Hetero und queer?

An manchen Tagen wirkt alles harmonisch. Heteros feiern gemeinsam mit queeren Menschen und demonstrieren für ihre Rechte. Viele queere Räume öffnen sich und Labels wie 'heterofriedly' heißen auch heterosexuelle Gäste augenzwinkernd willkommen. Kurz, wir erleben eine Zeit gegenseitigen Annäherns und Kennenlernens. Neue Bande werden geknüpft und so manches Vorurteil abgelegt. Doch wie stabil sind diese Allianzen wirklich? Ereignisse wie jüngst das Massaker von Orlando lassen erahnen, dass sich das Misstrauen in akuten Krisensituationen nicht selten wieder Bahn bricht. Alte Wunden reißen auf. Essentialismen und Grenzziehungen, die manche längst überwunden glaubten, erleben ein ungeahntes Revival.

So schreiben beispielsweise manche queere Journalist_innen, heterosexuelle Menschen seien nicht in der Lage die Tragweite solcher Ereignisse für die Community zu begreifen. Andernorts wird ihnen sogar Heuchelei, Vereinnahmung oder einfach mangelnde Sensibilität vorgeworfen. Während sie eine völlig heterogene Gruppe von Menschen in moralische Sippenhaft nehmen, wird stets betont, dass "natürlich nicht alle so sind". Aller Relativierungsversuche zum Trotz scheint es letztlich nur noch zwei Lager zu geben: Hier die betroffenen, missverstandenen Queers, dort die verständnislosen, unsensiblen Heteros. Unabhängig davon, dass es nicht durchaus heterosexuelle Menschen gibt, auf die die obigen Vorwürfe zutreffen, offenbart eine derartige Trennung auch eine in meinen Augen ziemlich eigenartige Auffassung von queer.

Nach dem Verständnis besagter Journalist_innen scheint die Fähigkeit zu Mitgefühl und Verständnis angesichts solcher Ereignisse mehr oder weniger an biologische Faktoren wie eine von der Norm abweichende Sexualität/Begehrensform, Geschlechtlichkeit oder Geschlechtsidentität geknüpft zu sein. Demnach seien nur Lesben, Schwule, Bisexuelle sowie trans- und intergeschlechtliche Menschen in der Lage, die Tragweite wirklich zu verstehen. Vielleicht würden sie auch argumentieren, die Sozialisation als queere Menschen führe letztlich zu einer in diesen Gruppen höheren Empathie oder Sensibilität. Heterosexuellen Menschen ist es folglich per se nicht - oder nur in geringeren Maße - möglich, sich auf dieselbe Art mit den Opfern solcher Gewalttaten zu identifizieren. Dabei negiert eine derartige Argumentationsweise scheinbar ganz selbstverständlich die Möglichkeit, dass es auch queere Heteros gibt. Doch kann ein heterosexueller Mensch überhaupt queer sein?

In diesem Blogpost möchte ich mich näher mit dem scheinbaren Gegensatz zwischen queer und heterosexuell auseinandersetzen. Es soll die Frage geklärt werden, ob es diesen Gegensatz wirklich gibt und wieso Heterosexualität in queeren Räumen so häufig stereotypisiert und geothert wird. Außerdem versuche ich das Phänomen von Heterofeindlichkeit aus queerer Perspektive zu beleuchten und ihre Vereinbarkeit mit Heteronormativitätskritik zu untersuchen. Wie immer bemühe ich mich dabei um eine möglichst ausgewogene Darstellung, wenngleich an dieser Stelle darauf hingewiesen sein soll, dass ich mich ausschließlich auf meine persönlichen Erfahrungen als weißer schwuler cis Mann berufe und der Text deshalb keinerlei Anspruch auf Allgemeingültigkeit erhebt.

