Filmkritik 'The Naked Civil Servant'

Bei meinen Streifzügen durch die unendlichen Weiten des World Wide Web stieß ich vor einiger Zeit auf einen Film, der mich auf eine ganz besondere Weise berührt und fasziniert hat. Die Rede ist von The Naked Civil Servant, einem britischen Fernsehfilm aus dem Jahre 1975. Er basiert auf der gleichnamigen Autobiografie des Autors und Exzentrikers Quentin Crisp, die im Deutschen unter dem Titel Crisperanto erschien. Im Folgenden möchte ich euch erzählen, was den Film für mich so besonders macht, und wieso ich ihn für revolutionär halte.

Beginnen möchte ich mit einer kurzen Inhaltsbeschreibung. Worum geht es also? Ausgehend von Quentins frühen Kindheitserinnerungen, die ihn als kleinen Junge in einem viel zu weiten Kleid tanzend vor dem Spiel zeigen, begleitet man* ihn durch seine turbolenten Jugendjahre bis ins reife Erwachsenenalter. Trotz des Unverständnisses und der alltäglichen Gewalt bleibt er sich selbst stets treu und bewahrt sich darüber hinaus seinen Humor, seine Zuversicht und Menschlichkeit. Verkörpert wird er von John Hurt, der in seiner Rolle durchgehend zu überzeugen weiß.

Seit ich den Film das erste Mal sah, verspürte ich eine eigenartige Faszination, die mich dazu veranlasste, ihn immer wieder aufs Neue zu sehen. Obwohl meine Englischkenntnisse sicher nicht die besten sind, konnte ich dem Film in Originalsprache dennoch problemlos folgen. So fiel mir im Laufe der Zeit mehr und mehr vom englischen Wortwitz und der herrlichen Situationskomik auf. Zudem wurde mir deutlich bewusst, wie unglaublich revolutionär er - nicht nur für das Jahr 1975 - war und auch heute immer noch ist. Gerade in der ständig wieder aufflammenden Debatte um Fragen queerer Identität, Zugehörigkeit und Strategien im Kampf gegen Queerfeindlichkeit, liefert der Film interessante Antworten. Doch was genau ist eigentlich so revolutionär an The Naked Civil Servant?

[Spoilerwarnung] Zum einen wäre da die Tatsache, dass es einer der wenigen Filme - wenn nicht gar der einzige mir bekannte - ist, der Queering bereits als eine subversive Form der Alltagspraxis begreift und abbildet. Zwar taucht der Begriff selbst verständlicherweise noch nicht auf, doch lässt sich das Credo des Hauptdarstellers wohl am treffendsten mit 'Fortschritt durch Irritation' zusammenfassen. In einem Gespräch mit einer Freundin erklärt er seine Intention, seine Identität als 'effeminierter Homosexueller' mithilfe von Make-up, Nagellack und gefärbten Haaren für die ganze Welt sichtbar zu machen, damit, dass es in der Gesellschaft viele Menschen gäbe, die sich der Existenz Homosexueller überhaupt nicht bewusst sind. Folglich sei dem daraus resultierenden Unverständnis nur mit kompromissloser Sichtbarkeit zu begegnen.

Wie revolutionär ein solcher Gedanke für die zwanziger und dreißiger Jahre war, in denen der frühe Teil des Films angesiedelt ist, zeigt sich u.a. daran, dass es damals selbst für Frauen in London als unschicklich galt, sich die Haare zu färben oder sich derart auffällig zu schminken. Ein exaltierter Homosexueller wie Quentin Crisp war daher wohl die fleischgewordene Provokation, eine Art schallende Ohrfeige für die streng heteronormative Gesellschaft.

Zum anderen wäre da die Tatsache, dass der Film durch Quentins Erzählstimme im Off eine kompromisslos queere Perspektive einnimmt, die das landläufige Verständnis von Normalität gründlich auf den Kopf stellt. Das Queersein des Hauptdarstellers wird weder gerechtfertigt noch wird versucht, irgendeine Erklärung dafür zu finden. Stattdessen wird es als etwas völlig Selbstverständliches dargestellt, wo hingegen das sture Verharren großer Teile der Gesellschaft in abstrusen Normen der Lächerlichkeit preisgegeben und problematisiert wird. Die Grundaussage ist gleichermaßen simpel wie bestechend: Nicht der queere Exzentriker spinnt, sondern breite Teile der Gesellschaft.

Wunderbar veranschaulicht wird dies in der Szene, als sich Quentin während des Kriegs freiwillig zur Armee meldet, um nicht zu verhungern, und bei der Musterung den anwesenden Militärpsychologen komplett aus dem Konzept bringt. Dabei sind es nicht allein seine Worte oder sein 'effeminiertes' Erscheinungsbild. Vielmehr ist es die selbstverständliche Gelassenheit, mit der er sein Queersein nach außen trägt. In einer anderen Szene, steht er wegen angeblicher Prostitution vor Gericht und reagiert im Zeugenstand auf die Bemerkung, er leide unter sexueller Perversion, mit der beiläufig süffisanten Äußerung, er sei zweifellos pervers, doch sei er sich der Bedeutung des Wortes 'Leiden' noch nicht ganz sicher. Kurz gesagt, es ist nicht der Hauptdarsteller, über den die Zuschauer_innen lachen, sondern die Ratlosigkeit und Borniertheit des heteronormativen Umfelds.

