Nicht queer genug?

Meine ersten Erfahrungen in der schwulen Szene Berlins entsprachen nicht gerade meinen Erwartungen. Neben dem Konformitätsdruck mit all seinen Körpernormen und Schönheitsidealen stieß ich auch mit meinem Bedürfnis nach einer festen dauerhaften Partnerschaft auf Unverständnis und Ablehnung. Monogame Beziehungen unter Männern, so hörte ich häufig, seien das rosa Einhorn der schwulen Welt. Ein Fabelwesen, das nur in Legenden existiere, mit der Wirklichkeit aber nichts zu tun habe.

Doch damit nicht genug, Monogamie sei darüber hinaus ein Unterdrückungsinstrument der spießig-bürgerlichen Gesellschaft, das es zu überwinden gilt. Ein 'natürliches Bedürfnis' nach monogamen Beziehungen sei schlicht und ergreifend eine Illusion. Die Folge einer Gehirnwäsche seitens des Staates, um das Beziehungs- und vor allem Sexualleben seiner Bürger_innen zu kontrollieren und zu lenken. Ehe? Niemals! Ein Ring sie zu knechten, ins Dunkel zu treiben und ewig zu binden... Wer wirklich schwul sei, lebe promisk oder zumindest in offenen Beziehungen.

Aha, dann war ich wohl einfach nicht richtig schwul. Mal wieder. Entgegen allem, was ich hörte, empfand ich Monogamie nämlich absolut nicht als Opfer. Die spießige bürgerliche Zweierkiste reichte mir vollkommen aus und machte mich unverschämterweise auch noch ziemlich glücklich. Ich hatte überhaupt nicht das Gefühl, es fehle mir an irgendwas. Vermutlich, so wurde gemutmaßt, war ich von der bösen heteronormativen Gesellschaft schon so dermaßen infiltriert worden, dass ich mir einbildete, Monogamie entspräche tatsächlich meinem Bedürfnis. Denn schließlich wisse jede_r, dass nur promiskes Sexualverhalten und/oder offene Beziehungen wirklich frei und glücklich machen. Alles andere sei bloß Illusion.

Als ich einer guten Freundin von all diesen Erfahrungen berichtete, erzählte sie mir von ihren Widerfahrnissen auf einer sich feministisch verstehenden Uni-Party vor einigen Jahren. Nachdem sie sich beim Orga-Team vergewissert hatte, dass das 'T' in FLTI (Frauen, Lesben, Trans, Inter) trans-feminine Personen mit einschließt, stellte sie schnell fest, dass offensichtlich nicht alle Anwesenden die Ansicht des Orga-Teams teilten.

Man* musterte sie abfällig oder ignorierte sie demonstrativ. Im Laufe des Abends warf ihr eine (cis) Person - pauschal für alle anderen trans Frauen - vor, "mit ihrer gender expression sexistische Stereotype zu reproduzieren". Das Bedürfnis Make-up, lange Haare, High Heels und kurze Röcke zu tragen, sei bloß die Folge von internalisiertem Sexismus. Und dieser sei letztlich ein Unterdrückungsinstrument der patriarchalen Gesellschaft, die es - man* mag es kaum glauben - zu überwinden gilt. Ein 'natürliches Bedürfnis' nach einem 'konventionell-weiblich' gelesenen Geschlechtsausdruck sei schlicht und ergreifend eine Illusion. Die Folge einer Gehirnwäsche seitens des Patriarchats, um weibliche Selbstbestimmung zu kontrollieren und zu verhindern. Wer wirklich feministisch sei, lehne diesen ganzen 'Tussi-Kram' selbstverständlich ab.

Subversivismus in queeren Räumen

Vergleicht man beide Beispiele, ist auffällig, wie stark sich die Argumentationsmuster in ihrer Rhetorik ähneln. Bestimmte Lebensentwürfe werden dabei als Trugbild, als unecht bzw. unnatürlich und damit nicht legitim abgetan. Mal ist dies eine monogame Beziehung, mal das Auftreten als 'konventionell-weiblich'. Im Gegenzug wird eine Art Hierarchie gebildet, die bestimmten Lebensentwürfen mehr Authentizität zuspricht als anderen.

