Gegen die Selbst-Etikettierung

Weit verbreitet ist die Auffassung, dass es Schwule, Lesben und Heteros „gibt“, und dass man im Laufe des Lebens „herausbekommen“ kann (und sollte!), was man davon „ist“. Vieles spricht dafür, dass diese Auffassung nicht zutrifft und vielleicht das Leben vieler „Schwuler“ und „Lesben“ und „Bisexueller“ eher schwieriger als einfacher macht.

Liebe und Sexualität sind unendlich bedeutende und bewegende Lebensthemen. Die daraus herrührende Beunruhigung ist immens, die Ängste sind maßlos, und die Enttäuschungen, Verletzungen und Kränkungen der Liebe können ein ganzes Leben aus der Bahn bringen. Und alle wissen, dass das Glück der Liebe und der Sexualität das größte Glück ist. Aber immer auch gefährdet. Denn die Macht, vor allem auch die Macht der Religionen, will und kann den Menschen ihr Glück nicht gönnen. Um sie besser beherrschen zu können, wird sie die Menschen voneinander trennen oder ihre Verbindungen zumindest regulieren. Sie will ihnen insbesondere das sexuelle Solidarisierungs- und Verwandlungspotenzial austreiben, normieren, zurechtstutzen und klein halten. Deshalb gibt es in diesem Lebensbereich rigide Normen, harte Verbote und Vorschriften. Das Verbot und die Ächtung der Homosexualität spielt eine herausragende Rolle.

Diejenigen, die das Verbot der Homosexualität übertreten, werden bestraft und mit Zurschaustellung von Ekel auch noch verächtlich gemacht. Mit anderen Verbots-Übertreter*innen, Dieb*innen z.B., macht man letzteres nicht. Man bestraft sie nur. Die Verächtlichmachung macht aus dem Sünder einen Andersartigen, einen der nicht dazu gehört. Männer, die Sex mit Männern haben, als „schwul“ zu bezeichnen, ist Ausdruck des Ekels – nicht kühl-sachliche Kennzeichnung sondern schaudernd-ablehnende Einfühlung.

Die geniale Wendung der Schwulenbewegung der 1970er Jahre war die Formulierung „schwul ist schön“, auf Flugblättern gedruckt und auf Hausmauern gepinselt. Das Stigma-Management war: ja, wir sind so wie ihr uns nennt, und „das ist auch gut so.“ Die homosexuell liebenden Männer kamen ihren Gegnern zuvor, nannten sich selbst „schwul“ und machten dieses Abscheu, Verachtung und Ekel ausdrückende Wort zu ihrer Selbstbeschreibung.

Aus der Stigmatisierung und Ausgrenzung wurden ein Bekenntnis und eine Selbst-Etikettierung. Was die Normalen und Homo-Gegner einerseits irritierte, weil ihnen ihre Beute, die Sünder, die sie eigentlich in ihren Verstecken aufspüren und jagen wollten, mutig und offen entgegentraten. Was den Normalen aber auch Genugtuung bereitete. Denn die sexuell Abweichenden gestanden ihre Verfehlungen; und eingestandene Sünde ist halb verziehen. Und die Geständnisse beruhigten die Normalen: die sexuell Abweichenden erklärten sich mit ihren Bekenntnissen, schwul zu sein, zu einer anderen Art Mensch. Mit ihrer Selbst-Etikettierung bauen sie eine Barriere auf, die die Normalen als nicht dazugehörig von ihnen abtrennt. Sie vollzogen eine Selbstausgrenzung aus der Welt der Normalen und entlasteten die Normalen davon, die homosexuelle Abweichung als eine Möglichkeit aufzufassen, die auch ihnen, den „Heteros“, offenstehen könnte.

So wird die Ausgrenzung der Abweichenden zu einer Selbstausgrenzung – „gays only“. Neue Dazugehörigkeits-Normen bilden sich heraus. Wer nicht „zur Familie gehört“, ist nicht willkommen. Das bunte Treiben in den Subkulturen ist gleichzeitig hemmungslos und harmlos, denn es verzichtet darauf, die Hetero-Norm anzugreifen. Die Normalen stehen am Rande, betrachten den CSD wie einen Zoo und fragen „uns“ beim Bier freundlich aber unberührt, wie es „euch“ so geht, was „ihr“ so macht. Schwule und Lesben haben jeweils ihre Reservate, in denen sie anerkannt sind und von wo aus sie das Leben der Heteronormalen nicht weiter stören. Die Sortierung der Menschen in hetero, schwul und lesbisch (und die weiteren Schubladen der LGBT-Buchstabenkette) ist eine Normierung. Die beunruhigenden sexuellen und geschlechtlichen Abweichungen werden – im Wortsinne – „festgestellt“ und ordentlich aufgeräumt.

