Heterosexualität in der Krise

Die aktuelle Diskussion zum Thema 'Ehe für alle' trägt teils erstaunliche Blüten. Erstaunlich vor allem aufgrund der Hartnäckigkeit und Borniertheit, mit der die Gegner_innen seit gefühlten hundert Jahren dieselben verstaubten Argumente vom 'Kindeswohl', der 'Natürlichkeit' und der 'Keimzelle der Gesellschaft' aus der Mottenkiste zaubern. Dass nicht nur der bloße Menschenverstand, sondern zahlreiche Studien längst das Gegenteil bewiesen haben, interessiert sie nicht. Denn was der Bauer nicht kennt...

Neben Ignoranz und Arroganz offenbart die öffentliche Diskussion aber auch etwas anderes: Während bis vor Kurzem Heterosexualität - oder besser ihre 'domestizierte' Version in Form der dauerhaften, monogamen Zweierbeziehung - als unmarkierte Norm vorausgesetzt wurde, zeichnet sich allmählich ein Umdenken ab. Mit der fortschreitenden Pluralisierung und gleichzeitigen Enthierarchisierung von unterschiedlichen Lebensentwürfen, büßt die 'traditionelle Ehe' im Speziellen und Heterosexualität im Allgemeinen ihren Status als einzig legitime Form des Zusammenlebens immer stärker ein. Dass eine solche Entwicklung zum Abbau von Privilegien führt, und dies stets mit Verlustängsten einhergeht, ist nicht weiter verwunderlich. Doch was bedeutet dies für uns? Welche Reaktionen seitens der Privilegierten lassen sich erkennen? Welche Analogien zu anderen Entwicklungen sind festzustellen? Ich möchte in diesem Blogpost analysieren, wie Abgrenzung und Abwertung als identitätsstiftende Elemente zum Einsatz kommen. Sicher ist dies keine neue bahnbrechende Erkenntnis, doch hilft es zumindest, heterosexistische Äußerungen aus einem anderen Blickwinkel zu sehen.

Wann ist ein Mann ein Mann?

Um die gegenwärtige gesellschaftliche Entwicklung in einen breiteren Kontext zu stellen, lohnt sich der Blick auf die Frauenbewegung(en) und ihre Auswirkungen. Lange galt stillschweigend der Konsens Mensch=Mann. Das Weibliche war somit stets markiert und wurde als solches explizit hervorgehoben. Im Zuge der Frauenbewegung(en) wurde dieses Selbstverständnis grundlegend in Frage gestellt und kritisiert, was natürlich nicht ohne Auswirkungen auf die Männer blieb. Viele fühlten sich um ihre rechtmäßigen Privilegien betrogen, was nicht zuletzt damit zusammenhing, dass sie es schlicht gewohnt waren, sie selbstverständlich ohne Wenn und Aber zu besitzen. Der Privilegienverlust erschütterte das Bild omnipotenter Männlichkeit nachhaltig, und ist bis heute noch nicht wirklich überwunden. Aus gutem Grund wird hier auch von der 'Krise der Männlichkeit' gesprochen.

Abgrenzung als Identitätsstiftung

Männlichkeit musste nun also notgedrungen ebenfalls markiert werden, und die Frage, wann ein Mann ein Mann ist, rückte zusehends in der Fokus. Doch was macht eigentlich einen Mann aus? Und was bedeutet Männlichkeit? Die Umkehr der Beweislast, bedeutete eine Menge Identitätsarbeit. Aufgrund der mangelnden Notwendigkeit diese zu leisten - die Gesellschaft entsprach hier schließlich nahezu komplett den eigenen Bedürfnissen - kam es folglich auch nicht zu politischen oder emanzipatorischen Kämpfen, in denen Männer Erfahrungen bei der Identitätsarbeit hätten sammeln können. So verwundert es kaum, dass sich - wie andere Bewegungen auch - vor allem durch Abgrenzung definiert wurde. Ähnlich wie ein Negativ, gewann (hegemoniale) männliche Identität allein dadurch an Kontur, dass sie sich bewusst von Weiblichkeit bzw. weiblich Konnotiertem wie z.B. Schwulsein abgrenzte. Das Aufkommen der deutschen Schwulenbewegung ab den 1970er Jahren kam hier wohl noch verstärkend hinzu.

