'Metamorphose der Empfindungen' oder 'Die wundersame Verwandlung eines Großstädters', Teil I

Prolog

Metamorphose! – Welch Zauber, welch Fantasie und nicht vollständig begreifbare Poesie sich in diesem Worte doch offenbaren! Beschreibt es doch so treffend die Aneinanderreihung von mehr oder weniger glücklichen Lebenssituationen, in die die menschliche Natur – selbst- oder unverschuldet – im Laufe ihres Lebens gerät, die es ihr dann erlauben, sich körperlich und vor allem geistig zu entwickeln und zu reifen. Gestalt und Erscheinung eines Individuums ändern sich, ebenso wie Gefühle, Empfindungen und Einstellung zu sich selbst und seiner Umwelt, in der es sich befindet und wird sehr häufig schwächer oder auch stärker vom dem jeweiligen Lebensalter bestimmt.

Im Tierreich werden aus unansehnlichen, grauen oder grünen, nimmersatten Raupen wundervolle und farbige Falter, aus einem hässlichen Entlein wird plötzlich unerwartet ein wunderschöner weißer Schwan und aus niedlichen, unbeschwerten Kindern werden teilweise hässliche, bösartige und unzufriedene Erwachsene.

Die Mythen, Legenden und Märchen berichten uns von Metamorphosen um der Liebe Willen. So lässt sich die Nymphe Daphne, um dem Liebeswerben und den Nachstellungen des Gottes Apollon zu entgehen, in einen Baum verwandeln. Die Nymphe Galathea hingegen, erhält ihren vom Zyklopen Polyphemus in rasender Eifersucht erschlagenen Geliebten Acis, in Form einer ewigsingenden Quelle vom Gott Neptun zurück. Dem Gott Pan bleibt von seiner Geliebten Syrinx nur das Holz, aus welchem er seine Flöte anfertigt und dem Gott Apollon bleibt sein ihm gemordeter und somit entrissener Geliebter Hyazinthus als wunderschöne Blume in ewiger Erinnerung.

Im Märchen erlangt man durch die Macht eines Zauberwortes und dessen Nutzung die Fähigkeit sich in jedes Tier zu verwandeln und dessen Sprache zu verstehen. Was sich zunächst verhängnisvoll, dann aber als glückliche Fügung des Schicksals entpuppt, da man nur in dieser Verwandlung, aus der man längere Zeit aus Unachtsamkeit nicht entrinnen kann, den geliebten, ersehnten Menschen, das passende, vollkommenste Gegenstück für sich selbst findet, welches der andere ebenso empfindet und erwidert; und im nächsten Augenblick gemeinsam entzaubert, beide vollkommenes, ewiges Glück finden.

Wenn unsere Sinne und Gefühle, die den Menschen und das wirkliche Leben ausmachen noch nicht völlig abgetötet sind, wird das Erleben einer Metamorphose auch in der heutigen hektischen Welt, in welcher die Liebe zur Technik, des Theoretischen und Absurden übermächtig geworden sind, in der sich der Untergang einer Epoche, die Agonie von Kultur und erstrebenswerten Idealen abzeichnet, durchaus möglich.

Wenden wir uns deshalb nun der Schilderung der folgenden Ereignisse zu, und richten wir unser Augenmerk auf eine der vielen Personen in einer dieser riesigen, kalten, grauen und unpersönlichen, durch seelenlose Glasbauten verschandelten Großstädte, in welchen der tägliche Überlebenskampf, die Hektik, die Angst den Arbeitsplatz zu verlieren, übersteigerter Egoismus, Vereinzelung, Treulosigkeit und Beziehungsunfähigkeit und wachsende soziale Ungerechtigkeit vorherrschend sind.

Erster Teil

Es war Z an diesem Tage sehr schwergefallen aufzustehen, denn er hatte nicht lange genug Schlaf genossen. Spät war Z in der Nacht nach Hause gekommen, hatte den vorigen Abend und die Nacht mit anderen Menschen beim Bier und oberflächlichen Gesprächen vergeudet und sich wie stets in seinem kurzen Leben innerlich leer, unverstanden und unbeschreiblich schrecklich einsam gefühlt. So nahm Z unausgeschlafen und missmutig sein Standardfrühstück zu sich, was aus viel Kaffee und Marmeladenbroten bestand und verließ, nachdem er sich gewaschen und angezogen hatte, seine ihm verhasste Wohnung in einer dieser seelenlosen, tristen und anonymen Vorstadtsiedlungen.

Z war übelgelaunt, in sich gekehrt, lebte in seiner eigenen Welt, in die er sich zurückgezogen hatte und war aus diesem Grunde für die Außenwelt unerreichbar, lief eine gute Wegstrecke zur nächsten Stadtbahn und dachte über seine Situation, seine Lebensperspektiven nach und, dass er am heutigen Abend mit seinen ehemaligen Arbeitskollegen in einem Restaurant zum Essen verabredet war, wozu er plötzlich eigentlich gar keine Lust hatte, obwohl er sich die Tage zuvor sehr darauf gefreut hatte. Deshalb überlegte und erwägte er nun, einfach nicht hinzugehen.