Heterosexualität, queere Räume und Konflikte

Beginnen wir mit der Sicht auf Heterosexualität in queeren Räumen. Vorab sollte ich vielleicht kurz erklären, was landläufig unter queeren Räumen verstanden wird. Hierzu zählen sämtliche soziale Zusammenhänge, in denen Menschen mit einer von der Norm abweichenden Sexualität/Begehren, Geschlechtlichkeit oder Geschlechtsidentität unter dem Vorzeichen ihres 'Andersseins' zusammenkommen. Das kann beispielsweise eine lesbische Party, eine schwule Coming Out-Gruppe oder auch eine Diskussion in einem queeren Online-Forum sein. Welche Bedeutung das 'Anderssein' für die Anwesenden hat, kann dabei stark variieren. Für einige ist es im Alltag praktisch irrelevant, andere leiten daraus eine bewusst heteronormativitäts-kritische Lebensweise ab.

Abhängig davon, welches Verständnis von queer vorherrscht, kann dem jeweiligen Raum ein inklusives oder eher exklusives Verständnis von Heterosexualität innewohnen. Menschen, die queer mit nicht-heterosexuell gleichsetzen und bewusst queere Räume aufsuchen, reagieren meiner Erfahrung nach tendenziell negativ auf die Anwesenheit heterosexueller Menschen. Das heißt natürlich keineswegs, dass sie deshalb Heterosexualität als solche ablehnen müssen. Vielmehr scheinen sie queere Räume als temporäre Schutz- und Entfaltungsräume zu verstehen. Endlich mal hemmungslos flirten können, ohne Angst vor blöden Reaktionen zu haben. Sich endlich mal in einem Raum bewegen zu können, wo man* nicht permanent mit Heterosexualität konfrontiert wird und das Gefühl hat in der Minderheit zu sein.

Menschen mit einem solchen Verständnis, empfinden die (teils recht demonstrative) Zurschaustellung von Heterosexualität in queeren Räumen - z.B. durch Küssen oder sonstigen Austausch von Zärtlichkeiten - häufig als ärgerlich und raumeinnehmend. Heteros wiederum, die mit entsprechend ablehnenden Reaktionen seitens der Anwesenden konfrontiert werden, empfinden das Verhalten nicht selten als intolerant und überzogen. In vielen Fällen haben sie sich noch nicht ausreichend mit Heteronormativität und den daraus resultierenden Einschränkungen für queere Menschen auseinandergesetzt. Sie kämen gar nicht auf die Idee, dass ihr Verhalten als Respektlosigkeit gelesen werden kann, weil sie es nicht als Raumeinnahme begreifen, sondern als harmlose Liebes- und/oder Lustbekundung. Kurz, es fehlt das nötige Bewusstsein.

Essentialistische Zuschreibungen queerer und heterosexueller Menschen

Soll das heißen, dass Heteros am Ende eben doch genauso unsensibel sind, wie eingangs erwähnt? Und dass die Trennung deshalb völlig gerechtfertigt ist? Nein, natürlich nicht. Nur weshalb ist die Gleichsetzung von queer mit nicht-heterosexuell dann sowohl innerhalb als auch außerhalb queerer Räume so weit verbreitet? Tatsächlich scheint beides oftmals miteinander unvereinbar zu sein. Ein heterosexueller Mensch kann unmöglich queer sein. Sogar einige Aktivist_innen, die in öffentlichen Diskussionen - zurecht - essentialistische Zuschreibungen und Schubladendenken kritisieren, verstummen mitunter bei der Kategorisierung in queere und heterosexuelle Menschen. Manchmal geht es dabei sogar so weit, dass sie letztere pauschal als rückständig und/oder konformistisch verurteilen, während sie erstere - zu denen sie in der Regel selbst gehören - als besonders fortschrittlich und/oder subversiv ansehen.

