Bloggen & Selbstsorge

Als ich begann, hier in diesem Blog regelmäßig Einträge zu schreiben, war ich sehr enthusiastisch. Es gab so viele Themen, die mir unter den Nägeln brannten und über die ich anderswo bislang kaum etwas gelesen hatte. Das Schreiben half mir, meine Gedanken zu ordnen und Dinge in Worte zu fassen, die ich vorher nicht benennen konnte. In gewisser Weise hatte es etwas Heilendes. Das Aufschreiben erlaubte mir all das loszulassen, was mir ständig durch den Kopf ging und lautstark nach Erklärungen rief.

Über viele Jahre hinweg hatte ich mich intensiv mit queeren bzw. heteronormativitätskritischen Inhalten beschäftigt, wissenschaftliche Texte ebenso wie Blogs gelesen, Videos auf Portalen wie Youtube geschaut oder mich direkt mit Menschen unterhalten. Zweifel daran, dass sich diese fieberhafte Begeisterung eines Tages legen sollte, hatte ich keine. Um so überraschter war ich, als vor einigen Wochen in mich hineinhörte und feststellte, dass genau das geschehen war. Zwar mangelte es mir nach wie vor nicht an Themen, doch beschlich mich zunehmend eine eigenartige Gleichgültigkeit. Was war mit mir passiert?

Von Anfang an hatte ich mir geschworen, nur dann einen Blogeintrag zu schreiben, wenn ich etwas wirklich Relevantes zu sagen hatte. Kein inhaltsloses Geschwafel, nur um des Schreibens selbst Willen. Viel mehr geschah es aus einem inneren Bedürfnis heraus. Wie eine Frucht mussten meine Gedanken erst einige Zeit reifen, bis ich das Gefühl hatte, sie schriftlich festhalten zu können. Nicht selten merkte ich beim Schreiben meiner Entwürfe, dass der Reifungsprozess eines bestimmten Themas noch nicht ausreichend fortgeschritten war. Und manchmal passierte es, dass Themen so lange in der Schublade verschwanden, dass ich nach längerer Zeit ihre Relevanz nicht mehr wirklich nachvollziehen konnte.

Nur was macht ein Thema eigentlich relevant? Selbst wenn es komisch klingen mag, hatte ich dabei stets das Gefühl, dass die Wichtigkeit zu einem nicht geringen Teil auch davon abhing, ob es nur mich persönlich betraf oder vermeintlich auch andere. Denn was bringt ein öffentlicher Blog, wenn sich die Inhalte ausschließlich um eine_n selbst drehen? Zumal es sich hier bei Queergeist ja um einen Gemeinschaftsblog handelt. Eine solche Sichtweise lässt sich bestimmt kritisieren und mir selbst fallen durchaus einige Argumente ein, die dagegen sprechen. Trotzdem ändert es letztlich nichts an meinem Selbstanspruch.

Seit einiger Zeit beschleicht mich immer mehr das Gefühl, dass das, worüber ich schreiben möchte, an und für sich zwar relevant sein könnte, die Relevanz jedoch in keinem Verhältnis zum Kraftaufwand steht, der damit verbunden ist. Ich stelle fest, dass mir irgendwie der Antrieb fehlt. Der Drang, ein bestimmtes Thema näher zu beleuchten, es zu analysieren und zu durchdringen. Stattdessen hat sich Resignation breitgemacht. Und das Seltsame ist, dass sich diese neue Gleichgültigkeit verdammt gut anfühlt. Es ist, als komme ich endlich zur Ruhe, als hätten die Fragen in meinem Kopf über Nacht ihre pochende Dringlichkeit verloren.

Aber nicht nur das Schreibbedürfnis hat nachgelassen. Auch die teils obsessive Beschäftigung mit queeren bzw. heteronormativitätskritischen Inhalten hat irgendwie seinen Reiz verloren. Ich ertappe mich dabei, wie ich auf Titel und Überschriften stoße, deren Inhalte ich vor einiger Zeit noch wie ein Schwamm aufgesaugt hätte, und sie schulterzuckend wegklicke. Die einzige Stimme in meinem Kopf, die ich vernehme, scheint zu sagen: "Es ist halt wie es ist".

Nur wie kam es dazu, dass sich dieses Empfinden so unmerklich verändert hat? Beim Gespräch mit einer mir sehr nahe stehenden Person fügten sich die vielen Einzelteile allmählich zu einem größeren Ganzen zusammen. Lange bevor mein Verstand es auch nur ansatzweise zu erfassen vermocht hätte, hatte ich mich bereits intuitiv dem Input bestimmter Inhalte entzogen. Die permanente Auseinandersetzung mit Heteronormativität, Queerfeindlichkeit sowie Hetero- und Cissexismus kostet mich nicht nur allerhand Zeit, sondern auch enorm viel Kraft.

Als queerer Mensch komme ich praktisch kaum darum herum, mich auch mit den zahlreichen negativen Aspekten des Queerseins zu beschäftigen, doch müssen diese auf irgendeine Art und Weise verarbeitet werden. Sicherlich mag es auch Menschen geben, die all die schlechten und frustrierenden Nachrichten und Geschichten locker wegstecken können, doch scheine ich offenbar nicht dazuzugehören.

Da das schriftliche Fixieren für mich meist stark mit der Verarbeitung solcher Inhalte verbunden war bzw. ist, wundert es nicht, dass das - bewusste oder unbewusste - Meiden von neuem Input auch das Schreibbedürfnis mindert. Anders gesagt, wenn es nichts mehr gibt, was ich durch Aufschreiben verarbeiten möchte, gibt es folglich auch weniger Blogeinträge.