Tief in Gedanken versunken wurde Z plötzlich von einem jungen Mann nach dem Weg gefragt. Z erteilte die Auskunft in der ihm eigenen Art und Gründlichkeit. Diese Begegnung hatte einen durchaus positiven Einfluss auf sein Seelenleben, da sich dadurch seine Stimmung etwas aufhellte, und es kam ihm in den Sinn und zum vollen Bewusstsein, dass es das erste Mal seit sehr langer Zeit gewesen war, dass er von einer fremden Person angesprochen worden war.

Er erreichte nun die Bahn und fuhr die gewohnte Strecke in die Innenstadt. Das Szenarium wechselte beständig: Nervöse Frauen mit unangenehmen Stimmen, Tölen gleich; betrunkene Männer, Affen gleich; unerzogene Kinder, die sich gleich Borstentieren am Boden wälzten oder sich auf den Sitzen schubberten, ein kläffender Hund, dessen Blase versagte. Menschliche Wesen, die sich förmlich in ihren Büchern und Zeitungen, ihren elektronischen Nachrichten verkrochen und die Vielfalt der Klingeltöne, die die Angerufenen dazu veranlassten, sich ein oder zwei Bahnstationen den wichtigsten Gesprächsthemen zu widmen.

Im vorderen Abteilbereich erklärte ein älterer, dicker und furchtbar schmierig und unsauber wirkender Mann seinem Gesprächspartner, dass der Zug nun in den Tunnel fahre – und damit war die Verbindung unterbrochen. Während dieser unter unsäglichen Mühen versuchte die Verbindung wiederherzustellen, hörte man eine aggressive und keifende Sopranstimme, die ihren Gesprächspartner, gleich einem Peilsender durch einen Supermarkt leitete und Anweisungen erteilte, was dieser noch einzukaufen habe.

Auch normales, durchschnittliches Publikum war in dem Bahnabteil anzutreffen, welches sich russischer, polnischer, türkischer, englischer, arabischer, bayrischer, schwäbischer und extraordinärer berlinerischer Mundart bediente. Im Bahnabteil vermischte sich der Geruch von vergossenem und verdautem Alkohol mit kaltem, abgestandenem Zigarettenrauch, vermischt mit dem ungewaschener Personen und dem aufdringlichen Gestank von Zwiebeln, Knoblauch, Erbrochenem und von altem verdorbenem Fett einer der vielen schlechten Imbissbuden der Stadt.

Am Bestimmungsbahnhof angekommen stieg Z aus, glücklich darüber der Vielfalt der Handygespräche , ihrer wichtigen Besitzer, und dieser spontanen Irrenhausatmosphäre entronnen zu sein. Er ließ sich in einer riesigen Traube von Menschen und Massen durch den Bahnhof schieben. Als er endlich den Ausgang erreichte und auf die Straße trat, bot sich ihm dasselbe Bild des realen Wahnsinns, wie zuvor im Bahnhof: Überall Menschen ohne Beziehung zueinander, die mehr oder weniger aggressiv aneinander vorbei rannten, zusammenstießen oder anderen ständig im Weg standen, allen voran die weiblichen Vertreter der Spezies Mensch, aber auch ihre männlichen Vertreter verhielten sich nicht gerade viel besser.

Er setzte seinen Weg fort bis er sein Ziel, den Ort der Erlösung, der ihn von seiner depressiven Stimmung heilen sollte, erreicht hatte: DAS ERLEBNISKAUFHAUS – Ein überdimensionaler Konsumtempel, in dem es alles gibt, was der moderne, kranke, sich ständig leer und unzufrieden fühlende Mensch braucht, um glücklich zu sein.

Ein Mal jede Woche war hier die Zeit des Opfers, und so brachte man das in der Woche mühsam verdiente Geld zum Altar, einer modernen, vollautomatischen Computerkasse mit Laserscanner und erhielt im Gegenzug die milden und seligmachenden Gaben und Anbetungsgegenstände, die der Hohepriester, der Eigentümer des Kaufhauses, gnädiger- und freundlicherweise für einen jeden bereithält, natürlich ganz ohne einen egoistischen Selbstzweck.

Besonders gegen Ende eines jeden Jahres ist dort eine innige, feierliche Stimmung, wie bei der Feier der Heiligen Messe, nur dass man an den Dingen, die hier selbstlos ausgeteilt werden, länger Freude haben kann als an Wein und Oblaten. Erfreulich, erbaulich und trostspendend sind auch die friedliche, besinnliche Stimmung und die Herzenswärme, die jeder Kunde und jeder Verkäufer an diesem Orte ausstrahlt, die von echtem Seelenfrieden kündet.

