Was steckt hinter dem Willen zur Abwertung?

Wer von uns kennt sie nicht? Mit verbissenen Gesichtern und aggressiven Parolen kämpfen sie gegen die 'Ehe für alle', als hinge der Fortbestand der Menschheit davon ab. Die Verbindung zwischen Mann und Frau ist in ihren Augen sämtlichen anderen Formen von Beziehung überlegen und muss daher ihre privilegierte Sonderstellung behalten. Sie meinen zu wissen, dass Kinder nur bei Familien bestehend aus Mann und Frau 'gesund' und 'glücklich' aufwachsen können, ungeachtet aller Fakten. Sie fabulieren von einer 'natürlichen Dynamik' in verschiedengeschlechtlichen Beziehungen, während sie anderen diese absprechen. Jeder Versuch, sie mit rationalen Argumenten zu überzeugen, scheitert kläglich, prallt an ihnen ab wie an einer Teflonpfanne. Es scheint, sie verschließen ihre Augen, Ohren und Herzen, um gemeinsam in das Mantra ihrer eigenen Überlegenheit einzustimmen. Kein Durchdringen ist mehr möglich.

Ich habe mich selbst schon häufiger in solchen Diskussionen wiedergefunden. Mal als aktiv Diskutierender, mal als passiver Beobachter. Und immer wieder habe ich mich gefragt, woher bloß dieser Wille zur Abwertung kommt. Wieso erscheint es ihnen so wichtig, sich selbst als höchste Lebensform begreifen zu können? Ich muss gestehen, dass ich mich im Laufe der Zeit immer mehr aus solchen Diskussionen zurückgezogen habe. Zu oft habe ich die gleichen Schein-Argumente gehört, zu oft ließen sie mich kraftlos und resigniert zurück. Und obwohl ich der ewigen Debatten rund um das leidige Thema Gleichstellung müde bin, möchte ich in diesem Blogpost versuchen zu klären, was mögliche Gründe für die starke Abwehrhaltung sind. Ausdrücklich betonen möchte ich vorab noch, dass es mir fernliegt von bestimmten Gruppen in der Gesellschaft auf alle heterosexuellen Menschen zu schließen.

Deutungswandel heteronormativer Institutionen

Beginnen möchte ich mit der einfachen Feststellung, dass sich derartige Diskussionen offensichtlich stets vor dem Hintergrund sich wandelnder Deutungen abspielen. Diese Deutungen werden somit gewissermaßen zu 'Umdeutungen' und beziehen sich auf das, was für die breite Masse lange Zeit als selbstverständlich galt. Familie wird nun nicht mehr allein in 'Vater-Mutter-Kind(er)' erkannt, sondern zunehmend auch in anderen Konstellationen. Ein alleinerziehender Elternteil mit Kind kann demnach ebenso Familie sein, wie Co-Eltern mit Kind, Patchworkfamilien oder auch Regenbogenfamilien.

Durch die Einführung der Lebenspartnerschaft wurden erstmals andere Konstellationen als die eheliche Verbindung zwischen einem Mann und einer Frau rechtlich anerkannt, und es mehren sich die Stimmen, die für eine Öffnung der Zivilehe für gleichgeschlechtliche Paare plädieren. Eine wachsende Zahl von Menschen kann die Ungleichbehandlung hier nicht mehr nachvollziehen. Sie deuten Ehe einfach als den rechtlichen Rahmen für das Zusammenleben zweier erwachsener Individuen ungeachtet deren Geschlecht.

Andererseits gibt es nach wie vor einen nicht zu unterschätzenden Anteil, der felsenfest auf den ursprünglichen Deutungen von Familie und Ehe beharrt und im Wandel eine Bedrohung zu sehen glaubt. Ein Musterbeispiel dafür ist die gegenwärtige CDU-geführte Regierung, die jede noch so kleine Annäherung der Lebenspartnerschaft an den heiligen Gral der Ehe herauszuzögern oder komplett zu verhindern versucht. Konservative Stimmen aus Politik, Kirche und Gesellschaft schwadronieren zum zehntausendsten Mal über die "Heiligkeit der Ehe" und die "Keimzelle der Gesellschaft".

Reaktionen auf den Deutungswandel

Haben sie Angst, dass die Gesellschaft mit der Öffnung der Ehe ein abruptes Ende findet? Dass Otto und Erna aus Hinterputtlingen plötzlich auf die Idee kommen, eine gleichgeschlechtliche Beziehung einzugehen und keine Kinder mehr bekommen, weil das gerade der letzte Schrei ist? Dass Lischen Müller und ihre langjährige Lebenspartnerin sich nun nicht mehr voneinander trennen könnten, bloß weil sie beim Schauen irgendeiner TV-Heteromanze plötzlich die Vorzüge der verschiedengeschlechtlichen Ehe erkannt haben?

