Que(e)r zum Staat

In den Köpfen vieler Menschen hält sich hartnäckig die Vorstellung, lesbische Frauen seien per se männlicher und schwule Männer weiblicher als ihre heterosexuellen Geschlechtsgenossen und -genossinnen. Nur wer ausschließlich 'gegengeschlechtlich' begehrt, wird in seinem Geschlecht als authentisch anerkannt. Nun ließe sich fragen, was denn überhaupt unter 'Weiblichkeit' und 'Männlichkeit' zu verstehen ist. Ich möchte diesen durchaus berechtigten Einwand in diesem Blogpost jedoch nicht weiter verfolgen, sondern die Unschärfe ganz bewusst beibehalten, um mich der Frage zu widmen, wie stark Sexualität und geschlechtliche Rollenzuschreibungen miteinander verflochten sind. Wie wird das Verhältnis zwischen Frau und Mann innerhalb einer bestimmten Geschlechterordnung strukturiert?

Die Frage, wie stark Sexualität und geschlechtliche Zuschreibungen miteinander zusammenhängen, ist wichtig, um besser zu verstehen, wieso konservative Teile der Gesellschaft sowohl gegen die sogenannte 'Genderideologie' als auch gegen eine angebliche 'Frühsexualisierung' auf die Straße gehen. Warum wird eine bestimmte Form der Sexualität staatlich gefördert, und andere Formen diskriminiert und abgewertet? Warum werden vermeintliche 'Geschlechterwechsel' erschwert?

Definition 'Sexualität'

Beginnen möchte ich wie so oft mit einer kurzen Definition. Der Begriff 'Sexualität' kann je nach Kontext sehr unterschiedlich ausgelegt werden. Aus queerem Blickwinkel verstehe ich ihn als all das, was sich im diffusen Raum zwischen Begehren und sexuellem Akt befindet. Dennoch soll im folgenden Text auf ein heteronormatives Verständnis von Sexualität Bezug genommen werden. Dieses reduziert Sexualität auf die vaginale Penetration der Frau durch den Mann. Es geht dabei also um einen festgelegten sexuellen Akt von endo- bzw. cisgeschlechtlichen Personen mit bestimmten verschiedengeschlechtlich gelesenen Körpern.

Sexualität und geschlechtliche Zuschreibung

Es gibt viele Bereiche, in denen der Staat und die Gesellschaft regulierend in die Kategorie Geschlecht eingreift, wenngleich sie meiner Ansicht nach eher als strategische, umkämpfte Felder zu verstehen sind, denn als starre, monolithische Gebilde. Babys wird bei ihrer Geburt ein Geschlecht zugewiesen und ein geschlechtsspezifischer Vorname gegeben. Bei Toiletten im öffentlichen Raum wird nach Geschlechtern getrennt, ebenso wie im Sportunterricht. Auch galt bis vor Kurzem in Deutschland noch die Wehrpflicht, jedoch nur für Männer. All diese Bereiche sind Ausdruck einer Geschlechterordnung, die Menschen in Männer und Frauen einteilt und ihnen bestimmte geschlechtsspezifische Aufgaben zuweist. Doch inwiefern ist auch die Sexualität ein Bereich, in dem die Geschlechterordnung hergestellt wird?

Beziehen wir uns auf das oben beschriebene heteronormative Verständnis von Sexualität, ist diese erst einmal stark mit Fortpflanzung verbunden. So ist die Wahrscheinlichkeit recht groß, dass die Frau schwanger wird und Kinder bekommt. Eine geschlechtliche Zuschreibung als treusorgende Mutter liegt daher nahe. Der Mann hingegen übernimmt aufgrund seiner körperlichen Stärke die Rolle des Beschützers und Ernährers der Familie. Obwohl beide Rollen nicht unbedingt der Realität entsprechen, werden sie häufig - nach dem Motto 'Ausnahmen bestätigen die Regel' - naturalisiert und zur Norm erklärt.

Moral und Gesetz als Regulativ

Doch wie kam es eigentlich dazu, dass die Beziehung zwischen Mann und Frau ihre spezifische heteronormative Form annahm? Sicherlich lässt sich die Frage im Rahmen eines Blogposts nur unzureichend beantworten. Dennoch möchte ich zumindest am Beispiel der Monogamie zeigen, wie Moral und Gesetz Sexualität entscheidend prägten. Dabei sei aber darauf hingewiesen, dass es sich lediglich um Erklärungsansätze handelt, die keinen Anspruch auf Vollständigkeit oder Universalität erheben.