Eiligen Schrittes, gleichsam einem jagenden Panther, einem völlig auf Beute aus seienden Raubtier gleich, begab sich Z in die CD-Abteilung, um sich die Medizin oder gar Droge auszusuchen, die ihm neuen Lebensmut verleihen sollte. Am Eingang zu dieser “Abteilung der Glückseligkeit“ nahm er eine riesige Reklametafel mit den in Rot und kursiv gedruckten Worten “Musik ist Balsam für die Seele“ wahr.

Seit seiner frühesten Jugend war er ein Jünger des Konsums, von frühester Kindheit ein treuer und innig frommer Glaubender. Ja, er glaubte der Verheißung der Geschäfts- und Medienwelt, inbrünstig und fanatisch: “Wenn Du kaufst, wirst Du glücklich, jetzt und immerdar und von Ewigkeit zu Ewigkeit – Amen!“

Sein geschultes und geübtes Auge erspähte das richtige CD-Regal. Seine Wahl fiel auf zwei Symphonien des Komponisten Dmitrij Schostakowitsch, die 7. Symphonie op.60 in C, die sogenannte “Leningrader Symphonie“, die den Überfall und die Belagerung der Stadt durch die deutsche Wehrmacht musikalisch im Bolero-Rhythmus und mit Bombenalarmsirenen beschreibt, und die 11. Symphonie op.103 in g-moll mit dem Titel “Das Jahr 1905“, die die Revolution von 1905 beschreibt und deren Schluss-Satz bezeichnenderweise die Überschrift “Sturmgeläut“ trägt.

Nachdem er sich bis zur Kasse durchgekämpft und die Legitimation zum Verlassen des Geschäftes, den Kassenbon, erhalten hatte, fuhr er eilends wieder nach Hause, um sich dem Rausche der Musik hinzugeben. Die Musik bewegte, rührte, überwältigte ihn, wühlte ihn auf, aber seine Stimmung erhellte sich nicht. Im Gegenteil, er überlegte nochmals, ernsthaft, ob er dem geplanten abendlichen Treffen beiwohnen sollte, ob er sich nochmals auf einem anderen Weg, mit einem anderen Verkehrsmittel in die Metropole begeben sollte.

“Vielleicht bringt mir der Abend gar nichts“, dachte er, “und wenn es wieder sehr spät wird…“ So rang er mit sich und eine Stunde vor der verabredeten Zeit beschloss er doch zu gehen, machte sich frisch, begab sich zur Bushaltestelle und fuhr zur nächsten U-Bahn, die ihn an sein Ziel brachte. Während der Zugfahrt hörte er über seinen alten Walkman, das auf eine Kassette überspielte “Sturmgeläut“ der 11. Symphonie von Dmitrij Schostakowitsch, und während er der Musik lauschte und die stummen Bewegungen, der ihm begegnenden Menschen und die Hektik auf den einzelnen Bahnstationen dabei wahrnahm, wurde Z der Irrsinn, der ihn umgebenden Welt, und die perverse Lebenssituation des modernen Menschen völlig bewusst, wie nie zuvor in seinem kurzen Leben.

Das Restaurant war schnell erreicht, und als er es zur verabredeten Zeit betrat, war erst eine Person anwesend. Z freute sich, da es sich um eine ältere ehemalige Kollegin handelte, die er nunmehr über sieben Jahre nicht mehr gesehen und gesprochen hatte. Man kam schnell ins Gespräch, und in der nächsten Viertelstunde trafen auch alle anderen am vereinbarten Orte ein und setzten sich an den reservierten Tisch. Z freute sich die nacheinander eintreffenden Personen zu begrüßen und die ernstgemeinten Höflichkeiten auszutauschen.

Wie bei allen vorigen Treffen, war aber zunächst auch diesmal die alte Arbeitsstelle und der frühere psychopathische Arbeitgeber von Z das allbeherrschende Thema, und er dachte, dass dies auch so bleiben werde, was ihn auch nicht gestört hätte, da er an oberflächliche Gespräche gewöhnt war. Aber es sollte anders kommen; etwas, mit dem Z niemals gerechnet hatte, und was ihm deutlich machte, wie wichtig es sein kann, sich aufzuraffen, um mit anderen zusammenzukommen, auch wenn es scheint, dass einem das Bedürfnis dazu völlig fehlt. Es war eine Schicksalsfügung, die seinem Leben eine neue Wendung geben sollte.

Zweiter Teil hier

 

Erklärungen:

Die Erzählung enthält eine Reihe von Anspielungen aus der griechisch-römischen Mythologie, Ovids Metamorphosen, den Märchen von Hans Christian Andersen und von Wilhelm Hauff. Darüber hinaus werden Kompositionstechniken der Alten Musik auf die Sprache übertragen.

(1) Abhandlung über die auf ihre natürlichen Prinzipien zurückgeführte Harmonik

 

Text von Achim

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