Neujahrsvorsätze Reloaded

Vor einem Jahr habe ich einen Vorsatz gefasst. Es ging darum, die eigene Wahrnehmung zu schärfen, um die Wirkungsweise von Heteronormativität besser zu verstehen. Ganz bewusst wollte ich mich dabei nicht auf akademische Texte beziehen, sondern meine Beobachtungen ganz praxisnah auf meine Alltagserfahrungen stützen. Denn leider habe ich den Eindruck, dass sich ein großer Teil heteronormativitätskritischer Literatur bislang nahezu ausschließlich auf einem recht theoretischen, abgehobenen Level bewegt. Doch muss das so sein? Es ist bedauerlich, dass so viele gute Ideen und Impulse dadurch nur einem begrenzten Kreis von - meist akademisch gebildeten - Menschen zugänglich sind, und alle anderen außen vor bleiben.

Queeres Wissen

Gleichzeitig schreibt sich der Bruch mit gesellschaftlichen Konventionen nach wie vor in unsere Biografien ein. Wir alle sind als queere Menschen mal mehr mal weniger stark von Heteronormativität betroffen, ganz gleich ob wir diesen zugegebenermaßen sperrigen Begriff annehmen oder für uns ablehnen. Heteronormativität geht uns alle etwas an, und sollte uns folglich interessieren.

Gerade weil dies so ist, halte ich es für notwendig, ihre Wirkungsweise besser zu verstehen. Und da ich der festen Überzeugung bin, dass uns die unterschiedlichen Erfahrungen im Laufe unseres Lebens zu Expert_innen in eigener Sache machen, wenn wir nur auf unsere eigene Wahrnehmung vertrauen, bedeutet 'queer' nach meiner Auffassung auch, Hierarchisierungen von Wissen bzgl. Heteronormativität kritisch zu hinterfragen und aufzubrechen. Das gilt für die_den Uni-Professor_in ebenso wie für den_die Kassierer_in im Supermarkt. Anders gesagt, ich muss nicht Judith Butler heißen, um mir hier eine eigene Meinung bilden zu dürfen. Da ich den oben genannten Vorsatz damals hier veröffentlicht habe, möchte ich nun ein Jahr später von meinen Erfahrungen berichten. Ich würde mir wünschen, dass mir das gewonnene Wissen neue Handlungsoptionen eröffnet.

Wirkungsweise verstehen

Nun, wie also waren meine Erfahrungen? Gleich vorweg, es ist so viel, dass mir der Kopf schwirrt und ich ehrlich gesagt große Schwierigkeiten habe, meine Gedanken einigermaßen zu ordnen. Hoffentlich hilft mir das Aufschreiben hierbei ein wenig. Auch sei noch angemerkt, dass dieser Text vermutlich nur einen winzigen Bruchteil dessen wiedergibt, was ich beobachtet habe. Falls es mir irgendwann gelingen sollte, das Fundament der weiteren Aspekte frei zu legen, werde ich dies in Form von neuen Blogposts festhalten. Wie immer erhebe ich keinerlei Anspruch auf Richtigkeit, sondern möchte den Text lediglich als gedankliche Anregung verstanden wissen. Wer eine andere Meinung vertritt, ist natürlich herzlich eingeladen sich in der Kommentarspalte in die Diskussion einzubringen.

Vor längerer Zeit habe ich mich bereits mit der 'Macht des Markierens' beschäftigt. Im Dezember 2014 schrieb ich: "Durch das Markieren wird eine gewaltsame Norm gleichermaßen abgebildet wie hergestellt." Wichtig finde ich in diesem Zusammenhang, dass die explizite Benennung von Abweichungen heteronormative Vorannahmen letztlich bestätigt, wenngleich ich durchaus auch ihren praktischen Nutzen im Alltag sehe. Was ich damals aber noch nicht vor Augen hatte war, auf welche Weise sich Heteronormativität oftmals ihrer eigenen expliziten Benennung entzieht. Inzwischen meine ich, mein Verständnis etwas vertieft zu haben, und bin zu dem Schluss gekommen, dass es gerade die Markierung der Abweichung ist, die Heteronormativität in ihrer Wirkungsweise - je nach Blickwinkel - sichtbar oder unsichtbar werden lässt. Klingt verwirrend. Ich möchte dennoch versuchen, es zu erklären.