Von außen betrachtet mag es überraschen, dass es damals wie heute nur wenigen Männern auffällt, wie stark sie sich durch die Abgrenzung von vermeintlicher Weiblichkeit bzw. Schwulsein selbst in ihren Ausdrucksformen und ihrem Bewegungsfreiraum beschneiden. Sicher bietet hegemoniale Männlichkeit noch immer eine Reihe von Vorteilen. Doch die damit einhergehenden Privilegien sind mit einer Selbstunterdrückung unliebsamer Wesensanteile teuer erkauft. Zudem wohnt ihnen immer auch die Angst vor einem Statusverlust inne. Dass dies zu aggressiven Abwehrmechanismen führen kann, ist meiner Ansicht nach verständlich.

Heterosexualität als 'Keimzelle der Gesellschaft'?

Ein ähnliche Entwicklung sehen wir bei Heterosexualität bzw. der 'traditionellen Ehe'. Hier scheint mir der Prozess zwar noch nicht im selben Maße fortgeschritten zu sein, lässt aber durchaus bereits ähnliche Muster erkennen. Es zeichnet sich nach und nach ein Umdenken im öffentlichen Diskurs ab, in dem Heterosexualität nicht mehr als die einzig 'natürliche' Form der Sexualität und die Hetero-Ehe nicht mehr als die einzig 'legitime' Form des Beziehungslebens vorausgesetzt wird. Die zunehmenden Diskussionen über die Privilegierung der Hetero-Ehe legen immer stärker ihre mangelnde Legitimation offen.

Wer argumentiert, nur in heterosexuellen Beziehungen gäbe es Kinder, wird schnell zurück auf den Boden der Tatsachen geholt: So haben - vereinfacht gesagt - Schwule/Bisexuelle oftmals Spermien, Lesben/Bisexuelle oftmals Eizellen, also ganz genauso wie ihre (cisgeschlechtlichen) heterosexuellen Geschlechtsgenoss_innen. Wer meint, nur durch Hetero-Sex können Kinder entstehen, der/die irrt, denn moderne Reproduktionsmethoden wie beispielsweise Samenspenden haben längst Einzug in die Lebenswirklichkeit der Menschen gehalten. Selbst wer lieber auf Eigeninitiative setzt, kann z.B. mithilfe der 'Becher-Methode' sein Ziel erreichen und für Nachwuchs sorgen.

Außerdem, so wird angeführt, sei das Recht auf Eheschließung nicht mehr zwangsläufig an Fortpflanzung geknüpft. Keinem heterosexuellen Paar in Deutschland droht bei Fortpflanzungsverweigerung die Zwangsscheidung. Wer von der Hetero-Ehe als 'Keimzelle der Gesellschaft' spricht, bekommt u.a. zu hören, dass eine Ehe weder ein Garant zum Kinderkriegen ist, noch alle Kinder innerhalb von Eheverbindungen zur Welt kommen. Auch die Vorstellung, dass einzig Heterosexualität 'natürlich' ist, kann mit einen Verweis auf die Tierwelt schnell widerlegt werden. Orientieren wir uns z.B. an Giraffen, so findet der Großteil der Sexualakte unter gleichgeschlechtlichen Bedingungen statt. Könnte man daher nicht genauso gut argumentieren, Heterosexualität sei unnatürlich?

