Kartenhaus der Normalität

Ein Coming Out stellt uns vor viele Herausforderungen. Wir versuchen uns Klarheit über unser Sosein zu verschaffen, lesen, tauschen uns aus, machen neue Erfahrungen. Irgendwann stehen wir dann vor der Aufgabe, unser Umfeld an unserem Innenleben teilhaben zu lassen. Am Ende steht die Verpuppung der an sich selbst zweifelnden Larve zu einem selbstbewussten, strahlend schönen Schmetterling. Völlig selbstverständlich erzählen wir am Arbeitsplatz vom Urlaub mit unserem/r gleichgeschlechtlichen Partner_in und sprechen dabei von 'Ehefrau' und 'Ehemann', oder stellen unser gutes Passing als naturgegebene Tatsache hin. Wir sind eben einfach trans*, bi, lesbisch oder schwul. Doch stimmt das wirklich?

Dass der Weg zu einem offenen Umgang mit unserem Sosein oftmals steinig war/ist, blenden wir dabei aus. Die Schwierigkeiten, die mit der eigenen Selbstfindung einhergehen, wollen wir nicht wahrhaben. Wir sind schließlich 'normal'. Und was normal ist, muss auch nicht hinterfragt werden. Jeder Selbstzweifel so scheint es, kann das Kartenhaus der Normalität wieder zum Einsturz bringen. Alles was unser neues Selbstbild in Frage stellt, muss vehement abgewehrt werden.

Ich verstehe den Wunsch nach Selbstverständlichkeit hinsichtlich des eigenen Soseins, nach Ankommen im Leben, doch sehe ich auch eine Fülle von Problemen, die sich aus der Art und Weise ergeben, wie wir diese Normalität herstellen. Um diese Frage zu klären, möchte ich wie so oft mit einer kurzen Begriffsklärung beginnen.

Unter welchen Bedingungen wird Normalität hergestellt?

Einen interessanten Ansatz bieten die Autorinnen Brigitta Kuster und Renate Lorenz mit ihrem Begriff der 'Normalisierungsarbeit'. Diese beschreibt das Herstellen von Normalität als Teil sexueller Arbeit z.B. durch bestimmte Alltagspraxen. Hier wäre beispielsweise das bewusste Sichtbarwerden von gleichgeschlechtlichen Paaren im öffentlichen Raum zu nennen. So leistet jeder Kuss, jedes Händchenhalten einen nicht zu unterschätzenden Beitrag. Das Ziel besteht darin, innovative (queere) Identitätsentwürfe lebbar zu machen, um sich als kohärentes Selbst erfahren zu können.

Doch nicht nur 'Betroffene' leisten Normalisierungsarbeit, auch Angehörige, Freund_innen und Bekannte tun dies. Man denke an Eltern, die die gleichgeschlechtlichen Partner_innen ihrer Kinder ebenso selbstverständlich zur Familienfeier einladen, wie verschieden-geschlechtliche.

Ebenso wie Normalität hergestellt wird, kann sie von anderen Menschen allerdings auch wieder zerstört werden. Jede Trans*person, die auch nach Jahren noch von ihren Eltern mit dem falschen Pronomen angesprochen wird, kann ein Lied davon singen, wie fundamental solche Erfahrungen am eigenen Selbstbild nagen. Vergebens all die Energie und Mühe, die wir darin investiert haben, uns entgegen dessen was uns umgibt, als selbstverständlich bzw. normal wahrnehmen zu können.

Konto für Normalisierungsarbeit

Es verwundert nicht, dass ein großer Teil queerer Menschen aufgrund des geringeren Aufwands an Normalisierungsarbeit Zuflucht in einer Gemeinschaft aus (vermeintlich) Gleichgesinnten sucht. Diese Zuflucht ist jedoch nicht selten an bestimmte Bedingungen geknüpft. Denn um wirklich als Teil der queeren Community anerkannt zu werden, wird quasi ein 'Mindestmaß' an Normalisierungsarbeit gefordert. Wer z.B. nicht offen schwul lebt, der hat schnell den wenig schmeichelhaften Ruf einer 'Klemmschwester' weg und verdient die Anerkennung folglich nicht.