Heterosexualität verkommt in derartigen Diskussionen nicht selten zu einem Zerrbild ihrer selbst. Im Grunde geschieht hier genau dasselbe, was in mehrheitsgesellschaftlich geprägten Räumen in Bezug auf queere Menschen passiert. Vermeintliche Unterschiede werden überbetont, um sich selbst in einem besseren Licht darzustellen, während jegliches Differenzieren in den Hintergrund rückt. Meiner Erfahrung nach werden heterosexuelle Menschen dabei genau auf die Eigenschaften reduziert, die man* bei sich selbst ausschließt: Konformität, Rückschrittlichkeit, mangelnde Sensibilität oder gar ein Hang zu Aggressivität. Was bei sich selbst negiert - oder zumindest heruntergespielt - wird, ist folglich genau das, was heterosexuellen Menschen erst einmal unterstellt wird, bis sie das Gegenteil bewiesen haben.

Heterofeindlichkeit in queeren Räumen?

Heteros stehen damit in vielen queeren Räumen quasi permanent unter dem Generalverdacht, rückschrittlich, konformistisch, unsensibel und/oder sogar aggressiv zu sein, wobei hier natürlich meist noch nach Geschlechtern getrennt wird. Wenn ein heterosexueller cis Mann sich auf einer queeren Party beispielsweise schwulenfeindlich äußert, wird dies automatisch auf seine Heterosexualität und die daraus resultierende Ablehnung von Homosexualität zurückgeführt. Tut ein schwuler cis Mann dasselbe, wird ihm bestenfalls 'internalisierte Homophobie' unterstellt, doch seine Äußerung wird nicht direkt mit seiner sexuellen Orientierung in Verbindung gebracht.

Im Gegenteil wird durch das Attribut 'internalisiert' ein Widerspruch zwischen Homosexualität und Schwulenfeindlichkeit suggeriert. Ein schwuler Mann kann nach diesem Verständnis von Natur aus gar nicht wirklich schwulenfeindlich sein, sondern wird durch seine Sozialisation erst dazu gemacht. Davon abgesehen, dass ich die Annahme von einer naturgegebenen Schwulen- bzw. Queerfeindlichkeit generell für großen Blödsinn halte, wundere ich mich, dass man* einem heterosexuellen cis Mann eben diese indirekt unterstellt. Wieso sonst taucht das Attribut 'internalisiert' nie im Zusammenhang mit heterosexuellen Menschen auf? Verinnerlicht ein heterosexueller Mann diese Dinge im Laufe seiner Sozialisation nicht ebenso wie z.B. ein homo- oder bisexueller Mann?

Was sich anhand des Beispiels gut veranschaulichen lässt ist, wie selektiv wir wahrnehmen und wie sehr wir dabei mit zweierlei Maß messen. Indem wir heterosexuellen Menschen für viele queere Menschen negativ besetzte Eigenschaften zuschreiben, grenzen wir sie aus unseren Räumen aus und geben ihnen das Gefühl nicht wirklich dazuzugehören - auch wenn wir uns nach außen noch so 'heterofriedly' geben. Die Frage, ob es in queeren Räumen sowas wie eine latente Heterofeindlichkeit gibt, würde ich daher wohl durchaus mit 'Ja' beantworten. Allerdings möchte ich ihr Ausmaß keineswegs mit Queerfeindlichkeit in mehrheitsgesellschaftlich geprägten Räumen gleichsetzen. Heteros werden aufgrund ihrer Sexualität weder kriminalisiert, verfolgt und entrechtet noch werden sie dafür angegriffen oder ermordet. Das bedeutet aber auch nicht, dass es in queeren Räumen keine Ablehnung oder zumindest Vorbehalte ihnen gegenüber gäbe.

Das Problem mit essentialistischen Grenzziehungen

Sicherlich kenne auch ich die üblichen unreflektierten Kommentare heterosexueller Menschen, in denen über die "Diskriminierung als Hetero" geklagt wird, weil sie keinen CSD haben und sich niemand in den Zeitungen für ihr Coming Out interessiert. Und ja, auch ich fühle mich in solchen Situationen unverstanden und in meinem Bedürfnis nach einem gleichberechtigten Leben ohne Gewalt und Diskriminierung lächerlich gemacht.