Heterosexuelle Kränkung und ihre Folgen

Diese und ähnliche Argumente haben das heterosexuelle Selbstverständnis grundlegend erschüttert und somit der Legitimation ihrer privilegierten Stellung den Boden entzogen. Was macht denn nun ihre Besonderheit, ihre Einzigartigkeit aus, die eine Besserbehandlung gegenüber anderen Formen des Zusammenlebens rechtfertigen würde? Das Wissen darüber, diese Frage nicht mit stichhaltigen Argumenten beantworten zu können, geht mit einer Art 'narzisstischen Kränkung' einher. Die Vehemenz mit der - seitens konservativer Politiker_innen und diverser Kirchenoberhäupter - die Besonderheit heterosexueller Zweierbeziehungen heraufbeschworen wird, scheint mir ein Indiz für eben diese Bewusstwerdung zu sein. Ob es dafür rationale Gründe gibt, ist dabei offensichtlich zweitrangig. Hauptsache, man kann sich in seinen Ansichten bestärken, seien sie auch noch so absurd. Vor diesem Hintergrund wirken heterosexistische Äußerungen auf mich wie der letzte verzweifelte Schrei nach einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung.

In gewisser Weise sehe ich Parallelen zur männlichen Identitätskrise. Um sich zu beweisen, dass die heterosexuelle Besserbehandlung rechtens ist, greift man nun wieder verstärkt zum identitätsstiftenden Mittel negativer Essentialismen und Biologismen. Das ultimativ Andere muss her, das zeigt, dass gleichgeschlechtliche Beziehungen einfach nicht ebenso (gut/harmonisch) funktionieren können, wie verschiedengeschlechtliche. Dann heißt es, schwulen Beziehungen fehle es ohne weibliches Regulativ an Treue und Gefühl, lesbischen Beziehungen ohne männliches Regulativ an Entschlossenheit und Tatkraft oder Regenbogenfamilien entweder am 'männlichen oder am weiblichen Prinzip'. Kurz gesagt, nur die Beziehung von Mann und Frau ergänzt sich harmonisch, ist somit natürlicher und muss daher privilegiert bleiben. Angesichts der auf Abgrenzung von Wesensmerkmalen und der auf künstlich konstruierten Gegensätzen beruhenden Identität als Mann oder Frau, ist eine solche heterosexistische Denkweise meines Erachtens nur die logische Konsequenz.

Ebenso wie sich hegemoniale Männlichkeit von allem Weiblichen/Schwulen abgrenzt, um sich in ihrer Überlegenheit und ihrem Selbstverständnis zu vergewissern, geschieht dies also zunehmend auch bei Heterosexualität. Die Abwertung anderer Begehrens- und Beziehungsformen dient dabei der eigenen Aufwertung. Heterosexismus scheint demnach teils ähnliche Wurzeln zu haben, wie z.B. 'Männlichkeitswahn', nämlich eine fundamentale Verunsicherung hinsichtlich des eigenen Selbstwertes. Doch was ist eine heterosexuelle Ehe wert, die ihren Wert nur durch Abwertung anderer Beziehungsformen erhält? Ich denke, die Antwort können wir uns alle denken...


Text von Charlie

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Kommentare: 2
  • #1

    Robert (Dienstag, 02 Juni 2015 16:34)

    Die Kritik an den neuen Bestrebungen der Altvorderen, die Hetero-Norm zu festigen, ist berechtigt.

    Trotzdem ist es sinnvoll, die Frage aufzuwerfen, ob diese Kritik nicht auch, zumindest teilweise, Bestandteil des – letztlich unergiebigen – Spieles ist, sich gegenseitig runterzumachen: A. Die Altvorderen propagieren das Alte, u.a. mit dem Hinweis, wie defizitär das queere Leben ist: z.B. keine Kinder, keine stabilen Beziehungen, keine wirkliche Familie. B. Die Queeren kontern mit dem Hinweis, ätsch bätsch, stimmt ja alles gar nicht, wir haben ja auch – immer mehr – Kinder, interessante Patchwork-Familien; und defizitär seid im Grunde ihr, denn ihr braucht ja die Abwertung der Norm-abweichenden Lebensformen, um an der Wert eurer Hetero-Norm glauben zu können. Worauf dann A. wieder mit irgendetwas kontern könnte, vielleicht mit neuen Forschungsergebnissen aus der Gehirnforschung oder womit auch immer.