Wer sich einmal wirklich intensiv mit dem Für und Wider z.B. der Eheöffnung beschäftigt, wird meiner Ansicht nach schnell feststellen, dass es tatsächlich keinerlei rationalen Grund dagegen gibt. Stattdessen versinkt jedes rationale Argument mit größter Sicherheit irgendwann in einem blubbernden Sumpf aus inhaltsleeren Wortblasen wie etwa 'Naturrecht' oder 'Schöpfung'.

Maskierung heterosexueller Identitätspolitik

Was mich dabei aber besonders stutzig macht, ist weniger der Inhalt solcher Aussagen, als vielmehr die enorme Emotionalität, mit der sie scheinbar aus dem Nichts hervorbrechen. Es ist, als ob es weniger um die Anerkennung gleichgeschlechtlicher Beziehungen gehe, als vielmehr um die Frage, was dann eigentlich noch von Heterosexualität übrig bleibt. Als ich vor einigen Tagen die Rede von Carolin Emcke anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 2016 hörte, blieben mir folgende Sätze besonders im Gedächtnis.

Zitat: "Es ist eine ausgesprochen merkwürdige Erfahrung, dass etwas so Persönliches für andere so wichtig sein soll, dass sie für sich beanspruchen, in unsere Leben einzugreifen und uns Rechte oder Würde absprechen wollen. Als sei die Art, wie wir lieben, für andere bedeutungsvoller als für uns selbst, als gehörten unsere Liebe und unsere Körper nicht uns, sondern denen, die sie ablehnen oder pathologisieren. Das birgt eine gewisse Ironie: Als definierte unsere Sexualität weniger unsere Zugehörigkeit als ihre."

Es geht also meist nicht wirklich darum, was gleichgeschlechtliche (oder besser gleichgeschlechtlich gelesene) Liebe/Sexualität bedeutet, sondern was das Wesen heterosexueller Identität ausmacht. Eigentlich ist es eine Binsenweisheit, dass die Art und Weise, wie über etwas gesprochen wird, in erster Linie etwas über die_den Sprechende_n aussagt. Die starke Emotionalität scheint mir hier ein Indiz für eine fundamentale Verunsicherung hinsichtlich des eigenen (heterosexuellen) Selbst zu sein.

Unbewusste und bewusste Identitäten

Dabei ist es interessant zu schauen, in welchen Momenten ein bestimmtes Attribut zu einem entscheidenden - wenn nicht gar zum zentralen - Wesensmerkmal wird. Meiner Beobachtung nach geschieht dies nicht selten dann, wenn ich feststelle, dass eben dieses Attribut mich zu etwas anderem macht als mein Umfeld. Dies kann so ziemlich alles sein: Körpergröße, Statur, Haarfarbe, Herkunft, Klasse, Ethnizität, Alter, Weltanschauung, Geschlecht, Sexualität etc. So habe ich mich z.B. selten so 'deutsch' gefühlt, wie während meines Auslandssemesters.

Genauso ist mir mein Schwulsein wohl nur deshalb so präsent, weil ich mein 'Anderssein' quasi tagtäglich aufgrund heteronormativer Mehrheitsverhältnisse unter die Nase gerieben bekomme. Anders ausgedrückt, ich empfinde mein Schwulsein wohl nur deshalb als Teil meiner Identität, weil es etwas gibt, was ich nicht bin (und womit unterschiedliche Vor- und Nachteile einhergehen). Damit will ich natürlich nicht behaupten, dass ich unter umgekehrten gesellschaftlichen Mehrheitsverhältnissen nicht ebenso schwul wäre, doch es hätte vermutlich eine so geringe Relevanz, dass ich es nicht markieren oder explizit benennen müsse, und mir dessen somit gar nicht bewusst wäre. Von daher scheint es mir hier angebracht, von unbewussten und bewussten Identitäten zu sprechen.

Performative Abgrenzung als Ausdruck einer bewussten heterosexuellen Identität

Bislang gibt es für heterosexuelle Menschen aufgrund gesellschaftlicher Mehrheits-verhältnisse in meinen Augen nur wenig Anlässe, sich in diesem speziellen Aspekt 'anders' zu fühlen, wodurch die Findung einer bewussten heterosexuellen Identität erheblich erschwert wird. Dennoch führt die öffentliche Diskussion zum Thema Eheöffnung, Regenbogenfamilie usw. zunehmend dazu, dass es nun etwas gibt, wovon man* sich abgrenzen kann. So bin ich deshalb heterosexuell, weil ich in einer Mann-Frau-Ehe oder in einer Vater-Mutter-Kind-Familie lebe. Auf diese Weise werden Institutionen wie Ehe und Familie quasi zum Dreh- und Angelpunkt einer (bewusst) heterosexuellen Identitätspolitik.