Die Identitätskategorie entschärft die Auseinandersetzung um die Hetero-Norm. Wer der Meinung ist, schwul zu „sein“, verkrümelt sich in sein Ghetto und sieht keinen Grund mehr, die Hetero-Norm zu kritisieren. Die Wirksamkeit der übermächtigen Norm verletzt und deformiert so gerade diejenigen, die klein beigeben, um endlich ihre Ruhe zu haben. Insofern ist die Identifikation als schwul oder als lesbisch beides: eine Errungenschaft, die Freiräume erst ermöglicht, und eine Einengung, die Freiräume einschränkt, indem sie stigmatisiert und einordnet und neu normiert.

Nun ist unstrittig, dass Menschen in ihren sexuellen Orientierungen sehr verschieden sind, dass sexuelle Orientierungen sehr früh entstehen und sich kaum wandeln. Die Frage ist nur, warum ausgerechnet hinsichtlich der sexuellen Orientierungen das Bedürfnis so stark ist, daraus eine Seinskategorie, z.B. ein „Schwulsein“ zu machen. Ein Coming out als „musikalisch“ oder als „technisch begabt“ macht aus den Musikalischen oder den technisch Begabten keine andere Art Mensch. Und wer sich als atheistisch outet, bekommt möglicherweise ernsthaft Ärger mit den Religiösen. Aber niemand würde ein zugrunde liegendes „Atheistisch-Sein“ als Erklärung für das Denken und Fühlen einer Person verstehen wollen, z.B. für klares und stringentes Argumentieren, oder für mitleidvolles und solidarisches Fühlen. Ganz anders mit einem „Schwulsein“. Hier ist plötzlich alles klar: Deshalb hast du als Kind so gern mit Puppen gespielt, deshalb kannst du einen Ball nicht richtig werfen sondern nur so tuntig, deshalb hast du mich früher immer so komisch angekuckt. Weil du schwul „bist“.

Die binäre Schablone homo oder hetero ist ein Rückschritt gegenüber dem Kinsey-Report der späten 1940er Jahre. Auf der Kinsey-Skala ist es immerhin noch möglich, sich graduell als 70 Prozent hetero oder als 80 Prozent homo zu begreifen. Oder als 50:50 bisexuell. Wer dagegen heute von seinem bisexuellen Leben erzählt, muss damit rechnen, dass manche Gesprächspartner*innen sich darüber Gedanken machen, was er oder sie denn „in Wirklichkeit“ ist: homo oder hetero? Aber auch die Kinsey-Skala hat nur eine Dimension: 100 Prozent homo, 100 Prozent hetero und alle Prozentwerte dazwischen. Reale sexuelle Identitäten sind viel komplexer. Sexuelle Attraktion ebenso wie eigene geschlechtliche Identität sind nicht fest und vorgegeben, sondern offen, gesellschaftlich bedingt, oft überhaupt nicht scharf abgrenzbar oder sortierbar. Es geht um unendlich viele Phantasien, Fetische und Empfindlichkeiten, um die allerzarteste Einfühlung, um Verdrängtes ohne Ende, um Überwältigung und Unterwerfung, um Schaulust und Zeigelust. Die Schubladen der LGBT-Buchstabenkette sind hier unterkomplex. Meine Identität erfahre und erlebe ich in Beziehungen, Freundschaften, Affären, Abenteuern, in Selbsterfahrungsgruppen, in manchen Therapien. Oder mit der Lektüre von Literatur und beim Tagebuch-Schreiben.

