Märznacht

Als Kind liebte ich es, mich des Nachts wenn meine Eltern mich zu Bett gebracht hatten, heimlich auf das Fensterbrett meines Zimmers zu setzen und in die Sterne zu blicken. Manchmal suchte ich nach Orion, dem großen Wagen oder dem kleinen Bären. Besonders schön waren die lauen Sommernächte, in denen ich das Fenster öffnen konnte. Die Luft war herrlich kühl und bot eine willkommene Abwechslung zum heißen, stickigen Zimmer. Es war, als ob ich dort oben etwas suchte, so als hätte ich etwas verloren...

Zeitsprung - Märznacht 1983. Geheimnisvoll funkeln die Gestirne in der Endlosigkeit des Alls. Ein sich drehendes Band aus edlem Gestein hinter einem zarten Nebelschleier. Eine hypnotische Spirale, deren Anblick sich niemand entziehen kann. Das Gefühl zu fallen, in die endlosen Weiten des Kosmos. Ewigkeit von Zeit und Raum in einem Gaukelspiel der Wiederholungen. Alles scheint wie sonst, doch ist es zu spüren. Etwas ist anders in dieser Nacht. Erwartungsvolle Stille. Und dann sehen wir es. Gleißend helles Licht in der Ferne, ein Flugobjekt nähert sich. So schnell, dass es einen langen Silberschweif hinter sich herzieht. Vor ihm liegt der blaue Planet.

Ähnlich einem Ozean taucht es in die Erdatmosphäre ein. Ein Bad aus Licht und Dunkelheit. Bald wird es sein Ziel erreicht haben. Unter der dünnen Wolkendecke tut sich schon schillernd das Lichtermeer der Großstadt auf. Kaum jemand hat das Raumschiff gesehen. Und diejenigen, die es sahen, reden sich später ein, es sei eine gewöhnliche Sternschnuppe gewesen.

Windstille über Berlin. Das Flugobjekt befindet sich nun kurz vor der Landung. Kein Laut außer dem Klirren des Winters. Schwerelos schwebt es eine Zeit lang über der silbernen Schneelandschaft. Die Lichtkugel glüht unwirklich schön, wie eine untergehende Sonne am letzten Tag der Erde. Nur noch wenige Meter über dem Boden, öffnet sich wie von Zauberhand ein Schacht am unteren Ende. Ein Strahl weißen Lichts quillt hervor und trifft auf den frostigen Erdboden. Der Anblick lässt alles andere vergessen. Niemand kann sagen, wie lange er anhielt. Waren es Sekunden, Minuten oder gar Stunden?

Als sich der magische Vorhang des Dämmertraums schließlich lüftet, ist das Raumschiff bereits verschwunden. So als sei es nie hier gewesen. An seiner Stelle liegt ein kleines regloses Bündel. Eingehüllt in Decken, blicken seine Augen suchend in den Himmel. Sein schwacher Atem lässt kaum merkliche Dunstwolken aufsteigen. Noch herrscht die Zuversicht, dass man zurückkehren und es mitnehmen wird. Noch hat die große Einsamkeit nicht sein Herz ergriffen. Geduldig harrt es aus, bis die Sterne über ihm allmählich verschwimmen. Während sich ein trüber Schleier über seine Augen legt, hallt aus der Ferne das Geräusch von Schritten.

Wie in einem alten Stummfilm rauscht ein Schwall von hektischen Bildern an ihm vorbei. Arme, die es aufheben und mit sich fort tragen, die nächtliche Autobahn, rote und gelbe Rücklichter. Alles geht so schnell, dass kaum Zeit bleibt, all die Eindrücke zu verarbeiten. Erst als es sich allein auf einer Decke liegend in einer Altbauwohnung wiederfindet und aus dem Fenster in den nächtlichen Himmel schaut, wird es ihm langsam klar. Sie werden nicht zurückkommen. Die blinkenden Lichter der Flugzeuge ziehen hoch oben an ihm vorbei und verschwinden im Nirgendwo. Etwas in seinem Inneren zieht sich zusammen.

Später wird es nichts mehr geben, was noch an jene Märznacht erinnert. Dort, wo einst das Bündel lag, wird neuer Schnee fallen, tauen, zu Eis erstarren und eines Tages schmelzen. Gras wird sprießen, welken und erneut keimen. Sämtliche Erinnerungen werden erloschen sein, und die Legende einer gewöhnlichen Geburt wird irgendwann die Wahrheit ersetzen. Das Kind wird mit dem Wissen aufwachsen, ein Mensch zu sein. Es wird viele Länder der Erde bereisen und zahlreiche andere Menschen kennenlernen. Und doch, wird es tief im Inneren immer spüren, dass es keiner von ihnen ist. Dass es nicht in diese Welt gehört, ihm das Leben mit all seinen Regeln und Normen stets fremd bleiben wird. Des Nachts wird es von seinem Zimmer aus in den Abendhimmel blicken, suchend wie damals bei seiner Ankunft. Das Herz voller Sehnsucht nach einem Ort, an den es gehört.

 

Text von Charlie

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Kommentare: 2
  • #1

    fink (Dienstag, 07 Juli 2015 14:58)

    *seufzt tief und mitfühlend*

  • #2

    Charlie (Mittwoch, 08 Juli 2015 00:29)

    @fink
    Danke dir, da fühlt man sich doch gleich schon nicht mehr ganz so fremd :-)

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