Der Abgrund

Finster und drohend liegt er vor mir. Mit klopfendem Herzen taste ich mich heran. Meine Knie zittern. Ich weiß was mich erwartet, doch ist es als hätte ich ihn nie erblickt. Voller Schaudern beuge ich mich vor und dann sehe ich es. Endlose Tiefe. Wie ein weit aufgerissener Mund. Mir stockt der Atem. Nicht ist zu hören, außer dem wilden Brausen des Windes. Ein entsetzliches Schwindelgefühl überkommt mich. Irgendetwas scheint mich hinabzuziehen. Ich schließe die Augen und werde mir schlagartig bewusst, dass es nichts bringen wird. Ich werde ihn auch dann noch sehen.

Vor langer Zeit stand ich zum ersten Mal davor. Damals schwor ich mir nicht wiederzukommen. Doch natürlich kam ich wieder. So lange, bis ich glaubte ihn zu kennen. So lange, bis sein dunkler Schatten in jede Faser meines Körpers gedrungen war. Ich wollte hinabsehen in die Tiefe, um mich davor zu schützen hinabzustürzen. Um zu wissen wie tief ich fallen würde. Niemand hatte mich gewarnt und ich hatte seine Macht unterschätzt. Ich hielt mich für stark, wollte mich immun machen und merkte nicht, was mit mir geschah. Merkte nicht, wie er mich nach und nach in seinen Bann zog.

Anfangs sah ich nur einen schmalen Spalt aus der Ferne und hielt ihn für eine Legende aus längst vergangener Zeit. Nun weiß ich es besser. Wende ich ihm meinen Rücken zu, versuche ich mir vergeblich einzureden, er sei nicht mehr da. Längst hat er Wurzeln geschlagen in meinem Bewusstsein, tränkt mich mit Furcht und Misstrauen. Was mich stärken sollte, hatte Stärke über mich gewonnen. Meine Finger gleiten über Narben und ich frage mich, ob es das wert war.

Der Schutz, den ich mir einst davon versprach, weicht einer Erkenntnis. Ein Wissen, wie es andere in die Tiefe reißt. Ein Wissen, das zur Last wird und sich doch nicht ungeschehen machen lässt. Manchmal wünsche ich mir, ich hätte nie hinabgeblickt. Könnte in fremde Augen sehen, ohne dass er sich in ihnen spiegelt. Könnte über das Eis gehen, ohne ein Knirschen und Knacken zu hören. Träume, in denen ich in die bodenlose Tiefe stürze, und nur mein eigener Schrei mich erwachen lässt. Nächte, in denen ich mich fürchte einzuschlafen.

Ich habe nie mit ihnen darüber gesprochen. Nicht weil ich mich dafür schäme. Nein. Die Wahrheit ist, dass sie es nicht verstehen werden. Kein Wort über das, was ich sah, kann daran etwas ändern. Sie werden vorgeben mir zu glauben und versuchen zu verstehen. Doch tief im Inneren werden sie Zweifel haben, denn sie sahen nicht, was ich sah. Sie werden nicht begreifen können, wie er alles veränderte. Der Blick in den Abgrund.

 

Text von Charlie

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Kommentare: 4
  • #1

    Sabine (Sonntag, 20 März 2016 20:33)

    Hey Charlie

    Nun schaffe ich es endlich mal, dir einen Kommentar zu schreiben :)
    Dein Text ist sehr berührend, finde ich, ich erkenne mich darin sehr gut wieder. Gerade deswegen finde ich die Arbeit von Queergeist so wertvoll, weil sie hilft, den Abgrund weniger tief erscheinen zu lassen und eine Welt schafft, in der Anderssein keine Rolle spielt.
    Sehr schön geschrieben!

    Liebe Grüße
    Sabine

  • #2

    Charlie (Sonntag, 20 März 2016 22:37)

    @Sabina,

    Wie schön, einen Kommentar von dir zu lesen!
    Es tut gut zu wissen, mit dem Gefühl nicht allein zu sein.
    Als ich damals anfing mich intensiver mit Homosexualität/Queersein zu beschäftigen, stieß ich automatisch auf Queerfeindlichkeit und Heterosexismus. Traurigerweise war das einer der Hauptzugänge zu dem Thema und ist es oftmals auch heute noch. Und leider bleibt dies nicht ohne Folgen...
    Positive und empowernde Zugänge sind so wichtig, doch scheinen sie mir nach wie vor viel zu selten. Immer noch wird es primär mit 'Defizitär-sein' in Verbindung gebracht. Aus diesem Grund sehe ich es auch als wichtige Aufgabe, positive Anknüpfungspunkte zum Queersein zu schaffen. Insofern hast du sicherlich recht, dass die Arbeit bei Queergeist hilft, den Abgrund kleiner erscheinen zulassen.

    Liebe Grüße zurück,
    Charlie

  • #3

    Miracles (Donnerstag, 05 Mai 2016 22:28)

    Ein sehr tolle Blog.Schreibt ihr derzeit garnix mehr ?

  • #4

    Charlie (Freitag, 06 Mai 2016 12:04)

    @Miracles

    Danke für das Kompliment.

    Eigentlich versuchen wir jeden Monat mindestens einen Blogpost zu schreiben, aber manchmal schaffen wir es nicht rechtzeitig. Der nächste Blogpost ist in Arbeit und wird bald hier veröffentlicht. An Themen und Ideen mangelt es uns nicht :-)

    Grüße von Charlie

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