Besonders hart trifft es Personen des öffentlichen Lebens. Hier scheint es ein regelrechtes 'Konto für Normalisierungsarbeit' zu geben. Schauspieler_innen, Sportler_innen, Politiker_innen etc. die entweder ihr (queeres) Beziehungsleben geheim halten oder gar mit 'Strohwitwe_r' bei öffentlichen Auftritten erscheinen, müssen schon einiges leisten, um den Minusbereich ihres Kontos wieder auszugleichen.

Damit ich nicht falsch verstanden werde, natürlich befürworte auch ich kein Versteckspiel und wünsche mir gerade für queere Menschen jedwelcher Couleur empowernde Vorbilder, doch halte ich es für falsch, Anerkennung an das Maß an Normalisierungsarbeit zu knüpfen. Das soll allerdings keinesfalls heißen, dass ich nicht trotzdem dafür bin, geleistete Normalisierungsarbeit anzuerkennen

Der Preis für die Normalität

Neben dem oftmals gnadenlosen Umgang mit nicht - oder nicht ausreichend - geleisteter Normalisierungsarbeit gibt es noch weitere kritikwürdige Aspekte. Da wäre zum einen das Individualisieren hinsichtlich der Verantwortung bei nicht geglückter Normalisierungsarbeit. Oder anders ausgedrückt, jede_r ist selbst schuld, wenn es ihm/ihr nicht gelingt, das eigene Selbstbild mit den Anforderungen des Umfelds in Einklang zu bringen. Wer die Diskrepanz zwischen den eigenen Vorstellungen von Normalität nicht mit der harten Realität vereinbaren kann, der/die 'macht ganz einfach etwas falsch', ist 'schwach' oder 'unfähig'.

Nur sind nicht alle Menschen geboren zum Ausblenden von Beleidigungen oder auch nur bösen Blicken; nicht alle Menschen können sich nach solchen Erfahrungen vor ihre Angehörigen und Freund_innen stellen und lauthals verkünden, in Deutschland sei das Leben als queerer Mensch weitgehend frei von Diskriminierung. Meine Erfahrung ist, je vehementer dies behauptet wird, desto unwahrer ist es in der Regel.

Es scheint mir fast so, als sei der Glaube an Normalität so etwas wie ein Mantra, wenn man es nur oft genug wiederholt, wird es eines Tages schon Wirklichkeit werden. Die Art und Weise, wie Normalität hier durch Negierung der Realität hergestellt wird, grenzt dabei oft ans Absurde. Es ist, als sehe man einem Einbrecher zu, wie er die eigene Wohnung ausräumt, während man seinen Bekannten gerade am Telefon erzählt, wie sicher man sich doch in dieser Wohnung fühlt.

Tatsächlich habe ich oft das Gefühl, innerhalb der queeren - oder im konkreten Fall eher der schwulen - Community haben wir eine Art Schweigegelübde abgelegt, das es verbietet, offen über negative Erfahrungen im Zuge unserer Normalisierungsarbeit zu sprechen, da dies den Selbstbetrug von einem normalen Leben ebenso erschüttern würde, wie die erlittene Diskriminierung selbst. Das Sprechen darüber macht sie dabei wohl erst so richtig real.

Als ich mich in schwulen Zusammenhängen zu bewegen begann, wunderte ich mich anfänglich, wie problemlos die Bekanntschaften mit ihrem Sosein umzugehen schienen. Ich fragte mich, ob es nur mir so geht, ob ich der einzige bin, der manchmal Angst hat, im öffentlichen Raum als schwuler Mann sichtbar zu werden? Ob ich der einzige bin, dem die schwulenfeindlichen Äußerungen in der Schule etc. zu schaffen machten? Stellte ich mich einfach blöd an, war ich zu empfindlich? Mein Hadern stand in krassem Widerspruch zur 'Alles-kein-Problem-Attitüde' meines Umfelds und ließ mich hoffnungslos verwirrt zurück. Heute würde ich diese Fragen mit einem klaren 'Nein' beantworten; die schwulen Männer, die ich damals kennenlernte, leisteten wohl einfach hervorragende Normalisierungsarbeit. Schwierigkeiten bei der Identitätsfindung, war da was?

