Queere Gemeinschaft und Konformitätsdruck

In Medienberichten taucht immer wieder ein Begriff auf, sobald von queeren Menschen die Rede ist: Gemeinschaft oder Community. In Zeitungsartikeln werden Jugendliche präsentiert, die während der schwierigen Phase ihres Coming Outs Zuflucht und Rückhalt in der Community finden. Als ich bei meinen ersten Gehversuchen in der schwulen Welt ebenso selbstverständlich von eben dieser Community sprach, wurde ich von den älteren Männern schnell eines besseren belehrt. Die sogenannte schwule Gemeinschaft sei nichts als ein Mythos, eine Erfindung. Aus ihren Worten sprach Bitterkeit und Resignation. Sie alle hatten gehofft, gesucht und am Ende nicht gefunden, was sie sich wünschten.

Auch ich stellte schon bald fest, dass ich mich in der Community nicht heimisch fühlte. Im Laufe der Zeit begegneten mir immer mehr Menschen aus dem queeren Spektrum - seien sie nun schwul, lesbisch, bi oder trans - die ähnliche Erfahrungen gemacht hatten. Kaum eine_r von ihnen fühlte sich den jeweiligen (Sub)szenen zugehörig. Ein Grund, der immer wieder genannt wurde, ist der hohe Konformitätsdruck. Offensichtlich scheint es ausgerechnet innerhalb queerer Räume ein Problem im Umgang mit Unterschiedlichkeit zu geben. Doch weshalb ist das so? In diesem Blogpost möchte ich der Frage nachgehen, was mögliche Ursachen für den Konformitätsdruck sind und wie er sich in unseren Gemeinschaften verringern lässt.

Warum eine queere Gemeinschaft?

Beginnen möchte ich mit der Frage, was queere Menschen wie mich überhaupt dazu bringt, unter ihres gleichen nach Gemeinschaft zu suchen. Meiner Meinung nach reiben wir uns - teils ohne es uns überhaupt bewusst zu sein oder es benennen zu können - am heteronormativen Ordnungsprinzip. Dabei machen wir unterschiedliche Erfahrungen, die sich jedoch stark ähneln können. Viele von uns kennen das Gefühl, nicht dazuzugehören und von unserem Umfeld isoliert zu sein. Wir wissen, wie es sich anfühlt, gesellschaftlichen Erwartungen von einem 'richtigen' Mann/Jungen bzw. einer_m 'richtigen' Frau/Mädchen nicht erfüllen zu können, sich deshalb defizitär zu fühlen. Auch teilen wir heute noch all zu oft Widerfahrnisse von Diskriminierung und Marginalisierung seitens der Mehrheitsgesellschaft oder/und seitens unseres persönlichen Umfelds. Oft sind dies prägende Erfahrungen, die sich in unser Bewusstsein regelrecht eingebrannt und uns zu den Menschen gemacht haben, die wir heute sind.

Es scheint mir nachvollziehbar, dass daraus der Wunsch nach einer Gemeinschaft aus Gleichgesinnten erwächst, von der wir uns Rückhalt, Verständnis und Akzeptanz versprechen. Wir erwarten wohl, dass sich die negativen Erfahrungen hier nicht wiederholen. Oftmals reagieren wir - wie oben beschrieben - desillusioniert, wenn sich unsere Erwartungen nicht bewahrheiten. Dabei vergessen wir meines Erachtens jedoch nicht selten, unsere eigenen Idealvorstellungen zu hinterfragen. Tatsächlich haben wohl die wenigsten von uns vorher bereits eine konkrete Vorstellung von queerer Gemeinschaft, die auch der Realität entspricht.

Konformität als Bestandteil eines Schutzraums

Dass diese meist völlig anders strukturiert ist als das engere Umfeld wie beispielsweise die Familie, in die wir hineingeboren/-adoptiert werden, müssen wir erst nach und nach lernen. Während wir uns in letzterer in einem Kreis von Menschen bewegen, die in der Regel eine ähnliche Sozialisation bzgl. der sozialen Schicht, der Region etc. durchlaufen haben, sind wir in queeren Räumen mit allerhand Menschen konfrontiert, deren Sozialisation von der eigenen teils stark abweicht.