Weshalb ich bei der Aufnahme neuen Inputs ausgerechnet jetzt an meine Grenzen stoße, kann ich nicht wirklich sagen. Vielleicht liegt es an den beruflichen und privaten Veränderungen in meinem Leben, oder allgemein an den politischen Umbrüchen und der sich wandelnden Stimmung in diesem Land. Spürbar ist für mich jedoch, dass ich dünnhäutiger geworden bin und dementsprechend empfindlicher auf bestimmte Inhalte reagiere. Während ich mich vor nicht all zu langer Zeit noch energisch-optimistisch ins argumentative Streitgetümmel warf, bricht sich nun häufig eine Mischung aus Ohnmacht, Pessimismus und Resignation Bahn. Lohnt sich diese oder jene Diskussion wirklich?

Ich schreibe diesen Blogeintrag nicht, um mich zu beklagen oder gar um bemitleidet zu werden. Wie oben erwähnt, geht es mir damit gerade eigentlich recht gut. Ich meide bestimmte Inhalte und respektiere meine eigenen Grenzen. Mein Respekt gilt allen Blogger_innen, die die Kraft besitzen, sich über lange Zeit hinweg - egal ob analytisch, humorvoll oder sonst wie - mit soviel negativem Input auseinanderzusetzen, und statt daran zu zerbrechen, irgendwie daran wachsen. Unsere Welt braucht solche kraftvollen Stimmen heute mehr denn je.

Ich habe lange mit mir gehadert, ob ich diesen Text hier veröffentliche. Kommt das Vermeiden einer Auseinandersetzung mit Heteronormativität, Queerfeindlichkeit etc. nicht einer Kapitulation gleich? Ist es nicht kontraproduktiv gerade jetzt zu schweigen, wo hasserfüllte menschenverachtende Botschaften in der Gesellschaft wieder verstärkt auf breite Resonanz treffen? Und wie passt das mit meinem eigenen politischen Anspruch von Queersein zusammen? Bis heute habe ich darauf keine wirklich zufriedenstellende Antwort gefunden.

Andererseits bin ich jedoch auch der Ansicht, dass Selbstsorge gerade für Menschen entscheidend ist, die sich intensiv mit Machtverhältnissen und sozialer Gerechtigkeit beschäftigen. Wer keine Kraft hat, die_der kann ihre_seine Stimme auch dann nicht mehr erheben, wenn es wichtig wäre. Aus diesem Grund werde ich ich von nun an stärker meine eigenen Grenzen achten und mich solange von bestimmten Inhalten fernhalten, bis ich mich der Auseinandersetzung wieder gewachsen fühle.

Für diesen Blog mag das vielleicht nur eine kurze oder aber eine längere Abwesenheit meinerseits bedeuten. Auf Kommentare antworte ich natürlich auch weiterhin gerne und freue mich nach wie vor über Beiträge von Gastblogger_innen. Allen Leser_innen dieses Blogs danke ich für die Aufmerksamkeit und wünsche euch weiterhin alles Gute.

 

Text von Charlie

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Kommentare: 5
  • #1

    Mieacles (Sonntag, 18 Dezember 2016 22:05)

    lieber charly, ich verfolge nach wie vor deine beiträge und versteh dich nur zu gut.ich seh deinen beitrag auch nicht als klage oder aufgabe.ich finde gut das du auf dich und deine energie achtest.kann nur bestätigen das ich ähnliches hinter mir gelassen habe aus ganz genau diesen gründen die du beschreibst.
    es ist auch keine aufgabe sonder eher ein ankommen bei seinem eigenen ,,so.sein.. und einer gewissen verarbeitung und reifung.
    zumindest ich seh es so.ich danke dir für deine beiträge hier ..
    komm zur ruhe geniesse erstmal was du für dich erreichen konntest .
    Miracles

  • #2

    Charlie (Sonntag, 18 Dezember 2016)

    @Miracles
    Ganz herzlichen Dank für dein Verständnis und deine lieben Worte! Ich würde mich sehr freuen, wenn du auch weiterhin mal hier vorbeischaust. Eventuell wird es noch ein paar andere queere Geister geben, die während meiner Abwesenheit hin und wieder Gastbeiträge verfassen.
    Dir alles Liebe weiterhin und viele Grüße!

  • #3

    Miracles (Montag, 19 Dezember 2016 10:26)

    ich werde ganz bestimmt regelmässig hier vorbeischaun. wünsche ind schönes queeres fest und gutes ankommen im neuen jahr...lach..

  • #4

    Karl (Dienstag, 20 Dezember 2016 10:36)

    Lieber Charlie,
    seit einer ganzen Weile verfolge ich Deine klugen Beiträge, und mich hat die Lektüre immer bereichert. Ich bedaure natürlich, dass es damit vorläufig ein Ende haben wird, kann Deine Begründung aber gut nachempfinden und wünsche Dir alles, alles Gute. Pass bitte weiter gut auf Dich auf.

  • #5

    Charlie (Dienstag, 20 Dezember 2016 12:22)

    @Karl
    Auch dir danke ich ganz herzlich für deinen Zuspruch und dein Verständnis. Ich bin zum Glück von so vielen wunderbaren Menschen umgeben, die mich stets bestärken und unterstützen, so dass es mir nicht schwer fällt auf mich achtzugeben. Wie lange meine Abwesenheit dauern wird, kann ich zwar noch nicht sagen, doch ich hoffe sehr, dass ich irgendwann wieder einen neuen Zugang zum Schreiben finden werde. Vielleicht werden die Inhalte meiner Einträge dann ein wenig anders aussehen, aber ganz aufgeben möchte ich das Bloggen auch in Zukunft nicht. Über neue Kommentare von dir würde ich mich weiterhin sehr freuen. Dir auch alles Gute und vielen Dank für das Lesen meiner Beiträge.

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