Heteronormativität und ihre bösen kleinen Geschwister

In queeren Kontexten wird ein bewusster(er) Umgang mit Sprache häufig vorausgesetzt. Gerade im Hinblick auf normativitätskritische Ansätze spielt das Hantieren mit Worten und Begriffen eine entscheidende Rolle. Sprache kann ein mächtiges Mittel im Kampf gegen Unsichtbarkeit sein und gesellschaftliche Machtverhältnisse hinterfragen. Sie zwingt uns gewissermaßen zur Selbstreflexion und hindert uns daran, uns auf dem erreichten Status Quo auszuruhen. Doch nicht immer ist ein vorschnelles Übernehmen neuer Begriffe angebracht. So ist seit einigen Jahren vermehrt von Homonormativität und Transnormativität die Rede. Anlehnen tun diese sich an Heteronormativität und beschreiben ein normatives Konzept von Homosexualität und Transsexualität. Was auf den ersten Blick durchaus sinnvoll erscheint, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen jedoch als irreführend.

In diesem Blogpost möchte ich näher erläutern, weshalb ich beiden Begriffen eher skeptisch gegenüberstehe. Dabei möchte ich mich exemplarisch auf die trans- und die schwule Community beziehen. Das soll natürlich keinesfalls heißen, dass es in anderen (queeren) Communitys nicht ähnlich normative Konzepte gibt. Auch weise ich vorab darauf hin, dass es sich hier ausschließlich um meine persönliche Sichtweise handelt und diese keinerlei Anspruch auf Allgemeingültigkeit erhebt. Wer seine eigenen Erfahrungen einbringen möchte, ist wie immer herzlich eingeladen dies in der Kommentarspalte zu tun.

Was bedeutet Homonormativität und Transnormativität?

Beginnen möchte ich mit der Frage, was die beiden Begriffe eigentlich beschreiben. Was genau wird als homonormativ bzw. transnormativ bezeichnet? Als homonormativ gilt ein Großteil der Schwulenszene, wenn sie ausschließlich eine bestimmte Form von Männlichkeit und mann-männlichen Begehrens zulässt. Um als 'richtig schwul' zu gelten, hat ein Mann sich also an homonormative Auflagen zu halten. So wird vom ihm verlangt, sich eindeutig mit dem männlichen Geschlecht zu identifizieren. Jeder abweichende Geschlechtsausdruck - sei es, weil dieser nicht eindeutig männlich gelesen wird und/oder weil er sich selbst nicht so definiert - stellt das homonormative Konzept von schwuler Identität in Frage. Anders gesagt, ein schwuler Mensch muss immer klar als Mann, der ebensolche begehrt, einortbar sein. Alternative Konzepte von Geschlecht, Geschlechtsidentität und Begehren wie z.B. von Girlfags oder genderqueeren Menschen finden hier keinen Platz. Zudem gehört oft hinzu, dass die Person cisgeschlechtlich, able-bodied, weiß, jung und gesund sind, sowie aus der Mittelklasse stammen. Es geht also, wie oben beschrieben, um eine normative Form von Schwulsein.

Ähnlich normative Konzepte vom richtigen Transsein gibt es auch in der Trans-Community. Hier heißt es, wer seinen Körper nicht ausreichend ablehnt bzw. keine geschlechtsangleichenden Maßnahmen anstrebt, ist nicht 'richtig trans'. Das gilt insbesondere auch für Menschen, die sich jenseits des zweigeschlechtlichen Systems verorten und weder Mann noch Frau sind. Und selbst, wenn sie sich binär verorten, wird (auch) innerhalb der Trans-Community nicht selten die Anforderung an sie herangetragen, ihr Geschlecht quasi 'überzuerfüllen'. Wer als Transfrau kurze Haare oder als Transmann lange Haare trägt, setzt sich mitunter dem Verdacht aus, nicht trans genug zu sein.