Derartige Unterschiede mögen in einem Fußball-Club nur geringfügig ins Gewicht fallen. In einem Raum, in dem es darum geht, sich nicht wegen irgendeines gemeinsamen Hobbys, sondern wegen eines gesellschaftlich stigmatisierten Soseins 'heimisch' und 'zugehörig' zu fühlen, kann der sogenannte 'Stallgeruch' aber durchaus entscheidend sein. Die Logik dahinter ist, je ähnlicher die anderen einer_m sind, desto geringer ist das Risiko erneut seelische Verletzungen zu erleiden. Die Idee hinter queerer Gemeinschaft scheint für mich daher nach wie vor sehr stark mit dem Anspruch eines Schutzraumes verbunden zu sein.

Wenn ein bestimmter Raum jedoch vor allem dann als Schutzraum wahrgenommen wird, wenn er möglichst homogen ist, d.h. sich die Menschen untereinander gleichen, folgt daraus im Umkehrschluss auch ein höherer Konformitätsdruck. Daher denke ich, dass vor allem solche Räume konformistische Ausschlussdynamiken hervorbringen, deren Teilhabende großen Wert auf ein Sicherheitsgefühl legen.

Konformität und Gemeinschaftsprinzip?

Doch nicht allein das Schutzbedürfnis hat Auswirkungen auf den Umgang mit Heterogenität, sondern auch die Frage, welches Gemeinschaftsprinzip queeren Räumen als verbindendes Element zugrunde liegt. Auf welch unterschiedliche Weise kann uns Gemeinschaft also verbinden? Geht es um solidarische Zusammenarbeit im Kampf gegen Heteronormativität, um das Gefühl von Normalität/Selbstverständlichkeit bezüglich des eigenen Soseins oder um das Teilen und Sich-Bestärken in einer einzigartigen Sicht auf die Welt? Würden wir noch Wert auf diese spezifische Form von Gemeinschaft legen, wenn sämtliche Formen von Queersein eines Tages gesellschaftlich akzeptiert und rechtlich anerkannt bzw. gleichgestellt wären?

Sicherlich lassen sich all diese Fragen nicht pauschal, sondern ausschließlich auf individueller Ebene beantworten. Mir persönlich erscheint der Gedanke einer Gemeinschaft im Sinne von Zusammenarbeit beispielsweise etwas zu funktionalisiert oder zweckgebunden, wenngleich ich den Punkt durchaus wichtig finde. Ebenso wie auch die anderen Aspekte. Was ich damit aber nur verdeutlichen möchte ist, dass das Gemeinschaftsprinzip, das uns eigentlich miteinander verbinden sollte, sehr unterschiedlich ausgelegt sein kann. Wir alle versprechen uns - abgesehen von seiner Funktion als Schutzraum - etwas anderes davon.

Je nachdem, welches Prinzip von Gemeinschaft queeren Räumen mehrheitlich innewohnt, desto schwächer oder stärker kann auch der entsprechende Konformitätsdruck sein. Menschen etwa, die Heteronormativität/Zweigeschlechtlichkeit in ihrer Gesamtwirkung auf LGBTTIQA_* umfassender begreifen/kritisieren und in queerer Gemeinschaft primär die solidarische Zusammenarbeit dieser unterschiedlichen Gruppierungen sehen, haben meines Erachtens oftmals einen wertschätzenderen Umgang mit Heterogenität innerhalb ihrer Community und sind folglich weniger konformistisch. Hingegen sehen sich Menschen einem ungleich größeren Konformitätsdruck ausgesetzt, die sich ausschließlich oder überwiegend in der Gemeinschaft von Personen desselben Geschlechts, derselben Geschlechtsidentität, derselben Sexualität sowie möglicherweise auch derselben sozialen Schicht und desselben Alters bewegen, da sie ihr Sosein nur dann als selbstverständlich/normal erleben können, wenn alle um sie herum möglichst genauso sind wie sie selbst.