Die Rolle des Mannes als Ernährer und Versorger der Familie ist keinesfalls zwingend gegeben. Tatsächlich gibt es viele, die die von ihnen geschwängerten Frauen aus den unterschiedlichsten Gründen vor oder nach der Geburt des Kindes im Stich lassen. Es ist also keinesfalls so, dass jeder Mann automatisch ein 'natürliches Bedürfnis' danach hat, die Rolle des Versorgers und Ernährers zu übernehmen. Aber wie konnte sich Monogamie dann als entscheidendes Charakteristikum der heteronormativen Beziehung herausbilden?

Ich habe den Eindruck, dass - neben religiösen Dogmen - der Verteilung von Besitztümern eine tragende Rolle zukommt. Klare Verwandtschaftsverhältnisse waren besonders unter wohlhabenden Schichten von Bedeutung. Das patriarchale Prinzip hinsichtlich des Stammbaums machte meist den erstgeborenen Sohn zum alleinigen Erben des Familienbesitzes. Liebesheiraten waren selten, vielmehr orientierte man sich dabei an der Besitzmaximierung. So waren Standesunterschiede über lange Zeit gerade aus der Sicht wohlhabender Schichten ein wichtiges Kriterium. Monogamie war hier also möglicherweise ein nützliches Instrument, Besitztümer innerhalb der Familie zu belassen. Eine weitere Erklärung wäre, dass Frauen mit Kindern, die von ihren Männern im Stich gelassen werden, verstärkt auf staatliche Unterstützung angewiesen sind. Monogame Familienväter und Ehemänner entlasten folglich den Staat, der ansonsten für Frau und Kind aufkommen müsste. Aus Sicht des Mannes ist natürlich auch die sexuelle Treue der Frau von großer Bedeutung. Bis vor kurzem war es kaum möglich, die leibliche Vaterschaft mithilfe von Tests nachzuweisen. So barg jede Geburt stets die 'Gefahr', ein fremdes Kind zu versorgen. Die moralische Verurteilung von sexueller Untreue half hier zumindest, dieses Risiko zu verringern.

Exkurs: Ehe als Regulativ von Sexualität und Geschlechterrolle

Moral allein genügt jedoch nicht, um Monogamie durchzusetzen. Vielmehr braucht es konkreter Gesetze, die die Beziehung bzw. die Sexualität zwischen Mann und Frau regulieren. Diesen Zweck erfüllt die Ehe. Sie beschränkt sich dabei natürlich nicht allein auf den Aspekt der sexuellen Treue. Stattdessen ist sie eine institutionalisierte Form sowohl der Sexualität als auch der sich daraus ableitenden Geschlechterrollen. Bis ins späte 18. Jh. bzw. frühe 19. Jh. waren es die Kirchen, die die Eheschließung zwischen Mann und Frau in Deutschland durchführten. Erst mit Einführung des Code Civil während der Franzosenzeit (1792-1815) kam es nach und nach zur Verbreitung der Zivilehe als Institut des bürgerlichen und staatlichen Rechts.

Obwohl sie als Abgrenzung zur religiösen Ehe gegen den erbitterten Widerstand der christlichen Kirchen eingeführt wurde, orientiert(e) sie sich dennoch stark an religiösen Dogmen. Monogamie war hier lange Zeit ebenso integraler Bestandteil wie das Fortpflanzungsgebot. Sowohl sexuelle Untreue als auch Unfruchtbarkeit galten als einige der wenigen legitimen Scheidungsgründe. Vergewaltigung innerhalb der Ehe ist erst seit 1997 ein Strafbestand. In streng christlichen Kreisen wird an diesen Dogmen bis heute festgehalten; Verhütungsmittel - egal ob Kondom oder Pille - sind häufig ebenso tabu wie Abtreibungen.

Seit der Entstehung des Grundgesetzes im Jahr 1949 stehen Ehe und Familie - anders als z.B. die Lebenspartnerschaft - explizit unter dem besonderen Schutz der staatlichen Ordnung. Heterosexualität bzw. die Ehe als ihre domestizierte Form unterliegen seitdem der Förderung durch den Staat. Es kommt nicht von ungefähr, dass beispielsweise Vereine, die die 'klassische' Ehe fördern, als gemeinnützig anerkannt werden, während Vereinen, die die Lebenspartnerschaft fördern, ihre Gemeinnützigkeit abgesprochen wird. Wir sehen also, dass die Regulierung von Sexualität für den Staat nach wie vor eine entscheidende Rolle spielt. Heterosexismus ist somit bis heute offizieller Bestandteil der deutschen Staatsdoktrin.

