Wut im Bauch

Eine wolkenverhangene Nacht. Die Sonne war schon vor vielen Stunden untergegangen. Als ich das Haus verließ, schlug mir das Herz bis zum Hals. Keine Aufregung, wie sie Menschen verspüren, die unerwartet in eine gefährliche Situation geraten. Eher eine seltsame Art der Vorfreude. Eine Vorfreude, die sich aus dem Wissen speist, selbst Teil jener Gefahr zu sein. Um in der Dunkelheit nicht gesehen zu werden, hatte ich mir die Kapuze tief über den Kopf gezogen. Wenn ich heute daran denke, finde ich es fast lächerlich, wie bedacht ich vorging.

Es war eine Augustnacht und ich hatte mir diesen Tag vorher gründlich überlegt. Ich tat es keinesfalls spontan aus einer Laune heraus. Vielmehr wollte ich mir damit etwas beweisen. Was, wusste ich selbst nicht so genau. Den Mut, bewusst gegen das Gesetz zu verstoßen? Testen, ob meine Wut stark genug war die Sache durchzuziehen?

Die Suche nach dem passenden Pflasterstein gestaltete sich nicht schwer. Ich hob einen auf, steckte ihn unauffällig in meinen Rucksack und lief los. Die Idee, den Bus zu nehmen, verwarf ich. Zu unsicher. Außerdem wollte ich es zelebrieren, und für mich gehörte es hier einfach dazu, mich beim Laufen auf mein Vorhaben einzustimmen. Bei jedem Schritt ein Triumphgefühl zu verspüren, dass es für das Objekt meines Hasses kein Entrinnen gab. Kurz bevor ich an meinem Ziel angelangt war, überkamen mich Zweifel. Was würde ich tun, wenn mich jemand sah? Was würde ich tun, wenn ich nicht schnell genug war? Zwar hatte ich mir bereits überlegt, wohin ich rennen würde, doch wer sagte, dass mein Plan tatsächlich aufging?

Nur noch wenige Meter trennten mich von meinem Ziel, die schwarze Silhouette des Kirchturms zeichnete sich schon gegen den Himmel ab. Von weit her schallte der Lärm der Motoren. Die sonst stark befahrene Straße war leer. Sie lockte mich geradezu, es zu tun. Ich atmete tief durch, sah mich um und griff nach dem Stein in meiner Tasche. Er war kühl und seine Kanten waren scharf. Das Licht der gläsernen Schautafel vor mir flackerte kaum merklich, als zittere sie vor dem, was ich gleich tun würde.

Einen kurzen Moment blickte ich auf den in Buchstaben gegossenen Hass in ihrem Inneren. 'Homo-Perversion'... 'Homosexualisierung'... Glaubten diese Leute wirklich an diesen Mist? Nicht, dass mich die Worte noch trafen. Was mich meine Fäuste in der Hosentasche ballen ließ war vielmehr, dass mir schmerzlich bewusst wurde, was Worte wie diese mit mir gemacht hatten. Ohne dass ich es bemerkt hatte, hatten sie mir mein Vertrauen in andere Menschen genommen. Menschen wie ihnen. Alles, was ich noch für sie empfand, war restlose Verachtung. Und ich verabscheute sie dafür, dass ihnen das gelungen war, denn es tat mir mehr weh als ihnen.

Ich kann es nicht mit Gewissheit sagen, aber ich meine mich daran zu erinnern, dass ich gegen den Schaukasten spuckte, bevor ich zum Wurf ausholte. Vielleicht hat mein Unterbewusstsein diese Erinnerung auch einfach hinzuerfunden, weil es sich danach sehnte. Vor meinem geistigen Auge sehe ich, wie mein Speichel zäh das Gesicht irgendeines Bischofs herunterlief und auf seine Robe tropfte. Verächtlich zuckende Mundwinkel. Dann, einen kurzen Augenblick später, zersplitterte das Glas in tausend Scherben. Ich fragte mich, wer morgen wohl als erstes auf mein Werk stoßen wird. Würde man es für dumpfen Vandalismus halten? Wahrscheinlich. Ohne mich noch einmal umzudrehen, verschwand ich in der Dunkelheit. Der Schall des zerspringenden Glases hallte noch lange in meinem Kopf nach.

Auf dem Weg nach Hause fühlte ich mich eigenartig beschwingt. Die Abendluft war angenehm frisch, die Motoren der vorbeifahrenden Autos wie Musik in meinen Ohren. Das Gefühl hielt noch eine ganze Weile an. Reue empfand ich keine. Nicht dass ich ernsthaft damit gerechnet hatte. Weder jetzt noch zu einem späteren Zeitpunkt. Ich war nun offiziell ein böser Homo, denn ich hatte mir ungefragt öffentlichen Raum zurückgeholt. Und zwar nicht durch friedliche Gespräche, sondern scharfkantige Pflastersteine.

In jener Nacht schwor ich mir, in meinem Umfeld aufzuräumen. Ob Straße oder Bahnhof, nichts würde vor mir sicher sein. Keine Kompromisse. Ich würde hasserfüllte Graffiti überschreiben und wenn es sein muss, würde ich auch ein weiteres Mal kirchliche Schaukästen zertrümmern. Und das ganz ohne Reue. Lächelnd bog ich in die Straße ein, in der ich wohnte. Am Himmel zeichnete sich bereits ein heller Streifen ab. Ein neuer Tag brach heran.

 

Text von Charlie

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