Während in mehrheitsgesellschaftlich geprägten Räumen meist herkömmliche bzw. heteronormative Formen von Beziehung, Sexualleben, Geschlechtsausdruck etc. als echt, natürlich und somit legitim angesehen werden, scheint sich dies in queeren Räumen nicht selten ins Gegenteil zu verkehren. Nur was subversiv ist, kann echt, natürlich und legitim sein, da alles andere die Folge patriarchaler oder heteronormativer Gehirnwäsche ist. Von queeren Menschen wird - entweder subtil oder ganz offen - gefordert, die gängige Gesellschaftsordnung mit ihren Lebensentwürfen herauszufordern und zu destabilisieren. Eine monogame Beziehung gilt folglich als suspekt und nicht subversiv genug. Nicht ohne Grund spricht die US-amerikanische Autorin und trans Aktivistin Julia Serano in diesem Zusammenhang von Subversivismus, also dem Zwang möglichst subversiv zu leben.

Identität als politisches Schlachtfeld

Nur was genau steckt eigentlich hinter Subversivismus? Welches Verständnis von Identität liegt ihm zugrunde? Zunächst einmal fällt auf, dass bestimmte Identitäten permanent als Gegenstand gesellschaftspolitischer Aushandlungsprozesse herhalten müssen. Unterschiedliche Akteur_innen streiten über das Für und Wider ihrer Existenz, ihre gesellschaftspolitische Bedeutung und nicht zuletzt darüber, wer welchen Anspruch auf welche Identität besitzt. Offenbar reicht es z.B. für viele nicht, sich als männlich identifizierende und gelesene Person zu ebensolchen Menschen hingezogen zu fühlen, um rechtmäßigen Anspruch auf das Label 'schwul' zu haben. Erst in Kombination mit einem Lebensentwurf, der bewusst mit heteronormativen Vorstellungen von Monogamie und/oder Treue bricht, macht man* sich darum verdient.

Ebenso scheint es für Personen zu sein, die sich weiblich identifizieren bzw. so gelesen werden. Eine Bekannte erzählte mir einmal davon, wie bei ihren Gehversuchen in der lesbischen Szene die 'richtige' politische Einstellung, der 'richtige' androgyne Look bis hin zu einer 'richtigen' veganen Ernährungsweise nahezu völlig selbstverständlich als integraler Bestandteil lesbischer Identität vorausgesetzt wurden. Sowohl von Schwulen als auch von Lesben hörte ich mitunter, dass diese sich - binärgeschlechtlich gedacht - niemals in Menschen des 'anderen' Geschlechts verlieben würden, geschweige denn sich zu ihnen hingezogen fühlen können. Tun sie es dennoch, seien sie bestenfalls bi (als ob das weniger gut sei).

Meiner Ansicht nach werden also sowohl schwule und lesbische, als auch trans Identitäten von den unterschiedlichsten Gruppierungen zu den unterschiedlichsten Zwecken politisiert. Mal geht es um den Kampf gegen das Patriarchat, mal gegen Heteronormativität und mal gegen das Zweigeschlechtersytem. Dabei setzt sich das Politisieren von Identitäten sicherlich auch in anderen sozialen (queeren) Gruppen fort. Es fällt auf, wie sehr dabei das Recht auf Individualität und Selbstbestimmung des_der Einzelnen zugunsten eines möglichst engen Definitionsrasters in den Hintergrund tritt.

Woher kommt das Politisieren von Identitäten?