Doch nicht nur Sexualität wurde mithilfe der Zivilehe reguliert, das Gleiche galt auch für die Geschlechterrollen. "Steuern steuern" - so auch beim Ehegattensplitting. Die steuerliche Zusammenveranlagung von Ehegatten hielt bzw. hält Ehefrauen tendenziell davon ab, einer bezahlten Arbeit nachzugehen. Gewissermaßen werden sie also in eine Abhängigkeit vom Mann getrieben, der wiederum den Familienunterhalt bestreitet. Einverdiener-Ehen werden auf diese Weise also makroökonomisch begünstigt. Dass diese Rollenaufteilung staatlich gewollt war, zeigt auch die Tatsache, dass laut Bürgerlichem Gesetzbuch bis 1977 eine Ehefrau ihren Mann um Erlaubnis bitten musste, wenn sie ein Arbeitsverhältnis eingehen wollte. Diesem stand es frei, den Anstellungsvertrag nach eigenem Ermessen und ohne Zustimmung der Frau fristlos zu kündigen, sobald er eine Vernachlässigung ihrer mütterlichen Pflichten befürchtete. Anhand dieser Beispiele wird deutlich, dass die Zivilehe nicht nur Sexualität, sondern auch Geschlechterrollen regulierte. Sie ist folglich ein konstitutives Element innerhalb der heteronormativen Geschlechterordnung.

Geschlechtliche Zurichtung für die Ehe

Da der Staat die Zivilehe zum integralen Bestandteil seiner Familienpolitik gemacht hat, liegt es nahe, dass das Verhältnis zwischen Mann und Frau in der Gesellschaft durch die Funktion innerhalb der Ehe maßgeblich strukturiert wird. Dies gilt unabhängig davon, ob ein Individuum in Zukunft tatsächlich einmal eine Ehe einzugehen gedenkt. Von Kindesbeinen an werden wir auf die spätere Rolle innerhalb der Ehe vorbereitet, wenngleich nicht abzustreiten ist, dass sich diese allmählich ein wenig zu lockern scheinen. Dennoch werden Jungen noch immer zu Konkurrenz und Wettbewerb untereinander erzogen. Sie müssen lernen, sich durchzusetzen und stark zu sein. Vermeintliche Schwäche gilt hier nach wie vor als Defizit. Die Wehrpflicht - als 'Schmiede der Männlichkeit' - wurde in Deutschland erst im Jahr 2011 abgeschafft ausgesetzt.

Mädchen hingegen werden im Kindesalter bereits auf die Mutterrolle vorbereitet. Puppen sind wohl noch immer in zahlreichen Mädchenzimmern zu finden. Auch werden ihre Leistungen oft nicht im gleichen Maß wertgeschätzt, wie die von gleichaltrigen Jungen. Nicht selten werden sie - anders als Jungen - von Erwachsenen dazu angehalten, "doch mal zu lächeln", "brav zu sein" oder "sich zurückzuhalten". Kurz gesagt werden Menschen in staatlichen Institutionen wie der Schule oder (bis vor Kurzem) im Militär für ihre Rolle innerhalb der Ehe geschlechtlich zugerichtet.

Da die Ehe nach heteronormativer Logik stets verschiedengeschlechtlich strukturiert sein muss, geht es bei der geschlechtsspezifischen Zurichtung ferner auch um die Erziehung zu Heterosexualität. Interessanterweise zeigt sich dies weniger in einer expliziten Forderung, als vielmehr über die Sanktionierung ihrer Abweichung. 'Geschlechtsatypisches' Verhalten - worunter auch die Sexualität fällt - wird sanktioniert, indem Menschen entweder nicht ernst genommen, pathologisiert oder gar kriminalisiert werden. Dabei wird deutlich, dass durch die geschlechtsspezifische Zurichtung nicht nur das Verhältnis zwischen Mann und Frau reguliert wird, sondern auch unter Menschen desselben Geschlechts.