Weg mit dem Konformitätsdruck! Aber wie?

Doch wie lässt sich unter diesen Voraussetzungen ein wertschätzenderer Umgang mit Heterogenität innerhalb queerer Räume erreichen? Wie könnten solche Räume aussehen? Meine Gedanke hierzu lauten wie folgt: Zum einen sollte Missverständnissen vorgebeugt werden, indem das, was als verbindendes Element einer bestimmten Gemeinschaft angesehen wird, möglichst klar kommuniziert wird. Ferner sollte das Schutzbedürfnis einen hohen Stellenwert besitzen. Dies mag unterschiedlich stark ausgeprägt sein, so dass sich wohl immer wieder Menschen finden werden, die bereit sind für die gemeinschaftliche Teilhabe Verletzungen in Kauf zu nehmen.

Je nachdem, wie sehr bestimmte Menschen als Teil einer speziellen Gruppe zum einen in der Mehrheitsgesellschaft, zum anderen aber auch in queeren (Sub)szenen Diskriminierung und/oder Marginalisierung erfahren haben, ist die Verletzungsbereitschaft unterschiedlich stark. Einige ziehen sich schnell, andere weniger schnell zurück. Wieder andere sind gar nicht erst bereit, sich in Räumen zu bewegen, die als potenzielle Risiko- oder Angsträume wahrgenommen werden (was natürlich ebenfalls zu respektieren ist).

Dabei ist auch zu beachten, dass ein großer Teil der Menschen nicht nur aufgrund ihres Queerseins Ablehnung und Unverständnis erfahren haben, sondern auch aufgrund anderer Merkmale wie beispielsweise des Alters, des Aussehens, des Gewichts/des Körpers, der Herkunft, des sozialen Status', einer Behinderung etc. Ein Raum von und für Menschen mit diversen Diskriminierungserfahrungen wie es die meisten queeren Räume in meinen Augen nach wie vor sind, sollte daher stets das individuelle Schutzbedürfnis der Teilhabenden im Blick behalten.

Zwar halte ich die Realisierung eines hundertprozentigen Schutzraumes für utopisch, doch bin ich der Ansicht, es sollte zumindest Anlässe gegeben, eigene Verletzungen/Ausschlüsse - offen oder anonym - mit der Gewissheit zu thematisieren, dass diese ernst genommen und effektiv angegangen werden. Kurz, die sich äußernde Person muss sich darauf verlassen können, dass ihre Sicherheit ohne wenn und aber verteidigt wird. Auch wenn es sicherlich solche Menschen gibt, deren Schutzbedürfnis nicht besonders stark ausgeprägt ist, halte ich den Aspekt dennoch für fundamental wichtig.

Gelingt es auf diese Weise Dominanzdynamiken gesellschaftlicher Machtverhältnisse - das heißt Dynamiken, bei denen sich stets die gesellschaftlich dominantesten Gruppen durchsetzen - ein wenig abzufedern, ist der Grundstein für eine größere Heterogenität in den Räumen gelegt. Wiederum denke ich, je heterogener eine Gemeinschaft ist, desto weniger kann daraus letztlich Konformitätsdruck entstehen. Vereinfacht ausgedrückt könnte man* sagen, dass das Wissen um die Einhaltung des Schutzes vor Diskriminierung etc. die Teilhabe - gerade auch von doppelt oder mehrfach diskriminierten Menschen - gewährleistet bzw. erhöht, und die daraus resultierende größere Vielfalt schließlich dazu führt, dass Unterschiedlichkeit eher als Bereicherung, denn als Bedrohung empfunden wird. Dies kann schließlich zu einem wertschätzenderen Umgang mit Heterogenität beitragen und den Konformitätsdruck nachhaltig verringern.