Das ist letztlich auch der Punkt, den ich besonders kritisiere. Und zwar dass wir im Namen der Normalisierungsarbeit unsere Anstrengungen, unseren Aufwand an Energie und Nerven unsichtbar machen. Soll die Illusion von Normalität gewahrt bleiben, muss sie quasi 'naturgegeben' wirken. Das Wissen darum, wie wir sie permanent versuchen herzustellen, bleibt so stets im diffusen Bereich des Unausgesprochenen. Für all jene, die sich selbst im Coming Out-Prozess befinden, kann dies ggf. ein fatales Signal von trügerischer Sicherheit aussenden. Zugespitzt gesagt, wer würde andere Menschen wider besseren Wissens in einen Raubtierkäfig steigen lassen, ohne vorher auf die Sicherheitsvorkehrungen aufmerksam zu machen?

Außenwirkung auf die heteronormative Mehrheitsgesellschaft

Doch nicht nur das Signal an queere Menschen selbst ist meines Erachtens problematisch. Auch die Außenwirkung auf die heteronormative Mehrheitsgesellschaft ist hier zu kritisieren. Wenn es uns bei der Selbstfindung schon schwer fällt einzuschätzen, wie groß die Diskrepanz zwischen der Realität und der Normalität ist, wie sie von einem großen Teil der queeren Community propagiert wird, wie groß ist sie dann erst für Außenstehende? Wenn wir in unserer toleranten Umwelt alle so problemlos und offen unser Sosein ausleben können, worüber beschweren wir uns dann eigentlich noch? Wozu Anti-Diskriminierungsrichtlinien, wenn doch längst alles in Butter ist?

Ich denke wir sollten uns da nichts vormachen, viele der Außenstehenden haben keinen blassen Schimmer, wie es sich wirklich als offen queerer Mensch lebt, wie es in unserer Gesellschaft tatsächlich um Toleranz und Akzeptanz bestellt ist. Und meiner Ansicht nach interessiert es auch niemanden, solange es ihn/sie nicht persönlich betrifft.

Dass die Art und Weise, wie wir durch Unsichtbarmachung des Aufwands Normalität herstellen, auch Heterosexismus und Queerfeindlichkeit unsichtbar macht, halte ich für ausgesprochen problematisch. Sie entlastet so gewissermaßen die Gesellschaft, sich kritisch mit sich selbst auseinanderzusetzen. Denn nur dort, wo Queerfeindlichkeit sichtbar wird, da ist auch Reflektions- bzw. Handlungsbedarf. Von daher finde ich diese Art der Normalisierungsarbeit sowohl kontraproduktiv als auch gefährlich.

Fazit

Zusammenfassend würde ich folgendes sagen: Erst einmal halte ich Normalisierungsarbeit für ein adäquates Mittel, um sich selbst als kohärentes Selbst erfahren zu können und den eigenen Identitätsentwurf lebbar zu machen. Dieses Ziel sehe ich keineswegs als 'Luxusproblem', sondern durchaus als eine Frage des (Über)lebens. Dabei streben wir als queere Menschen nach größtmöglicher Normalität, nach Selbstverständlichkeit des eigenen Soseins. So weit so gut.

Problematisch wird es paradoxerweise jedoch ausgerechnet dann, wenn das Erreichen von Normalität als allgemeingültige Tatsache dargestellt wird. Für all diejenigen, denen es gelingt, die Oase der Normalität zu erreichen - sei es weil die Diskrepanz zur Realität tatsächlich geringer ausfällt oder sie diese besser ausblenden können - ist sie meist eine nicht zu unterschätzende Selbstbestätigung. Wenn nicht nur man selbst, sondern auch alle anderen um eine_n herum der Ansicht sind, dass Queersein in Deutschland heute kein Problem mehr darstellt, wird es wohl so sein.

