Beleidigen für Fortgeschrittene

Eigentlich sollte ich es besser wissen. Ich lese einen kontroversen Artikel im Internet, nähere mich dem letzten Absatz und schon spüre ich es wieder, dieses Kribbeln in den Fingern. Noch ein kleines Stückchen weiter nach unten scrollen - zur Kommentarspalte. Dann höre ich die Stimme in meinem Kopf, die mich warnt: 'Gullydeckel bitte unten lassen!'. Und was passiert? Richtig, ein Schlammbad in den dunkelsten Sümpfen des World Wide Web. Old habits die hard.

Vielleicht hat - wie kritische Stimmen seit geraumer Zeit anmerken - die virtuelle Kommunikation die Art und Weise, wie wir miteinander diskutieren, unsere Meinungen und Ansichten austauschen, verändert, hat sie ruppiger und verletzender gemacht. Ich weiß es nicht. Doch unbestritten ist wohl, dass Menschen sich seit je her gegenseitig beleidigen. In allen Teilen der Welt, in den unterschiedlichsten Sprachen.

So nachvollziehbar die Forderung nach einem Ende der Beleidigungen auch sein mag, halte ich sie dennoch für unrealistisch. Wo Konflikte auftreten, kommt es zu verbalen Herabsetzungen. Allerdings bin ich durchaus der Ansicht, dass wir zumindest überdenken können, wie wir beleidigen und wen wir damit - oftmals unbeabsichtigt - treffen. Ich war selbst schon so wütend, dass ich mit dem, was ich sagte, nicht nur die beleidigende Person selbst angegriffen habe, sondern stellvertretend eine ganze Menschengruppe. Diese jedoch hat häufig keinen oder nur einen sehr geringen Einfluss auf das als negativ befundene Merkmal. Unabhängig von ihrem individuellen Handeln, werden sie als Teil einer bestimmten Gruppe zur Zielscheibe von Spott und Häme. [TW: Explizite Nennung -istischer Beleidigungen!]

Ein Beispiel aus dem Leben

Vor einiger Zeit wurde ich Zeuge, wie zwei korpulente (bzw. aufgrund gesellschaftlicher Körpernormen als 'dick' eingestufte) Frauen vor mir im Bus über ein gleichgeschlechtliches Frauenpärchen herzogen, das sich draußen an einer Haltestelle küsste. Obwohl die beiden nichts anderes taten als tausende verschiedengeschlechtlicher Paare auch, wurde ihre Liebe von den besagten Fahrgästen als 'ekelhaft' und 'abnormal' bezeichnet. Irgendwann platzte mir der Kragen. Als ich sie daraufhin auf ihre Worte ansprach, musste ich mir regelrecht auf die Zunge beißen, ihre Körperfülle nicht als Gegenbeleidigung heranzuziehen. Es wäre so wunderbar einfach gewesen. Heute bin ich froh, dass ich es nicht getan habe. Erstens, weil ich absolut nichts gegen korpulente Menschen habe, und zweitens, weil im Bus bestimmt auch andere 'dicke' Menschen saßen, die ich mit meinen Worten nie hätte treffen wollen.

Das Problem gruppenbezogener Beleidigung

Warum ich dieses Beispiel angeführt habe ist, um zu veranschaulichen, wie schnell personenbezogene Beleidigungen zu gruppenbezogenen Beleidigungen werden können. Anstatt auf inhaltlicher Ebene zu reagieren, und unser Gegenüber aufgrund seiner Äußerung zu kritisieren, beleidigen wir die andere Person lieber aufgrund eines stigmatisierten Merkmals. Dies geschieht mal unbewusst, und mal mit voller Absicht. Wie oft habe ich mich schon genervt aus Diskussionen zurückgezogen, weil die Beleidigten irgendwann nur noch so mit Ismen um sich warfen. Menschen wurden als 'krank' betitelt und eine Einweisung zum Psychologen nahegelegt. Andere wurden 'Fotzen' oder 'Schlampen' genannt. Wieder andere wurden als 'behindert' oder 'strohdoof' bezeichnet und über die Höhe ihres IQs spekuliert. Oft kam es zu Herabsetzungen aufgrund des Körpers ('zu dick/zu dünn/zu untrainiert').

Auch in queeren Kreisen, die sich selbst nicht selten als bewusst(er) im Umgang mit Sprache verstehen, habe ich - Oh Wunder! - schon einige -istische Äußerungen erlebt. So wurden als 'heterosexistisch' gebrandmarkte Gegner_innen vielmals selbst als lesbisch, schwul, bi, trans oder inter bezeichnet, was in meinen Augen nicht selten ein Indiz für internalisierte Queerfeindlichkeit ist. Warum sonst dient z.B. die Unterstellung, passiven Analverkehr zu mögen, gerade in schwulen Kontexten als Abwertung?

Fakt ist, durch die unreflektierte Verwendung solcher Merkmale als Beleidigungen, beteiligen wir uns aktiv daran, dass die damit verbundene Stigmatisierung bestimmter Menschengruppen weiter fortgeschrieben wird. Solange 'schwul' oder 'tuntig' selbst von gleichgeschlechtlich liebenden/begehrenden Männern als Beleidigung eingesetzt wird, wird auch die eigene gesellschaftliche Herabsetzung aufrecht erhalten - egal wie 'männlich' man mich zu geben glaubt. Traurigerweise neigen besonders Menschen, die selbst Diskriminierung erfahren haben dazu, andere Gruppen abzuwerten, um sich besser zu fühlen. Auf diese Weise entsteht eine Art 'Abwertungsspirale'.