Doch wie kommt es, dass bestimmte Identitäten dermaßen stark politisiert werden? Wieso führt die Frage, wer sich lesbisch, trans, schwul oder auch allgemein queer nennen darf, so häufig zu aggressiven Abwehrreaktionen? Oftmals erscheinen sie überzogen, obwohl ich die Motivation dahinter bis zu einem gewissen Grad nachvollziehen kann. Den meisten queeren Menschen fällt ihre Identität als solche nicht einfach in den Schoß. Obwohl sich weite Teile unserer Gesellschaft stückweise für nicht heteronormative Lebensentwürfe geöffnet haben bzw. es noch immer tun, ist es für viele nach wie vor ein steiniger Weg hin zu einer queeren Identität. Mit der Suche nach uns selbst und Begriffen, mit denen wir uns passend beschrieben fühlen, geht nicht selten ein schmerzlicher Aneignungs- und Verwerfungsprozess einher.

Vor den Hintergrund einer Gesellschaft, die im Hinblick auf queere Lebensentwürfe eine lange unrühmliche Geschichte von Verfolgung, Pathologisierung, Stigmatisierung und Marginalisierung besitzt, wird die Schwierigkeit bei der Identitätssuche noch einmal deutlicher. Wer identifiziert sich schon gerne als Teil einer sogenannten 'Randgruppe'? Und wer eignet sich freiwillig negativ konnotierte Begriffe zur Selbstbeschreibung an?

Dass eben dies jedoch zunehmend geschieht, ist nicht zuletzt das Ergebnis langjähriger politischer Auseinandersetzungen. Folglich ist das Politisieren bestimmter queerer Identitäten bereits in ihren Emanzipationssprozess eingeschrieben. Betrachten wir die moderne feministische, lesbische oder auch schwule Bewegungsgeschichte, so wird schnell klar, dass die ihnen zugrundeliegenden Identitäten aufgrund der gesellschaftlichen Umstände von vornherein als politisch verstanden wurden. Der Kampf gegen das Patriarchat, der die Frauen- und Lesbenbewegung(en) in sich einigte und zusammenhielt, brachte einen klar politischen Anspruch mit sich. Feministin und Lesbe sein hieß nach einem solchen Verständnis immer auch politisch sein. Und dies wiederum bedeutete für viele Frauen u.a. 'konventionell-weibliches' Auftreten zu hinterfragen und mit den entsprechenden Rollenerwartungen zu brechen.

Nicht anders verhält es sich mit der deutschen Schwulenbewegung, die in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts gegen den §175 und für sexuelle Liberalisierung kämpfte. In einer Gesellschaft, in der Monogamie und Treue idealisiert und privilegiert wurden (und teils immer noch werden), galt beispielsweise promiskes Sexualverhalten als subversiv. Ersteres hingegen wurde primär mit einer sexualrepressiven Gesellschaftsordnung assoziiert. Für viele schwule Männer, die sich bewusst von verstaubten Etiketten wie 'homosexuell' oder 'homophil' distanzierten und sich als Teil der politischen Bewegung begriffen, wurde promiskes Sexualverhalten und/oder offene Beziehungen gewissermaßen zu einem Teil der eigenen Identität.

Sicherlich sind diese Beispiele stark vereinfacht und können nur einen winzigen Ausschnitt der Geschichte abbilden, doch verweisen sie auf die Ursprünge des Politisierens. Die Antwort auf die Frage, weshalb bestimmte Identitäten heute so stark politisiert werden, könnte daher lauten, dass sie gewissermaßen von vornherein immer auch als politische Identitäten verstanden worden sind.

Fazit

Welche Schlüsse können nun daraus gezogen werden? Ist eine andere Form der Zugehörigkeit möglich, in der sich Menschen nicht fragen müssen, ob sie dafür queer genug leben? Prinzipiell halte ich ich das nicht nur für möglich, sondern habe sogar den Eindruck, dass es einen starken Trend in diese Richtung gibt. Viele (gerade jüngere) queere Menschen - zumindest aus dem mitteleuropäischen Kulturkreis - sind in einem Klima gesellschaftlicher Liberalisierung aufgewachsen, was wiederum strikte politische Abgrenzungen in Bezug auf die genannten Identitäten weniger relevant erscheinen lässt. Die Frage, unter welchen Bedingungen jemand* 'richtig' lesbisch, trans, schwul oder queer ist, scheint im Zuge einer stärkeren Ausdifferenzierung zunehmend in den Hintergrund zu treten.

