Zurück

November. Drei Jahrzehnte voller Erinnerungen an dich. Ich liege wach und schließe die Augen, versuche nicht an dich zu denken. Manchmal gelingt es mir. Und manchmal fällt mir wie aus dem Nichts etwas von dir ein, etwas ganz Belangloses, Banales. Dann wird mir klar, dass es unwiederbringlich ist, dass nichts auf der Welt dich zurückholen kann. Angst vor dem Tag, an dem ich beginne dich zu vergessen, an dem unsere gemeinsame Geschichte erlischt. Eine Geschichte, die nur wir beide miteinander teilen.

Von draußen höre ich den Westwind. Ich lausche seinem eisigen Pfeifen und lasse mich davontragen in vergangene Zeiten. Sekunden, Minuten, Stunden, Wochen, Monate, Jahre. Wie Flocken in einer Schneekugel wirbeln sie wild umher, tanzen um mich herum. Ein Griff nach ihnen und sie schmelzen, rinnen mir durch die Finger. Als sich der Sturm wieder gelegt hat, stehe ich vor dir. Deine Tür ist geöffnet und weist mich einzutreten. Für einen Moment frage ich mich, ob ich bereit bin es zu tun, bereit Abschied zu nehmen. Was wird mich erwarten? Dann fasse ich mir ein Herz und mache den ersten Schritt.

Drinnen empfängt mich Stille, kein Mensch ist zu sehen. Eine nackte Glühbirne hängt trostlos an der Flurdecke. Zögerlich betrete ich das erste Zimmer. Und da sehe ich es: Schemen geisterhafter Gestalten, durchsichtig schimmernd wie Spieglungen in einer Glasscheibe. Sie bewegen sich wie in Zeitlupe, rufen einander Dinge zu, ohne dass ein Laut zu hören ist. Ein kleiner Junge steht auf einem Hocker, versunken darin beim Abwasch zu helfen. Eine viel zu große Schürze um den Körper, taucht er gedankenverloren einen Teller ins Spülwasser. Noch ehe ich begreife, dass dieser Junge ich selbst bin, verblasst das Bild auch schon wieder.

Ich wende mich ab und gehe ins nächste Zimmer. Kahle Wände, an denen sich die Umrisse von Bildern abzeichnen, die sie einst schmückten. Zunächst bemerke ich nichts, doch dann bleibt mein Blick an etwas hängen. Unter einem Holzstuhl sitzt zitternd vor Aufregung ein kleines schwarzes Fellbündel. Erinnerungen daran, wie ich unserer Hündin zum ersten Mal zu Hause begegnete, wie wir nach und nach unzertrennlich wurden und wie leer alles schien, als sie nicht mehr da war. Den Tag, als ich Monate später ein Haar von ihr fand und mir vornahm, es für alle Zeiten aufzubewahren. Irgendwann verschwand es. Ich spüre einen Kloß im Hals und bin froh, als sich auch dieses Bild auflöst.

Zurück im Flur, sehe ich mich als Kind zusammen mit meinen Schwestern schlafend auf den unteren Treppenstufen liegen. Neben uns kauert unsere erschöpfte Urgroßmutter, die den ganzen Abend über vergeblich versucht hatte, uns ins Bett zu bringen und von der Rückkehr unserer Eltern zu überzeugen. Sie waren später als sonst. Wir hatten Angst, sie würden nicht mehr wiederkommen. Ich laufe durch die Bilder hindurch. Tanzende Wellenringe lassen sie verschwimmen wie Lichtpunkte auf der Wasseroberfläche.

Dann stehe ich an der Schwelle zum Zimmer ohne Namen. Für alle anderen hatte es einen, nur für mich nicht. So sehr Teil von ihm, dass mir niemals in den Sinn kam es zu benennen. Die Grenzen meiner eigenen kleinen Welt. Hätte ich mir noch vor einigen Jahren vorstellen können, überhaupt irgendwo anders zu leben? Hätte ich damals gedacht, es eines Tages leergeräumt zu sehen? Ein Blick aus dem Fenster. Hinter den Dächern ragen die kahlen Äste der Eiche wie knochige Finger in den Himmel. Griff in die Ferne.

Die Isolation meiner Jugendjahre. Wie ich mich in dir zurückzog, weil du der einzige Ort auf dieser Erde warst, an dem ich mich wirklich sicher fühlte. Wie ich dich manchmal gehasst habe, weil deine Enge mich erdrückte. Ich gestehe, dass ich nicht bereit war dich zurückzulassen. Ich hatte gehofft, ich würde ewig bei dir sein. Und ein kleiner Teil von mir hofft es noch immer. Doch unsere Wege haben sich getrennt, Generationen neuer Familien werden ein- und ausziehen. Vielleicht werden ihre Kinder in dreißig Jahren einen ähnlichen Text schreiben wie diesen.

Manchmal spiele ich mit dem Gedanken, dich eines Tages noch einmal zu besuchen. Am Zaun zu stehen, dich anzusehen und zu wissen, dass ich nun keinen Zutritt mehr habe. Nein. Ich werde es wohl nicht tun. Ich möchte dich so in Erinnerung behalten wir du warst, mit all deinen Schönheitsfehlern, mit all deinen Ecken und Kanten. Ich löse die Hausschlüssel vom Bund und lege sie in fremde Hände. Dann ist es soweit. Ich mache kehrt und verlasse dich. Kein Blick zurück.

 

Text von Charlie

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Kommentare: 2
  • #1

    Laura Frontaliere (Dienstag, 22 Dezember 2015 20:13)

    so ein schöner lyrischer Text Charlie - danke!

  • #2

    Charlie (Dienstag, 22 Dezember 2015 23:31)

    @Laura
    Vielen Dank für deinen lieben Kommentar. Der Text bedeutet mir viel und ich freue mich, dass er dir gefällt.

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