Warum tun wir das eigentlich?

All die gruppenbezogenen Beleidigungen dienen dazu, seinem Ärger Luft zu machen. Das ist durchaus nachvollziehbar, und ich weiß nur zu gut, wie verlockend dies manchmal scheint. Doch wieso ist das so? Ich nehme an, es handelt sich letztlich um einen verdeckten Schutzmechanismus. Indem der_die Gegner_in selbst auf eine marginalisierte und somit oftmals diskriminierte Randposition 'herabgezogen' wird, verliert die Beleidigung gefühlt an Stimmgewicht. Das Gesagte trifft eine_n dann nicht mehr so stark. Anders ausgedrückt, indem ich den_die Gegner_in selbst klein mache, mache ich auch die Relevanz seiner_ihrer Stimme klein. Außerdem lässt sich die Beleidigung gewissermaßen externalisieren, indem ich mir einen Zusammenhang mit dem besagten Merkmal (Aussehen, Bildung etc.) einrede. Auf diese Weise fühle ich mich möglicherweise sicherer, weil es die Angriffe für mich berechenbarer werden lässt, selbst wenn die Korrelation völlig abwegig und falsch ist.

Warum 'Schwuchtel' etwas anderes ist als 'Hetensau'

Dieser verdeckte Schutzmechanismus erklärt auch, weshalb bei gruppenbezogenen Beleidigungen in der Regel auf Minderheiten zurückgegriffen wird. Die Mehrheit ist - mit Ausnahme von wenigen Nischen - meist unmarkiert und nicht stigmatisiert. Folglich haftet der Zugehörigkeit zu dieser Gruppe nichts Negatives an. Die ihr Angehörigen machen aufgrund dessen keine Ausgrenzungs- und Gewalterfahrungen, wie es Angehörige einer Minderheit tun. Das bedeutet, dass sich bestimmte Beleidigungen hier nicht beliebig gegeneinander austauschen lassen. Die Beleidigung 'Hetensau' hat somit nicht dasselbe Verletzungspotenzial wie beispielsweise Kampflesbe', 'Transe' oder 'Schwuchtel'. Letztere bedeuten hingegen häufig ein bewusstes Triggern konkreter Gewalterfahrungen, und reiben einer_m die eigene Ohnmacht und Verletzlichkeit als Teil einer unterdrückten Gruppe unter die Nase.

So ist es in meinen Augen verständlich, dass diese sich vor verbalen Angriffen zu schützen versucht, indem sie der beleidigenden Person - egal ob berechtigt oder nicht - ebenfalls ein stigmatisiertes Merkmal unterstellt. Denn wer möchte schon rosa Wattebäusche gegen Menschen werfen, die einem zuvor einen Schlag in die Magengrube versetzt haben? Mit mehrheitsbezogenen oder allgemeinen Ausdrücken wie 'Arschloch' lässt sich dem Ärger bei verbalen Angriffen gegen die eigene Minderheit häufig nicht genügend Ausdruck verleihen. Es mangelt ihnen einfach an Schlagkraft.

Wie lässt sich die Abwertungsspirale durchbrechen?

Um gruppenbezogenen Beleidigungen die Schlagkraft wirklich zu entziehen und damit die Abwertungsspirale zu durchbrechen, müssten sich die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen dahingehend ändern, dass die besagten Merkmale nicht mehr mit Gewalt und Diskriminierung verbunden sind. Wenn ich mit Ausdrücken wie 'Transe', 'Kampflesbe' oder 'Schwuchtel' kaum noch negative Erfahrungen verbinde, würde mich eine derartige Beleidigung nicht mehr so verletzen. Ergo nimmt auch der Drang ab, meine Gegner_innen durch das 'Herabziehen' auf eine marginalisierte Randposition klein(er) zu machen, um ihr Stimmgewicht zu verringern. Allgemeine Ausdrücke wie ein simples 'Arschloch' würden dann eventuell ausreichen, um meinem Ärger Luft zu machen.

Natürlich sieht die Realität oftmals ganz anders aus. Gruppenbezogene Gewalt und Diskriminierung ist noch immer an der Tagesordnung. Es handelt sich also um ein gesamtgesellschaftliches Problem, das sich als Einzelperson leider nicht lösen lässt. Trotzdem kann und muss dem (auch) auf individueller Ebene begegnet werden. Schließlich sind wir alle Teil dieser Gesellschaft, ob es uns gefällt oder nicht. Aus diesem Grund denke ich schon, dass der erste Schritt darin besteht, die Art und Weise zu hinterfragen, wie wir selbst und andere gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit durch entsprechende Beleidigungen weiter fortschreiben. Gelingt es uns, diese aufzudecken und als solche sichtbar zu machen, schaffen wir die Grundlage, ihr zumindest auf sprachlicher Ebene den Boden zu entziehen. Sicher lassen sich Gewalterfahrungen dadurch nicht komplett verhindern, aber wenigstens etwas reduzieren. Und das ist immerhin ein Anfang.

 

Text von Charlie

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