Omnipräsenz und ausbleibende Markierung

Wer direkt an der Autobahn wohnt, hat die Erfahrung vielleicht schon einmal gemacht: Mit der Zeit gewöhnt man sich so an das ständige Rauschen der vorbeifahrenden Autos, dass man es kaum noch wahrnimmt. Mit Heteronormativität verhält es sich im Prinzip nicht anders. Ihre Omnipräsenz führt dazu, dass sie uns überhaupt nicht mehr auffällt. Und da wir sie nicht mehr wahrnehmen, halten wir sie folglich für völlig selbstverständlich, und hinterfragen sie nicht weiter. Dies wiederum lässt eine Markierung, also ein explizites Benennen, logischerweise unnötig erscheinen. Die Norm bleibt stets unmarkiert, womit Heteronormativität, die sich auch als eine solche begreifen lässt, unsichtbar gemacht wird.

Indem sie unbenannt bleibt, lässt sich ihr jedoch nur schwer entgegen wirken. Denn solange es für etwas keinen Namen gibt, kann auch kein Bewusstsein dafür entstehen. Nun ließe sich einwenden, mit dem Begriff 'Homophobie' bzw. 'Transphobie' gäbe es doch schon eine Benennung. Diesen Einwand teile ich nicht. Und zwar deshalb, weil er Vorfälle von queerfeindlicher Gewalt nicht als logische Konsequenz einer heteronormativen Gesellschaftsordnung begreift, sondern sie lediglich zu tragischen Einzelfällen macht. Mit einem simplen "Homos hauen verboten!" ist es aber nicht getan. Teils würde ich sogar so weit gehen zu behaupten, die Reduzierung des Problems auf 'Trans-' und 'Homophobie' ist nicht mehr als eine Form der Flexibilisierung von Heteronormativität, mit dem Ziel, diese in ihrer Wirkmächtigkeit unangetastet zu lassen. Es ist nur unzureichend, ständig den Eimer Wasser zu entleeren, wenn das Dach nicht repariert wird, durch das es hinein regnet.

Aus der Art und Weise, wie Heteronormativität unsichtbar gemacht wird, ergibt sich allerdings ein Widerspruch, denn die explizite Benennung ihrer Abweichungen hinterlässt eine Art Fingerabdruck. Hierzu folgendes Bild: Stellen wir uns ein weißes Blatt Papier vor. Nehmen wir einen ausgeschnittenen Kreis - oder eine sonstige beliebige Form - legen ihn auf das Blatt und malen dann mit Stiften darüber. Sobald wir den Kreis wieder wegnehmen, werden seine Umrisse sichtbar. Ähnlich scheint Heteronormativität zu wirken. Die Markierung trans, inter, bi, lesbisch, schwul etc. stehen dabei quasi für die Farbe, Heteronormativität für die Umrisse des weißen Kreises im Inneren. Was ich mit diesem Bild veranschaulichen möchte ist, dass sie nur mit dem Blick auf ihre markierten Abweichungen sichtbar wird. Blendet man diese jedoch aus, ist Heteronormativität unsichtbar.

'Nebulosität' und ihr strategischer Nutzen

Die Eigenschaft, je nach Blickwinkel mal zu verschwinden und dann wieder aufzutauchen, macht Heteronormativität zu etwas Amorphem, Ungreifbarem. Wie Nebel kann sie sich mal zu einer scheinbar undurchdringlichen Wand verfestigen - ich denke hier an Gesetze wie z.B. das Eherecht für verschiedengeschlechtliche Paare - und sich ein andermal scheinbar bis zur Unkenntlichkeit auflösen, wenn es heißt: "Geschlecht/Sexualität spiele heute doch überhaupt keine Rolle mehr" oder "Als heterosexueller Mensch oute ich mich doch auch nicht überall". Ich halte in diesem Zusammenhang daher den umständlichen Begriff 'Nebulosität' für hilfreich.