Weniger rosig sieht es leider für all diejenigen aus, denen es nicht gelingt, die Diskrepanz zwischen der Realität einerseits, und der von großen Teilen der queeren Community propagierten Normalität andererseits, miteinander in Einklang zu bringen. Wie soll eine Trans*frau sich als kohärentes Selbst erfahren, die auf der Straße angegafft, bespuckt oder beleidigt wird, diese Erfahrungen im Namen der 'heiligen Normalität' aber nicht sichtbar machen darf? Was ich kritisiere, ist also gar nicht die Normalisierungsarbeit an sich, sondern vielmehr die Bedingungen, unter denen diese Normalität hervorgebracht wird: Nämlich durch die Unsichtbarmachung des Arbeitsaufwands, der dafür geleistet werden musste, durch die Unsichtbarmachung der dahinter liegenden heterosexistischen und queerfeindlichen Gesellschaftsstrukturen.

Ich weiß nicht, ob sich noch von Normalisierungsarbeit sprechen lässt, wenn die Mühen und Anstrengungen nicht auf dem Altar der Normalität geopfert würden, aber ich wünschte mir, es wäre möglich. Ich wünschte, es gäbe eine ehrlichere Form von Normalisierungsarbeit, die all diese - teils schmerzlichen - Erfahrungen sichtbar und in den eigenen Selbstentwurf integrierbar macht. Einen Versuch wäre es wert...


Text von Charlie

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Kommentare: 6
  • #1

    Robert (Dienstag, 19 Mai 2015 21:33)

    https://robertulmer.wordpress.com/

    Es ist interessant, über Normalität nachzudenken. Erster Reflex: „Normal“, also durchschnittlich, wer will denn das schon sein – ich jedenfalls nicht, ich bin besser, nämlich überdurchschnittlich! Zweiter Reflex: ich will ganz „normal“ dazugehören, und nicht als Andersartiger eine Sonderrolle spielen müssen. Und damit beginnen die Probleme: mir wird von den Anderen diese Andersartigkeit nämlich zugewiesen. Was auch an mir liegt, denn ich proklamiere ja: seid neugierig, entdeckt eure Bisexualität, denkt nach über Polyamorie.

    Der Punkt ist, dass ich diesen Appell, „seid neugierig, entdeckt eure Bisexualität, denkt nach über Polyamorie“, zur gesellschaftlichen Normalität machen möchte. So wie es gesellschaftliche Normalität ist, über Gott, über die deutsche NS-Vergangenheit, über etwaige rassistische Überlegenheitsgefühle nachdenken zu sollen, so – stelle ich mir vor – müsste es gesellschaftliche Normalität werden, über ein Liebesleben und ein Familienleben jenseits der Hetero-Norm nachdenken zu sollen. Und dazu möchte ich beitragen.

    Ich fürchte, diesen gesellschaftlichen Fortschritt werden wir nicht dadurch vorantreiben, indem wir uns als „queere Menschen“ begreifen, und dann das Problem erörtern, wie sichtbar wir nun als „queere Menschen“ sein dürfen oder wollen oder sollen. Denn damit würden wir die uns zugewiesene Andersartigkeit nur bestätigen und verewigen. Würden uns für etwas Besonderes halten und stets darunter leiden, dass unsere „Besonderheit“ von den Anderen nicht anerkannt wird. Das wäre dann wirklich ein Kartenhaus, das einem immer wieder umgeworfen wird.