Fazit

Das Verhältnis vieler queerer Menschen zur sogenannten Community ist häufig recht zwiespältig. Einerseits versprechen wir uns Schutz und Rückhalt unter Gleichgesinnten, andererseits macht es der Konformitätsdruck schwierig, uns in queeren Räumen in unserer Individualität wirklich wertgeschätzt und akzeptiert zu fühlen. Die schlechten Erfahrungen gepaart mit hohen Erwartungen führen nicht selten dazu, dass wir uns von bestehenden Räumen abwenden. In diesem Blogpost habe ich versucht zu klären, was die Gründe für den starken Konformitätsdruck sind und wie sich ein wertschätzenderer Umgang mit Unterschiedlichkeit entwickeln lässt. Hierbei kam ich zum Schluss, dass der Konformitätsdruck einerseits aus dem Schutzbedürfnis herrührt, und zum anderen aus der unterschiedlichen Vorstellung darüber, was eine bestimmte Gemeinschaft überhaupt miteinander verbindet.

Eben diese beiden Aspekte scheinen mir daher essenziell beim Entwickeln eines anderen Umgangs mit Heterogenität. So müsste das zugrunde liegende Gemeinschaftsprinzip klarer kommuniziert, und zudem stärker signalisiert werden, geschehenen Verletzungen oder Ausschlüssen nachzugehen und ihnen beherzt entgegenzuwirken. Schaffen wir es auf diese Weise die Teilhabemöglichkeiten aller Menschen zu vergrößern und die Vielfalt innerhalb unserer Gemeinschaft zu erhöhen, lassen sich konformistische Ausschlussdynamiken wenn schon nicht verhindern, so doch zumindest reduzieren. Und wer weiß, vielleicht werden sich queere Menschen auf der Suche nach Gemeinschaft dann eines Tages in all ihrer Individualität akzeptiert und wertgeschätzt fühlen. In einer Community, die ihren Namen wirklich verdient.

 

Text von Charlie

Kommentar schreiben

Kommentare: 6
  • #1

    Miracles (Dienstag, 16 August 2016 21:49)

    danke für diesen wieder sehr guten beitrag hier.er spricht mir aus der seele und mehr kann man echt nicht dazufügen.mal wieder auf den punkt gebracht wie es auch für mich in sehr vielen kommunities läuft.das betrifft nicht nur die genderspezifischen.

  • #2

    Charlie (Dienstag, 16 August 2016 22:19)

    @Miracles
    Besten Dank für deinen netten Kommentar. Leider scheint es das Problem mit dem Konformitätsdruck in vielen Gemeinschaften zu geben. Ich wünsche dir, dass auch du eine Community findest, in der du als Mensch voll und ganz akzeptiert und wertgeschätzt wirst.

  • #3

    Miracles (Donnerstag, 18 August 2016)

    lieber charlie
    bin seit mittlerweile 16 jahr auch auf selbsthilfesites und diversen communities gewesen.hatte auch mit gleichgesinnten 3 jahre eine recht erfolgreiche plattform,welche aber genau wegen dieser konformitätsproblematik kaputtging.in den letzten jahren ging das immer wieder diesen weg und bis auf einige wenige reale gute kontakte blieb nicht viel übrig.
    auch da musste ich nach gewisser zeit feststellen ,das sich das genau aus obigem grund, auch nach einer zeit auflöste weil ich nicht bereit war mich dem zu beugen und meine ansichten,sowie meinen weg weiter gegangen bin.mittlerweile schau ich mich zwar im internet um aber bin da mehr und mehr ausgestiegen.es kostet mich schlicht zu viel energie und man reibt sich einfach nur auf. als ich hier auf den blog stiess und fesstellte das es durchaus menschen gibt welche sich damit auseinandersetzen, hab ich mich echt gefreut. ich bin halt keider nur nicht so der schreiberling und ziehe direkte gespräche vor.es liegt mir eher....aber ich warte immer shcon gespannt aud die nächsten gedanken die hier herfinden.
    liebe grüsse und bleib dir weiter treu.....

