme, denn vieles kommt mir so ungeheuer vertraut vor von mir selbst, nur dass ich es dann eben bei ihm erlebe. Doch ist diese Berührung einfach emotionaler Art; sexuell erregt sie mich nicht.

    Wenn dies anders wäre, dann sicher deshalb, weil ich selbst schon immer bisexuell gewesen wäre. Die Vorstellung aber, ich würde durch solche Art polyamorer und sexueller Begegnung meine sexuelle Identität ändern, erinnert mich eher an manche möglicherweise ja sogar gut gemeinten Versuche kirchlicher Kreise, Homosexuellen ihre sexuellen Neigungen aberziehen zu wollen zugunsten heteronormativen Verhaltens. Darüber, dachte ich, wären wir eigentlich allmählich hinaus.

    Ich denke, das, was ich weiter oben über die Gefahren der Idealisierung polyamoren Lebens schrieb, gilt in gleicher Weise auch für sexuelle Identitäten. Ich sehe keinen Gewinn darin, auch nur irgendeine dieser Identitäten zu idealisieren, weder Hetero- noch Homo- noch Bisexualität, denn ich denke, jede/r von uns ist eben, wie er/sie ist, und es gibt keinen Grund, das eine besser zu finden als das andere.

    Ich kann aber bestätigen, dass polyamore Liebesnetze, in denen mehr als nur eine sexuelle Identität auftreten, viele Ängste abbauen und eine tolerante Haltung unter- und zueinander erheblich fördern können.

    Liebe Grüße,
    Rainer

  • #7

    Robert (Montag, 30 März 2015 00:02)

    Hallo Rainer,
    vielen Dank für deinen ausführlichen Kommentar. Er ist auch dadurch besonders spannend, dass du konkret aus deinem Leben berichtest.

    Ich stimme dir zu, dass Eifersucht auch „ein Zeichen momentaner Überforderung durch unser selbstgewähltes Maß an angestrebter Freiheit“ ist. Denn, wenn ich die Eifersucht in meiner Überschrift auch „lobe“, so möchte ich sie doch keinesfalls zu etwas Erwünschtem oder Angenehmem schönreden. Und sehr freut mich dein Hinweis zur Polyamorie, „dass dahinter ein Überfluss an Gefühlen steckte und keineswegs ein Mangel – wäre dies anders gewesen, wären wir nicht auf diesem Weg weitergegangen.“

    Zu dem Punkt, inwiefern aus Eifersucht neue Leidenschaft entstehen könnte. Ich meine damit nicht, dass „aus einem gewissen Druck und Mangel heraus Zuneigung entstehen könne“. Es geht darum, jemanden wieder mit neuen Augen zu sehen. Als eine frühere Beziehung etwas leidenschaftslos geworden war, alltäglich und normal wurde, geschah es, dass dann die plötzliche Eifersucht über die neue Affäre meines Freundes mich aufweckte, mich spüren ließ, was ich an ihm gehabt hatte, nun verloren hatte und wiedergewinnen wollte.

    Sehr interessant ist der Punkt der Exklusivität. Das sehr freundliche und humane Ideal eines „polyamoren Netz(es) aus Liebesbeziehungen …, in dem keiner der Beteiligten Exklusivität einfordert“, verstehe ich und befürworte ich. Aber sind dann nicht trotzdem die leidenschaftlichen, intimen Situationen in hohem Maße exklusiv, selbst wenn die Beteiligten das nicht wollen? Ist das Glück, jemanden ganz zu spüren, das Glück, von jemandem geliebt und begehrt zu werden (innig, lüstern, geborgen, gerettet), nicht immer ein höchst exklusives Glück? (Hier wäre die Analyse von Sartre interessant, wie der Blick eines Dritten – und sei er oder sie auch noch so wohlwollend und empathisch – die Intimität zerstört; in „Das Sein und das Nichts“, TB-Ausgabe 1994, S. 659).

    Dann schreibst du: „Völlig befremdet mich Deine Annahme, mein Interesse an der Intimität meiner Partner könnte (oder sogar müsste) mich von einem heterosexuellen Mann in einen bisexuellen verwandeln.“ Nein, so war das nicht gemeint, schon deshalb nicht, weil ich die einschlägigen Identitäts-Zuschreibungen und Identitäts-Selbst-Zuschreibungen kritisiere, siehe im Queergeist-Blog mein kurzer Text http://www.queergeist.com/2014/12/29/schwuler-werden-statt-schwul-oder-hetero-sein/. Meine Gedanken erinnerten dich „an manche möglicherweise ja sogar gut gemeinten Versuche kirchlicher Kreise, Homosexuellen ihre sexuellen Neigungen aberziehen zu wollen zugunsten heteronormativen Verhaltens.“ Richtig ist, dass ich – vielleicht ähnlich wie die kirchlichen Kreise – tatsächlich meine, dass ich meine sexuellen Neigungen nicht nur fremdbestimmt erdulde, sondern als bewusstes Wesen aufgrund von leidenschaftlichen Zuneigungen und Sympathien entfalte, dass meine sexuelle Orientierung nicht hundertprozentig determiniert und durch eine eindeutige sexuelle Identität ein für allemal fixiert ist. Änderungen könnten möglich sein, vielleicht nur minimal und dennoch bewegend und dramatisch. Aber – im Gegensatz zu diesen christlichen „Therapeuten“ – will ich niemandem etwas „aberziehen“. Ich will unsere Möglichkeiten nicht zur normierenden Einengung, sondern zur Erweiterung unserer sexuellen Orientierungen ausloten.

    Es geht mir darum, dass die leidenschaftliche Neugier, die mit der Eifersucht einhergehen kann - die Neugier, wie fühlt sich „der Neue“ für meinen Partner an, die Frage „was hat er was ich nicht habe“ - auch einen sexuellen Aspekt haben KANN. Und bei einer Hetero-Eifersucht auf einen Nebenbuhler oder eine Nebenbuhlerin wäre dies dann ein – wie auch immer abgeschwächtes – homosexuelles Interesse. Das wäre doch ein spannender Punkt! Und vielleicht ist es hilfreich, diesem Aspekt nachzuspüren, wenn es darum geht, einen zivilen und freundschaftlichen Umgang mit Eifersucht zu erlernen.

QueerGEIST e.V.

Projekt für ein queeres Gemeinschaftszentrum in Berlin

 

Folge uns auf facebook

News, Diskussionen, Links, Tipps, Veranstaltungen, Austausch

 

RSS-Feed

Blog News

Immer über Neuigkeiten informiert

 

Projektförderung 'Queer Refugees Welcome' durch die Robert Bosch Stiftung

 

Förderung durch Homosexuelle Selbsthilfe e.V.

 

 

 

 

 

 

Bündnispartner der Initiative #EHEFÜRALLE