    Ich plädiere dafür, den problematischen Adelstitel der angeblichen Andersartigkeit (schwul, queer, was auch immer) beherzt abzulehnen, und als ganz normaler Mensch dazu beizutragen, dass die Welt toleranter und vielfältiger wird. Ich plädiere dafür, sich nicht mehr von gesellschaftlich aufgezwungenen Identitäten verrückt machen zu lassen, sondern sich endlich mal dafür zu interessieren, was denn eigentlich die realen Freunde und Geliebten von einem halten und denken. Ich plädiere dafür, nicht händeringend um Schutz und Anerkennung zu bitten, sondern selbstbewusst, polemisch und aggressiv darauf zu bestehen, dass die weite Perspektive einer queeren Welt besser ist als die verklemmte Enge der Hetero-Norm.

  • #2

    Charlie (Dienstag, 19 Mai 2015 22:44)

    @Robert
    Ich denke auch, dass ich als Minderheit von einer Mehrheit als 'anders' markiert werde. Der Grund dafür besteht - ja nach Blickwinkel - entweder darin, dass ich wirklich anders bin oder dass ich durch die Schaffung heteronormativer Standards gewissermaßen dazu gemacht werde. Wenn also Zweigeschlechtlichkeit, stereotype Geschlechtszuschreibungen und/oder gegengeschlechtliches Begehren keine derart zentralen Kategorien wären, wenn sie ebenso irrelevant wären wie z.B. die Augenfarbe, würde das Markieren als 'anders' zwar nicht verschwinden, es würde aber nicht unbedingt mit Abwertung und Entrechtung einhergehen. Auch halte ich die Gleichsetzung von einem bestimmten Verhalten (z.B. das Eintreten für Polyamorie) mit essentiellen Persönlichkeitsmerkmalen wie der Geschlechtsidentität bzw. der sexueller Orientierung für problematisch. Das Markieren als 'anders' erfolgt hier nicht aufgrund eines vermeintlichen Fehlverhaltens, sondern allein wegen des Soseins. Queere Menschen haben oft also gar nicht mehr die erst die Wahl, sich einer Markierung zu entziehen. Was ich u.a. versucht habe zu verdeutlichen ist, dass sie gerade aufgrund der Markierung als 'anders' gezwungen sind, Normalisierungsarbeit zu leisten, um 'ganz normal dazuzugehören' (ohne ihr Sosein aufgeben zu müssen).

    Auch die Sensibilisierung für Bisexualität und Polyamorie kann als eine Form der Normalisierungsarbeit angesehen werden. Jedes Paar und jeder Mensch, das/der mit seiner Bisexualität und Polyamorie selbstverständlich und offen umgeht, leistet hier meiner Ansicht nach einen Beitrag. Kritisieren würde ich es aber, wenn dieses Paar/dieser Mensch dann so tut, als habe die Normalisierungsarbeit keinerlei Energie, Mühe und Arbeit an sich selbst gekostet.

    Zum Thema zugewiesene Andersartigkeit: Ich nehme an, dass ein Sich-Begreifen als 'queerer Mensch' und die dazugehörigen Diskussionen um Sichtbarkeit etc. ein entscheidendes Mittel sind, um Heteronormativität und ihre Wirkungsweise überhaupt zu verstehen. Wenn wir dieses Verständnis als 'queere Menschen' nicht hätten, wie sollten all die Menschen zusammenfinden, die unter Heterosexismus und Queerfeindlichkeit leiden? All die Menschen, die für eine gerechtere Welt kämpfen? All die Menschen, die von ihrem Umfeld nicht in ihrem Sosein empowert werden, sondern als 'anders' im Sinne von 'defizitär' markiert werden? Dafür braucht es eigne Räume mit eigenen Ideen. Würden wir diese Diskussion hier sonst führen können, hätten wir uns überhaupt kennengelernt?

    Meines Erachtens lässt sich der 'Adelstitel der Andersartigkeit' auch nicht einfach mal so 'beherzt ablegen'. Wie oben beschrieben, habe ich - sobald ich sichtbar bin - leider oftmals keinen Einfluss darauf, wann ich von anderen als 'schwuler Mann' oder 'queerer Mensch' angerufen werde. Außerdem sehe ich gerade in der Normalisierungsarbeit den Versuch, den Widerspruch queer/normal zu überwinden. Falls es gelingt, kann ich auch als queerer Mensch 'ganz normal dazu beizutragen, dass die Welt toleranter und vielfältiger wird.'