  • #4

    Charlie (Donnerstag, 18 August 2016 20:57)

    @Miracles
    Es ist nicht einfach, sich in einer konformistischen Gemeinschaft selbst treu zu bleiben. Wie sehr wir dabei bereit sind, uns an bestehende Normen (wie immer diese auch aussehen mögen) anzupassen, hängt sicher auch davon ab, wie stark das jeweilige Bedürfnis nach Gemeinschaft ist. Zu welchem Preis erlangen wir sie?
    Wenn Menschen - wie du es beschreibst - irgendwann zu dem Schluss kommen, dass sie lieber auf die Gemeinschaft verzichten, als einen (elementaren) Bestandteil ihrer Persönlichkeit zu verleugnen, finde ich die Entscheidung vollkommen verständlich und legitim. Denn was haben wir von Gemeinschaft, wenn unsere Teilhabe daran geknüpft ist, dass wir nicht wir selbst sein können?

  • #5

    fink (Freitag, 19 August 2016 10:51)

    Hi Charlie, zunächst mal wieder vielen Dank für den erhellenden Artikel. Ich habe den Eindruck, "unsere Räume" werden in nächster Zeit eines der wichtigsten Themen werden, mit denen wir uns erneut beschäftigen müssen, deshalb finde es es toll, dass du dazu schreibst.

    Mir fällt zu diesem Thema vor allem das Stichwort "Verantwortung" ein. Queere Räume werden ja von konkreten Menschen/Gruppen geschaffen (wem erzähle ich das?), und nur, wenn diese sich für eine offene, akzeptierende Atmosphäre von Anfang an verantwortlich fühlen, wird auch eine solche entstehen. Aus meinen eigenen Erfahrungen kann ich sowohl von "geglückten" Räumen erzählen als auch von solchen, in denen sich der von dir beschriebene Konformitätsdruck extrem breit gemacht hat. Teils ist eine wirkliche Offenheit auch explizit gar nicht gewollt (und in seltenen Fällen ist das sogar sinnvoll).

    Ein positives Beispiel war ein heute nicht mehr existierender "schwuler Stammtisch" in einer Heterokneipe: Die Organisatoren hatten schon beim Planen durch das Gesamtkonzept bewusst dafür gesorgt, dass Neulinge, egal welchen Alters und Typs, automatisch in Gespräche eingebunden werden würden. Falls man merkte, dass jemand zu scheu ist, mitzureden, wurde er von einem Organisator angesprochen. Dass jemand, der dort vielleicht zum ersten Mal einen queeren Raum aufgesucht hatte, den ganzen Abend allein dasitzen, frustriert wieder nach Hause gehen und für den nächsten Besuch eines solchen Ortes erneut Monate brauchen würde, das konnte dort einfach nicht passieren. Wenn sich irgendwelche Spannungen breitmachten, dann gab es jemanden, der dafür nach Lösungen suchte. Die Entwicklung der Veranstaltung wurde beobachtet und immer wieder kritisch besprochen.

    Dann gibt es andere Orte, wo die Organisator*innen finden, es reiche aus, Getränke und Musik zu organisieren, und der Rest werde dann schon laufen. Man fühlt sich für das Verhalten der Gäste oder die Entwicklung der Veranstaltung nur bedingt verantwortlich. Ich will das gar nicht in Bausch un Bogen verdammen, es hat ja auch ein bisschen was Paternalistisches, sich einfach für erwachsene Menschen "mitverantwortlich" zu erklären. Aber es gibt durchaus nicht-übergriffige Strategien, wie man in selbstgeschaffenen Räumen die Atmosphäre zumindest vor- und mitprägen kann. Das verlangt dann eben nach einigermaßen durchdachten Konzepten, und für die kann dein Artikel eine wertvolle Theorie-Vorgabe sein.