Kritik an normativen Konzepten

All diese normativen Konzepte sind zu recht zu kritisieren, meiner Ansicht nach erst recht aus einer queeren Perspektive. Es gibt - unabhängig von Geschlecht, Geschlechtsidentität, Sexualität und Begehren - unzählige Selbstentwürfe, und diese weichen mal mehr mal weniger von den besagten normativen Vorgaben ab. Dieses Abweichen ist jedoch nicht bloß Stoff für akademische 'Identitätsdiskurse', sondern hat teils massive Auswirkungen für all jene Menschen, die sich in den engen Kategorien nicht wiederfinden. Entweder wird ihnen in den besagten Räumen - sofern sie überhaupt das Glück haben solche zu besitzen - direkt die Tür vor der Nase zugeschlagen oder die konforme Masse lässt sie spüren, dass sie in ihren Räumen unerwünscht sind und nicht dazugehören. Es macht also zweifellos Sinn, auf diese Ausschlüsse hinzuweisen und sie zu kritisieren.

Was bedeutet Heteronormativität?

Dennoch denke ich, dass die Begriffe Homonormativität oder Transnormativität hier irreführend sind. Betrachten wir die normativen Konzepte dahinter, wird recht schnell deutlich, dass diese eigentlich bereits einen angemessenen Begriff haben, nämlich Heteronormativität. Darunter verstehe ich die Vorstellung, dass es ausschließlich zwei Geschlechter - und zwar Mann und Frau - gibt. Diese lassen sich an ihren Körpern erkennen, unterscheiden sich grundlegend in ihrem Wesen und bleiben in ihrer Identität Zeit ihres Lebens stabil. Heteronormativität denkt Geschlecht nicht in einem Kontinuum, indem es Platz für sich verändernde geschlechtliche Identitäten sowie für verschiedene Weiblichkeiten und Männlichkeiten gibt. Einzig gültig ist die 'Reinform' von Männlichkeit und Weiblichkeit, alle anderen Selbstentwürfe werden marginalisiert oder gar pathologisiert. Die attestierten Wesensunterschiede zwischen Mann und Frau werden komplementär und gleichzeitig als sich ergänzend betrachtet. So wird die Beziehung zwischen Mann und Frau als einzig legitime Verbindung zweier - und nicht etwa mehr - Menschen betrachtet. Zudem muss nach heteronormativer Vorstellung die Selbstdefinition meist hinter der Fremddefinition zurückstehen. Was für ein Geschlecht ein Mensch hat, wie er/sie begehrt, welche sexuelle Orientierung dieser Mensch besitzt, wird folglich nicht einem/r selbst überlassen, sondern von außen fremdbestimmt.

Weshalb sind die Begriffe Homonormativität und Transnormativität irreführend?

Bei Homonormativität gibt es wie oben beschrieben bestimmte normative Standards, unter denen ein Mensch als 'richtig schwul' anerkannt wird. Dabei bleibt die heteronormative Vorstellung von Geschlecht jedoch nahezu unangetastet. Ein schwuler Mann ist ein Mann wie jeder andere auch, nur dass er - anders als seine heterosexuellen Geschlechtskollegen - statt Frauen andere Männer begehrt. Und diese wiederum sind auch Männer wie jeder andere auch. Rechtfertigt also die Tatsache, dass ein schwuler Mann auf Männer steht, die Verwendung des Begriffs Homonormativität? Meines Erachtens nicht, denn auch dem normativen Konzept von gleichgeschlechtlichem Begehren liegt letztlich ein heteronormatives Geschlechterkonzept zu Grunde. Solange sich im eigenen Geschlechtsverständnis sowie dem Begehren/der Sexualität an heteronormativen Männlichkeitsvorstellungen orientiert wird, führt die Verwendung des Begriffs Homonormativität meines Erachtens in die Irre.

Ähnlich verhält es sich mit Transnormativität. Der Zwang sich binär verorten zu müssen, sich dabei stets an gängigen Geschlechtervorstellungen orientieren zu müssen und für die Anerkennung im wahren Geschlecht eine bestimmte körperliche Beschaffenheit mitbringen zu müssen, ist keine eigenständige normative Auffassung, sondern entspringt ebenfalls Heteronormativität. Zudem wird auch hier die Fremddefinition über die Selbstdefinition anderer Menschen gestellt. Was hier mit Transnormativität beschrieben wird, ist also in Wirklichkeit nichts anderes als eine weitere Facette von Heteronormativität.