    Schöner fände ich den Weg der Neugier und der gegenseitigen Annäherung. Ausgehend von der Erfahrung, dass heterosexuell lebende Menschen sehr sympathisch, sehr liebevoll, sehr sozial kompetent sein können. Wenn ich bei "Heteros" Babysitter bin, freue ich mich, in einer mir relativ fremden und aufregenden Welt dabei zu sein. Es gibt ganz normale Hetero-Familien, die glücklich sind, ihren Kindern super Startbedingungen bieten, die offen sind und vielfältige und intensive Freundschaften pflegen, vielleicht sogar in Richtung Polyamorie. Heteros, die mit wie auch immer queer lebenden und von der Norm abweichenden Menschen befreundet sind, die sich für Norm-Abweichungen neugierig und freundlich interessieren und kein Bedürfnis haben, deshalb jemanden abzuwerten. Gut fände ich, hier voneinander zu lernen: von den Heteros das Familiäre, die Stabilität, die vielfältigen Vernetzungen zu Gunsten der Kinder; von den Norm-Abweichlern die Kultivierung sexueller Obsessionen, den aufrechten Gang angesichts von Intoleranz und borniertem Überlegenheitsgefühl. (Womit wir wieder bei Charlies Thema wären).

    https://robertulmer.wordpress.com/


  • #2

    Charlie (Mittwoch, 03 Juni 2015 14:19)

    Ich würde den von dir beschrieben 'Weg der Neugier und der gegenseitigen Annäherung' ebenfalls befürworten, und denke auch, dass dieser neben der Kritik an Heterosexismus bestehen kann und soll. Ich bin selbst in einer wundervollen (Hetero-)Familie aufgewachsen und dies hat sicherlich auch meine Sicht auf Familie entscheidend mit geprägt.

    Nur damit ich nicht falsch verstanden werde, ich kritisiere ausdrücklich nicht per se heterosexuell lebende Menschen, sondern die Vorstellung, dass diese Begehrens- und Beziehungsform (besonders die 'Ehe') die einzig Legitime ist. Kritik an Heterosexismus ist keine Kritik an heterosexuellen Menschen. Fakt ist, Heterosexismus existiert und dieser bedeutet leider per definitionem eine Abwertung anderer Begehrens- und Beziehungsformen. Ich würde das Hinweisen darauf daher nicht als 'gegenseitiges Runtermachen' verstehen, sondern als ein Mittel, den Heterosexismus sichtbar zu machen, um ihn ggf. zu entkräften. Ich weiß, dass der Rassismus-Vergleich hier abgenutzt wirkt, aber manchmal hilft er, sich Klarheit zu verschaffen. Wenn sich also jemand hinstellt und lautstark verkündet, dass es keine Diskriminierung sei, wenn Schwarze Menschen oder PoC (anders als weiße Menschen) im Bus hinten sitzen müssen, weil Ungleiches schließlich nicht gleich behandelt werden müsse, dann aber argumentiert man nehme ihnen keine Rechte, weil sie ja trotzdem im Bus mitfahren dürfen, ist es wohl ohne Zweifel Rassismus. Ist es 'Runtermachen', wenn ich dann darauf hinweise, dass sie ihre Vorstellung von weißer Überlegenheit durch die Abwertung/Schlechterstellung anderer Menschen herstellen?

    Dass die Kritiker_innen oder ihre Heterosexualität selbst defizitär seien, würde ich so übrigens nie sagen. Aber eine heterosexistische Vorstellung von Beziehung/Begehren/Familie empfinde ich durchaus als defizitär, weil es ihr an Anerkennung und Respekt anderer (z.B. queerer) Lebensweisen fehlt.

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