    Eine Zeit lang hatte ich das Gefühl, dass jüngere Schwule keinen so ausgeprägten Sinn mehr für dieses Problemfeld haben. In letzter Zeit beobachte ich aber, dass sich auch die jüngste Generation wieder um genau diese Fragen Gedanken macht und Antworten findet. Das ist natürlich sehr erfreulich.

  • #6

    Charlie (Freitag, 19 August 2016 18:45)

    @fink
    Besten Dank für deinen Kommentar und die vielen wichtigen Impulse.

    Was du von Verantwortung in queeren Räumen schreibst, ist ganz entscheidend. Irgendjemand* muss sich (mit) verantwortlich fühlen, eine akzeptierende Atmosphäre zu schaffen. Idealerweise tun dies alle oder zumindest die meisten Teilhabenden. Natürlich sieht die Realität oft etwas anders aus: Unverständnis, fehlende Sensibilität, Desinteresse, Konfliktscheue oder gar Ignoranz führen leider oft dazu, dass bestimmte Menschen/Gruppen sich darin so dominant verhalten (können), dass andere in einer Gemeinschaft keinen Platz finden. Sobald auf diese Weise Heterogenität verloren geht, ist einer konformistischen Ausschlussdynamik meiner Ansicht nach Tür und Tor geöffnet. Bloß für Getränke und Musik zu sorgen, reicht hier wie du schreibst sicherlich nicht aus.

    Was du vom 'schwulen Stammtisch' schreibst, finde ich auf jeden Fall schon mal einen guten Anfang. Neulinge aktiv mit einbeziehen, Konflikte ansprechen/lösen und die konkrete Entwicklung innerhalb der Räume im Blick behalten. Dabei tritt aber nicht jeder Konflikt immer offen zu Tage bzw. der Ärger wird nicht selten runtergeschluckt, beispielsweise weil man* Streitigkeiten scheut. Aus diesem Grund denke ich, sollte es nach Möglichkeit immer mindestens eine_n Verantwortliche_n geben, an die_den in einem speziellen Fall die Kritik gerichtet werden kann - notfalls auch anonym. Von daher möchte ich an dieser Stelle nochmal hervorheben, dass die Verantwortung für Räume, in denen eine akzeptierende und wertschätzende Atmosphäre herrscht, bis zu einem gewissen Grad auch bei den Kritisierenden selbst liegt. Werden die Konflikte - sofern sie nicht erkennbar sind - nicht angesprochen, können die Verantwortlichen folglich auch nicht handeln.

    Den Einwand bzgl. des paternalistischen Charakters finde sehr gut und wichtig. Danke dafür. Ich persönlich denke, dass der Umgang mit Diskriminierung innerhalb von Räumen, die tendenziell (auch) als Schutzräume dienen, hier oft eine schwierige Gratwanderung bedeutet. In manchen Fällen ist es möglicherweise besser, die Beteiligten bestimmte Konflikte selbst austragen zu lassen, in anderen Fällen ist genau das verkehrt. Wann ist eine Zurechtweisung/Calling Out hilfreich, wann wird sie als bevormundend empfunden? Es verlangt verdammt viel Fingerspitzengefühl und auch ich habe in solchen Fällen schon instinktiv falsch gehandelt. Da dieser Aspekt so hoch individuell ist, gibt es dafür wohl kein Patentrezept und manche Verletzungen lassen sich wohl einfach nicht verhindern. Man* kann bloß versuchen, richtig zu handeln. Ob das auch wirklich richtig ist, wird sich dann erst herausstellen.

QueerGEIST e.V.

Projekt für ein queeres Gemeinschaftszentrum in Berlin

 

Folge uns auf facebook

News, Diskussionen, Links, Tipps, Veranstaltungen, Austausch

 

RSS-Feed

Blog News

Immer über Neuigkeiten informiert

 

Projektförderung 'Queer Refugees Welcome' durch die Robert Bosch Stiftung

 

Förderung durch Homosexuelle Selbsthilfe e.V.

 

 

 

 

 

 

Bündnispartner der Initiative #EHEFÜRALLE