Das soll natürlich keinesfalls bedeuten, dass an ihre Stelle nicht andere Anpassungszwänge - wie zum Beispiel Aussehen, Gesundheit, Alter oder Herkunft - gerückt sind, die das Gefühl von Zugehörigkeit in den entsprechenden Räumen enorm erschweren können. Dennoch ermöglicht eine solche Ausdifferenzierung eine wachsende Teilhabemöglichkeit an queerer Gemeinschaft ohne dafür das Politisieren der eigenen Identität in Kauf nehmen zu müssen oder das Gefühl zu haben, einen Teil von sich verleugnen zu müssen. Wer sich beispielsweise eine monogame Partnerschaft wünscht, hat dank der Ausdifferenzierung inzwischen mehr Möglichkeiten, eine solche auch in bestimmten queeren Zusammenhängen zu finden. Anders als noch vor einigen Jahren muss sich heute kaum noch jemand* dafür rechtfertigen, weshalb sie_er monogam lebt oder ihre_seine Beziehung in Form eines Rechtsinstituts absichern lassen möchte.

So sehr mich diese Lockerungen auch freuen, so sehe ich eine völlige Entpolitisierung queerer Identitäten auch problematisch. Wie oben beschrieben, war ein Bewusstsein für die politische Bedeutung bestimmter queerer Identitäten die treibende Kraft hinter gesellschaftlichen Veränderungsprozessen. Solange die gleichen Teilhabemöglichkeit für queere Menschen in der Mehrheitsgesellschaft noch nicht erreicht sind (und das sind sie trotz aller Gleichheitsbekenntnisse und Toleranzbekundungen meines Erachtens noch nicht), ist ein politisches Bewusstsein weiterhin notwendig.

Die Ambivalenz, dass ein Politisieren queerer Identitäten bis zu einem gewissen Grad erforderlich bleibt, aufgrund des engen Definitionsrasters aber gleichzeitig die Grundlage für gruppenspezifische Ausschlüsse bildet, lässt sich letztlich wohl nur schwer aus der Welt schaffen. Aus diesem Grund scheint es mir sinnvoll, weniger das Politisieren an sich zu kritisieren, als vielmehr die Art und Weise, mit der dabei bestimmte Identitäten hierarchisiert werden.

Vielleicht sollte die Antwort auf die Frage, ob jemand* 'queer genug' ist, deshalb nicht lauten, dass Lebensentwurf X aus irgendwelchen Gründen subversiver als Lebensentwurf Y ist, sondern dass queer generell jegliche Hierarchisierungen ablehnt. Wenn wir queer auf diese Weise verstehen, sollten wir dann nicht eher konsequent für die Gleichwertigkeit und Gleichbehandlung aller Lebensentwürfe einstehen, als die Hierarchien unter umgekehrten Vorzeichen fortzuschreiben?

 

Text von Charlie

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Kommentare: 4
  • #1

    Miracles (Mittwoch, 19 Oktober 2016 09:32)

    echt schade das es zu weit für mich ist wo ihr euch trefft.

  • #2

    Charlie (Mittwoch, 19 Oktober 2016 10:50)

    @Miracles
    Ja, das ist wirklich schade. Aber falls es dich zukünftig mal nach Berlin verschlagen sollte (und sei es auch nur für kurze Zeit), kannst du uns gerne kontaktieren.

  • #3

    Miracles (Mittwoch, 19 Oktober 2016 12:22)

    das werd ich auf jeden fall machen...aber warscheinlich leider nicht in absehbarer zeit.ich bedaure gerade momentan wieder das ich nix ähnliches in greifbarer nähe finde.mal sehn ob sich im kommenden jahr mal eine möglichkeit auftut nahc berlin zu fahren.

  • #4

    Charlie (Mittwoch, 19 Oktober 2016 13:17)

    @Miracles
    Wir würden uns jedenfalls freuen, dich mal persönlich kennenzulernen. Vielleicht im nächsten Jahr...

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