Aufgrund der Nebulosität ist es unglaublich schwer, wenn nicht gar unmöglich, ihre Existenz unter Beweis zu stellen. Dadurch dass Heteronormativität sich - wie viele andere Formen gruppenspezifischer Benachteiligung - nur systemisch erklären und verstehen lässt, kann man sie nicht einfach durch ein nettes Beispiel veranschaulichen. Jeder Erklärungsversuch bringt hier die hohe Wahrscheinlichkeit einer Individualisierung des Problems (meist) seitens Nicht-Betroffener mit sich. Erst die Summe ihrer Erfahrungen offenbart ihre Existenz. Wer nicht (selbst) betroffen ist, hält sie daher möglicherweise für ein 'wirres Hirngespinst einiger überempfindlicher Randgruppen'.

Nebulosität macht Heteronormativität in öffentlichen Diskussionen daher zu einem durchaus effektiven Instrument. Je nach Belieben kann sie argumentativ als Keule eingesetzt werden, um gegen die Gleichberechtigung bzw. Gleichbehandlung queerer Menschen vorzugehen. Ein gutes Beispiel ist hier die Diskussion zum Bildungsplan in Baden-Württemberg. Sobald queere Lebensweisen explizit benannt und thematisiert werden, ist von 'Indoktrinierung' oder 'Frühsexualisierung' die Rede. Davon abgesehen, dass dies natürlich großer Blödsinn ist, fällt auf, wie Heteronormativität hier bewusst oder unbewusst ausgeblendet wird. Dass es sich dabei - folgt man der verqueren Logik - aber ebenfalls um 'Indoktrinierung' bzw. 'Frühsexualisierung' handelt, kann nur deshalb so wunderbar verschleiert werden, weil Heteronormativität unmarkiert und damit unsichtbar bleibt. Dieser 'diskrete Charme' bildet meines Erachtens die tragende Säule bei ihrer Wirkungsweise.

Fazit

Was lässt sich also an gewonnenen Erkenntnissen festhalten? Zunächst einmal entzieht sich Heteronormativität aufgrund ihrer Omnipräsenz einer expliziten Benennung, was sie für einen Großteil der Menschen unsichtbar werden lässt. Erst der Blick auf ihre markierten Abweichungen in Form queerer Lebensentwürfe legt ihre Existenz offen. Die Eigenschaft, je nach Blickwinkel einmal sichtbar und ein andermal unsichtbar zu sein, macht sie zu etwas Diffusem, Ungreifbarem. Diese 'Nebulosität' wiederum wird sich z.B. von Gleichstellungs-gegner_innen strategisch zunutze gemacht, indem ihre Existenz immer dann negiert wird, wenn sie der eigenen Argumentation zugute kommt. Letztlich dient das Entziehen einer Markierung also gewissermaßen als effektives Abwehrmittel gegen ein Infragestellen heteronormativer Ordnungsprinzipien. Da auf diese Weise kaum ein Bewusstsein für ihre Wirkungsweise entstehen kann, lässt sich ihr nur schwer begegnen, und sie bleibt weiter fortbestehen.

Doch was für Handlungsoptionen ergeben sich für uns als queere Menschen daraus? Ist es ratsam, künftig auf Markierungen der Normabweichungen zu verzichten? Ist es subversiv, die Norm selbst zu markieren? Gilt dies möglicherweise nur für bestimmte Zusammenhänge? Fragen über Fragen. Vielleicht werde ich eines Tages Antworten darauf finden. Ein weiterer Neujahrsvorsatz? Ganz sicher nicht.