Fazit

Nicht dass ich falsch verstanden werde, es geht mir gar nicht darum, wie ich diese Orientierung an heteronormativen Geschlechter- und Begehrenskonzepten inhaltlich bewerte, sondern einfach darum, dass ich sie mit dem Begriff Homo- bzw. Transnormativität nicht hinreichend beschrieben sehe. Es ist völlig gerechtfertigt darauf hinzuweisen, dass es dadurch zu Ausschlüssen innerhalb der verschiedenen queeren Communitys kommt. Beziehen wir uns in unserer Kritik an normativen Konzepten jedoch auf Heteronormativität, sollten wir diese meiner Ansicht nach auch so benennen. Wie sollen wir - gerade als queere Menschen - die Wirkungsweise von Heteronormativität in ihrem Ausmaß begreifen, wenn wir die Bereiche, auf die sie sich erstreckt, nicht mehr deutlich benennen können?

Die Verwendung von Trans- oder Homonormativität verschleiert die Tatsache, dass auch wir von heteronormativen Vorstellungen hinsichtlich Geschlecht und Begehren geprägt sind. Wir sollten uns klar machen, dass nicht nur heterosexuelle und cisgeschlechtliche Menschen Heteronormativität reproduzieren, sondern auch wir selbst. Weder das Geschlecht, die Geschlechtsidentität noch die sexuelle Orientierung macht uns dagegen immun. Um innerhalb unserer Communitys verantwortungsvoll mit diesem Wissen umzugehen, halte ich es für unerlässlich eine Sprache zu verwenden, die uns diesen Aspekt nicht aus den Augen verlieren lässt. Vielleicht schaffen wir es so eines Tages, uns wirklich von diesen normativen Vorstellungen zu befreien.


Text von Charlie

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Kommentare: 2
  • #1

    Lars (Dienstag, 03 November 2015 11:50)

    1. Bei Deiner Definition von Homonormativität musste ich stutzen. Ich habe das anders erlebt. Ich habe früher in der schwulen Szene einen deutlichen Anpassungsdruck erlebt, das Nicht-typisch-männlich-Sein herauszustellen oder männliche oder weibliche Zeichen übertrieben und gern auch ironisch einzusetzen.

    2. Ich schätze Deine Texte, weil sie gründlich durchdacht sind. Manchmal empfinde ich sie in ihrer theoretischen Grundsätzlichkeit sehr idealistisch. Veränderung scheint dann nur noch im abstrakten Medium der bewussten Sprache und als Sprachkritik möglich zu sein.

    3. Wenn man nicht in Sprachkritik festhängen möchte, dann lohnt es sich, sprachschöpferisch tätig zu sein. Ich finde, es mangelt an Konzepten, positiv über moderne Identitäten zu sprechen, und zwar einfach und klar. Wenn man das machen möchte, halte es für notwendig und legitim, dabei traditionelle Denkmuster zu übernehmen, um sie in etwas neues zu verwandeln. Ic kann da auch nur Fragen stellen oder das Probelem einkreisen. Z.B:: In Heterobeziehungen gibt es "gleiches, das sich mit gleichem gesellt", in Homobeziehungen "Gegensätze, die sich anziehen" - und umgekehrt. Mit "Mann" und "Frau" ist das unzureichend beschrieben, zu grob, zu stereotyp. Menschen werden auf ein einziges Merkmal festgelegt, während sie in Wirklichkeit eine Mischung verscheidener, auch in sich gegensätzlicher Merkmale sind.

    Aber was ist "es" dann, was da gegensätzlich oder gleich ist? Und wenn ja, wie viele? Lässt sich darüber überhaupt anders sprechen als in binären Gegensatzpaaren?