Doch ist es gerade in diesen Momenten wichtig, nicht in Pauschalisierungsreflexe à la "Die blöden Heten werden es nie kapieren" zu verfallen. Denn damit essentialisieren wir Heterosexualität und schaffen zudem Ausschlüsse, die auch Menschen treffen, die bereits Teil unserer Communitys sind: Heterosexuell gelesene bisexuelle Paare oder sich heterosexuell identifizierende trans Personen mit oder ohne Partner_innen. Zudem läuft eine derartige Abgrenzung meines Erachtens Gefahr, eine neue normative Dynamik hervorzubringen, an der sich früher oder später sämtliche queere Menschen in ihren Lebensweisen messen müssen. Ist Monogamie dann nicht "voll hetero"? Ist der Wunsch nach Ehe und Familie dann nur etwas für "spießige Heten"? Wer ist dann queer und wer ist nicht queer genug? Kurzum, queer wird zu einem Mittel der Ausgrenzung und Abwertung. Ich bin daher der Ansicht, dass essentialistische Grenzziehung zwischen verschiedenen Menschengruppen nicht nur für die Ausgeschlossenen problematisch ist, sondern letztlich auch für die Ausschließenden.

Warum Heterofeindlichkeit und Heteronormativitätskritik nicht zusammenpassen

Die Kritik am Ausschluss heterosexueller Menschen auf der Grundlage essentialistischer Grenzziehungen bedeutet natürlich keinesfalls, dass man* als heteronormativ empfundene Lebensweisen für sich selbst nicht weiterhin ablehnen darf, nur halte ich die Gleichsetzung von 'heteronormativ' mit 'heterosexuell' an dieser Stelle für verkehrt. Letzteres steht erst einmal für nichts weiter als eine sexuelle Orientierung/Begehrensform, während ersteres in meinen Augen ein gesellschaftliches Ordnungsprinzip beschreibt, das bestimmten Lebensweisen mehr Relevanz zuspricht als anderen.

Nach meinem Verständnis heißt Queersein nicht bloß, eine von der Norm abweichende Sexualität/Begehrensform, Geschlechtlichkeit oder Geschlechtsidentität zu haben, sondern darüber hinaus diese Norm selbst bewusst in Frage zu stellen. Kritisiere ich also Heteronormativität aufgrund der einseitigen Fokussierung auf Heterosexualität bzw. aufgrund der Marginalisierung anderer (einvernehmlicher) Sexualitäten/Begehrensformen und trete für eine Enthierarchisierung ein, verbietet sich in meinen Augen auch eine Abwertung von Heterosexualität. Nach meinem Verständnis sind Heterofeindlichkeit und Heteronormativitäts-kritik folglich nicht miteinander kompatibel.

Queere Heteros - Es gibt sie wirklich!

Sicherlich sind erst einmal all jene Menschen, die selbst von der geschlechtlichen oder sexuellen Norm abweichen, in besonderem Maße prädestiniert für eine heteronormativitäts-kritische Lebensweise. Dies ist allerdings keinesfalls immer so. So gibt es zahlreiche trans- oder intergeschlechtliche Personen, Lesben, Bisexuelle sowie auch viele Schwule, die mitnichten heteronormativitätskritisch oder auch nur -bewusst leben (was an sich gar nicht kritisiert werden soll). Andererseits gibt es jedoch einige hetero- und monosexuelle cis Personen, die genau das tun. Sie hinterfragen gängige Annahmen von Geschlecht, Sexualität etc., kämpfen für die Anerkennung und Sichtbarkeit queerer Menschen, und sensibilisieren ihr heterosexuelles Umfeld für queere Belange. Mit anderen Worten, sie erfüllen sämtliche Kriterien, die ihre Lebensweise queer macht.