Eine weitere Ebene der kompromisslos queeren Perspektive erstreckt sich auf die Leseweise anderer Personen. Bei einem Überfall auf das Black Cat, das Quentin und den anderen homosexuellen Strichern als Zufluchtsort dient, liest er das bedrängende Verhalten der Schläger nicht bloß als stupiden Einschüchterungsversuch, sondern (auch) als Ausdruck tatsächlichen sexuellen Interesses. Sein nüchternes Fazit "Some queers are really rough and some roughts are really queer" verweist dabei auf die mangelnde Bereitschaft, die Signale heterosexistischer Machtgebarden als solche anzuerkennen. Indem er - sei es aus Naivität oder Trotz - die gewaltvolle Demonstration hegemonialer heterosexueller Männlichkeit in ihr Gegenteil umdeutet, entzieht ihr quasi die Wirkmächtigkeit. Ein derart subversiver Umgang mit queerfeindlicher Gewalt verweist auf völlig neue Handlungsmöglichkeiten.

Die kritischen bis gewaltsamen Reaktionen auf sein Queersein nimmt er dabei mit einer geradezu stoischen Gleichgültigkeit hin. Da er ganz genau weiß, was er tut und wer er ist, hält er eine Auseinandersetzung darüber für überflüssig. Zudem hindert ihn die Kritik nie daran, er selbst zu sein. Ganz im Gegenteil scheint sie teilweise nur seinen Widerspruchsgeist zu wecken. So steigert sich sein selbstverständlicher Umgang mit dem Queersein stellenweise zu einer regelrechten 'Jetzt-erst-recht-Einstellung'. Während sein erster WG-Mitbewohner Thumbnails - ähnlich wie vorher sein Vater - permanent an ihm herumnörgelt und ihm den Gebrauch von Gesichtscreme auszureden versucht, klatscht er sich resigniert die nächste Ladung Creme ins Gesicht. Ein mutiges Plädoyer dafür, sich selbst treu zu bleiben und dabei sowohl zu sich als auch seinen Mitmenschen schonungslos ehrlich zu sein.

Glücklicherweise verzichtet der Film darauf, durch einseitige Vorwürfe Grenzen zwischen den unterschiedlichen Menschengruppen zu ziehen. Am Ende kommen alle Personen gleich gut bzw. schlecht weg. So erfährt Quentin nicht nur Ablehnung und Unverständnis von heterosexuellen Männern und Frauen, sondern auch von Seiten seiner (männlich) homosexuellen Zeitgenossen. Nachdem er seine Identität als 'effeminierter Homosexueller' verstärkt auszuleben beginnt, verliert er die Solidarität der anderen Homosexuellen, die sein Auftreten als 'nicht normal' empfinden und eine ungewollte Offenlegung ihrer eigenen Homosexualität durch die Nähe zu ihm fürchten. Auf der anderen Seite sind es aber auch befreundete homosexuelle Stricher, die - besonders während seiner Jugendjahre - eine entscheidende Rolle bei seiner Selbstfindung spielen und ihn erstmals spüren lassen, wie es sich anfühlt unter Gleichgesinnten zu sein. Ebenso gibt es auch zahlreiche heterosexuelle Freund_innen, die ihn unterstützend durchs Leben begleiten.

Was also ist nun mein Fazit? Es gibt nicht viele Filme, denen es gelingt, Humor, Tragik und Provokation auf eine derart einzigartige Weise miteinander zu verbinden. The Naked Civil Servant schafft zudem eine Identifikation mit dem 'effeminierten' Hauptdarsteller und ermöglicht dadurch auch 'durchschnittlichen' Zusehenden eine kompromisslos queere Perspektive. Er zeigt die Schwierigkeiten eines offen queeren Lebens ohne dabei in Selbstmitleid zu verfallen. Bauchschmerzen beim Abspann sind sicher nicht zu erwarten. Und wenn doch, dann wohl nur vom Lachen. Wer dieses auf Zelluloid gebrannte Juwel bislang also noch nicht angesehen hat, sollte dies unbedingt nachzuholen. Machts euch gemütlich mit einer Tasse britischem Tee und lasst euch verzaubern...

 

 

Text von Charlie

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Ulli (Montag, 27 Juni 2016 13:37)

    Richtig cooler Film, wenn auch schon uralt! Und die Militärszene ist echt der burner: Erst die Analuntersuchung, und hinten dann das Plakat Snap into it. Ich hab mich weggepackt. Einfach nur hammergeil! Es gibt übrigens noch eine Fortsetzung von 2009, heißt An Englishman in New York. Ist aber nicht so witzig wie der erste. Lohnt sich aber trotzdem. Nur so als Tip!

  • #2

    Charlie (Montag, 27 Juni 2016 18:11)

    @Ulli
    Danke für den Tipp. Die Fortsetzung gefällt mir an und für sich auch nicht schlecht, ist aber irgendwie eine ganz andere Art von Film. Ihr fehlt meines Erachtens die beschwingte Leichtigkeit und der bissige Humor, der The Naked Civil Servant u.a. so besonders macht. Ich finde man* merkt sehr, dass der erste Film auf der eigenen Erzählweise von Quentin Crisp beruht, und der zweite Film nicht.

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