  • #2

    Charlie (Dienstag, 03 November 2015 15:12)

    @Lars
    Danke für die Denkimpulse und Kritik.

    zu1. Es ist interessant zu lesen, dass Homonormativität wohl auch ganz anders definiert werden kann. Von einem Anpassungsdruck hin zu geschlechtsnonkonformer Männlichkeit innerhalb der schwulen Szene(n) hatte ich bislang noch nicht gehört.
    Mir ist bekannt, dass z.B. Männer als Drag Queens spezielle Weiblichkeiten auf ironische Art und Weise persiflieren, und dies von vielen schwulen/bisexuellen Männern durchaus geschätzt wird. Allerdings bezieht sich dies häufig nur auf die Bühne. Wenn es ums Daten, um Attraktivität oder Partnerschaft geht (also um den eher 'persönlichen Bereich'), scheinen mir nicht geschlechtskonforme Männlichkeiten nach wie vor auf sehr viel Ablehnung zu stoßen. Sprüche wie 'Keine Tunten' sind dabei leider keine Seltenheit, 'straight-acting' und 'heterolike' gelten als Qualitätskriterien. Klar lässt sich der Anpassungsdruck an geschlechtskonforme Männlichkeiten auch mit einem simplen 'Geschmäcker sind nun mal verschieden' vom Tisch wischen, doch ihre weite Verbreitung zeigt mir, dass es keine Einzelfälle sind.
    Ich möchte deine Erfahrungen damit aber keinesfalls kleinreden. Wenn du in der schwulen Szene tatsächlich einen Anpassungsdruck hin zu geschlechtsnonkonformer Männlichkeit erlebst, ist meine Definition von Homonormativität in der Tat wohl nicht ausreichend bzw. vielleicht sogar unzutreffend.

    zu 2. Diese Kritik ist sicherlich berechtigt. Nur bildet Sprache meines Erachtens eine entscheidende Grundlage für unser Denken. Unser Denken wiederum hat maßgeblichen Einfluss auf unser Handeln. Und dieses ermöglicht erst Veränderungen. Es scheint mir also schon angemessen, beim Umgang mit Sprache zu beginnen. Das soll jedoch nicht bedeuten, dass man es dann dabei belässt und sich zufrieden zurücklehnt.

    zu 3. Ich begrüße es sehr, sprachschöpferisch tätig zu werden. Allerdings verstehe ich nicht ganz, was du konkret mit Konzepten meinst, mit denen wir positiv und allgemein verständlich über moderne Identitäten sprechen können. Wenn ich dich richtig verstehe, geht es dir darum, sich bei der Wandlung der Sprache an vorhandenen Denkmustern zu orientieren, um Platz für neue Denkmuster zu machen. Ich gebe dir recht, dass es Bereiche gibt, in denen dies sinnvoll ist.
    Gegensätze oder Gemeinsamkeiten von Menschen in Partner_innenschaften ausschließlich am Geschlecht auszumachen, halte ich ebenfalls für unzureichend. Die Kategorien 'Mann' und 'Frau' greifen hier eindeutig zu kurz. Dennoch macht die klare Nennung von Unterschieden manchmal Sinn. Wenn manchen Menschengruppen eine gleichberechtigte Teilhabe in der Gesellschaft - z.B. auf dem Arbeitsmarkt - erschwert oder verunmöglicht wird, ist eine klare Benennung durchaus notwendig. Solange Frauen für dieselbe Arbeit weiterhin weniger verdienen als ihre männlichen Kollegen, halte ich die Einteilung in 'Mann' und 'Frau' - im Sinne eines 'strategischen Essentialismus' - noch für wichtig.
    Ähnlich sieht es in meinen Augen bei Heteronormativität/Heterosexismus aus. Solange diese gewissermaßen eine 'Demarkationslinie' bildet, wer in den Genuss welcher Rechte kommt, halte ich es klüger die klare Benennung beizubehalten. Werden Unterschiede nicht mehr als solche benannt, lassen sie sich auch nicht auflösen. Begriffe wie Homonormativität oder Transnormativität empfinde ich daher als problematisch.

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