Durch die Etikettierung ist nichts gewonnen. Die Liebe wird dadurch nicht intensiver, die Freundschaft nicht verlässlicher. Es gibt Hinweise, dass die Selbstetikettierungs-Nötigung ein experimentierfreudiges und insofern erfülltes Leben eher behindert. Dass möglicherweise die Behelligung mit der Identitäts-Schablone junge Leute davon abhält, norm-abweichende Erfahrungen zu machen. Umfragen deuten darauf hin, dass heute weniger Jugendliche homosexuelle Erfahrungen machen als noch in den 1970er Jahren. Aber war die Selbst-Etikettierung nicht zumindest eine erfolgreiche List, um gesellschaftliche Anerkennung zu erlangen? Nur bedingt. Ein So-Sein bedeutet keineswegs automatisch, dass man das, was man ist, dann auch tun darf: Pädophile dürfen es nicht (aus guten Gründen). Und manche Mütter sagen zu ihren schwulen Söhnen (mit schlechten Gründen): schlimm genug, dass du so bist. Aber deshalb musst es du doch noch lange nicht tun. Lass es einfach! Das Anders-Sein ist kein Schutz dagegen, das andere Tun verboten zu bekommen, kein Schutz dagegen, von einer intoleranten Gesellschaft wieder bedroht zu werden.

Die Identität als schwul oder lesbisch ist also nur eine Konstruktion, und noch nicht mal eine besonders nützliche. Aber wird mit dieser Behauptung, mit der Darlegung, dass es sie „in Wirklichkeit“ gar nicht „gibt“, den Schwulen und Lesben nicht der Boden unter den Füßen weggezogen? Dass sie einfach nur Menschen sind, wie die anderen auch? Ist nicht der Verzicht auf ein stolzes Schwul-Sein ein klägliches Nachgeben gegenüber der übermächtigen Hetero-Norm? Wäre es den Heteros nicht gerade recht, wenn die Schwulen auf ihr Anders-Sein verzichteten? Wäre eine Welt ohne selbstbewusste Schwule nicht ein Sieg der Norm-Heteros?

Nein, im Gegenteil. Eine Welt, strotzend voll mit Kennenlern-Möglichkeiten, aber ohne die Selbstetikettierungsnötigung wird eine freiere Welt sein. Im Übrigen bleibt die Notwendigkeit, mit dem eigenen Leben die Hetero-Norm mutig in Frage zu stellen, es bleibt die Notwendigkeit für Coming-Outs, es bleibt die Notwendigkeit, mit einem nicht-normgerechten Leben sichtbar, spürbar, erkennbar für Irritation zu sorgen. Vielleicht kann mit dem Begriff queer das neue Universum an Abweichungen und Wandlungen und Erkenntnissen am besten bezeichnet werden. Falsch wäre es wiederum, die Menschen als „queer“ zu bezeichnen; dies wäre nur ein neues Etikett. Queerness ist keine neue Identität, sondern stellt das Gefüge der Identitätsschablonen als Ganzes in Frage. Der Feminismus konnte Männer verunsichern und manchmal aus ihren patriarchalen Gefängnissen befreien. Ähnlich kann Queerness die selbstgerechte Sicherheit der Hetero-Genormten nachhaltig irritieren. Sie werden dauerhaft mit der Beunruhigung leben müssen, vielleicht mehr tun und fühlen und erleben zu können, als ihnen ihre Norm vorschreibt. Neue Perspektiven, geöffnete Fenster, geöffnete Türen. Es geht nicht um neue, passendere Schubladen, die ebenso normieren und ausgrenzen wie die alten, es geht um Freiheit.

 

Text von Robert

Robert ist seit vielen Jahren ein Aktivist für das bedingungslose Grundeinkommen. Anlässlich der 500 Jahre der Thesen von Martin Luther wird er Thesen gegen die Religion der Arbeit verfassen. Er sieht es als seine Aufgabe, möglichst intelligent für universelle Freiheitsrechte einzutreten und gegen aktuelle autoritäre Trends vorzugehen. Hier sein Blogpost zum Thema 'queere Identitäten'.

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Kommentare: 2
  • #1

    Miracles (Montag, 23 Januar 2017)

    danke für den beitrag.wollte nur hierlassen das er gelesen wurde.ich finde es schön das es wieder einen beitrag gab.

  • #2

    Lars (Sonntag, 26 Februar 2017 23:49)

    Wow! Ein großartiger Artikel.

    Was das große Versprechen der Freiheit bestrifft, bin ich skeptisch. Sowohl die Geborgenheit in einer Norm als auch das frei sein von ihr hat ihre Unsicherheit oder Beunruhigung. Geborgenheit in einer Norm kann die eigenen Möglichkeiten beengen, zurechtstutzen, die Freiheit auf dem Meer der Möglicheiten kann seekrank oder einsam machen. Es wäre viel gewinnen, wenn sich die Menschen ihre gegenseitige Unsicherheit zugestehen würden. Sie sich weniger fremd einander gegenüber fühlen, sondern verwandt: In ihren - je unterschiedlichen - Leiden und Freuden.

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