Der einzige Grund, weshalb sie - im Falle eines Identifizierens mit dem Begriff - meinen, nicht queer zu sein, ist wohl die vermeintliche Unvereinbarkeit mit ihrer Heterosexualität. Doch mit welcher Begründung beharren wir eigentlich auf dem Gegensatz zwischen queer und heterosexuell? Ist Heterosexualität schlicht nicht subversiv genug, um das heteronormative Ordnungsprinzip in Frage zu stellen? Die Annahme liegt nahe, doch sie blendet die Tatsache aus, dass auch Heterosexualität - ebenso wie andere Sexualitäten/Begehrensformen - unendlich viele Spielarten besitzt. Einzig die Verschiedengeschlechtlichkeit der Partner_innen erlaubt noch keine Rückschlüsse darüber, wie sich das Sex- und Beziehungsleben gestaltet. Einmal hörte ich beispielsweise von einem heterosexuellen Paar, bei dem sich der (cis) Mann regelmäßig von seiner Frau mit dem Strap-on penetrieren ließ und auch sonst eher die Aufgaben verrichtete, die in unserer Gesellschaft landläufig Frauen zugeschrieben werden. In ihrem heteronormativen Umfeld stieß das Paar daher auf großes Unverständnis und Ablehnung, in queeren Räumen fanden sie ebenfalls keinen Anschluss.

(K)ein Raum für queere Heteros?

Nur wieso sollte einem solchen Paar einzig aufgrund seiner Verschiedengeschlechtlichkeit der Zutritt in queere Räume verwehrt werden? Ich habe Verständnis dafür, dass einige Menschen aufgrund negativer Erfahrungen keine heterosexuellen Personen in ihren Räumen wünschen. Ebenso wie ich es verstehe, dass Frauen ein Bedürfnis nach Räumen haben, in denen keine cis Männer zugelassen sind. All diese Räume haben ihre Daseinsberechtigung, die ich ihnen keinesfalls absprechen will. Dennoch plädiere ich für die zusätzliche Schaffung queerer Räume, in denen derartige Grenzziehungen nicht vorgenommen werden. Ich bin mir im Klaren darüber, dass mit der Einbeziehung von Heterosexualität die Furcht vor einer Beliebigkeit bzw. einer regelrechten 'Verwässerung' queerer Identität einhergeht. Wenn auf einmal alle Zutritt haben, wozu braucht es dann überhaupt noch queere Räume?

Generell halte ich diese Frage für berechtigt, doch stellt sie sich an dieser Stelle meines Erachtens gar nicht. Keinesfalls geht es mir bei der Inklusion von Heterosexualität darum, queere Räume der Beliebigkeit preiszugeben. Vielmehr möchte ich die scheinbaren Gegensätze heterosexuell und queer in Frage stellen. Der Raum bleibt also nach wie vor queer. Wie ich versucht habe zu verdeutlichen, basieren die vermeintlichen Unterschiede letztlich vor allem auf stereotypen und essentialistischen Zuschreibungen, die keinen Platz für Differenzierungen lassen. Nicht selten steigern sie sich bis hin zu einer heterofeindlichen Einstellung, welche wiederum auch bisexuelle, trans- und intergeschlechtliche Personen treffen-, und eine normative Dynamik hervorbringen kann, bei der alles ablehnt wird, was irgendwie 'zu hetero' ist. Wollen wir Gefahr laufen, uns selbst die Freiheit nehmen, so zu leben wie es uns entspricht, egal ob mit gleichgeschlechtlichen oder verschieden-geschlechtlichen Partner_innen, egal ob monogam, offen, polyamor, verheiratet, unverheiratet, verpartnert etc.?