 

Text von Charlie

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Kommentare: 2
  • #1

    Lars (Mittwoch, 03 Februar 2016 00:02)

    Danke für Deinen Text, der mir gleichwohl selbst etwas nebulös-theoretisch vorkommt. Ich denke , es gibt einen Indikator, der eine überkommene Normativität sichtbar macht: Das ist das nicht mehr hinnehmbare Leiden. Solange ich für ein Phänomen keine Ursache, keine Wirkungsweise oder Handlungsoption kenne, ob dies eine Krankheit, ein Wetterphänomen, ein technisches Phänomen (Autobahn) oder ähnliches ist, solange bin ich gezwungen, dies als unabänderlich und leidend hinzunehmen. So nebulös bestimmend wie enst ist die Homosexualität jedoch nicht mehr. Wir erkennen ihre Bedingtheit durch Genetik, Hormone, können sie von ähnlichen, psychologisch motiverten Verhaltensweisen abgrenzen (situative Homosexualität) und auch generell verantwortungsvolle, auf Respekt und Gleichberechtigung fußender Sexualität von triebhafter a-moralisccher Sexualtität unterscheiden (die nur in der Phantasie gelebt werden kann) , egal ob es sich dabei um gleich-oder verschiedengeschlechtliche Verhaltensweisen handelt. Im Abwägen aller Faktoren wird das Vermeiden von vermeidbarem Leiden zu einem moralischen Imperativ.

  • #2

    Charlie (Mittwoch, 03 Februar 2016 01:07)

    @Lars

    Danke für deinen Kommentar. Du schreibst: "So nebulös bestimmend wie einst ist die Homosexualität jedoch nicht mehr."

    Vielleicht verstehe ich dich nicht richtig, aber mir ging es eigentlich weniger darum, das 'Phänomen Homosexualität' mit seinen Ursachen und Wirkungsweisen zu verstehen, als vielmehr Heteronormativität. Und damit meine ich ausdrücklich nicht Heterosexualität (Erstere begreife ich als gesellschaftliches Ordnungsprinzip, Letztere hingegen als sexuelle Orientierung). Anders gesagt, es geht mir weniger darum zu fragen, woher z.B. Homo- oder Bisexualität rührt, als vielmehr welche gesellschaftlichen Prozesse und Mechanismen ihre explizite Benennung/Kategorisierung hervorbringen. Wer markiert zu welchem Zweck? Welche Auswirkungen bringt dies mit sich? Ich kann natürlich nur aus eigener Erfahrung sprechen, aber ich habe nicht den Eindruck, dass wir ihre Ursachen und Wirkungsweisen wirklich verstanden haben. Sie hat in meinen Augen nach wie vor etwas gleichermaßen Nebulöses wie Omnipräsentes, und damit auch Bestimmendes und potenziell Gewaltvolles.

    Über Leiden als Indikator für Heteronormativität habe ich bislang noch nie nachgedacht. Und sicher würden dir die meisten Menschen darin zustimmen, dass es das Leiden zu vermeiden gilt. Ich sehe dabei nur das Problem, dass das Leiden, welches durch Heteronormativität verursacht wird, gar nicht als solches (an)erkannt wird. Ausnahmen bilden hier wohl nur Extremfälle queerfeindlicher - meist körperlicher - Gewalt. Für mich setzt das Leiden aber bereits wesentlich früher ein, in der Unsichtbarmachung, der Marginalisierung, der Instrumentalisierung, der Objektualisierung, im Exponieren etc. Außerdem denke ich, dass viele queere Menschen ihr Leiden gar nicht unbedingt mit Heteronormativität in Verbindung bringen, sei es weil sie diese aufgrund ihrer Naturalisierung und Selbstverständlichmachung gar nicht in Frage stellen können, und/oder ihr eigenes 'Anderssein' (Hetero-Referenz) bereits zu stark verinnerlicht haben. Und genau deshalb halte ich es für sinnvoll, die Ursachen und Wirkungsweisen von Heteronormativität besser zu verstehen. Vielleicht lässt sie uns neue Handlungsoptionen erkennen, die wiederum helfen können, das Leiden etwas zu verringern.

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