  • #3

    Lars (Donnerstag, 22 Oktober 2015 09:10)

    Ein schöner Beitrag. Ja, es gibt den Druck, in der eigenen Identiät "perfekt" zu sein, was nicht einmal die Heteros schaffen können. Aber eigentlich ist das blöd. Wie langweilig sind die Menschen, die sich nicht mal wünschen, was ganz anderes zu sein - und sei es nur, um mal auf andere Art und Weise anecken zu können?

  • #4

    Charlie (Donnerstag, 22 Oktober 2015 13:02)

    @Lars
    Ich bin mir nicht ganz sicher, was du mit 'perfekt' meinst. Was ich meinte, ist weniger eine 'Perfektion' als vielmehr eine vorgebliche 'Normalität' - im Sinne von Selbstverständlichkeit - hinsichtlich des eigenen Soseins. Bezüglich ihrer Sexualität oder Geschlechtsidentität müssen gerade Menschen, die heteronormative Standards ohne Schwierigkeiten erfüllen können, weit weniger bis überhaupt keine Normalisierungsarbeit leisten. Ich würde also nicht sagen, dass "nicht einmal 'Heteros' (bzw. Menschen, die heteronormative Standards erfüllen können) es schaffen", sondern dass sie diese Arbeit gar nicht erst erfüllen müssen. Wenn die gesellschaftlichen Bedingungen so wären, dass sie - und nicht queere Menschen - Normalisierungsarbeit an sich selbst leisten müssten, ginge es ihnen wohl genauso.

    Dein letzter Satz ist nachvollziehbar, doch er beruht denke ich auf einem Missverständnis. Was ich mit Normalität meine, bezieht sich weniger auf ein 'Nicht-Anderssein(wollen)' als vielmehr auf eine Selbstverständlichkeit des eigenen Soseins. Es geht also gerade darum, sich MIT seinem 'Anderssein' (Achtung, Hetero-Referenz!) als normal bzw. selbstverständlich wahrnehmen zu können, und nicht darum, dieses 'Anderssein' abzulegen oder auch nur den Wunsch danach zu haben.

  • #5

    Lars (Donnerstag, 29 Oktober 2015 13:35)

    "Wenn die gesellschaftlichen Bedingungen so wären, dass sie - und nicht queere Menschen - Normalisierungsarbeit an sich selbst leisten müssten, ginge es ihnen wohl genauso"

    Ich denke, dass es darauf in einem gewissen Grade hinauslaufen wird. Und daraus erklärt sich eines Erachtens auch ein Teil der Homophobie, denn dieser Prozess ist für die Heteros anstrengend. Wenn ich mit mit Menschen selbstverständlich zusammenkommen möchte, die ich aus irgend einem Grunde als "anders" empfinde, dann geht das nicht ohne ein Hinterfragen der eigenen Wahrnehmung und Gewohnheit.

    "eine Selbstverständlichkeit des eigenen Soseins." Zu dieser Selbstverständlichkeit gehört meines Erachtens eben auch das Akzeptieren, dass kein "Sosein" einen vor Konflikten schützt. Jedes Sosein hat seine Herausforderungen. Jemand der groß gewachsen ist, stößt sich häufiger den Kopf an Türbalken, jemand der klein gewachsen ist, kommt an manche Dinge ohne Hilfe nicht ran. Selbstverständliches So-Sein heißt, also nicht, dass die Welt ohne Hindernisse ist, sondern dass ich mich zu diesen Hindernissen lar verhalten kann, ohne mich zu genieren.