Wenn wir queer nicht einfach mit nicht-heterosexuellen Identitäten gleichsetzen, sondern es als heteronormativitätskritische/-bewusste Lebensweise begreifen, verbietet es nicht nur Heterofeindlichkeit, sondern es zwingt uns meines Erachtens auch, endlich die Existenz queerer Heteros anzuerkennen. Sobald wir feststellen, dass auch Heterosexualität eine Vielzahl an Spielarten umfasst, die ein Sex- und Beziehungsleben jenseits der Heteronormativität erlauben, ist es zudem weit schwieriger ihren Ausschluss aus queeren Räumen zu rechtfertigen. Ich sehe jedenfalls keinen Grund ihnen den Zutritt zu verwehren, wenn sie sich mit dem Begriff identifizieren.

Auch würde ich mir wünschen, dass wir endlich aufhören, heterosexuelle Menschen unter Generalverdacht zu stellen, nicht queer bzw. subversiv genug zu sein und ihr Verhalten mit zweierlei Maß messen. Wer als queerer Mensch für eine Enthierarchisierung (einvernehmlicher) Sexualitäten/Begehrensformen eintritt und dabei essentialistische Grenzziehungen hinterfragt, sollte bei Heterosexualität keine Ausnahme machen. Eine wirkliche Wertschätzung von Vielfalt würde meines Erachtens also bedeuten, hetero und queer nicht mehr automatisch als Gegensatz zu betrachten. Wollen wir das Misstrauen und die gegenseitige Skepsis überwinden, müssen auch wir die trennenden Mauern in unseren Köpfen niederreißen. Und so schwer uns das auch fallen mag, ist es in meinen Augen letztlich doch die logische Konsequenz einer heteronormativitätskritischen Lebensweise. Auf die Frage, ob hetero und queer zusammenpassen, gibt es von mir daher ein klares 'Ja'. Warum auch nicht?

 

Text von Charlie

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Kommentare: 2
  • #1

    Score (Sonntag, 21 August 2016 19:05)

    Hallo mir gehts genauso wie im text beschrieben. Bin hetro aber kann mit meinesgleichen nichts anfangen. Seit meiner kindheit habe ich das gefühl, das ich nicht dazugehre und hatte darum eine schwere Zeit in der schule mit Mobbing... Meine Hobbies sind sagen wir mal nicht gerade typisch für ein Jungen und auch sonst so. Ich mag rosa, interssiere mich nicht für Fussball uns Autos. Viele glauben darum das ich gay bin aber das stimmt nicht. Ich mag schon mädchen aber die mich nicht, weil ich den zu unmännlich bin. Manchmal glaube ich es wär leichter wenn ich einfach gay wäre, weil dann brauchte ich nicht immer zu erklären warum ich so bin. Kann mann eingentlich irgendwie gay werden? Aber eigentlich auich egal...

  • #2

    Charlie (Sonntag, 21 August 2016 23:19)

    @Score
    Tut mir echt leid, dass du so eine schwere Schulzeit hattest und dich immer wieder für dein Sosein rechtfertigen musst. Es sollte auch für Jungen/Männer - egal welcher sexuellen Orientierung - selbstverständlich sein, die Farbe Rosa zu mögen und sich nicht für Fußball oder Autos zu interessieren. Leider ist das oft immer noch ein Problem. Vielleicht ist es für offen schwule Männer sogar etwas einfacher, weil solche Dinge dank Klischeedenken keine_n sonderlich wundern. Zwar ist es auch hier gesellschaftlich nicht gerne gesehen, aber zumindest müssen wir uns nicht ständig erklären. Das ist bei hetero Männern sicher noch etwas anders. Der Erwartungsdruck, ein 'richtiger Mann' sein zu müssen, ist da vermutlich noch um einiges stärker ausgeprägt. Auch mangelt es in meinen Augen an Räumen, in denen sich gerade Heteros sanktionsfrei von diesem Erwartungsdruck befreien können. Ich wünsche dir, dass du dir selbst treu bleiben und dich für das akzeptieren kannst, was du bist.

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