Warum queere Lebensentwürfe als 'gefährlich' gelten

Sowohl die Sexualität als auch die Geschlechterrollen stützen sich demnach auf ein heteronormatives Prinzip. Dieses wiederum ist quasi als DNA in die staatliche bzw. gesellschaftliche Ordnung eingeschrieben. Wenn die Stabilität dieser Ordnung sich also über die Fixierung von Sexualität und Geschlechterrollen konstituiert, wundert es nicht, dass alles, was nicht dem heteronormativen Prinzip folgt, als destabilisierend wenn nicht gar staatsgefährdend angesehen wird. Ein Staat, dessen Familienpolitik primär auf Fortpflanzung ausgerichtet ist, sieht bei gleichgeschlechtlicher Sexualität vermutlich seinen eigenen Fortbestand gefährdet. Weshalb sprechen konservative Kreise bei der 'klassischen' Kernfamilie auch sonst von der 'Keimzelle der Gesellschaft'? Liege ich falsch mit der Annahme, dass sich durch die Fixierung der Geschlechterrollen möglicherweise eine Fixierung der Heterosexualität versprochen wird, um den 'Fortbestand der Menschheit' zu sichern?

Betrachtet man das Transsexuellengesetz aus dem Jahre 1980 verhärtet sich dieser Eindruck. Bis 2005 machte eine Eheschließung die Vornamensänderung unwirksam. Bis 2009 setzte die Anerkennung im 'neuen' Geschlecht die Ehelosigkeit bzw. Scheidung voraus. Bis 2011 war die Begründung einer Eingetragenen Lebenspartnerschaft nur nach einer geschlechtsangleichenden Operation - was de facto eine Fortpflanzungsunfähigkeit bedeutete - möglich. All diese Reglungen zeigen, wie die Erschwerung eines vermeintlichen 'Geschlechtswechsels' auch die Ehe als rein heterosexuelles Rechtsinstitut stabilisierte.

Mädchen und Jungen bzw. Frauen und Männer, die die gängige Ordnung durchque(e)ren - sei es, weil sie sich scheinbar 'gegengeschlechtlich' oder 'andersgeschlechtlich' identifizieren bzw. leben, weil sie nach der Geburt nicht eindeutig als männlich oder weiblich einzuordnen sind oder weil sie nicht bzw. nicht ausschließlich sexuell am 'Gegengeschlecht' interessiert sind - sind nach heteronormativer Verwertungslogik nicht in die Gesellschaft integrierbar. Ihr Geschlecht, ihre Geschlechtsidentität und ihre Sexualität entzieht sich dem staatlichen Regulativ, welches sich nicht nur in der Zivilehe, sondern u.a. auch in den oben erwähnten anderen Bereichen - Vornamensgebung, Geburtseintrag, Toiletten etc. - bemerkbar macht. Queere Identitäten und Lebensentwürfe bringen die staatliche Ordnung also gehörig durcheinander.

Angesichts dessen halte ich die Behauptung für unreflektiert, Schwule, Lesben, Bisexuelle, trans- und intergeschlechtliche Personen hätten nichts miteinander zu tun. Sexualität, Geschlecht und Geschlechtsidentität sind sicher nicht dasselbe, doch ihre Regulierung hat dieselben Ursachen. Jeder Blick über den eigenen Tellerrand kann dabei helfen, sich der Problematik struktureller Heteronormativität in ihrer ganzen Dimension bewusst(er) zu werden. Sicherlich ist einzuwenden, dass Staat und Gesellschaft den Würgegriff in den letzten Jahren zunehmend gelockert haben. Doch das ändert kaum etwas an der Tatsache, dass Heteronormativität - und mit ihr Hetero-, Mono-, Endo- und Cissexismus - als DNA nach wie vor in die staatliche Ordnung eingeschrieben sind. Und solange dies der Fall ist, sollten sich sexuelle und geschlechtliche Minderheiten nicht gegeneinander ausspielen lassen, sondern gemeinsam für Anerkennung und Gleichberechtigung kämpfen. Am Ende profitieren wir alle von einer freieren Gesellschaft.


Text von Charlie

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Kommentare: 2
  • #1

    Anna Conda (Mittwoch, 21 Oktober 2015 22:45)

    Ein sehr schöner und guter Text, auch gut verständlich mit vielen wichtigen
    Gedanken !!!

  • #2

    Charlie (Donnerstag, 22 Oktober 2015 13:06)

    @Anna Conda
    Vielen Dank für deine lieben Worte. Freut mich, dass du etwas aus dem Text mitnehmen konntest!

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