    Was ich mit meinem letzten Satz meinte, war nicht, das ich manchmal jemand anders sein möchte, um mich besser zu fühlen, sondern, dass ich durch den Perspektivwechsel einige Selbstverständlichkeiten meines Soseins besser erkenne und Unselbstverständlichkeiten, an denen andere sich abarbeiten, besser wahrnehme. Auch das hilft, Probleme konkreter und realistischer wahrzunehmen. Es gibt Schwule, die vielleicht unter Ausgrenzung leiden, aber ihr Mannsein nicht infrage stelen, weil sie damit viel Erfolg haben, während ein Hetero nach außen hin sich typisch als Mann verhhält, aber trotzdem bei Frauen keinen Erfolg hat. Solche Perspektivwechsel sind ein wichtiges Mitel zum Abbau negativer und positiver Vorurteile. Sehr effektiv setzen Schriftsteller und Schauspieler diese Technik ein.

  • #6

    Charliw (Freitag, 30 Oktober 2015 15:40)

    @Lars
    "Wenn ich mit mit Menschen selbstverständlich zusammenkommen möchte, die ich aus irgend einem Grunde als 'anders' empfinde, dann geht das nicht ohne ein Hinterfragen der eigenen Wahrnehmung und Gewohnheit."

    Da bin ich ganz deiner Meinung. Eventuell würde ich da aber sogar noch ein Stückchen weitergehen. Die eine Seite ist das Hinterfragen, die andere Seite der Umgang mit der daraus resultierenden Unsicherheit. Wenn ich wirklich mit Menschen selbstverständlich zusammenkommen möchte, bin ich quasi gezwungen selbst Normalisierungsarbeit zu leisten. Das kann bedeuten, dass ich es mir nicht anmerken lassen darf, falls ich mit dem 'Anderssein' meines Gegenübers überfordert und verunsichert bin. Vielleicht fällt es mir z.B. schwer, eine Person in ihrem Geschlecht anzuerkennen, da dies meiner eigenen Leseweise widerspricht. Es ist also Normalisierungsarbeit, den eigenen Impuls zu unterdrücken, ein anderes (in meinen Augen 'falsches') Pronomen für jemanden zu benutzen. Es betsteht also auch für Außenstehende ein subtiler Zugzwang Normalisierungsarbeit zu leisten. Offene Missachtung der geschlechtlichen und sexuellen Selbstidentifikation einer Person, kann somit auch als ein Ausdruck verweigerter Normalisierungsarbeit verstanden werden.

    "Zu dieser Selbstverständlichkeit gehört meines Erachtens eben auch das Akzeptieren, dass kein 'Sosein' einen vor Konflikten schützt. Jedes Sosein hat seine Herausforderungen."

    Da hast bestimmt recht, dass zu einer Selbstverständlichkeit des eigenen Soseins auch gehören kann, zu akzeptieren deshalb auch mal in Konflikte zu geraten. Aber es stellt sich die Frage, wie oft dies geschieht. Wenn es - im Extremfall - aufgrund meines Soseins kaum einen Tag gibt, an dem ich nicht von meinen Mitmenschen angestarrt, ausgelacht, misgendered, angespuckt oder (verbal und körperlich) angegriffen werde, kann sich meines Erachtens keine wirkliche Selbstverständlichkeit hinsichtlich des eigenen Soseins entwickeln. Aus diesem Grund denke ich nicht, dass jedes Sosein gleich schwere Herausforderungen mit sich bringt. Denn manche Menschen geraten wegen ihres Sosein erheblich öfter in Konflikte, als andere. Eine Relativierung nach dem Motto 'Jedes Sosein hat halt seine Vor- und Nachteile' geht in meinen Augen daher leider etwas an der Realität vorbei.

    Danke für die Erklärung zu deinem letzten Satz. Ich denke, ich verstehe nun besser, was du damit sagen möchtest. Ich würde allerdings nicht sagen, dass solche Menschen 'langweilig' sind, sondern dass sie - sofern sie überhaupt in die Situation kommen, ihre 'Normalität' hinterfragen zu müssen - entweder 'bequem', 'ignorant' oder 'empathielos' sind.

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