Anders ausgedrückt, führt also gerade der oben beschriebene Deutungswandel und der damit einhergehende Verlust heterosexueller Exklusivität zu einem wachsenden Abgrenzungsbedürfnis. Wenn eine (offen) homo- oder bisexuelle Lebensform so undenkbar ist, dass niemand* auf die Idee käme, mir eine solche zu unterstellen, brauche ich mich kaum davon distanzieren. Da eine solche aber zunehmend ins Bewusstsein dringt, ihr aber gleichzeitig noch das Stigma der Minderwertigkeit anhaftet, steigt das Bedürfnis nach Distanzierung.

So kommt es zu einer regelrecht performativen Abgrenzung, die gerade auch bei Jugendlichen zu beobachten ist. Auf der Suche nach der eigenen (sexuellen) Identität muss jeder Zweifel an der eigenen Heterosexualität im Keim erstickt werden. Lachen über queerfeindliche Witze oder Benutzung eines entsprechenden Vokabulars sind dabei inhärenter Bestandteil einer solchen Abgrenzungspraxis.

Meiner Ansicht nach geschieht das nicht primär aus Heterosexismus oder Queerfeindlichkeit heraus, sondern besonders aus Angst vor Stigmatisierung innerhalb der eigen Peergroup. Lieber macht man* mit, als das man* selbst in den Verdacht gerät. Hinzu kommt unter Umständen noch die eigene Familie, in der diese performative Abgrenzung von Homo- und Bisexualität (und damit letztlich allen Personen, die sich so identifizieren oder so gelesen werden) als Indiz für eine 'gesunde', 'natürliche' Heterosexualität angesehen und geschätzt wird. Auf diese Weise wird die Abwehrhaltung verstärkt und gleichzeitig eine bewusst heterosexuelle Identität herausgebildet.

Fazit

Die Ausgangsfrage dieses Blogposts war, woher die starke Abwehrhaltung gegenüber der 'Ehe für alle' oder dem gleichen Recht auf Familiengründung für gleichgeschlechtliche Paare seitens Teilen der Gesellschaft kommt. Woher kommt all die Verbissenheit, all der Hass? Beim Versuch der Frage nachzugehen, neigen wir meiner Ansicht nach nicht selten dazu, uns zu stark auf das Angriffsziel zu fokussieren. Wer muss wie sein oder sich verhalten, um in den Genuss gleicher Rechte zu kommen und den Angriffen zu entgehen? Wie angepasst müssen wir als queere Menschen dafür leben? Die einseitige Fokussierung lässt den_die Angreifende_n selbst dabei meist aus dem Blickfeld geraten.

Doch wie soll eine Gleichstellung queerer Lebensformen erreicht werden, wenn die eigentlichen Ursachen hinter der Abwehrhaltung unsichtbar bleiben? So halte ich die Gegenargumente vom 'Naturrecht', der 'Schöpfung', der 'Keimzelle der Gesellschaft' oder auch der 'Heiligkeit der Ehe' in vielen Fällen für vorgeschoben. Damit möchte ich nicht sagen, dass sie in der Debatte überhaupt keine Rolle spielen, doch oft habe ich den Eindruck, dass sich dahinter eher die Angst vor dem Verlust heterosexueller Exklusivität verbirgt.

Dieser wiederum scheint von einem Deutungswandel ehemals rein heteronormativ konnotierter Institutionen herzurühren. Das, was landläufig unter Ehe oder Familie verstanden wird, erweitert sich seit einiger Zeit stark. Unterschiedliche Formen stehen heute immer wertneutraler nebeneinander, althergebrachte Formen verlieren ihr Alleinstellungsmerkmal.

Die daraus resultierende Unsicherheit bringt ein wachsendes Abgrenzungsbedürfnis mit sich, was sich nicht zuletzt in aggressiven Abwehrhaltungen gegenüber Homo- und Bisexualität allgemein sowie der 'Ehe für alle' als auch dem gleichen Recht auf Familiengründung für gleichgeschlechtliche Paare zeigt. Eine solche Reaktion kann meines Erachtens als Indiz für den Wandel von einer unbewussten hin zu einer bewussten heterosexuellen Identität verstanden werden. Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass es bei der Gleichstellungsdebatte wohl primär um heterosexuelle Identitätspolitik geht.

 

Text von Charlie

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